Allein mit Freunden
Die Luft und das Wasser kühlten sich ab, Wolken zogen am Novemberhimmel auf, raubten mir die Sterne und kündigten Regen an für die Nacht. Ich blickte auf meine Ruten und auf mein Zelt und dachte, da fehlen andere Ruten und ein anderes Zelt. Georg fehlte. Ich war zu meinem letzten Ansitz im vergangenen Jahr am See. Für Georg und mich wäre das der erste Gemeinsame seit vielen Jahren gewesen. Nachdem das Leben uns in verschiedene Ecken Deutschlands geführt hatte, fanden wir endlich Zeit für ein Wiedersehen am Wasser. Ich hatte an einigen Morgen vorgefüttert, um die Fische am Tage zum Fressen zu bitten. Und dann, einen Tag vor unserem Treffen, wurde die Befürchtung Gewissheit, dass wir uns nicht wiedersehen. Georgs Frau war erkrankt. Und in solchen Momenten weiß man, dass das Fischen zwar eine Leidenschaft sein kann, aber sich das Leben nicht darin erschöpft. Es gibt Wichtigeres.
Ich stand am Wasser, sog die kühlfeuchte Luft in meine Lungen ein und sah wie sie, von meinem Blut erwärmt, aus mir wich. Ich fröstelte. Eigentlich wäre der Augenblick zum Einpacken gekommen. Du hast an diesem See ein besseres Jahr erlebt, als du es dir erträumt hattest, dachte ich. Hast Fische gefangen, die schwerer waren als alle Fische zuvor und selbst heute, an diesem kalten Novembertag, begann dein Ansitz mit zwei Bissen und zwei gelandeten Fischen. Kräftigen Spiegelkarpfen, die die Futterstellen angenommen hatten. Von außen betrachtet schien es keinen besseren Moment zu geben in die Winterpause zu ziehen; in mir drin aber wühlte eine Melancholie, die nur hier am Wasser beruhigt werden konnte. Wie gern hätte ich diesen Tag mit Freunden geteilt.
Es sind nicht die einzelnen Fische, die mir Glück bringen, sondern Freunde, die dabei sind, wenn die Fische gefangen werden. An diesem See hatte ich dieses Glück erlebt. Nach elf Jahren hatten Florianus, Bahati und ich uns wieder gemeinsam am Wasser getroffen, an diesem See an der bayerisch-hessischen Grenze. Jeder von uns zog Karpfen in seinen Kescher. Jeder half dem anderen, die Fische zu wiegen, abzulichten und sie wieder in ihr Element zu entlassen. Und mit Georgs Besuch sollte das Jahr an diesem See in einem perfekten Moment enden.
Das Boot lag auf einem gelb-orangen Teppich aus Birkenblättern. Der Wind hatte es ins Schilf gedrückt, kleine Wellen brachen am Rumpf. Ich goss Wasser in einen Topf, kochte mir Tee auf der blauen Gasflamme. Im Stuhl vor meinem Zelt sitzend las ich und wärmte mich. Georg rief an: „Und", fragte er, „wie is' es?"
„Du hättest mindestens einen Fisch schon gehabt, beide Futterstellen schlugen an", sagte ich.
„Die fange ich noch. Da werden wir noch zusammen fischen", sagte Georg. „Sieh mal zu, dass du noch einen Dicken kriegst."
Die Buchseiten wurden klamm. Ich sah auf die Uhr, es war noch nicht zehn, doch mein Körper sehnte sich nach Wärme und Schlaf. Ich rollte eine Fleecedecke auf der Liege aus, darauf meinen Schlafsack und darüber eine Überdecke. Meine Stiefel standen so vor der Liege, dass ich mit einem Dreh in sie hineinschlüpfen und rasch zu den Ruten eilen konnte, wenn ein Biss käme. Es nieselte, als ich mich schlafen legte.






