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carp.de | Berichte
Ausgabe 133 | 16. Februar 2010
GEWÄSSERBERICHTE

Elbkarpfen
Von Jens Wolber / Dezember 2009

 

Gründonnerstag, 16 Uhr. Osterwochenende! Das Signal für den deutschen Karpfenangler schlechthin, seine Ruten einzupacken und sich für die, oftmals erste lange Session des Jahres, zum Lieblingssee aufzumachen. Wo er sich dann natürlich mit all den anderen Anglern, die komischerweise dieselbe Idee hatten, um die vorhandenen Stellen kloppen wird…

Gehört zum Elbangeln dazu:
Kilometerlange Märsche

Die Wassertemperaturen waren seit Monatsanfang wieder zaghaft in zweistellige Bereiche vorgedrungen, und ich war mit gemischten Gefühlen auf der A 24 Richtung Hamburg unterwegs. Einerseits war ich natürlich aufgeregt, nach der Winterpause mal wieder ans Wasser zu kommen. Auch die Aussicht, mit Christian und André an der Elbe zu sitzen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, ließ die lange Anfahrt schnell vergehen. Aber da war es schon, das Stichwort, mein Nemesis: Die Elbe! 1.165 km lang, vom Riesengebirge bis nach Cuxhaven. Mit einem Einzugsgebiet von annähernd 150.000 km. Das große Wasser, das mir, der ich bislang kaum an Fließgewässern gefischt hatte, mehr als nur gesunden Respekt einflösst.

Die Elbe trägt ihren weiblichen Artikel nur zu recht: Wie eine schöne Frau kann sie dir ihre Gunst erweisen oder dich zur Verzweiflung treiben. Mit den Worten Christians: „Entweder sie liebt, oder sie hasst dich.“. Und genau hier lag leider mein Problem: Madame Elbe zeigte mir trotz meiner ernst gemeinten Avancen bislang immer die kalte Schulter... Letztes Jahr durfte ich beispielsweise zusehen, wie Christian und André einen schönen Fisch nach dem anderen fingen, während bei mir, 50 Meter stromauf, absolute Funkstille herrschte. Dieser Zustand wurde nur ein einziges Mal durch einen 10 kg- Graser unterbrochen, der mein Vertrauen in die Elbe kurzzeitig wieder aufzubauen vermochte. Natürlich nur, bis Christian keine zwei Stunden später mit süffisantem Grinsen ein beinah 20 kg schweres Exemplar vom Haken löste... Aaaarrrgh, böser Anfall von Fischneid!

Nun sollte es also wieder losgehen. Aber diesmal bei gerade einmal 9°C Wassertemperatur, bei der ein durchschnittlicher Karpfen wohl kaum mehr als ein, zwei Maul voll Nahrung am Tag aufnimmt. Tolle Aussichten! Na ja, dachte ich so bei mir, während der Asphalt unter mir die Reifen brummen ließ, weniger als sonst kannst du gar nicht fangen, also lass dich einfach überraschen.

Ehrlich gesagt -und deshalb an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an André und Christian- hätte ich ohne die Hilfe der Beiden sowieso niemals eine reelle Chance gehabt, innerhalb der mir zur Verfügung stehenden Zeit an diesem riesigen Gewässer zum Erfolg zu kommen: Zu unüberschaubar ist die Wasserfläche, zu unterschiedlich der Gewässergrund um als Ortsfremder mal eben hinfahren und einen Fisch fangen zu können. Viele Stellen scheinen auf den ersten Blick wirklich fischverdächtig, aber unter Wasser liegt oft so viel Material aus alten Uferbefestigungen, dass jede Montage unwiderruflich zwischen den Brocken verloren geht.

Der "Schiffshalterkarpfen", schon ohne seinen
kleinen grünen Freund

Oder am ersten Abend kommt dann einer der vielen Nebenerwerbsfischer angetuckert und kontrolliert drei Meter vor den Ruten seine Aalreusen, die hier, wie jeder Einheimische weiß, seit 15 Jahren liegen. Andere Abschnitte sind wiederum glatt wie eine Bundesstraße, so dass das Angeln an sich problemlos verläuft; jedoch bleibt hier leider aufgrund der Strömung kaum ein Köder liegen und man angelt in einer Wüste, die kaum von Fischen aufgesucht wird. Man muss fast zwangsläufig an der Elbe wohnen und sich eingehend mit ihr beschäftigen, um sie gnädig stimmen und ihr regelmäßig einen Fisch entlocken zu können.

