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Viele Jahre lebte ich in Yorkshire, im Norden
Englands. Karpfen fing ich dort reichlich, doch
fiel mir deutlich der Größenunterschied
meiner Fische zu den im Süden des Landes
möglichen Fängen auf. Mir gelang es
einige Spiegler über 30 lb zu fangen, einen
Schuppenkarpfen über der magischen Marke
fing ich aber nicht. Wie auch - in meinem damaligen
Wohnraum gab es gar keinen. Um mein Ziel, einen
großen Schuppi zu fangen, zu erreichen,
musste ich also die Reise gen Süden antreten,
soviel war sicher…
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Wie
Zwillinge: Beide Fische wogen
exakt 30 lb und 4 oz! |
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Zu dieser Zeit fischte mein guter Freund Dave
Williamson an einigen außergewöhnlichen
Privatgewässern in Südengland, allesamt
mit einem guten Bestand an großen Schuppenkarpfen.
Nach einigen Überredungstelefonaten sicherte
ich mir einen Platz an Daves Seite als Gast für
den Herbst. Die Tage strichen schnell ins Land
und meine Aufregung wuchs, obwohl der See über
die Saison nicht sonderlich produktiv war. Die
Fische zeigten sich regelmäßig an der
Oberfläche und im Uferbereich.
Sie zum fressen zu bewegen, war zumindest nach
Aussagen der ansässigen Angler, der schwierige
Part. Endlich war es soweit. Nach vier Stunden
Fahrt stand ich vor dem Tor, auf dem es hieß:
„Privat-Gewässer“. Dave holte
mich ab und nach einigen Wegminuten über
einen zugewachsenen Pfad, erreichten wir den See.
Dave hatte zuvor schon eine Runde gedreht. Zeichen
von Karpfen sah er keine, dafür aber auch
keinen anderen Angler. Der See gehörte alleine
uns und obwohl ich endlich mein Set Up klar machen
wollte, machten wir einen langen Spaziergang um
den See.
Währenddessen erklärte mir Dave die
Gegebenheiten unter Wasser. Ein milder Westwind
kam auf, noch während wir unsere Runde drehten.
Ich verfolgte seit Tagen die Wettervorhersage
und der Westwind war schon im Rückstand,
dafür sollte er die kommenden Tage bestimmen.
Nach vielen Tagen mit Hochdruck leitete der Wetterwechsel
also gute Bedingungen ein. Daves und mein Blick
wanderten immer öfter in die Bucht des Sees,
die im Wind lag.
Unsere Platzwahl wird niemanden überraschen:
Wir entschieden uns für die zwei Stellen
in der Bucht, die genau im Wind lagen. Ich war
so aufgeregt, dass ich trotz der bedrohlichen
Regenwolken zuerst meine Ruten ausbrachte. „Was
mögen die Fische hier wohl noch nicht gesehen
haben?“, dachte ich mir. Nicht leicht zu
beantworten, eigentlich haben sie hier fast alles
gesehen. Mit meinen 10 mm kleinen Source Miniboilies
sollte ich aber vielleicht ein Ass im Ärmel
haben. Die meisten anderen Angler hier verwenden
keine so kleinen Köder. Mit der Markerrute
fand ich vor mir, nur einen sanften Wurf weit
draußen, eine flache Bank. Zog ich den Marker
zurück, fiel der Grund gleich auf über
vier Meter ab. Beide Ruten platzierte ich am Übergang
der Bank in ebenem Boden.
