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Wer den größten Aufwand hat...

Von Christian Münz / Dezember 2012

Hinter all den grinsenden Gesichtern in den Angelmagazinen mit vorgelagerten Mordsschuppis und Superspieglern verbirgt sich meist weit mehr als der Köder der Marke X oder die Rute der Marke Y. Kontinuierliche Topfänge basieren immer auf enormem Aufwand, dass wissen die meisten. Doch die wenigsten berufen sich in ihren Neidausgüssen auf diese Tatsache. Mit den folgenden Zeilen möchte ich Einblick gewähren in meine Angelei, meine persönlichen Ziele und insbesondere in meine vergangene Saison, die zumindest nach meinen bescheidenen Ansprüchen sehr erfolgreich war. Meine Erfolgsdefinition bewegt sich in anderen Sphären als die der sogenannten Großen der Szene, doch geht es mir um das Wesentliche, um mein persönliches Glück.

Mein See. Mein Pod. Meine Karpfen. Alles muss zusammen passen!Im vergangenen Jahr habe ich nicht viele Fische gefangen, doch die Richtigen waren dabei. Am Anfang des Jahres sah jedoch alles noch ganz anders aus, stand doch eines definitiv fest: Viel Zeit sollte ich am Wasser wegen meiner Arbeit nicht verbringen können. Dennoch hatte ich klare Ziele vor Augen und um diese zu erreichen, wollte ich so sehr wie nie in eine perfekte Vorbereitung investieren. Ich würde mehr Zeit zu Vorbereitungszwecken am Wasser verbringen als beim eigentlichen Angeln... Dass man manchmal trotz „Masterplan" das Ruder nicht reißen kann, zeigte sich bereits Anfang des Jahres, also fangen wir chronologisch an...

 

Der Winter ist hart, auch am Cassien
Anfang Januar 2005. Drei durchgefrorene Deutsche donnern im Galaxy über die Grenze, zurück in deutsche Lande. Hinter ihnen liegen zwei kalte Wochen am südfranzösischen Cassien. Felix, Christopher und ich verlebten einige schöne Tage an unserem Traumsee, feierten Weihnachten und Sylvester dort, lernten Klaus kennen und hatten Spaß. Doch entsprachen unsere Resultate nicht unseren Erwartungen. Eine perfekte Planung, beste Selbstgerollte, gute Informationen und gute Stellen... Das alles half uns nicht weiter bei nur sechs Grad Wassertemperatur in allen Tiefen und ohne Sonne im Steilufer und später im Kühlschrank. Es blieb uns nur zu hoffen, dass wir in den kurzen und wenigen Fressphasen der Fische den einen oder anderen abgreifen würden.

Meine Kampagne verschlang 30 kg teure Köder und etliche Liter Benzin. Doch zwei Zielfische an einem Wochenende waren der Dank: Einauge mit 16 kg und einem Meter Länge und...Tatsächlich sollte ich nach Tagen der Zweifel, in sternenklarer aber sturmgepeitschter Nacht und bei elender Kälte, gekleidet in Schießer-Feinripp, den Kescher unter meinen ersten Cassien-Spiegler führen und der hatte gleich 17,5 kg! Na ja, er sollte auch der Einzige für mich bleiben... Chris hatte am Ende zwei schöne Spiegler auf der Habenseite, doch das war es dann auch für uns. Die Zeit dort möchte ich nicht missen, doch dass schlechte Ergebnisse weckte meinen Ergeiz. Euphorisch steckte ich mir Ziele für die anstehende Saison, die ich wahrscheinlich in den kommenden drei Jahren kaum verwirklichen könnte, doch lieferten sie die nötige Motivation für ein geiles Jahr!

 

Der Mai sollte mein Monat werden
Das Frühjahr verstrich für mich leider eher ereignislos. Während Christopher sich schon sehr erfolgreich an den flachen Torfstichen durchsetzte, verschwendete ich meine Zeit an einem Baggersee, fing kleine Spieglerchen und schmachtete nach mehr in den arbeitsreichen Wochenstunden. Doch der Mai sollte mein Monat werden und ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Früh entschied ich mich für einen circa 40 Hektar großen Torfstich mit ausladenden Seerosenfeldern. Chris brachte mich 2001 an dieses Paradies und ich fing hier in den Jahren unzählige bildschöne Fische. Auch den Größten des Sees konnte ich 2004 fangen, doch gab es hier noch zwei sehr alte Fische, die mir fehlten: Der große Leder und Einauge. Der große Leder zog jahrelang ungefangen an uns vorbei, bis Benni ihn im späten Herbst 2004 in einer nebligen Nacht auf die Matte legte. Chris und ich fotografierten das urige Geschöpf und beide waren wir fasziniert und absolut sicher: Den müssten wir auch haben!