Deshalb war ich sehr dankbar, vom Wissen meiner Nordlichter profitieren zu dürfen. Dies gilt umso mehr, da in einem derart großen Gewässer Bisse ohne vorherige Futteraktionen meist die Ausnahme bleiben. Und vor einer Session wochenlang von Berlin nach Hamburg mit einem Malereimer Boilies im Gepäck?! Glücklicherweise hatte sich André bereit erklärt, für uns etwas Futter auf zwei potenziellen Angelstellen zu verteilen, so dass wir sogar über eine Ausweichmöglichkeit verfügen würden, wenn es an unserer ersten Stelle nicht richtig laufen sollte.

Thanks, mate! Eine erste wichtige Erkenntnis stellte sich bereits vor dem Erreichen des Wassers ein: Die Wollhandkrabbe war wieder auf Wanderschaft. Auf den Straßen beidseits der Elbe lagen unzählige der kleinen Globetrotter zerquetscht auf dem Asphalt. Auch unser Konvoi ließ die Zahl der Opfer weiter in die Höhe schnellen, was uns einerseits wirklich Leid tat. Andererseits war bereits jetzt klar, dass uns die kleinen Biester beim Angeln ordentlich zusetzen würden, so dass das popcorn-ähnliche Geräusch der unter den Reifen zersplitternden Krabbenpanzer von mir mit heimlicher Genugtuung zur Kenntnis genommen wurde.

Die von Christian und André ausgesuchte und vorgefütterte Stelle präsentierte sich nach halbstündigen Gewaltmärschen über Deich und Deichvorland mit kurzem Gras sowie einzelnen Büschen und Bäumen fast wie ein gepflegter englischer Garten. Es macht einfach Spaß, in solch offener Parklandschaft zu angeln, trotz der Trauben an Hundebesitzern und Spaziergängern, die bei Schönwetter die Elbufer in Scharen aufsuchen. Die Tippis wurden im Abstand von jeweils 100 Metern nahe der Uferbefestigung aufgebaut und die Ruten mit einem Schlenker aus dem Handgelenk nur wenige Meter weit, direkt am Fuß der Steinpackung, ausgelegt.

Schrecksekunde: Eine einsame Wiese stellt sich
am nächsten Morgen als Jungbullenwiese heraus...

Beim Auswerfen (oder besser gesagt Auspendeln) entscheiden Fingerspitzengefühl und Ortskenntnis: Einige Meter zu weit von der Packung, die in ihren Ritzen uns Spalten unser Futter festhält entfernt und die Bisse nehmen rapide ab. Aber einen Meter zu kurz und die Montage ist meist verloren! Sinnvolle Bleigewichte beginnen bei 5 bis 6 oz. Da diese jedoch nicht weit geworfen werden müssen, können auch etwas weichere Ruten zum Einsatz kommen. Ich nutzte meinen vertrauten Satz Zweidreiviertelpfünder, gebräuchlicher sind jedoch 3 bis 3,5 lbs- Ruten. Die Kontrolle der Köder sollte normalerweise alle vier Stunden erfolgen, da Strömung, Wollhandkrabben und Weißfische nichts unversucht lassen, die Montage zu verknoten, das Haar zu durchtrennen oder den Knödel still und heimlich abzulutschen.

Ein weiterer Faktor, der das Angeln im unteren Teil der Elbe zuweilen sehr abenteuerlich werden lassen kann, sind die Gezeiten. Um die Schnur wegen der zahlreichen Hänger vom Grund fernzuhalten ist es oft notwendig, die Ruten möglichst steil und vor allem dicht an der Steinpackung aufzubauen. Dies bedeutet aber fast zwangsläufig, dass zur Kontrolle der Ruten regelmäßig Gummistiefel benötigt werden, weil diese bei Flut schon mal in einem Meter tiefen Wasser enden können. Insbesondere bei länger anhaltendem, starkem Wind aus Richtung Nordsee kann es aber auch passieren, dass nicht nur der Pod, sondern die gesamte Angelstelle für ein bis zwei Stunden unter der Wasseroberfläche zu verschwinden droht und die ganze Sache plötzlich durchaus brenzlig werden kann...

