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Den meisten älteren Karpfenanglern wird
die Spezies Mahseer nicht unbekannt sein. Zu Zeiten,
wo es noch keine spezialisierten Magazine für
den begeisterten Karpfenfan gegeben hat, war die
Lektüre von Blinker, Fisch & Fang und
anderen Angelzeitschriften noch Pflicht. Hier
konnte man zumindest hin und wieder spärliche
Informationen über das moderne Karpfenangeln
und die damals neuartigen Wunderköder, die
heute so alltäglichen Boilies, erhaschen!
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| Ein
kapitaler Mahseer |
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Die meisten dieser ersten Artikel kamen damals
von englischen Anglern und einige dieser exzellenten
Fischer hatten sich nicht nur den Karpfen verschrieben.
John Bailey beispielsweise war auch zu diesen
Zeiten schon als angelnder Weltenbummler bekannt
und selbst wenn seine Artikel nicht ausschließlich
nur dem geliebten Karpfen gewidmet waren, so wurde
doch jeder von mir mit Begierde verschlungen.
Aus seiner Feder stammte dann auch ein Artikel
über das Mahseer-Fischen in Indien, ein Angelbericht,
der mich damals fasziniert hat und durch den die
indische Riesenbarbe für mich sogar zu einem
Objekt wilder Angelträume wurde. Leider waren
es nur Träume und Indien damals zu fern,
zu unerreichbar als dass ich mich weiter mit dieser
Fischart auseinander gesetzt habe. Der genannte
Artikel wird mit Sicherheit auch auf andere Angler
eine ähnliche Wirkung gehabt haben, aber
auch ihnen wird es wohl kaum gelungen sein, sich
diesem Fisch bewaffnet mit Rute und Rolle zu nähern...
Wie der Zufall es dann aber so will war Indien
irgendwann gar nicht mehr so fern und eine erste
Reise in dieses fremdartige, faszinierende und
oft auch schockierende Land stand an. Meine erste
Reise nach Indien führte mich nach Bombay,
ein gigantischer Moloch von Stadt, so groß,
so bevölkert, aber auch immer noch so weit
entfernt von der eigentlichen Heimat des gigantischen
Mahseers! Aber immerhin, diese erste Reise hat
mich dem Traumfisch doch zumindest schon einmal
um etliche hundert Kilometer näher gebracht
als je zuvor und der alte Traum schien auf einmal
gar nicht mehr so unrealistisch. Ende Oktober
2004 stand dann die nächste Reise nach Indien
an und auch diesmal führte es wieder nach
Bombay. Allerdings sollte Bombay auf dieser Reise
nicht die einzigste Station sein!
Auch ein kurzer 3 Tage Trip zum Fluß Cauvery,
der Heimat vieler starker Mahseer, war geplant.
Das sich dies Einrichten ließ war an sich
schon großartig, aber natürlich wollte
ich den Trip zum Cauvery nicht nur zu naturkundlichen
Beobachtungen nutzen (wobei man dort wirklich
mit einer für uns Mitteleuropäer einzigartigen
Natur konfrontiert wird), nein natürlich
wollte ich mit Rute und Rolle meine alten Träume
ausleben und auch zumindest einen Mahseer fangen.
Für dieses Unterfangen habe ich versucht,
mich zumindest theoretisch bestmöglich vorzubereiten
und neben dem Studieren der verstaubten Berichte
wurde das Internet fleißig durchstöbert.
Außerdem ist meine Angelbücher-Sammlung
nach sämtlichen Kapiteln über den Fang
der indischen Giganten durchforstet worden. Das
ganze Literatur-Studium hat mir dazu verholfen,
mein altes Grundwissen aufzufrischen, aber hiernach
war auch klar, dass es durchaus kein einfaches
Unternehmen werden würde, bei dem der Erfolg
vorprogrammiert ist. So, nun aber ans Eingemachte!
Die Reise von Bombay zum Cauvery war für
sich alleine schon ein Erlebnis, wobei der Flug
hierbei noch das Unspektakulärste ist. Indische
Fluggesellschaften bieten einen hervorragenden
Standard, so dass sich niemand hiervor fürchten
muss. Die Fahrt vom Flughafen in Bangalore zur
Cauvery Strecke bei Bahmeswary ermöglichte
dann aber eine Vielzahl interessanter Einblicke
in den indischen Alltag und die hatten es echt
in sich. Auf der gut dreistündigen Hinfahrt
wurde man nur so bombardiert mit neuen Eindrücken.