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Idyll
im Morgengrauen. Wenig später
sollte der erste Fisch ablaufen |
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Ich setzte Back Leads ein und ließ die
Schnüre durchhängen, um so unauffällig
wie möglich zu fischen und Dave, der am Ende
der Bucht saß, nicht die Chancen auf durchziehende
Fische zu vermiesen. Anstatt nur einige Futterboilies
nah beim Hakenköder zu fischen, katapultierte
ich einige Hände 10 mm Freebies über
das ganze Areal um die Sandbank. Diese Taktik
schafft schnell Vertrauen bei den Karpfen. Beim
Angeln mit Schwimmködern an der Oberfläche
mache ich mir das Füttern auf großer
Fläche auch oft und gerne mit guten Erfolgen
zu nutze. Zudem war ich mir sicher, dass die Fische
hier am See über die ganze Saison sehr klein
angelegte Köderflecken gesehen haben. Ich
wollte etwas anders machen als die anderen. Nachdem
die Ruten lagen, das Camp stand und die Wolken
verzogen waren, lehnte ich mich in den Stuhl und
beobachtete das Wasser. Noch hatten wir kein Anzeichen
auf Fische gesehen…
Später am Nachmittag, ich saß gerade
neben meinen Ruten, schraubte sich ein großer
Karpfen deutlich aus dem Wasser, wenige Meter
rechts von meinem Platz. Erst wollte ich eine
Rute einholen, um sie in die Ringe an der Oberfläche
zu werfen, die gerade verblassten. Doch war mir
aufgefallen, dass der Fisch scheinbar in Richtung
der Sandbank unterwegs war. Keine zehn Minuten
später hallte ein weiterer Klatscher über
den See. Auch dieser Fisch, definitiv ein anderer
als der zuvor, schien die Sandbank und damit hoffentlich
mein Futter, anzusteuern. Wir waren wohl zur rechten
Zeit gekommen. Zumindest folgten die Karpfen dem
Wind in unsere Bucht und mussten zunächst
über meine Ruten… Es war einer dieser
raren Abende, an denen man einfach fühlt,
dass etwas Besonderes geschehen wird.
Die Fische zeigten sich weiterhin an der Oberfläche,
bis es dunkel wurde. Mittlerweile waren sie aber
über meinen Futterplatz hinweg und sprangen
nahe bei Daves Ruten. Nicht wenige Karpfen schoben
ihre Leiber aus dem Wasser und ich dachte immer
wieder: „Wow, wie groß die sind!“
Ich hatte echt zu lange im hohen Norden Englands
geangelt. Jetzt war ich in „Big Fish Country“.
Die Dunkelheit schluckte den See, die Fische sprangen
weiter, doch es biss nichts. Bis tief in die Nacht
lauschten wir den Klatschern.
Irgendwann siegte die Müdigkeit. Irritiert
gingen wir zu Bett. „Warum beißt da
keiner?“ Nervös drehte ich mich auf
der Liege hin und her. Zum einen, weil ich immer
noch das Gefühl hatte, dass jederzeit der
Bissanzeiger aufschreien würde. Zum anderen,
weil mir etliche Möglichkeiten einfielen,
was ich wohl falsch gemacht habe. Ich hatte noch
nicht einmal einen Schnurschwimmer. Vielleicht
würden Maden, oder andere Lebendköder
den Erfolg bringen? Andere Rigs? Der Wind ließ
nicht nach und die ständig klatschenden Karpfen
erzeugten schon fast einen Rhythmus.
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Backleads
halten die Schnur
am Boden |
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Ich erwachte im ersten Licht, ziemlich überrascht,
denn nichts war passiert. Die Swinger hingen wie
am Vorabend. Eigentlich war alles gleich, bis
auf die Tatsache, dass keine Karpfen mehr sprangen.
Ich lehnte mich auf meiner Liege zurück,
dachte wir hätten es komplett vermasselt,
als ein Bissanzeiger ein paar Mal piepte. Linke
Rute. In Sekunden saß ich, zerrte mir die
Boots an die Füße, da schrie der Pieper
schon auf. Ich griff mir die Rute, ungläubig,
dass ich doch noch meine Chance bekommen sollte.
Dave hatte den Lauf gehört, er stand plötzlich
neben mir. Der Fisch fühlte sich schwer an.
Im tiefen Uferbereich zog er langsam seine Bahnen,
schlug fest mit seinem Kopf. Dave gelang der erste
Kescherversuch und im Netz lag ein deutlich guter
Schuppenkarpfen. Ein toller Moment.