Christopher erfüllte sich den Wunsch schon im Mai des Folgejahres. Einauge glaubten wir lange tot, sah er doch beim letzten Fang aus, als würde er keinen Tag mehr schaffen und wir konnten den letzten Fänger nur mit gutem Zureden davon überzeugen, das Tier nicht zu töten! Dann jedoch, ein Jahr später, wurde er erneut gefangen, sah wunderbar aus, die Wunden waren verheilt und der genau einen Meter lange Fische brachte gar noch 2 kg mehr auf die Waage als sonst: 17 kg. Diese beiden Traumfische in Gedanken startete ich Anfang Mai eine Kampagne von enormem Aufwand. Während dieser Zeit musste ich viel und lange arbeiten und mein Zielgewässer lag nun wirklich nicht auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle.

...und der zweite Streich: Frogger mit 21 kgDemnach fuhr ich abendlich von der Arbeit heim, warf etwas zu essen ein, schnappte mir einen prall gefüllten Futtereimer, Wathose und Futterkelle und heizte mal eben die Kilometer zum Wasser ins Land. Dort angekommen marschierte ich circa zwei Kilometer durch Schlamm und Wald, stapfte an geeigneter Stelle in den flachen Pool und begann meine ausgewählten Plätze mit einer Mischung aus Tigers, Chili-Hanf und Crustacean-Boilies zu bombardieren.

Meine Tigernuts hatten derzeit an diesem Gewässer absolute Alleinstellung, gingen doch alle anderen nach dem Einheitsmuster „Wurfrohr raus, Boilies rein" vor. Mein Futter brachte ich sehr großflächig aus, soweit die Kelle reicht in alle Richtungen, mit dem Hintergedanken, die Fische lange und breitflächig zu beschäftigen. Das Füttern, der Marsch zum Platz durch knietiefen Schlamm, Hin- und Rückfahrt, all das kostete mich jedes Mal gute drei Stunden. Zuhause war ich also wieder um zwölf Uhr nachts, um todmüde ins Bett zu fallen und morgens um 6:00 Uhr wieder im Auto zu sitzen... Bekloppt! Meine erste Session, ein klassisches Wochenende, fand dann nach vier Futteraktionen statt.

Ich will es kurz machen, das Wetter war ebenso auf meiner Seite wie eine enorme Portion Glück: In der ersten Nacht fing ich einige kleinere Fische, mitten in der zweiten Nacht legte ich Einauge auf die Matte mit 16 kg und am Morgen kurz nach der Fotosession mit Felix, folgte der Leder mit fast 18 kg! Überschwängliche Freude ist gar kein Ausdruck für das was ich empfand! Die Fische waren erarbeitet, doch bei 40 Hektar Wasser gehört schon einiges an Glück dazu, gleich zwei Ziele in einer Nacht zu erreichen, auch wenn man weiß wo sich die beiden bevorzugt aufhalten. Mit einem Hochgefühl zog ich die Kampagne weiter durch und saß voller Vertrauen am nächsten Wochenende wieder am Platz, zusammen mit Jens. Auch dieses Mal fingen wir zunächst kleinere Fische, doch brachte mir die zweite Nacht erneut zwei Dicke: Einen 15 kg Spiegler und einen kompakten Traumfisch mit 18 kg! Jetzt konnte nichts mehr schief gehen und alle Konzentrationen wurden auf meine bevorstehende Cassientour gelenkt...

 

Cassien 06 Part II
Ja, dieser See hatte es mir angetan! In den Wochen vor meiner Abreise konnte ich an nichts anderes mehr denken, als an die typischen Cassienspiegler und das lagunenfarbene Wasser des Sees. Auch wenn ich in Gedanken längst in Frankreich war, ging ich noch hier und da mit Freunden ans Wasser und hatte stets das Glück, gute Fische zu fangen. Wer so einen „Run" hat muss einfach nach Frankreich fahren, es kann nur besser werden, hieß es seitens meiner Freunde. Gerade Christopher bestärkte mich in voller Euphorie, vielleicht weil er gerade erst erfolgreich vom Cassien zurückgekehrt war, oder aber weil er ein schlechtes Gewissen hatte, da er nicht mitkommen konnte...

Mein Standard-Vorfach 20lbs Softcore, 6er C2-Haken und etwas TubeAn guter Gesellschaft sollte es aber nicht scheitern, denn, ob ihr es glaubt oder nicht, meine Schwester begleitete mich auf diesen Trip für zweieinhalb Wochen (nur um keine Woche nach unserer Rückkehr mit ihrem Freund André für einige Tage zum Salagou zu fahren...). Auch lernten wir die Jungs aus Lemgo kennen. Im Gegensatz zu deren Ergebnissen stand ich schon ziemlich blass da. Ich angelte gut und fing schlecht. Naja, mit 17 Runs wären andere sicherlich zufrieden gewesen, doch irgendwie zeigten nur die kleineren Beauties des Cassien Interesse an meinem Futterangebot. Die Carpkillers dominierten zu dieser Zeit den See und ich kann nur sagen: Respekt! Egal, ich fing einige bildschöne Zeiler und meinen ersten großen Wels.

Angie und ich verlebten im Süden eine fantastische Zeit und übermäßiger Erfolgsdruck hätte uns diese nur kaputtgemacht – letztendlich ist es ja Urlaub. Dennoch spürte ich sie erneut, die leichte Unzufriedenheit, die mich schon nach dem ersten Trip im Winter überkam und doch motivierte. Wieder in Deutschland hieß es dann auf zu anderen Wegen!