Die Entfernung vom Flughafen bis zum Cauvery beträgt
eigentlich nur knapp 130 km, aber bedingt durch
das hohe Verkehrsaufkommen und die schlechten
Straßen (bis hin zum Jungle-Lehmpfad) ist
diese Strecke kaum in weniger als drei Stunden
Fahrtzeit zu bewältigen! Egal ob nun drei
oder vier Stunden Fahrtzeit, langweilig ist mir
persönlich und auch meiner Frau Eva, die
auf dieser Reise mit von der Partie war, nie geworden.
Bedingt durch die geringe Fahrtgeschwindigkeit
kann man sehr genau beobachten und entdeckt erstaunlichen
Reichtum und unvorstellbare Armut unmittelbar
nebeneinander. Man sieht hochmoderne Technik und
Architektur im Kontrast zu primitiven Handwerk
und simplen Hütten, erkennt kulturelle und
religiöse Orte, verdreckte, von Umweltverschmutzung
geplagte Gegenden und als Gegensatz hierzu unglaublich
einsame Landstriche mit völlig intakter Natur
und Wildnis. Trotz all dieser Erlebnisse waren
wir natürlich auch während der Fahrt
schon sehr gespannt auf den Fluss und das Cauvery
Jungle Camp, in dem wir während der nächsten
drei Tage untergebracht sein würden. Leider
konnten wir bei der Ankunft die ganze Situation
nicht so genießen, wie wir es uns gewünscht
hatten, war doch bereits die Dunkelheit eingebrochen.
Der freundliche Empfang, die gute Unterkunft,
das hervorragende indische Abendessen und auch
einige Drinks steigerten an diesem Abend aber
die Vorfreude aufs baldige Angeln ins Unermessliche.
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Die Nacht war kurz, da wir am nächsten Morgen
bereits um 6.00 Uhr von Campbediensteten freundlich
mit einer Tasse Tee geweckt wurden. Unser Guide,
der uns die nächsten Tage begleiten sollte,
ließ dann auch nicht lange auf sich warten
und schon bald gingen wir die wenigen Schritte
zum Fluss. Begeistert von der Schönheit der
Natur und des Gewässers machten wir uns mit
dem Coracle auf den Weg zur ersten Angelstelle.
Ein Coracle ist übrigens ein rundes Boot
aus Bambusgeflecht, welches mit einer geteerten
Plane abgedichtet wird. Unser erster Angelplatz
befand sich auf einer kleiner Insel mit schönem
Sandstrand inmitten des Flusses. Alles sah sehr
vielversprechend aus und die Stelle, die der Guide
für uns ausgesucht hatte, erschien mir geradezu
prädestiniert für einen Biss. Wir fischten
in einem tiefen Pool mit knapp 17m Tiefe und in
unmittelbarer Nähe hierzu befanden sich reißende
Stromschnellen, so dass die wesentlichen Voraussetzungen
für eine gute Mahseer Angelstelle erfüllt
waren - nämlich tiefes, stark strömendes
Wasser mit reichlich Sauerstoff!
Nach einem kritischen Abchecken der Umgebung,
es sollte auf dieser Insel wilde Krokodile geben,
begannen wir mit dem Beködern der Ruten mit
Ragi, dem wohl gebräuchlichsten Köder
zum Fang von Mahseer. Ragi ist ein gekochter Teig
aus gemahlener Hirse und diversen Gewürzen.
Durch den uns Karpfenanglern nicht unbekannten
Kochprozess wird dieser Teig extrem zäh und
bleibt auch in der harten Strömung lange
am Haken bestehen. Die Ködergröße
- bis zu faustgroße Teigballen - ist schon
gigantisch und macht klar, dass man beim Mahseerangeln
auf’s Ganze geht. Das von uns verwendete
Tackle bestand aus einer 3m langen Wallerrute
bestückt mit einer Daiwa Infinity Baitrunner
(gefüllt mit 0.50mm Dyneema) und einer ähnlich
langen und starken Glasfaserrute aus dem Bestand
des Camps. Diese war mit einer Abu Multi und ca.
