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carp.de | Berichte
Ausgabe 139 | 16. August 2010
ERLEBNISBERICHTE

Just likes Buses
Von Pete Castle / September 2009

 

Viele Jahre lebte ich in Yorkshire, im Norden Englands. Karpfen fing ich dort reichlich, doch fiel mir deutlich der Größenunterschied meiner Fische zu den im Süden des Landes möglichen Fängen auf. Mir gelang es einige Spiegler über 30 lb zu fangen, einen Schuppenkarpfen über der magischen Marke fing ich aber nicht. Wie auch - in meinem damaligen Wohnraum gab es gar keinen. Um mein Ziel, einen großen Schuppi zu fangen, zu erreichen, musste ich also die Reise gen Süden antreten, soviel war sicher…

Wie Zwillinge: Beide Fische wogen
exakt 30 lb und 4 oz!

Zu dieser Zeit fischte mein guter Freund Dave Williamson an einigen außergewöhnlichen Privatgewässern in Südengland, allesamt mit einem guten Bestand an großen Schuppenkarpfen. Nach einigen Überredungstelefonaten sicherte ich mir einen Platz an Daves Seite als Gast für den Herbst. Die Tage strichen schnell ins Land und meine Aufregung wuchs, obwohl der See über die Saison nicht sonderlich produktiv war. Die Fische zeigten sich regelmäßig an der Oberfläche und im Uferbereich.

Sie zum fressen zu bewegen, war zumindest nach Aussagen der ansässigen Angler, der schwierige Part. Endlich war es soweit. Nach vier Stunden Fahrt stand ich vor dem Tor, auf dem es hieß: „Privat-Gewässer“. Dave holte mich ab und nach einigen Wegminuten über einen zugewachsenen Pfad, erreichten wir den See. Dave hatte zuvor schon eine Runde gedreht. Zeichen von Karpfen sah er keine, dafür aber auch keinen anderen Angler. Der See gehörte alleine uns und obwohl ich endlich mein Set Up klar machen wollte, machten wir einen langen Spaziergang um den See.

Währenddessen erklärte mir Dave die Gegebenheiten unter Wasser. Ein milder Westwind kam auf, noch während wir unsere Runde drehten. Ich verfolgte seit Tagen die Wettervorhersage und der Westwind war schon im Rückstand, dafür sollte er die kommenden Tage bestimmen. Nach vielen Tagen mit Hochdruck leitete der Wetterwechsel also gute Bedingungen ein. Daves und mein Blick wanderten immer öfter in die Bucht des Sees, die im Wind lag.

Unsere Platzwahl wird niemanden überraschen: Wir entschieden uns für die zwei Stellen in der Bucht, die genau im Wind lagen. Ich war so aufgeregt, dass ich trotz der bedrohlichen Regenwolken zuerst meine Ruten ausbrachte. „Was mögen die Fische hier wohl noch nicht gesehen haben?“, dachte ich mir. Nicht leicht zu beantworten, eigentlich haben sie hier fast alles gesehen. Mit meinen 10 mm kleinen Source Miniboilies sollte ich aber vielleicht ein Ass im Ärmel haben. Die meisten anderen Angler hier verwenden keine so kleinen Köder. Mit der Markerrute fand ich vor mir, nur einen sanften Wurf weit draußen, eine flache Bank. Zog ich den Marker zurück, fiel der Grund gleich auf über vier Meter ab. Beide Ruten platzierte ich am Übergang der Bank in ebenem Boden.

Idyll im Morgengrauen. Wenig später
sollte der erste Fisch ablaufen

Ich setzte Back Leads ein und ließ die Schnüre durchhängen, um so unauffällig wie möglich zu fischen und Dave, der am Ende der Bucht saß, nicht die Chancen auf durchziehende Fische zu vermiesen. Anstatt nur einige Futterboilies nah beim Hakenköder zu fischen, katapultierte ich einige Hände 10 mm Freebies über das ganze Areal um die Sandbank. Diese Taktik schafft schnell Vertrauen bei den Karpfen. Beim Angeln mit Schwimmködern an der Oberfläche mache ich mir das Füttern auf großer Fläche auch oft und gerne mit guten Erfolgen zu nutze. Zudem war ich mir sicher, dass die Fische hier am See über die ganze Saison sehr klein angelegte Köderflecken gesehen haben. Ich wollte etwas anders machen als die anderen. Nachdem die Ruten lagen, das Camp stand und die Wolken verzogen waren, lehnte ich mich in den Stuhl und beobachtete das Wasser. Noch hatten wir kein Anzeichen auf Fische gesehen…

Später am Nachmittag, ich saß gerade neben meinen Ruten, schraubte sich ein großer Karpfen deutlich aus dem Wasser, wenige Meter rechts von meinem Platz. Erst wollte ich eine Rute einholen, um sie in die Ringe an der Oberfläche zu werfen, die gerade verblassten. Doch war mir aufgefallen, dass der Fisch scheinbar in Richtung der Sandbank unterwegs war. Keine zehn Minuten später hallte ein weiterer Klatscher über den See. Auch dieser Fisch, definitiv ein anderer als der zuvor, schien die Sandbank und damit hoffentlich mein Futter, anzusteuern. Wir waren wohl zur rechten Zeit gekommen. Zumindest folgten die Karpfen dem Wind in unsere Bucht und mussten zunächst über meine Ruten… Es war einer dieser raren Abende, an denen man einfach fühlt, dass etwas Besonderes geschehen wird.

