LK-Baits

Der Geist und die Dunkelheit

Von Rouven Meierjohann / Januar 2012

Auf leisen Sohlen taste ich mich vorwärts in Richtung Ufer. Ich versuche jedem noch so kleinen Stöckchen, jedem vertrockneten Blatt, jeglicher potentiellen Geräuschquelle auszuweichen und unsichtbar zu bleiben. Meine nackten Füße schmiegen sich dem verdörrten, erdigen Boden nahtlos an. Ich höre lediglich meinen Atem und das Zwitschern einer Meise. Vorsichtig beuge ich mich über den kleinen Busch, der halb ins Wasser rankt und meinen Blickwinkel einschränkt.

An sisem Wasser stieß buchstäblich an meine eigenen GrenzenZwei Wasserläufer liefern sich augenscheinlich eine Verfolgungsjagd und schießen rasant durch die Uferpartie. Doch ihretwegen bin ich nicht hier. Ich bin auf der Suche nach zwei Kreaturen, die mich seit etlicher Zeit in ihrem Bann halten. Ein leichter Strudel durchbricht stumm die glatte Wasseroberfläche. Mehrere dunkle Schatten schweben langsam vor meinem Sichtfeld durch das flache Wasser. Die pralle Mittagssonne brennt mit ihren Strahlen durch wenige Lücken der dichten Eichenblätter und erhellt einzelne Flecken auf der ansonsten tiefbraunen Fläche.

Sie müssen hier sein, irgendwo, es ist ihre Welt! Und tatsächlich, ein heller Schleier folgt in einigem Abstand den anderen schwarzen Konturen. Sie sind es! Zwei unverwechselbar schöne Geschöpfe. Es sind keine Kois, sondern richtige Albinokarpfen und sie wiegen sicherlich nicht einmal sieben Kilo. Ihre weiß- gelbliche Farbe verleiht ihnen eine unbeschreibliche Anziehungskraft, die mich immer wieder fesselt. Ich fühle mich wie Kapitän Ahab, wenn er Moby Dick erspäht, wie ein Jäger, der seinen weißen Hirsch erlegen muss. Wie oft schon saß ich an diesem gerade mal zwei Hektar großen See?

Wie oft schon beobachtete ich die Beiden bei ihrem Sonnenbad? Wie oft schon war ich ihnen auf den Fersen und sehnte sie auf meinen Armen? Jedes Jahr komme ich viele Male an diesen kleinen See, um vielleicht auch nur einen von ihnen einmal zu fangen, zu überlisten, zu berühren. Aber diese beiden alten Fische scheinen unfangbar zu sein. Ich begann meine Karpfenangelei vor ungefähr neun Jahren an diesem überschaubaren Idyll und konnte damals bereits das weiße Pärchen des Öfteren beobachten. Sie scheinen ihr Größenpotenzial in diesem kleinen Waldsee erschöpft zu haben und bewegen sich nun schon einige Jahre in ihrer derzeitigen Gewichtsklasse.

Auch wenn es nicht einer der Albinos ist zaubert dieser Fisch ein Lächeln in mein GesichtKleine, schlanke Schönheiten, ein Schuppi und ein Spiegler. Manchmal sieht man sie zusammen, oftmals streifen sie aber auch allein umher. Ob sie mit den anderen, normalen Karpfen fressen oder allein weiß ich nicht genau, da ich sie lediglich beim Sonnenbad zu Gesicht bekam. Ansonsten sind sie verschwunden, in den kakaobraunen Tiefen des Sees. Kein Anzeichen, wo sie fressen könnten, keinerlei Wegweiser, kein Fehler ihrerseits, kein Hoffnungsschimmer, NICHTS! Ich glaube, ich habe bisher jede erdenkliche Methode und jeden Köder ausprobiert und meine Fallen auf jedem Zentimeter des Seegrundes abgelegt, um doch noch als Sieger davon zu gehen.

In den Sommermonaten versuchte ich, sie auf Sicht mit Schwimmbrot zu erwischen. Da sie dieses aber nicht akzeptierten, stalkte ich mit Grillen, Heuschrecken und kleinen Würmern, die sie zwar begutachteten, aber letztendlich auch verschmähten. Das Problem bestand zudem darin, dass sie extrem scheu sind und bei den kleinsten Anzeichen einer Störung die Flucht ergreifen. Die Annäherung muss also sehr vorsichtig und langsam geschehen und kann nur aus dem Schattenbereich erfolgen. Ich fing viele der übrigen Karpfen nahezu immer an denselben Stellen.

