Morning Glory
In vielen Gewässern gibt es sie, diese Vielfraße, die scheinbar immer wieder auf unsere Köder hereinfallen und so einige Alben schmücken. Nicht selten sind es sogar die größeren, wenn nicht dicksten Fische eines Gewässers, die sich gerade dadurch auszeichnen, besonders oft auf unseren Matten zu landen. Natürlich, diese Karpfen sind theoretisch gesehen leichter zu fangen als manch anderer und doch baut man gerade zu den Fischen, die man öfter fängt nahezu einen persönlichen Bezug auf, zumindest verhält sich das bei mir so.
2002 beispielsweise begann ich an einem See in meiner Nähe zu fischen. Mein erster Fisch dort war ein Spiegler mit immerhin 23Pfund. Vor wenigen Wochen war ich seit langem mal wieder an den Ufern dieses Wassers und als ich im Morgengrauen einen schönen Spiegler mit 26Pfund auf die Matte legte, dachte ich nur: „Den Fisch kennst du doch!". Und tatsächlich, es war mein erster Karpfen aus diesem See, der mich ein zweites Mal besuchte. Er war in bester körperlicher Verfassung und sogar noch gewachsen. Ein Grund zur Freude für mich, diesen Fisch ein weiteres Mal wohlbehalten in sein Element entlassen zu dürfen. Nicht umsonst tragen die Fische im Cassien, auf der Insel oder auch bei uns Namen. Meiner Meinung nach ein Zeichen von Respekt...
Sicher, Wiederfänge sorgen nicht immer nur für Freude. Auch mir ist es schon passiert, dass ich einen Fisch ein zweites oder gar drittes Mal in schlechterer Verfassung oder mit entscheidend niedrigerem Gewicht gefangen habe. Auch kann der häufige Wiederfang von Fischen in einem Gewässer schnell die Illusion von der erhofften Bestandsgröße zerstören.
Im Folgenden möchte ich jedoch über ein besonderes Beispiel eines Wiederfangs und über einen für mich sehr besonderen Fisch sprechen. Ein Zielfisch mit dessen erneutem Fang ich mir mein Ziel dennoch nicht verwirklichen konnte, ein Fisch, der eine Freundschaft auf die Probe stellte und im Endeffekt festigte, ein Fisch, den ich nun schon das dritte Mal vor die Linse halten durfte und der mich doch nicht zu mögen scheint...
Das erste Mal begegneten wir uns 2001. Damals startete ich an einem neuen Gewässer über das ich mir einiges an Informationen einholte. Für meine Mühen wurde ich gleich in der ersten Nacht belohnt - mit einem fetten Graser mit 1,02 Meter und 32 Pfund. Keine drei Nächte später, Ende Mai, andere Stelle, 22:45 Uhr, fing ich ihn dann das erste Mal: einen urigen, fetten Spiegler mit satten 38 Pfund. Dieser Fisch war damals mein Personal Best und wegen seines tiefschwarzen Maulinneren nannte ich ihn Black Mouth. Viele Nächte verbrachte ich in nächster Zeit hier. Gerade Abi in der Tasche und noch reichlich Zeit bis zum Zivildienst – so konnte ich noch viele Fische fangen. Es dauerte keine drei Monate bis wir uns das zweite Mal sahen, selber Bait, selber Spot, selbes Gewicht: 19 kg. Nur die Uhrzeit war eine andere: 7:30 Uhr. Nach meinen derzeitigen Informationen war es der größte Fisch des Jahres an diesem Gewässer, wenn nicht der Größte der letzten Jahre. Ein Fisch über 20kg war mir aus diesem Wasser nicht bekannt.
Nach diesem sehr erfolgreichen Jahr an diesem Gewässer wendete ich mich erst mal anderen Pools zu und so dauerte es bis Mitte 2003, dass ich mir wieder eine Jahreskarte für den See kaufte. Einer der Gründe, abgesehen von der Menge herrlicher Fische, die man hier fangen kann: Black Mouth wurde wieder gefangen und das gleich zwei Mal, von zwei verschiedenen Karpfenanglern. Das Besondere: beim ersten Wiederfang hatte er nicht weniger als 41,5 Pfund und beim zweiten gar 42 Pfund! Es war schon vorher abzusehen, doch inzwischen hatte er tatsächlich die 20 kg geknackt!