Die einzige Absicherung gegen Hochwasser ist das tägliche Verfolgen von eventuellen Flutwarnungen im Radio. Gut geeignet, sofern man zu Hause anrufen kann, ist auch der Videotext des NDR, Seite 180. Jeder verantwortungsvolle Angler sollte sich soweit unter Kontrolle haben, dass er nicht wegen seines Karpfenfiebers absäuft. Baut bei angesagtem Hochwasser lieber sicherheitshalber ab und zieht Euch frühzeitig auf den Deich zurück, anstatt euer Tackle und eventuell Euer Leben zu riskieren! Oftmals fällt das Deichvorland zwischen Ufer und Deich nämlich wieder ab, so dass, wenn das Wasser das Zelt erreicht, hinter euch vielleicht 800 Meter brusttiefes Wasser auf euch warten und ihr euch gar nicht mehr ohne weiteres zurückziehen könnt! Also immer ein Radio mitnehmen oder zur Not Zelt ausräumen, alles in den nächsten Baum hängen und zwei Stunden abwarten. Sieht zwar ziemlich lustig aus, so ein Angler mit seinem Gerödel auf einem Baum mitten in der Elbe. Ist aber besser als zuzusehen, wie das Tackle langsam aus dem Zelt gespült wird, während man nach 800 Meter Freistil triefend auf der Deichkrone hockt...

Fix und fertig. Die Kraft der Elbschuppis
ist einfach phenomenal

Gegen sieben Uhr abends, nachdem die letzten Hundebesitzer ihre Abendrunde gemacht und vor dem Fernseher Platz genommen hatten, wurde es ruhiger am Fluss. Im schwindenden Licht saßen wir bei heißem Tee noch ein wenig zusammen, um die bei 5°C Lufttemperatur kräftig vor sich hin dampfende Elbe vorüberziehen zu sehen. Obwohl die Wassertemperatur gerade einmal neun Grad betrug, war Christian optimistisch: „Du wirst sehen, wenn der Weißdorn blüht, dann kommen auch die Karpfen...“. Da Christian sich als Forstarbeiter jeden Tag in der Natur bewegt und ein gutes Gespür für Jahreszeiten und Wetterumschwünge entwickelt hat, hielt ich mich mit meinem „Die-Elbe-mag-mich-nicht-schon-gar-nicht-bei-9-Grad-ich-fang-hier-EH-NIE-WAS!“- Gefühl vornehm zurück, trank meinen Tee aus und ließ mich nach der obligatorischen Köderkontrolle, die noch einmal um vier Uhr früh wiederholt werden musste, von den fallenden Temperaturen ins Bett vertreiben. Ob Christian Recht behalten sollte?

Der nächste Tag wurde von einer Hundenase eröffnet, die lautstark damit beschäftigt war, sich unter dem Zelteingang hindurch einen Weg in meine Ködertasche zu bahnen. Aha, ungefähr acht Uhr, die ersten Hundebesitzer machen die Morgenrunde. Also raus, dem Hund ein paar Boilies spendieren und Tee aufsetzen. Leider war die erste Nacht ansonsten ohne tierischen Besuch verlaufen und auch Christian und André hatten nichts zu erzählen. Na ja, erneute Köderkontrolle und raus mit den Ruten.


Der Tag wurde zusehends freundlicher und warm, so dass wir bereits kurz nach dem Frühstück im T-Shirt auf den Stühlen sitzen und in die Sonne blinzeln konnten. Kurz vor Mittag waren dann erste Zeichen von Fischaktivität auszumachen: Kleine Schwalle an der Oberfläche und das sporadische Platschen eines buckelnden Fisches ließen keine Zweifel daran, dass sich einige Flossentiere für das Futter zu interessieren begannen. „Hoffentlich sind das auch Karpfen und nicht wieder Monster-Alande...“ unkte ich in Erinnerung an eine Session aus dem vergangenen Jahr noch ein wenig herum. „Das sind Karpfen, kannst du ruhig glauben!“ beruhigte mich Christian.