Dave war die Freude für mich anzusehen.
Er hielt den Kescher, ich machte die Matte, Waage
und Kamera klar. Wir beide wussten schon, dass
dieser Schuppi mein erster über der magischen
Marke sein würde. Ich war gerade im Bivvy
verschwunden, um meine Kamera zu suchen, als meine
rechte Rute abrannte. Ich dachte Dave sei versehentlich
an die Rute gestoßen. Unsinn, denn im selben
Moment als der Bissanzeiger sich meldete schrie
auch Dave: „Peeeeeete!“ Ich traute
meinen Augen nicht, die Rute wurde heftig rumgerissen,
Dave stand hilflos mit dem Kescher daneben, im
Netz ein großer Schuppi.
Dieser Fisch fühlte sich ebenfalls an wie
ein Guter. Jedes Mal, wenn ich ihn an der Oberfläche
hatte, drehte er ab und riss auf dem Weg in die
Tiefe meterweise Schnur von der Rolle. Nach dem
ersten Fisch hatte ich nun mehr Vertrauen im Drill,
mein Gegenüber beeindruckte das nicht. Dave
lief lachend zu seinem Camp, um den zweiten Kescher
zu holen. Ungläubig führte ich diesen
wenig später unter einen weiteren großen
Schuppenkarpfen, der aussah wie der Zwilling des
Ersten. Das war echt zuviel für mich: Auf
einen Schlag von der Enttäuschung über
eine fischlose Nacht zum Glückspilz, der
sich allem Anschein nach den soeben den Traum
vom dreißiger Schuppi erfüllt hat,
gleich zwei Mal! Und tatsächlich, als die
Waage beim ersten Fisch 30 lb, 4 oz anzeigte,
reichte mein Grinsen von einem Ohr zum anderen.
Auch den zweiten Fisch, längst ruhig im
Kescher, legten wir auf die überdimensionale
Euromatte. Und wie es sich für Zwillinge
gehört, wog er ebenfalls exakt 30 lb, 4 oz!
Ein Pärchen wunderschöner Herbstschuppies.
Als die beiden nach ein paar Fotos wieder im klaren
Wasser in der Tiefe verschwanden, knieten wir
noch einen Moment am Ufer, sagten nichts und genossen
den Moment. Wir hatten noch 24 Angelstunden vor
uns, doch ich hatte es nicht eilig, die Ruten
wieder raus zu bringen. Stattdessen sorgte ich
für Ordnung am Platz und lehnte mich mit
einem guten Tee zurück. Das Vertrauen in
meine Taktik, über Nacht verloren, war wieder
voll da.
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| Zuerst
warf ich die Ruten aus! |
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Die Ruten lagen bald wieder auf denselben Plätzen,
einige Boilies streute ich großflächig
und mein Grinsen verging nicht. In dieser Session
sollte nichts mehr passieren. Zwar hatte ich die
ganze Zeit das Gefühl, es würde jeden
Moment eine Bremse kreischen, doch schien der
See mit abflauendem Wind wieder in gewohnte Schwierigkeit
zu verfallen. Die Wochen vor unserer Session wurde
schon nichts gefangen. Vielleicht hatte sich dieser
Zustand wieder eingestellt. Ich war zur rechten
Zeit am rechten Ort. Dave hatte über die
Saison eine gute Anzahl Großer gefangen.
Auch er war zufrieden und genoss es einfach, am
Wasser zu sein.
Meine lange Rückfahrt prägte Freude
und die simple Feststellung, dass man an Gewässern
mit großen Karpfen angeln muss, um solche
zu fangen. Manchmal lohnt sich der Aufwand eine
große Strecke zu fahren, um sich einen Traum
zu erfüllen. Habt Vertrauen, versucht euer
Gewässer zu lesen und macht euch wechselnde
Wetterbedingungen zu Nutze.
All the best, Pete Castle
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