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carp.de | Berichte
Ausgabe 133 | 16. Februar 2010
ERLEBNISBERICHTE

Mahseer! - Teil I
Von Dirk Buran / Mai 2007

 

Den meisten älteren Karpfenanglern wird die Spezies Mahseer nicht unbekannt sein. Zu Zeiten, wo es noch keine spezialisierten Magazine für den begeisterten Karpfenfan gegeben hat, war die Lektüre von Blinker, Fisch & Fang und anderen Angelzeitschriften noch Pflicht. Hier konnte man zumindest hin und wieder spärliche Informationen über das moderne Karpfenangeln und die damals neuartigen Wunderköder, die heute so alltäglichen Boilies, erhaschen!

Ein kapitaler Mahseer

Die meisten dieser ersten Artikel kamen damals von englischen Anglern und einige dieser exzellenten Fischer hatten sich nicht nur den Karpfen verschrieben. John Bailey beispielsweise war auch zu diesen Zeiten schon als angelnder Weltenbummler bekannt und selbst wenn seine Artikel nicht ausschließlich nur dem geliebten Karpfen gewidmet waren, so wurde doch jeder von mir mit Begierde verschlungen. Aus seiner Feder stammte dann auch ein Artikel über das Mahseer-Fischen in Indien, ein Angelbericht, der mich damals fasziniert hat und durch den die indische Riesenbarbe für mich sogar zu einem Objekt wilder Angelträume wurde. Leider waren es nur Träume und Indien damals zu fern, zu unerreichbar als dass ich mich weiter mit dieser Fischart auseinander gesetzt habe. Der genannte Artikel wird mit Sicherheit auch auf andere Angler eine ähnliche Wirkung gehabt haben, aber auch ihnen wird es wohl kaum gelungen sein, sich diesem Fisch bewaffnet mit Rute und Rolle zu nähern...

Wie der Zufall es dann aber so will war Indien irgendwann gar nicht mehr so fern und eine erste Reise in dieses fremdartige, faszinierende und oft auch schockierende Land stand an. Meine erste Reise nach Indien führte mich nach Bombay, ein gigantischer Moloch von Stadt, so groß, so bevölkert, aber auch immer noch so weit entfernt von der eigentlichen Heimat des gigantischen Mahseers! Aber immerhin, diese erste Reise hat mich dem Traumfisch doch zumindest schon einmal um etliche hundert Kilometer näher gebracht als je zuvor und der alte Traum schien auf einmal gar nicht mehr so unrealistisch. Ende Oktober 2004 stand dann die nächste Reise nach Indien an und auch diesmal führte es wieder nach Bombay. Allerdings sollte Bombay auf dieser Reise nicht die einzigste Station sein!

Auch ein kurzer 3 Tage Trip zum Fluß Cauvery, der Heimat vieler starker Mahseer, war geplant. Das sich dies Einrichten ließ war an sich schon großartig, aber natürlich wollte ich den Trip zum Cauvery nicht nur zu naturkundlichen Beobachtungen nutzen (wobei man dort wirklich mit einer für uns Mitteleuropäer einzigartigen Natur konfrontiert wird), nein natürlich wollte ich mit Rute und Rolle meine alten Träume ausleben und auch zumindest einen Mahseer fangen. Für dieses Unterfangen habe ich versucht, mich zumindest theoretisch bestmöglich vorzubereiten und neben dem Studieren der verstaubten Berichte wurde das Internet fleißig durchstöbert. Außerdem ist meine Angelbücher-Sammlung nach sämtlichen Kapiteln über den Fang der indischen Giganten durchforstet worden. Das ganze Literatur-Studium hat mir dazu verholfen, mein altes Grundwissen aufzufrischen, aber hiernach war auch klar, dass es durchaus kein einfaches Unternehmen werden würde, bei dem der Erfolg vorprogrammiert ist. So, nun aber ans Eingemachte!