"Auflaufendes Wasser. Im Zelt gab es nasse Füße"

Und wirklich, im Laufe des Nachmittags kamen die ersten Karpfen auf unsere Matten, wobei wir erstaunlicherweise viele Schuppis fingen, obwohl diese in der Elbe weit weniger häufig vorkommen als Spiegelkarpfen. Gleich der erste Fisch verlangte mir trotz des recht kalten Wassers einiges ab. Kraft und Ausdauer der Elbkarpfen sind im Vergleich zu Karpfen aus Stillgewässern wirklich unglaublich! Die Tiere stehen in ihrem Leben scheinbar kaum einmal still, sie schwimmen bei der Futtersuche täglich große Strecken ab und haben wenige Möglichkeiten, der Strömung zu entgehen. Das Resultat dieses permanenten Trainings sind steinharte, stur kämpfende Fische, die im Drill auch noch die Strömung für sich zu nutzen wissen.

Der besagte Schuppi brachte mich in der nächsten Viertelstunde wirklich zum Schwitzen und zeigte über den gesamten Drill eine Kraft, wie ich sie bislang nur von deutlich größeren Fischen kannte. Ein wenig verlegen war ich am Ende ja schon: Ein 9 kg-Fisch bringt mich dazu, die Rute abzustützen und zu jammern??? Na ja, ein beeindruckendes Tier, ein unglaublicher Kampf und eine schöne Erinnerung, die mich meine Entscheidung, es auch mal auf Waller zu versuchen, noch einmal überdenken lässt: Wenn Karpfenangeln so schmerzhaft sein kann, wie fühlen sich dann 30 Minuten oder - Gott bewahre! - zwei Stunden Wallerdrill an?!

Gegen Abend fielen die Temperaturen zu einsetzendem Regen wieder und es kehrte Ruhe an den Ruten ein. Genügend Zeit also, um erneut beisammen zu sitzen, in den heißen Tee zu pusten und sich gegenseitig mit der Art von Angelgeschichten zu bespaßen, bei denen scheinbar immer derjenige mit den längsten Armen den größten Erfolg gehabt zu haben scheint.
Der Ostersamstag begann freundlich und mit einem deutlichen Anstieg der Krabbenaktivität an den Ködern. Nach gut 24 Stunden mit relativ wenig vertüddelten Montagen und ohne abgetrenntes Haar schien sich nun die gesamte Krabbenpopulation des Hamburger Hafens bei uns eingefunden zu haben.

Schönes Schuppentier mit für die
Elbe typischen Hautveränderungen

Ich vermute übrigens, dass man in dieser Situation oftmals nicht deshalb weniger Karpfen fängt, weil die Krabben die Köder klauen, sondern weil Karpfen, wenn sie neben dem Boilie eine Armada Krabben vorfinden, mit Vorliebe die Krabben dezimieren und unsere Köder ignorieren. Die immer wieder zu lesende Behauptung, Elbkarpfen würden sich häufig große Wunden an Flanken und Bauch zuziehen, weil sie den leckeren Krabben mit roher Gewalt zwischen den Steinen nachstellen, glaube ich aber nicht so ganz. Die von vielen Anglern beobachteten Hautveränderungen sehen für mich vielmehr nach einer in der Teichwirtschaft altbekannten Hauterkrankung, der „Carp Erythrodermatitis“ (oder kurz CE) aus, die durch ein Bakterium verursacht wird und insbesondere in der warmen Jahreszeit Geschwüre in der Haut von Karpfen und Goldfischen verursacht. Dass diese Geschwüre kaum etwas mit einer Beutesuche über steinigem Grund zu tun haben, sieht man daran, dass Karpfen aus Zuchtteichen, wo der Boden oft sehr weich und schlammig ist, ähnliche Veränderungen aufweisen.

Außerdem zeigen im zeitigen Frühjahr gefangene Fische meist keine oder nur kleine Wunden, was typisch für eine bakterielle Erkrankung ist: Je kälter das Wasser, desto langsamer ist die Vermehrungsrate der Bakterien. Erst im Sommer nehmen diese so richtig Fahrt auf und schädigen die empfindliche Karpfenhaut. Ist der Fisch beim Entstehen der CE- Geschwüre bereits geschwächt, so führt die Infektion mitunter zum Abmagern und Verenden des Tieres; ist er hingegen gut konditioniert, so verheilen die Wunden unter Umständen spontan. Als sorgsamer Karpfenangler kann man beim Antreffen tieferer Wunden eigentlich nur zwei Sachen für den Fisch tun: Erstens die betroffenen Stellen der Form halber desinfizieren, zweitens den Fisch keiner weiteren Belastung aussetzen und ihn sofort wieder entlassen, um die Chancen, dass sich das möglichst wenig gestresste Tier erfolgreich mit dem Erreger auseinander setzt, zu optimieren.