Die Fische zeigten sich weiterhin an der Oberfläche, bis es dunkel wurde. Mittlerweile waren sie aber über meinen Futterplatz hinweg und sprangen nahe bei Daves Ruten. Nicht wenige Karpfen schoben ihre Leiber aus dem Wasser und ich dachte immer wieder: „Wow, wie groß die sind!“ Ich hatte echt zu lange im hohen Norden Englands geangelt. Jetzt war ich in „Big Fish Country“. Die Dunkelheit schluckte den See, die Fische sprangen weiter, doch es biss nichts. Bis tief in die Nacht lauschten wir den Klatschern.

Irgendwann siegte die Müdigkeit. Irritiert gingen wir zu Bett. „Warum beißt da keiner?“ Nervös drehte ich mich auf der Liege hin und her. Zum einen, weil ich immer noch das Gefühl hatte, dass jederzeit der Bissanzeiger aufschreien würde. Zum anderen, weil mir etliche Möglichkeiten einfielen, was ich wohl falsch gemacht habe. Ich hatte noch nicht einmal einen Schnurschwimmer. Vielleicht würden Maden, oder andere Lebendköder den Erfolg bringen? Andere Rigs? Der Wind ließ nicht nach und die ständig klatschenden Karpfen erzeugten schon fast einen Rhythmus.

Backleads halten die Schnur
am Boden

Ich erwachte im ersten Licht, ziemlich überrascht, denn nichts war passiert. Die Swinger hingen wie am Vorabend. Eigentlich war alles gleich, bis auf die Tatsache, dass keine Karpfen mehr sprangen. Ich lehnte mich auf meiner Liege zurück, dachte wir hätten es komplett vermasselt, als ein Bissanzeiger ein paar Mal piepte. Linke Rute. In Sekunden saß ich, zerrte mir die Boots an die Füße, da schrie der Pieper schon auf. Ich griff mir die Rute, ungläubig, dass ich doch noch meine Chance bekommen sollte. Dave hatte den Lauf gehört, er stand plötzlich neben mir. Der Fisch fühlte sich schwer an. Im tiefen Uferbereich zog er langsam seine Bahnen, schlug fest mit seinem Kopf. Dave gelang der erste Kescherversuch und im Netz lag ein deutlich guter Schuppenkarpfen. Ein toller Moment.

Dave war die Freude für mich anzusehen. Er hielt den Kescher, ich machte die Matte, Waage und Kamera klar. Wir beide wussten schon, dass dieser Schuppi mein erster über der magischen Marke sein würde. Ich war gerade im Bivvy verschwunden, um meine Kamera zu suchen, als meine rechte Rute abrannte. Ich dachte Dave sei versehentlich an die Rute gestoßen. Unsinn, denn im selben Moment als der Bissanzeiger sich meldete schrie auch Dave: „Peeeeeete!“ Ich traute meinen Augen nicht, die Rute wurde heftig rumgerissen, Dave stand hilflos mit dem Kescher daneben, im Netz ein großer Schuppi.

Dieser Fisch fühlte sich ebenfalls an wie ein Guter. Jedes Mal, wenn ich ihn an der Oberfläche hatte, drehte er ab und riss auf dem Weg in die Tiefe meterweise Schnur von der Rolle. Nach dem ersten Fisch hatte ich nun mehr Vertrauen im Drill, mein Gegenüber beeindruckte das nicht. Dave lief lachend zu seinem Camp, um den zweiten Kescher zu holen. Ungläubig führte ich diesen wenig später unter einen weiteren großen Schuppenkarpfen, der aussah wie der Zwilling des Ersten. Das war echt zuviel für mich: Auf einen Schlag von der Enttäuschung über eine fischlose Nacht zum Glückspilz, der sich allem Anschein nach den soeben den Traum vom dreißiger Schuppi erfüllt hat, gleich zwei Mal! Und tatsächlich, als die Waage beim ersten Fisch 30 lb, 4 oz anzeigte, reichte mein Grinsen von einem Ohr zum anderen.

Auch den zweiten Fisch, längst ruhig im Kescher, legten wir auf die überdimensionale Euromatte. Und wie es sich für Zwillinge gehört, wog er ebenfalls exakt 30 lb, 4 oz! Ein Pärchen wunderschöner Herbstschuppies. Als die beiden nach ein paar Fotos wieder im klaren Wasser in der Tiefe verschwanden, knieten wir noch einen Moment am Ufer, sagten nichts und genossen den Moment. Wir hatten noch 24 Angelstunden vor uns, doch ich hatte es nicht eilig, die Ruten wieder raus zu bringen. Stattdessen sorgte ich für Ordnung am Platz und lehnte mich mit einem guten Tee zurück. Das Vertrauen in meine Taktik, über Nacht verloren, war wieder voll da.

Zuerst warf ich die Ruten aus!

Die Ruten lagen bald wieder auf denselben Plätzen, einige Boilies streute ich großflächig und mein Grinsen verging nicht. In dieser Session sollte nichts mehr passieren. Zwar hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, es würde jeden Moment eine Bremse kreischen, doch schien der See mit abflauendem Wind wieder in gewohnte Schwierigkeit zu verfallen. Die Wochen vor unserer Session wurde schon nichts gefangen. Vielleicht hatte sich dieser Zustand wieder eingestellt. Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Dave hatte über die Saison eine gute Anzahl Großer gefangen. Auch er war zufrieden und genoss es einfach, am Wasser zu sein.

Meine lange Rückfahrt prägte Freude und die simple Feststellung, dass man an Gewässern mit großen Karpfen angeln muss, um solche zu fangen. Manchmal lohnt sich der Aufwand eine große Strecke zu fahren, um sich einen Traum zu erfüllen. Habt Vertrauen, versucht euer Gewässer zu lesen und macht euch wechselnde Wetterbedingungen zu Nutze.

All the best, Pete Castle

 
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