Die Reise von Bombay zum Cauvery war für sich alleine schon ein Erlebnis, wobei der Flug hierbei noch das Unspektakulärste ist. Indische Fluggesellschaften bieten einen hervorragenden Standard, so dass sich niemand hiervor fürchten muss. Die Fahrt vom Flughafen in Bangalore zur Cauvery Strecke bei Bahmeswary ermöglichte dann aber eine Vielzahl interessanter Einblicke in den indischen Alltag und die hatten es echt in sich. Auf der gut dreistündigen Hinfahrt wurde man nur so bombardiert mit neuen Eindrücken. Die Entfernung vom Flughafen bis zum Cauvery beträgt eigentlich nur knapp 130 km, aber bedingt durch das hohe Verkehrsaufkommen und die schlechten Straßen (bis hin zum Jungle-Lehmpfad) ist diese Strecke kaum in weniger als drei Stunden Fahrtzeit zu bewältigen! Egal ob nun drei oder vier Stunden Fahrtzeit, langweilig ist mir persönlich und auch meiner Frau Eva, die auf dieser Reise mit von der Partie war, nie geworden.

Bedingt durch die geringe Fahrtgeschwindigkeit kann man sehr genau beobachten und entdeckt erstaunlichen Reichtum und unvorstellbare Armut unmittelbar nebeneinander. Man sieht hochmoderne Technik und Architektur im Kontrast zu primitiven Handwerk und simplen Hütten, erkennt kulturelle und religiöse Orte, verdreckte, von Umweltverschmutzung geplagte Gegenden und als Gegensatz hierzu unglaublich einsame Landstriche mit völlig intakter Natur und Wildnis. Trotz all dieser Erlebnisse waren wir natürlich auch während der Fahrt schon sehr gespannt auf den Fluss und das Cauvery Jungle Camp, in dem wir während der nächsten drei Tage untergebracht sein würden. Leider konnten wir bei der Ankunft die ganze Situation nicht so genießen, wie wir es uns gewünscht hatten, war doch bereits die Dunkelheit eingebrochen. Der freundliche Empfang, die gute Unterkunft, das hervorragende indische Abendessen und auch einige Drinks steigerten an diesem Abend aber die Vorfreude aufs baldige Angeln ins Unermessliche.

 

Die Nacht war kurz, da wir am nächsten Morgen bereits um 6.00 Uhr von Campbediensteten freundlich mit einer Tasse Tee geweckt wurden. Unser Guide, der uns die nächsten Tage begleiten sollte, ließ dann auch nicht lange auf sich warten und schon bald gingen wir die wenigen Schritte zum Fluss. Begeistert von der Schönheit der Natur und des Gewässers machten wir uns mit dem Coracle auf den Weg zur ersten Angelstelle. Ein Coracle ist übrigens ein rundes Boot aus Bambusgeflecht, welches mit einer geteerten Plane abgedichtet wird. Unser erster Angelplatz befand sich auf einer kleiner Insel mit schönem Sandstrand inmitten des Flusses. Alles sah sehr vielversprechend aus und die Stelle, die der Guide für uns ausgesucht hatte, erschien mir geradezu prädestiniert für einen Biss. Wir fischten in einem tiefen Pool mit knapp 17m Tiefe und in unmittelbarer Nähe hierzu befanden sich reißende Stromschnellen, so dass die wesentlichen Voraussetzungen für eine gute Mahseer Angelstelle erfüllt waren - nämlich tiefes, stark strömendes Wasser mit reichlich Sauerstoff!

Nach einem kritischen Abchecken der Umgebung, es sollte auf dieser Insel wilde Krokodile geben, begannen wir mit dem Beködern der Ruten mit Ragi, dem wohl gebräuchlichsten Köder zum Fang von Mahseer. Ragi ist ein gekochter Teig aus gemahlener Hirse und diversen Gewürzen. Durch den uns Karpfenanglern nicht unbekannten Kochprozess wird dieser Teig extrem zäh und bleibt auch in der harten Strömung lange am Haken bestehen. Die Ködergröße - bis zu faustgroße Teigballen - ist schon gigantisch und macht klar, dass man beim Mahseerangeln auf’s Ganze geht. Das von uns verwendete Tackle bestand aus einer 3m langen Wallerrute bestückt mit einer Daiwa Infinity Baitrunner (gefüllt mit 0.50mm Dyneema) und einer ähnlich langen und starken Glasfaserrute aus dem Bestand des Camps. Diese war mit einer Abu Multi und ca. 0,60-0,70mm Monofilschnur bestückt. Also alles in allem gewaltig starkes Gerät! Die verwendete Montage war denkbar einfach: Der extrem dickdrahtige Einzelhaken (Größe 3/0 bis 6/0) wird direkt an die Hauptschnur geknotet und ca. 50 cm oberhalb wird ein etwa 60-80g schweres Bleidraht-Gewicht spiralförmig auf die Schnur geklemmt! Kompliziertere Montagen machen in diesem Gewässer wenig Sinn. Bedingt durch das mit Steinen, Felsen und Muscheln bedeckte Gewässerbett bietet das flexible Bleigewicht bei einem Hänger die besten Chancen diesen auch wieder Lösen zu können und beim Drill besteht durch den einen einzelnen Hakenknoten auch nur eine wirkliche Schwachstelle.