Insgesamt war ich 2003 nur selten dort und auch wenn ich einige Fische fangen konnte, Black Mouth war nicht dabei. 2004 hatte ich eigentlich ganz andere Ziele und Black Mouth oder besser gesagt sein Heimatgewässer standen nicht auf dem Plan. Ich hatte mir einen anderen Dicken zum Ziel gesetzt und machte es mir zur Hauptaufgabe, sein Heimatgewässer zu knacken. Im Nachhinein kann ich es selbst kaum glauben, doch erreichte ich alle meine Ziele schon bis Mitte August. Durch sehr viel Glück, noch mehr Aufwand und eine scheinbar ganz gut funktionierenden Taktik fing ich nicht nur meinen Zielfisch mit neuem Höchstgewicht, sondern sogar einen zweiten, mir bis dato völlig unbekannten Vierziger und einige Dreißiger, ganz zu schweigen von den etlichen wunderschönen Zwanzigern an diesem Gewässer.
Es war viel besser gelaufen als ich es mir erträumt hätte und da ich alles erreicht hatte, was ich mir vornahm und noch mehr, konnte ich erst mal einen Gang zurück schalten. Somit ging ich wieder öfter aus Gründen der Geselligkeit ans Wasser und dabei in erster Linie mit meinem guten Freund Christian, der ebenfalls eine sehr erfolgreiche Saison hatte. Gemeinsam wandten wir uns wieder dem See zu, in dem auch Black Mouth seine Bahnen zieht. Christian hatte hier den größten Teil des Jahres gefischt und war dabei unglaublich erfolgreich, auch wenn ihm einer der ganz Dicken noch verwehrt blieb. Ich bezweifle aber, dass es viele Fotoalben gibt, die so viele herrliche Zeiler und Fully Scaled über 10 kg beinhalten, wie sie Christian allein in diesem Jahr fangen konnte. Auch wenn es mir inzwischen in erster Linie auf die Ruhe und Ungestörtheit am Wasser ankam, so spukten mir doch so einige Gedanken an Black Mouth und die Möglichkeit ihn tatsächlich mit 20 kg plus zu fangen durch den Kopf. Doch diesen Wunsch auszusprechen, wagte ich nicht, denn das wäre bei all meinem anglerischen Glück in diesem Jahr wirklich zu viel verlangt, obwohl...
Es war Mitte Oktober und ich hatte die erste Nacht mit einem schönen Spiegler von 19 Pfund und einem Fischverlust zwar nicht gut, aber durchaus zufrieden stellend abgeschlossen. Christian würde am Nachmittag kommen und wir wollten die zweite Nacht gemeinsam fischen und dabei noch mal so richtig Gas geben. Wer den Herbst nicht intensiv nutzt, ist selber Schuld.
Wir gaben Gas! Die Taktik, unsere Ruten verteilt auf den Pötten „straßenförmig" abzulegen und mit besten Crustea-Boilies von Danish-Delight in unterschiedlichen Größen reichhaltig zu füttern, brachte uns bis zum Morgengrauen 6 Läufe und 5 Fische zwischen 18 und 26Pfund!
Wir begannen den Tag mit Baileys-Cappucino, guter Musik (von Clueso, für die Kenner unter euch) und einer perfekten Fotosession im Licht einer wunderschönen, orange-golden aufgehenden Sonne.
Nachdem sie abgeräumt wurde, hatte ich die letzte Rute gar nicht mehr geworfen und so war ich nur noch mit einer im Rennen als sich Christians mittlerer Stock mit einem Vollrun meldete. Schnell war die Spiegelreflex fertig gemacht, um das Ereignis entsprechend festzuhalten und noch während ich blinzelnd durchs Okular glotzend mit Christian typischen Drill - Smalltalk hielt, meldete sich seine rechte Rute mit einem Drop Back. So kam es, dass wir zu zweit mit stark gekrümmten Ruten (ich meine Karpfenruten!) auf dem Steg standen, umgeben von nebelverhangenem Wasser und in goldenes Licht getaucht von einer gerade steigenden, herrlich runden Oktobersonne. Alleine dieses Erlebnis war es wieder mal wert!