Es half derweil alles nichts, meine Kontrollintervalle wurden aufgrund der Krabbenaktivität notgedrungen auf drei Stunden verkürzt. Trotz der chinesischen Invasion schienen die Karpfen das Interesse an unseren Ködern bislang nicht verloren zu haben und nach einem fairen Kampf konnte Christian den ersten 30er der Saison auf die Matte legen. Wir staunten allerdings nicht schlecht, als Christian uns den 11 cm-Gummifisch präsentierte, der mit seinem Einzelhaken tief ins Muskelgewebe des Karpfens eingedrungen war und dem Tier offenbar schon seit längerem als neongelber Schiffshalter Gesellschaft geleistet hatte, ohne das dies den Karpfen wesentlich gestört hätte. Natürlich wurde der Karpfen schonend von seinem „kleinen Freund“ befreit, die Wunde versorgt und der Patient anschließend mit Bussi entlassen.

Swinger im Regen - Wann kommt
endlich Bewegung ins Spiel?

Wenig später musste Christian einen ordentlichen Sprint einlegen, weil ein Fisch unvermittelt einen seiner Köder genommen und blitzschnell die halbe Spule geleert hatte, ehe Christian bei den Ruten war. Wahnsinn! Trotz der denkbar ungünstigen Vorraussetzungen gelang es Christian im sich nun entwickelnden spannenden Zweikampf den Fisch um die schlimmsten Stellen des Flussbettes zu manövrieren und das Duell mit einem schönen 20er im Kescher zu beenden, nachdem er dem Fisch fast hundert Meter am Ufer gefolgt war und aus der Erinnerung eine Stelle finden konnte, wo der Grund einigermaßen hängerfrei und eine Landung möglich war. Wirklich beeindruckend!

Am Nachmittag kamen uns für ein Stündchen unser eigentlich verhinderter vierter Mann Thorsten und seine Freundin Ariane besuchen. Noch während Christian mit einem weiteren Fisch und den guten Ratschlägen von Seiten des anwesenden Publikums (vier Hundebesitzer, drei Hunde, ein Spaziergängerpärchen, André, Thorsten, Ariane und ich) beschäftigt war, machte sich auch eine meiner Ruten erneut bemerkbar, so dass ich mir schnell Thorsten zum keschern auslieh. Der folgende Drill entwickelte sich rasch zu meinem bisher kräftezehrendsten Kampf mit einem Elbbewohner. Schon an der nicht enden wollenden Ausdauer des Tieres während der zahllosen weiten Fluchten war schnell klar, dass sich wieder ein Schuppenkarpfen ans Band verirrt haben musste.

Nach vielen Finten und plötzlichen Sprints kam der Fisch langsam in Ufernähe. Mit vollem Zug der 2,75-Pfund-Rute auf den direkt unter der Spitze über Grund stehenden Fisch kam es mir minutenlang so vor, als hätte das Tier Hände entwickelt, um sich am Boden festzuklammern. Nachdem der Schuppi dann doch noch den Weg in den Kescher gefunden hatte und der Zeiger der Waage sich bei fast 15 kg einpendelte, waren Schmerzen in Arm und Rücken jedoch schnell vergessen. Mit einem Grinsen im Gesicht und einem blauen Fleck in der rechten Leiste verbrachte ich den Rest des Tages mit dem wärmenden Gefühl im Bauch, endlich einen Schuppi über zwanzig Pfund auf der Matte gehabt zu haben. Zu Zeiten der Radutafische vielleicht ein lächerliches Ziel, aber es hatte mich nun schon über 10 Jahre begleitet…

Ein Osterei der ganz besonderen Sorte:
Ein toller Spiegler!

Gegen Abend begannen rings um uns die ersten Osterfeuer zu brennen. Aus den umliegenden Dörfern drang durch die Dämmerung immer mehr der Lärm der rasch an Fahrt gewinnenden Osterfeiern zu uns. Ach ja, das Nachtangeln ist doch etwas wunderbares: Das lautlose Fließen des dunklen Wassers, der Wind, der sachte durch die Bäume fährt, die erste Nachtigall, die im Lichte des Mondes ihr melancholisches Lied anstimmt - und im nächsten Dorf singen hunderte bierbeseelte Männerkehlen mit wenig Talent und viel Elan „Life is LIFE! Na naaaa, NA NA NA!“.