Die Ruten waren nach dem Beködern schnell ausgebracht und das Warten begann. Auf einem Höckerchen sitzend, die Beine im angenehm warmen Wasser baumelnd harrten wir zunächst der Dinge, die hoffentlich bald in Form eines gewaltigen Bisses eintreten sollten. Der Guide hatte uns beigebracht, dass bei einem richtigen Mahseer-Biss die Schnur nur so von der Rolle fliegen würde und das kleinere Zupfer entweder auf Baby-Mahseer oder andere Arten zurückzuführen sind. Na ja, an diesem ersten Vormittag hatten wir wohl etliche Zupfer, aber der erhoffte Brachialbiss blieb aus! Langweilig ist es trotzdem nie gewesen, gibt es am Cauvery doch ständig etwas zu beobachten. Die Vogelfauna ist hochinteressant und es bereitet auch große Laune, den sich am Ufer balgenden Affen zuzuschauen. Da man sich richtig im Dschungel befindet, können auch noch interessantere Beobachtungen möglich sein, wilde Elefanten, Leoparden, Schlangen und die schon genannten Krokos sind jederzeit möglich. Der erste Vormittag verging so dann auch ohne Biss wie im Fluge und als es dann am späten Vormittag anfing sehr heiß zu werden ging es zurück zum Camp. Dort sorgte ein verspätetes Frühstück und eine Flasche eiskaltes Kingfisher Bier dafür, dass unsere Lebensgeister wieder geweckt wurden.

Normalerweise wird die Mittagzeit zu einem weiteren Essen und einem kleinen Nickerchen genutzt bevor der Guide dann nachmittags wieder eintrifft und die zweite Angelperiode beginnt. Da für uns mit den geplanten drei Tagen die Angelzeit ja sehr begrenzt war, versuchten wir auch in der Mittagsglut auf eigene Faust vom Campufer aus zum Erfolg zu kommen. Ausreichend Ragi hatten wir schon vorher von unserem hilfsbereiten Guide erhalten und schon bald waren die Köder wieder ausgelegt. Eine Reihe von Zupfern erregte meine Aufmerksamkeit und als dann plötzlich Schnur von der Rolle gezogen wurde glaubte ich an meine erste Chance und setzte einen kräftigen Anhieb. Der Anhieb saß, aber die geringe Gegenwehr ließ mich meinen Traum vom ersten Mahseer schnell ad acta legen. Verantwortlich für den Biss war ein kleinerer Wels, der auch als Köderfisch für Mahseer nicht zu verachten gewesen wäre.

Der Wels hat Glück gehabt und durfte schon bald wieder im Cauvery schwimmen. Nur wenig später kam es dann zum nächsten Biss und dieser war schon rasanter. Der zügige Biss wurde wieder mit einem kräftigen Anschlag quittiert und diesmal hing etwas ganz anderes am Ende der Schnur. Ich spürte ein großes Gewicht, unorthodoxe langsame Fluchten und wusste so gar nicht mit wem ich mich hier am messen war. Für einen Masheer waren die Fluchten zu kurz und zu wenig kraftvoll. Nach kurzer Zeit bekam ich dann auch die Bestätigung, dass es sich nicht um meinen eigentlichen Zielfisch handelt. Eine riesige Wasserschildkröte mit über 10 kg Gewicht durchbrach die Wasseroberfläche und konnte schon bald an Land gezerrt werden.

