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carp.de | Berichte
Ausgabe 133 | 16. Februar 2010
TAKTIK

Long Range Fishing - Karpfenangeln auf weite Distanzen
Von Stefan Seuß / Dezember 2009

 

Viele Angler denken und handeln nach der Regel, der weiteste Wurf fängt den größten Fisch. Aber das ist ein Irrtum. Besonders die Uferpartie eines Gewässers ist reich an Pflanzenbewuchs und Kleinstlebewesen. Überall ist Nahrung für den Karpfen zu finden und die Uferböschung bietet zudem noch Schutz für die scheuen Bartelträger. Ich gehöre auch zu denen, die erfolgreich vor den Füßen fischen, aber situationsbedingt auch meine Köder in Entfernungen über 400 Meter anbiete. Dieses extreme Entfernungsangeln ist mit herkömmlicher Methode nicht zu bewerkstelligen.

Stefan mit einem Long Range Karpfen

Italien, ein See mit mehreren 100 Hektar erstreckt sich vor mir. Der Uferbereich ist monoton gleich tief, keinerlei Erhebungen sind auf dem Echolot sichtbar. Mit dem Fernglas erspähe ich in weiter Entfernung Pflanzen, die mit ihren Stängeln die Wasseroberfläche durchbrechen. Nach einigen Minuten rudern traue ich meinen Augen nicht. In der Seemitte erschließt sich ein riesiges Lotusblütenfeld von mehreren 100 Metern Durchmesser. Ein riesiges Flachwassergebiet voller Nahrung und vom Ufer nicht zu erreichen. Ein kurzer Blick auf mein GPS genügt und ich weiß, dass ich mich 436 Meter entfernt vom Ufer befinde. Gefühlvoll lasse ich meinen Hakenköder vor den Wasserpflanzen ab, verstreue noch einige Boilies in der unmittelbaren Nähe und rudere zurück. Nach zwei Stunden habe ich alle Köder in Entfernungen zwischen 400 und 500 Meter entlang dem Hot Spot platziert.

In den Morgenstunden geht ein leichter Ruck durch meine Rutenspitze, meine Rollenbremse ist komplett zu, der Swinger hebt sich leicht und schon sitze ich im Boot und drille mich an den ersten Karpfen aus der Weite heran. Der Elektro-Motor schiebt mich in die Ferne und ich kurble eine schier nicht enden wollende Schnurmenge auf meine Spule, bis ich den Fisch endlich am Boot keschern kann. Noch schnell ein Abschiedsbild und der Fisch kann direkt vom Boot zurückgesetzt werden. Auch in Deutschland gibt es mehrere Gewässer, wo die Hot Spots unerreichbar scheinen. In zwei großen Seen vor meiner Haustür verläuft eine mit Muscheln überwucherte Sandbank in mehr als 300 Metern Entfernung vom Ufer. Erfolgreiches Angeln in dieser Entfernung erfordert einige Veränderungen im Gerät und der Montage.

Weitenjäger
Das wichtigste bei der Entfernungsangelei ist der Köderkontakt und natürlich letztendlich der Kontakt zu dem gehakten Karpfen. Dies ist nur mit geflochtener Schnur möglich, da diese keine Dehnung hat. Ich bespule meine Rollen durchgehend mit einer 0,18 mm Geflochtenen, nur die letzten 20 Meter vor dem Köder bestehen aus monofiler Schnur (Schlagschnur) der Stärke 0,40-0,50 mm. Diese ersten Meter Schlagschnur sind sehr wichtig, da diese vor Muscheln und scharfkantigen Steinen schützt und durch ihre Dehnung den Haken im Fischmaul auch bei stärkstem Druck nicht ausschlitzen lässt. Die Geflochtene hat einen weiteren Vorteil, sie hat bei gleicher Tragkraft einen viel geringeren Durchmesser als Monofile und so kann die Spule ihrer Rolle fast die dreifache Menge an Schnur aufnehmen, als das bei Mono der Fall wäre.

Leere Rollen beim Entfernungsfischen.
Geflochtene Schnur macht es möglich

Hohe Gewichte
Bleie, die beim Wurfangeln zum Einsatz kommen, kann man ganz getrost vergessen. Ab einer Angeldistanz von 200 Metern sollten Bleigewichte ab 200 Gramm verwendet werden. Geht es über 400 Meter hinaus kommen Gewichte über 300 Gramm zum Einsatz. Der Sinn eines solch schweren Bleis liegt darin, dass der Köder auch am gewählten Platz liegen bleibt und nicht beim Spannen der Schnur verzogen wird. So kann am Ufer genug Druck aufgebaut werden und es entstehen keine lästigen Schnurbögen zwischen Köder und Angler. Meine Swinger habe ich mit zusätzlichen Bleigewichten ausgestattet, um einen maximalen Druck auf die Schnur auszuüben. Die Bleie befestige ich an Safety Clips, diese geben das Blei frei, sobald es sich in einem Hindernis verhakt.

Selektive Köder
Mehrere Montagen in die Ferne schleppen ist wahre Arbeit und erfordert Zeit, deshalb ist es wichtig, bei der Wahl des Köders darauf zu achten, dass dieser eine bestimmte Härte und Größe hat und so Weißfische als Beifang weitgehend ausscheiden.