0,60-0,70mm Monofilschnur bestückt. Also
alles in allem gewaltig starkes Gerät! Die
verwendete Montage war denkbar einfach: Der extrem
dickdrahtige Einzelhaken (Größe 3/0
bis 6/0) wird direkt an die Hauptschnur geknotet
und ca. 50 cm oberhalb wird ein etwa 60-80g schweres
Bleidraht-Gewicht spiralförmig auf die Schnur
geklemmt! Kompliziertere Montagen machen in diesem
Gewässer wenig Sinn. Bedingt durch das mit
Steinen, Felsen und Muscheln bedeckte Gewässerbett
bietet das flexible Bleigewicht bei einem Hänger
die besten Chancen diesen auch wieder Lösen
zu können und beim Drill besteht durch den
einen einzelnen Hakenknoten auch nur eine wirkliche
Schwachstelle.
Die Ruten waren nach dem Beködern schnell
ausgebracht und das Warten begann. Auf einem Höckerchen
sitzend, die Beine im angenehm warmen Wasser baumelnd
harrten wir zunächst der Dinge, die hoffentlich
bald in Form eines gewaltigen Bisses eintreten
sollten. Der Guide hatte uns beigebracht, dass
bei einem richtigen Mahseer-Biss die Schnur nur
so von der Rolle fliegen würde und das kleinere
Zupfer entweder auf Baby-Mahseer oder andere Arten
zurückzuführen sind. Na ja, an diesem
ersten Vormittag hatten wir wohl etliche Zupfer,
aber der erhoffte Brachialbiss blieb aus! Langweilig
ist es trotzdem nie gewesen, gibt es am Cauvery
doch ständig etwas zu beobachten. Die Vogelfauna
ist hochinteressant und es bereitet auch große
Laune, den sich am Ufer balgenden Affen zuzuschauen.
Da man sich richtig im Dschungel befindet, können
auch noch interessantere Beobachtungen möglich
sein, wilde Elefanten, Leoparden, Schlangen und
die schon genannten Krokos sind jederzeit möglich.
Der erste Vormittag verging so dann auch ohne
Biss wie im Fluge und als es dann am späten
Vormittag anfing sehr heiß zu werden ging
es zurück zum Camp. Dort sorgte ein verspätetes
Frühstück und eine Flasche eiskaltes
Kingfisher Bier dafür, dass unsere Lebensgeister
wieder geweckt wurden.
Normalerweise wird die Mittagzeit zu einem weiteren
Essen und einem kleinen Nickerchen genutzt bevor
der Guide dann nachmittags wieder eintrifft und
die zweite Angelperiode beginnt. Da für uns
mit den geplanten drei Tagen die Angelzeit ja
sehr begrenzt war, versuchten wir auch in der
Mittagsglut auf eigene Faust vom Campufer aus
zum Erfolg zu kommen. Ausreichend Ragi hatten
wir schon vorher von unserem hilfsbereiten Guide
erhalten und schon bald waren die Köder wieder
ausgelegt. Eine Reihe von Zupfern erregte meine
Aufmerksamkeit und als dann plötzlich Schnur
von der Rolle gezogen wurde glaubte ich an meine
erste Chance und setzte einen kräftigen Anhieb.
Der Anhieb saß, aber die geringe Gegenwehr
ließ mich meinen Traum vom ersten Mahseer
schnell ad acta legen. Verantwortlich für
den Biss war ein kleinerer Wels, der auch als
Köderfisch für Mahseer nicht zu verachten
gewesen wäre.
Der Wels hat Glück gehabt und durfte schon
bald wieder im Cauvery schwimmen. Nur wenig später
kam es dann zum nächsten Biss und dieser
war schon rasanter. Der zügige Biss wurde
wieder mit einem kräftigen Anschlag quittiert
und diesmal hing etwas ganz anderes am Ende der
Schnur. Ich spürte ein großes Gewicht,
unorthodoxe langsame Fluchten und wusste so gar
nicht mit wem ich mich hier am messen war. Für
einen Masheer waren die Fluchten zu kurz und zu
wenig kraftvoll. Nach kurzer Zeit bekam ich dann
auch die Bestätigung, dass es sich nicht
um meinen eigentlichen Zielfisch handelt. Eine
riesige Wasserschildkröte mit über 10
kg Gewicht durchbrach die Wasseroberfläche
und konnte schon bald an Land gezerrt werden.
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| Eva
in einem ungewöhnlichem Gefährt |
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Da mir das Hakenlösen bei in Deutschland
gefangenen Rotwangenschildkröten wesentlich
kleinerer Ausmaße schon schmerzhafte Bisserfahrungen
bescherte, war ich diesmal äußerst
vorsichtig und rief sogar Camppersonal zu Hilfe.