Eva in einem ungewöhnlichem Gefährt

Da mir das Hakenlösen bei in Deutschland gefangenen Rotwangenschildkröten wesentlich kleinerer Ausmaße schon schmerzhafte Bisserfahrungen bescherte, war ich diesmal äußerst vorsichtig und rief sogar Camppersonal zu Hilfe. Aber auch mit gemeinsamen Kräften war der Haken nicht zu lösen und so wurde vom Personal beschlossen, die dort sehr häufig vorkommende Schildkröte für den Verzehr zu nutzen. Gegessen haben wir selber sie nicht, es wurde aber später versichert, dass sie äußerst delikat gewesen ist. Nach der ganzen Aufregung war es dann auch für uns Zeit, sich ein wenig zu Erfrischen und Auszuruhen, um dann wieder angreifen zu können.

Am späten Nachmittag wurden wir von unserem Guide abgeholt und es ging wieder hinaus auf den Fluss. Das Wetter hatte sich verschlechtert und ein Gewitter sorgte für angenehme Kühle. Eigentlich keine verkehrten Bedingungen und der Guide lotste uns zusätzlich zu Terry’s Rock, einer mitten im Strom gelegenen Felsinsel, die bekannt und berüchtigt für besonders kapitale Fänge ist. Auch diesmal war zunächst geduldiges Warten angesagt. Das Gewitter wurde immer stärker und der Wind frischte mehr und mehr auf. Die zuvor als angenehme Kühle empfundene Temperatur fiel weiter herab und es wurde unangenehm kalt in unserer kleinen Nussschale. Nach ca. 2,5 Stunden brach dann die Dunkelheit herein und da wir bisher nichts weiter als vorsichtige Zupfer hatten, waren wir nicht unglücklich darüber, dass das Angeln nun nicht mehr lange dauern würde.

Lethargisch starrten wir vor uns hin und froren aufs Bitterste. Aber nur einen Augenblick später war alles Unangenehme vergessen! Mit der dem Masheer eigenen Urgewalt wurden mir ohne Vorwarnung etliche Meter Schnur von der Rolle gerissen. Ein solcher Run war mir bisher vom Karpfen- und auch Welsangeln unbekannt. Der Biss wurde mit einem mordsmäßigen Anschlag beantwortet und die Rolle war nun von Freilauf auf normale Bremswirkung umgeschaltet. Da sich im Wasser an dieser Stelle extrem viele Hindernisse befanden und da ich deshalb glaubte, die Fische mit Gewalt halten zu müssen, war die Bremse nahezu vollständig geschlossen. Den Fisch schien das nicht weiter zu stören und mit nahezu der gleichen Geschwindigkeit wie vorher zog er Schnur von der Rolle.

Mit dieser Power hatte ich auch beim Masheer nicht gerechnet und versuchte nun mit der Hand an der Spule die Flucht zu stoppen. Hierbei wurde mir mit Gewalt die Rute unter Wasser gerissen und es gab nochmals einen heftigen Ruck bevor die knapp hundert Kilo tragende Dyneema einfach so zerriss. Wir waren am Boden zerstört und ich wollte dann nur noch zurück ins Camp, um diese Niederlage mit hervorragendem indischen Old Monk Rum zu ertränken. Am Ufer angekommen wurde unsere Stimmung aber erst einmal wieder auf Vordermann gebracht, unser indischer Freund Prakash, der uns beim Organisieren dieser Reise geholfen und uns von Bombay aus begleitet hatte, konnte uns voller Freude vom Fang zweier kleinerer Masheers berichten. Er selbst ist eigentlich kein Angler, war aber hochbegeistert von dem Erlebnis und sein Bericht machte wieder mächtig Vorfreude auf den nächsten Angeltag.

Am nächsten Morgen gab es dann das gleiche Procedere wie am Vortag, nur dass wir diesmal den Tee noch `ne Ecke nötiger hatten. Beim Abendessen lernten wir einen netten Inder kennen, dem es jetzt mehrere Tage hintereinander ganz ähnlich ergangen ist wie uns an Terry’s Rock. Er hatte mehrere gute Bisse gehabt, aber keinen einzigen davon verwerten können. Mit einem Leidensgenossen trinkt es sich einfach besser, so dass wir echt ein paar Rum zuviel hatten. Nun ja, durch den Tee belebt saßen wir dann wieder hochkonzentriert an einer neuen Angelstelle. Das Wetter war herrlich und es gab keine Spur mehr vom Gewitter des Vorabends.

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