Steife Vorfächer
Beim Angeln in Wurfentfernung kann man beliebig oft die Montage kontrollieren, bei diesen langen Distanzen mache ich es nur alle 24 Stunden. Aus diesem Grund verwende ich sehr steife Vorfächer aus monofiler Angelschnur oder ummantelte geflochtene Vorfächer. So erziele ich eine perfekte Köderpräsentation und einen sicheren Selbsthakeffekt. Krebse und Weißfische haben keine Chance das steife Vorfach zu verwickeln und funktionslos zu hinterlassen.

 

Immer wieder spannend: Bootsdrill

Ausbringen der Montage instehenden Gewässer und im Fluss
Das Ausbringen der Köder im See unterscheidet sich von der Long Range Fischerei in Fließgewässern. Mit den Faktoren Wind und Wellenschlag hat man meist in Seen zu kämpfen, im Fluss ist es die Strömung und das Treibgut, die das Entfernungsangeln erschweren. In stehenden Gewässern kann die Montage nur sicher ausgebracht werden, wenn man die gesamte Angel mit ins Boot nimmt, den Futterplatz anfährt, den Köder ablegt und dann mit ablaufender Schnur direkt auf den Uferplatz zurück steuert. Beim Rudern halte ich die Rute zwischen den Knien, beim Fahren mit Motor halte ich die Rute in der Hand und bremse den Schnurablauf, um Schnurbögen zu vermeiden. Hat man stärkeren Wellengang, empfiehlt es sich die Rutenspitze auf der Rückfahrt ans Ufer unter die Wasseroberfläche zu halten, damit nicht mehr Schnur als nötig von der Spule gleiten kann. Umso gespannter die Schnur auf dem Rückweg von der Rolle läuft, desto weniger muss am Ufer nachgespannt werden.

Im Fluss muss nach dem Ablegen des Köders die Strömung einkalkuliert werden. Es empfiehlt sich nach dem Ablegen erst ein gutes Stück gegen die Strömung wieder hinauf zu rudern und einen Schnurbogen entstehen zu lassen. Diesen mit der Strömung abtreibenden Schnurbogen kann man dann vom Ufer aus gut einkurbeln bis direkter Köderkontakt besteht. Eine weitere Möglichkeit ist Teamarbeit. Während der eine Angler die Montage mit dem Boot im Fluss hinausbringt, hält der andere die Rute am Ufer hoch über die Wasseroberfläche und lässt die Schnur unter Spannung ablaufen. Wenn der Bootsmann am Spot angelangt ist, gibt er dem Uferangler ein Zeichen, dieser unterbricht den Druck, bis der Köder am Grund angelangt ist und nimmt dann sofort Köderkontakt auf.

Im Fluss empfiehlt es sich die Ruten sehr hoch zu stellen, damit möglichst wenig Wasserdruck auf die Lang-Leine wirken kann. Wegen der hohen Hängergefahr im Fluss benutze ich bei dieser Angelei fast nur Steine als Bodengewicht. Diese verwende ich in Gewichten bis zu einem Kilo. Den Stein fixiere ich mit einem Kabelbinder, welcher durch eine 0,18 bis 0,20 mm Mono-Reißleine mit meinem Clip verbunden ist. So habe ich genug Gegengewicht zum Spannen der Montage und bei einem Biss verabschiedet sich der Stein und ich kann den Fisch frei drillen.

Ein Schuppi aus über 430m Entfernung

Alles im Boot
Mein Boot ist bei dieser Angelei perfekt organisiert. Alles was ich brauche ist wasserdicht verpackt in kleinen Mengen im Boot vorhanden. Ködernadel, Boiliestopper, Ersatzblei, zwei bis drei neue Vorfächer und einige Wirbel. Mit dieser Notausrüstung kann ich mitten auf dem Wasser die Montage erneuern oder verändern. Ein Echolot für die Bodenbeschaffenheit und ein GPS Gerät für die Angelplatzmarkierung und das sichere Zurückfinden des Ufers bei Nacht sind unverzichtbar.

Kescher und Abhakmatte liegen ebenfalls im Boot, denn selten wird ein Karpfen, der in großer Entfernung beißt, vom Ufer gedrillt. Ratsam ist es sich mit dem Boot auf den flüchtenden Fisch hinzu zu bewegen und diesen vom Boot zu Keschern. Hierbei sind Elektro-Motoren eine sehr große Hilfe. Der Motor übernimmt den Antrieb und der Angler hat beide Hände für den Drill und die Landung des Fisches zur Verfügung.

Vorsichtsmaßnahmen
Wer sich auf großen Gewässern mit dem Boot bewegt, sollte immer auch an die eigene Sicherheit denken. Ich benutze automatische Schwimmwesten, diese sind sehr angenehm zu tragen und man kann diese sehr schnell umlegen. Bei dieser Angelei muss einem auch klar sein, dass man eine riesige Menge an Schnur unter der Wasseroberfläche bis hin zum Köder gespannt hat. Schleppangler und Wassersportler könnten sich darin verfangen. Um diesem Ärger aus dem Wege zu gehen, ist es ratsam die Schnur nach dem Auslegen am eigenen Ufer mit einem Absenkblei auf den Grund zu legen. So können selbst motorisierte Boote dicht am Ufer vorbei fahren, ohne die Montage zu gefährden.

Stefan Seuß

 
 
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