Beide Fische gaben mächtig Gas und wir mussten öfter die Seiten wechseln, um möglichst effektiv zu drillen. Meiner gab sich zuerst geschlagen und als sich endlich die Maschen des Keschers unter seinen massigen Leib führen ließen, war zumindest schon mal eines klar: fette Beute! Den zweiten Kescher hatten wir nicht aufgebaut, so stellte sich Christian mit einem Fuß auf den Kescherstab während der Fisch ruhig unter dem Steg hing und ich den zweiten Kescher fit machte, um dann gleich Christians Fisch zu sichern: noch ein Biggie! Schnell nässte ich die Matten und schon konnten zwei fette Karpfen an Land gehievt werden. Anschließendes Wiegen und Betrachten ergab folgendes: Traumspiegler mit 31 Pfund für Christian und Black Mouth mit 39 Pfund für mich!
Naja, eigentlich sollte ich doch vor Freude ausrasten, hatte ich mir doch diesen Fisch stillschweigend gewünscht. Wirklich freuen jedoch konnte ich mich nicht. Schließlich hatte ich ihn nicht an meiner, von mir präparierten und geworfenen Rute, sondern an Christians gefangen. Und zu allem übel wäre es noch Christians Personal Best gewesen.
Abgesehen davon hatte dieser gewisse Dicke noch vor nicht allzu langer Zeit deutlich über 20 kg und obwohl ich mich darüber freuen sollte, ihn in perfekter Verfassung, schön wie nie und vor allem kerngesund, ein weiteres Mal auf den Arm nehmen zu dürfen, wurmten mich diese 500 Gramm schon sehr (Scheiß Gewichte, warum messen wir unsere Fische nicht bloß, dann ist es wie im normalen Leben: der mit dem Längsten ist der King). Auch wenn das nie mein Grundsatz war: Sometimes size does matter!
„2001 fing ich dich innerhalb von drei Monaten zweimal mit unverändertem Gewicht. Dann wirst du gleich zweimal mit 20 kg+ auf die Matte gelegt, nur um dann an der Rute eines Freundes ein weiteres Mal zu beißen und wieder unter Vierzig zu wiegen?! Du wusstest das Christian bereits drillt! Das war alles geplant, nur um mir eins auszuwischen. Wahrscheinlich hast du extra für mich abgenommen!" OK, ich weiß, jetzt geh ich zu weit, aber die Hoffnung Black Mouth mit über 20 kg zu fangen habe ich aufgegeben. Er will es nicht!
Im Endeffekt freu ich mich doch riesig über den Fang und noch viel mehr über das Erlebnis, denn der Erfolg war Resultat perfekten Teamworks zwischen Christian und mir. Wir haben uns die Fische gemeinsam erarbeitet, auf gemeinsam gerollten Boilies gefangen und sogar nach gemeinsamem Drill gekeschert. Christan kann Black Mouth genauso für sich verbuchen wie ich es kann und auch wenn Karpfenangeln das „Ego-Fucker" Hobby schlechthin ist, Freundschaft ist möglich und geteilte Erlebnisse sind die schönsten, denn das ist es, worauf es letztendlich ankommt. Dicke Fische kann jeder fangen, der etwas Sachverständnis mit Glück paart, doch wer aus einer Situation wie der beschriebenen nicht im Streit auseinander geht, sondern die Freundschaft noch festigt, der weiß worauf es ankommt!
Wir sind alle extrem, extrem krank, extrem verbissen, unheilbar krank und doch gibt es Wesentlicheres als Karpfenangeln!
Echte Freunde und viele Wiederfänge gesunder, dicker Karpfen wünscht euch,
Christopher Paschmanns
(gewidmet meinem besten Freund, Matthias Junker 19.03.82-18.07.04; „Du bist da!")