Aber auch mit gemeinsamen Kräften war der
Haken nicht zu lösen und so wurde vom Personal
beschlossen, die dort sehr häufig vorkommende
Schildkröte für den Verzehr zu nutzen.
Gegessen haben wir selber sie nicht, es wurde
aber später versichert, dass sie äußerst
delikat gewesen ist. Nach der ganzen Aufregung
war es dann auch für uns Zeit, sich ein wenig
zu Erfrischen und Auszuruhen, um dann wieder angreifen
zu können.
Am späten Nachmittag wurden wir von unserem
Guide abgeholt und es ging wieder hinaus auf den
Fluss. Das Wetter hatte sich verschlechtert und
ein Gewitter sorgte für angenehme Kühle.
Eigentlich keine verkehrten Bedingungen und der
Guide lotste uns zusätzlich zu Terry’s
Rock, einer mitten im Strom gelegenen Felsinsel,
die bekannt und berüchtigt für besonders
kapitale Fänge ist. Auch diesmal war zunächst
geduldiges Warten angesagt. Das Gewitter wurde
immer stärker und der Wind frischte mehr
und mehr auf. Die zuvor als angenehme Kühle
empfundene Temperatur fiel weiter herab und es
wurde unangenehm kalt in unserer kleinen Nussschale.
Nach ca. 2,5 Stunden brach dann die Dunkelheit
herein und da wir bisher nichts weiter als vorsichtige
Zupfer hatten, waren wir nicht unglücklich
darüber, dass das Angeln nun nicht mehr lange
dauern würde.
Lethargisch starrten wir vor uns hin und froren
aufs Bitterste. Aber nur einen Augenblick später
war alles Unangenehme vergessen! Mit der dem Masheer
eigenen Urgewalt wurden mir ohne Vorwarnung etliche
Meter Schnur von der Rolle gerissen. Ein solcher
Run war mir bisher vom Karpfen- und auch Welsangeln
unbekannt. Der Biss wurde mit einem mordsmäßigen
Anschlag beantwortet und die Rolle war nun von
Freilauf auf normale Bremswirkung umgeschaltet.
Da sich im Wasser an dieser Stelle extrem viele
Hindernisse befanden und da ich deshalb glaubte,
die Fische mit Gewalt halten zu müssen, war
die Bremse nahezu vollständig geschlossen.
Den Fisch schien das nicht weiter zu stören
und mit nahezu der gleichen Geschwindigkeit wie
vorher zog er Schnur von der Rolle.
Mit dieser Power hatte ich auch beim Masheer
nicht gerechnet und versuchte nun mit der Hand
an der Spule die Flucht zu stoppen. Hierbei wurde
mir mit Gewalt die Rute unter Wasser gerissen
und es gab nochmals einen heftigen Ruck bevor
die knapp hundert Kilo tragende Dyneema einfach
so zerriss. Wir waren am Boden zerstört und
ich wollte dann nur noch zurück ins Camp,
um diese Niederlage mit hervorragendem indischen
Old Monk Rum zu ertränken. Am Ufer angekommen
wurde unsere Stimmung aber erst einmal wieder
auf Vordermann gebracht, unser indischer Freund
Prakash, der uns beim Organisieren dieser Reise
geholfen und uns von Bombay aus begleitet hatte,
konnte uns voller Freude vom Fang zweier kleinerer
Masheers berichten. Er selbst ist eigentlich kein
Angler, war aber hochbegeistert von dem Erlebnis
und sein Bericht machte wieder mächtig Vorfreude
auf den nächsten Angeltag.
Am nächsten Morgen gab es dann das gleiche
Procedere wie am Vortag, nur dass wir diesmal
den Tee noch `ne Ecke nötiger hatten. Beim
Abendessen lernten wir einen netten Inder kennen,
dem es jetzt mehrere Tage hintereinander ganz
ähnlich ergangen ist wie uns an Terry’s
Rock. Er hatte mehrere gute Bisse gehabt, aber
keinen einzigen davon verwerten können. Mit
einem Leidensgenossen trinkt es sich einfach besser,
so dass wir echt ein paar Rum zuviel hatten. Nun
ja, durch den Tee belebt saßen wir dann
wieder hochkonzentriert an einer neuen Angelstelle.
Das Wetter war herrlich und es gab keine Spur
mehr vom Gewitter des Vorabends.
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II
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