Die Wollhandkrabben schienen ebenfalls ihre eigene Osterparty feiern zu wollen, meine Montagen waren bei jeder der folgenden Kontrollen entweder kunstvoll verschnürt oder kurzerhand am Haar durchtrennt. Selbst eine Kontrolle alle zwei Stunden brachte wenig Abhilfe, so dass ich mich um 2 Uhr morgens entschloss, auf mein geliebtes Braid zu verzichten und aus steifem 35-Pfund-Mono kurze No-Knot-Vorfächer zu binden. Sollte auch das nichts bringen, so wollte ich am nächsten Tag auf Mais als Hakenköder umsteigen. Die Kontrolle zwei Stunden später zeigte glücklicherweise, dass die Wollhandkrabbe zwar immer noch am Köder knabberte, aber das dicke Mono weder verheddern noch am Haar durchtrennen konnte. Beruhigt beschloss ich, die Intervalle wieder auf vier Stunden auszuweiten und legte mich erneut schlafen.

Um kurz vor halb sechs, bei absolutem Wassertiefstand, kam der nächste Biss. Dieser war so zaghaft, dass ich zunächst dachte, das Wasser wäre nur „gekippt“ und würde nun wieder steigen, was zuweilen ein paar Piepser provoziert. Ein Blick auf die Rutenspitze der fraglichen Rute zeigte jedoch, dass hier vielleicht mehr vonstatten ging als nur ein Gezeitenwechsel: Die Rute war so krumm, dass ich befürchten musste, sie würde im nächsten Augenblick aus der hinteren Ablage gerissen. Also nichts wie raus, Anhieb setzen, Kescher greifen und wie eine Ballerina in Gummipantoffeln die glitschige Steinpackung vier Meter zum Wasser runter.

Und nun passierte: Nichts. Nada. Rien. Die Schnur verschwand straff gespannt direkt vor mir im pechschwarzen Wasser und nichts rührte sich. Sollte die auflaufende Flut etwa doch das Blei zwischen die Steine..? Aber die anderen Bleie hatten sich doch auch nicht bewegt..! Also doch ein Fisch? Nach mehreren ereignislos verstrichenen Minuten wurde mir so langsam bewusst, das ich in T-Shirt und Fleecehose in einer fast winterlichen Szene stand: Das Gras, mein Zelt, die Ruten, alles um mich herum war komplett überfroren und stand unbeweglich in funkelnden Reif gehüllt da. Die ganze Welt in silbernen Mondschein gegossen und unter tiefschwarzem Himmel erstarrt. Wunderschön, aber verdammt kalt! Ostersonntag, fünf Uhr dreißig, minus 3 Grad... Brrrrr.

Wollhandkrabbe...

Mittlerweile fast überzeugt, dass ich hier seit Minuten Druck auf einen hoffnungslosen Hänger machte, überlegte ich schon, ob ich nicht kurz die Rute ablegen und wenigstens einen Pulli aus dem Zelt holen sollte, als die Rutenspitze fast unmerklich nach unten gezogen wurde, ein minimaler Schlag durch den Blank fuhr und auf einmal direkter Kontakt mit etwas Lebendigem am anderen Ende der Schnur bestand. KONTAAAAAAAKT!!! Im Gegensatz zu den bisherigen Kämpfen nahm der Fisch in den ersten Minuten kaum mehr als vier Meter Schnur von der Rolle, was mich zunächst enttäuschte. Hatte lediglich ein kleiner Karpfen zwischen den Steinen festgehangen und würde sich jetzt, nachdem sich das 6 oz-Blei glücklicherweise gelöst hatte, ohne Widerrede einkurbeln lassen? Nachdem jedoch weitere zehn Minuten vergangen waren, ohne dass ich den Fisch ein einziges Mal an die Oberfläche hätte hieven können, wurde klar dass dies nicht der Fall sein konnte.