Da ich der Meinung bin, dass meine beiden auserkorenen Ziele allein oder höchstens zu zweit fressen, fischte ich Bereiche des Sees, wo ich vorher noch keinen der restlichen Rüssler erwischte. Beispiele im Tierreich zeigen deutlich, dass Albinos oftmals von ihren Artgenossen ausgestoßen werden und die artinterne Hackordnung sie nach hinten drängt. In Folge dessen bestückte ich jede Rute lediglich mit einem kleinen Einzelköder und legte sie ohne Beifutter ab. Ich bevorzugte unscheinbare Plätze, in deren Nähe ich die Beiden schon öfters gesehen hatte. Normalerweise widerspricht die Logik meinem Vorgehen, da diese zwei Fische ja ebenfalls nur Karpfen sind und eigentlich an denjenigen Stellen fressen müssten, wo der Rest des Bestandes auch seine Nahrung findet. Diese allgemeinen Hot Spots bestanden überwiegend aus überhängenden Büschen und einem im Wasser liegenden Baum.

Die restlichen Bewohner des Sees kannte ich bereits persönlichHingegen aller Hoffnungen konnte ich sie mit dieser Methode jedoch nicht überlisten und wenn ich Aktionen hatte, dann war es wieder ‚nur' einer der dunklen „Restfische". Die Not macht erfinderisch und schränkt in vielen Fällen auch den Verstand ein... In meinem Kopf entwickelten sich nach und nach die wildesten Ideen und Fantasien. Es musste einfach klappen, einen der Beiden zu fangen!

Ich überlegte mir eine Strategie, die eher wie ein Ablenkungsmanöver funktionieren sollte. Da die anderen Fische in diesem kleinen See eine große Masse bilden und außerdem sehr gierig in ihren Fressaktivitäten agieren, war es nahezu unmöglich, dass eine meiner favorisierten Schönheiten die Chance bekam, den entscheidenden Brocken einzusaugen. Zudem hielt ich sie für Einzelgänger und glaubte nicht daran, dass sie mit der Mehrheit ziehen würden. Nun ging ich von der These aus, dass die Albinos ebenfalls an den natürlichen Fressplätzen, wie dem umgekippten Baum und den ins Wasser ragenden Büschen ihre Nahrung suchen würden, nur halt zu unterschiedlichen Zeiten als die übrigen Karpfen.

Ich legte an zwei dieser produktiven Stellen, die mir zuvor bereits einige Kämpfer bescherten, größere Futterplätze an. Mit großen Partikelmengen versuchte ich so viele Fische wie möglich an diese Plätze zu locken und eventuell auch dort zu halten. An einem dritten natürlichen Spot legte ich schließlich die für mich entscheidende Falle aus. Ich erhoffte mir, dass sich die größte Masse des Bestandes an den beiden „Futterkrippen" bediente und zwar über einen längeren Zeitraum, so dass ich vielleicht die Fressphase meiner beiden Auserwählten an dem anderen Platz abpassen könnte, um somit doch noch einen von ihnen in den Händen halten zu können. Natürlich hat es nicht geklappt, denn die Mehrheit der Fische formierte sich hingegen meiner Erwartungen nicht zu einer wild fressenden Horde, sondern teilte sich schön auf alle Futterplätze auf. Ich fing also auch auf meiner nicht gefütterten Stelle lediglich „normale" Karpfen. Es folgten noch einige weitere kläglich scheiternde Versuche, die beiden Albinos in meinen Kescher zu führen. Gedankengänge jagten Gedankengänge, jedoch blieben sie allesamt erfolglos...

An anderen Gewässern versperrten mir lediglich meine Haare den Durchblick wie hier am Cassien mit einem 16 Kilo TrostpflasterNun hocke ich hier trotzdem wieder. Bestaune diese beiden außergewöhnlichen Fische. Wie scheu sie sich durch das Wasser bewegen und wie grazil ihre Flossenschläge sie nach vorne treiben. Die anderen Karpfen wirken regelrecht plump dagegen. In diesen Minuten sage ich mir dann, dass ich sie doch jederzeit haben kann. Ich brauche lediglich an diese Ufer zu fahren, wo kein anderer Mensch außer einiger weniger Pilzsammler und Hundespaziergänger mein Treffen mit den Beiden stört.

Ich kann sie in vielen Situationen beobachten und ihre Einzigartigkeit genießen. Ich brauche für mich kein Erinnerungsfoto, die Erinnerung ist in meinen Gedanken. Dieses Mal gebe ich mich geschlagen, man gewinnt in diesem Spiel halt nicht immer. Viel zu oft geht man doch als Sieger hervor und zerstört sich somit in gewisser Weise manche seiner eigenen Träume. Jeder größere Erfolg beendet auch stets einen Zeitabschnitt, den man oftmals gar nicht missen möchte. Fortschritt fordert Opfer!

Der Geist und die Dunkelheit sind hingegen ihrer beiden Vorbilder aus dem gleichnamigen Film, letztendlich nicht bezwingbar. Sie repräsentieren für mich noch einen Teil des Wilden, des dem Menschen Ebenbürtigen, vielleicht sogar etwas Überlegenes. Ich erkenne dies an und ziehe mich zurück aus ihrer Welt, diesem kleinen Stück Unberührten und verweile dennoch mit einem Lächeln im Gesicht im Schatten meiner Niederlage. Auf ein Wiedersehen, hoffentlich bald...

„Ein tiefer Fall führt oft zu höherem Glück."

William Shakespeare

Rouven Meierjohann