Nachdem kurze Fluchten offenbar nicht zur Erlangung seiner Freiheit führten, verlegte sich der Fisch nun wieder auf seine alte Taktik: Statt Gas zu geben, stand er erneut stur über Grund und schaffte es ohne viel Bewegung, sich dem Zug der Rute zu widersetzen. Offensichtlich kein weiterer Schuppi. Aber was dann? Ein großer Spiegler vielleicht? Oder ein Monstergraser, wie er so typisch ist für die Elbe? Aber ein Graser bei Wassertemperaturen um zehn Grad? Ungeachtet meiner Überlegungen stand der Fisch einfach da. Schon mal versucht, eine Kuh mit vollem Druck der Schulter dazu zu überreden, endlich mit ihrer Klaue von eurem Fuß runterzusteigen? Pustekuchen! Die Kuh bleibt einfach stehen, so sehr man auch drückt. So ähnlich kam ich mir mittlerweile vor, die Rute krumm und die volle Kraft aus Beinen und Rücken nutzend, um den Druck aufrechtzuerhalten, ohne dass eine Reaktion erfolgte.

Doch dann endlich: Ohne dass viel Bewegung zu spüren gewesen wäre, kamen erst einzelne Blasen und dann ein großer Schwall Luft zur Oberfläche geperlt; ich war sicher, dass sich das Blatt nun wenden würde! Kurze Zeit später wurde deutlich, dass sich der Fisch langsam vom Grund lösen musste und nun erneut sein Heil in der Flucht suchen wollte. Das Tauziehen hatte jedoch auch bei meinem Kontrahenten Spuren hinterlassen, so dass seine Fluchten kaum noch über den ersten Meter hinauskamen. Dennoch dauerte es noch etliche Minuten, bis der Fisch die Oberfläche durchbrach und nach einigen unwilligen Ehrenrunden in den Maschen verschwand.

"Vielleicht mag sie mich doch?"
Ostersonntag an der Elbe

Völlig geschafft versuchte ich, den Kescher wie gewohnt zusammenzuklappen, einzurollen und zusammen mit der Rute die Steinschüttung hoch zu tragen. Zu meiner Überraschung wollte mir dies jedoch nicht gelingen. Also wanderte der umgeschlagene Kescher kurz ins Wasser zurück, und ich kraxelte zunächst nur mit der Rute zum Zelt hinauf, wo ich sie ablegte und meine Kopflampe mitnahm. Nach einer erneuten halsbrecherischen Partie die glitschige Steinpackung hinunter (komisch, wenn man einen Fisch am Band hat, scheint man nachts trotz der Gummipantoffeln über diese Steine schweben zu können...) konnte ich den Fang im Schein der Lampe das erste Mal richtig begutachten.

Ein Spiegler! Ein Spiegler mit wirklich ungewöhnlichen Proportionen: Er schien ebenso hoch wie breit, wie lang, wie er da vor mir im Netz schwamm. Ein ausnehmend schönes „Osterei“, mit zwei wunderschönen einzelnen Schuppen auf der Flanke. Es war rund. Es war niedlich. Es war perfekt! Mit zwei Händen beförderte ich das Riesen-Ei nun erfolgreich zur Abhakmatte, und zusammen mit Christian wurde der Fisch versorgt. Ein wirklich schönes Tier, das im Wasser stur bis zur letzten Sekunde gekämpft hatte und nun lammfromm und mit kindlich erstauntem Blick vor uns lag. Die folgende Fotosession bei Minusgraden, im weichen Licht des anbrechenden Tages und mit einem kugelrunden Fisch in den Armen schien mir ein wunderbares Ostergeschenk von Madame Elbe zu sein, zumal es an der Elbe wegen der Strömung und der Steinpackung fast unmöglich ist, einen Fisch risikofrei zu hältern - wäre der Biss nur eine Stunde früher gekommen, hätte ich mich mit ein paar Nachtaufnahmen begnügen müssen!

Nach dem Frühstück beschlossen wir spontan einzupacken und in der restlichen Zeit einem anderen Gewässer noch einen Besuch abzustatten, woran die Aussicht auf einen Boxenstop mit heißer Dusche und Ostersonntagsessen bei Christians Familie sicherlich nicht ganz unschuldig war. Ein letzter Blick auf die Elbe, die schon wieder vor Spaziergängern und Hunden wimmelte, ließ mich heimlich grinsen: Vielleicht würde mich Madame Elbe ja fortan doch ein bisschen in ihr großes Herz geschlossen haben…

 
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