 

Neue Ufer
Ich fing an einem für mich anglerisch noch recht neuen Gewässer an. Bisher hatte ich hier in einigen ungeplanten Nächten nur einen Graser erwischt. Öfter aber lief ich hier als Fotograf auf, um die Fische meiner Freunde abzulichten. Oder ich wohnte einer der legendären Socialsessions bei und lauschte den Mythen über die wenigen Urfische dieses sehr großen Baggersees. Einige dieser Tiere durfte ich schon fotografieren und alle hatten sie mir die Sprache verschlagen, es wurde also langsam Zeit, hier ebenfalls richtig anzugreifen. Das bedeutete erneut einen enormen Zeit- und Kostenaufwand. Felix und ich taten uns zusammen, um die folgende Kampagne durchzuziehen.

Für uns beide war es eine recht weite Anreise bis zum Gewässer und dieser See ist nicht gerade als dankbar bekannt. Wir machten uns also schon im Vorhinein einen klaren Futterplan und wägten die einzelnen Spots gegeneinander ab. Auch an diesem See wollten wir regelmäßig gutes Futter einbringen und das auf verhältnismäßig großer Fläche. Unsere Köder standen in Konkurrenz zu zwei anderen Anglern, die ebenfalls versuchten an diesem notorisch schwierigen Gewässer erfolgreich zu sein. Die beiden waren sehr nett und uns gegenüber sehr offen bezüglich ihrer Fänge.

Zumindest angeblich hätten sie seit April nur einige Graser gefangen und das trotz eines Aufwandes, den wir nicht in solchem Stile betreiben könnten. Wegen des hohen Krebsbestandes aber auch wegen der schnellen Wirksamkeit von Partikeln, mischten wir Hanf, Tigers und etwas Mais mit 24 mm BioRed Boilies. Letztere hatten bereits die Hardcore-Durchtrocknung am Cassien mitgemacht und waren demnach steinhart! Ich hatte einige Kilos davon als Reserve mit nach Frankreich genommen und wieder mitgebracht. Auch unterschieden sich die BioReds deutlich in ihrem Aufbau von dem, was die Jungs gegenüber ins Wasser warfen. Ein Vorteil?

18 kg schwerer uralter SpiegelkarpfenVor unserer ersten Zweinächte-Session fütterten wir schon zwei Wochen sehr regelmäßig. Es landete einiges an hochwertigem Futter im See und wenn sich nicht mittlerweile eine „Lobster-Siedlung" auf unseren Plätzen niedergelassen hatte, oder die Graser den Platz mit Waffengewalt verteidigen würden, sollte es eigentlich klappen mit den dicken Karpfen. Aus den Erfahrungen von Christopher und Felix ging hervor, dass einige der Fische sehr positiv auf Futteraktionen reagieren. Krebse bilden hier die Hauptnahrung für die wenigen Karpfen und es gibt an diesem See rote Krustentiere im Überfluss. Sicherlich ist so ein Krebs ein ganz schöner Leckerbissen für einen Karpfen, doch ist er im Gegensatz zu einem nahrhaften Boilie oder einem knackigen Partikel, sehr wehrhaft und vor allem auch schnell! Nur logisch, dass sich manche Fische an solchen Seen sehr schnell auf Boilies einschießen!

Wenn ich nun die Stunden bis zum ersten Angeln hochrechne, dann komme ich auf gute 20. Felix verbrachte nicht weniger Zeit mit der Vorbereitung. Der Tacho meines Autos hatte mal eben 600 Kilometer mehr drauf... Die Hochspannung bei unserer ersten Session kann ich kaum in Worte fassen. Ihr kennt das, man hat Schweiß und Geld in etwas investiert und über das Ergebnis ist man sich noch nicht im Klaren. Akribisch verteilten wir unsere Montagen auf den nun großflächig gefütterten Bereichen. Wir hatten uns zwei besondere Plätze ausgesucht, die zum einen schon früher Fisch brachten und zum anderen strategisch günstig lagen. Eine Zone mit unzähligen Bodenwellen und leichtem Krautbestand wurde bei jeder Fütterung auf ganzer Fläche mit Ködern versorgt.

Der Hintergedanke: Die Fische sollten auf ganzer Fläche nach dem Angebot suchen, so würden wir sie nicht auf einen kleinen Bereich festlegen und im Nachhinein auf dem chaotischen Boden an ihnen vorbei angeln. Der zweite Platz war eine größere Erhebung in einiger Distanz. In einem Bereich mit durchschnittlich sieben Metern hob sich ein Plateau auf bis zu drei Metern gegen die Oberfläche. Auch hier fütterten wir die Kanten sowie das Plateau. Zwei Ruten am Plateau und zwei im Bankareal waren schnell verteilt. Meine Glücksträhne in Deutschland sollte nicht abreißen und was mir in Frankreich nicht gelang, sollte hier wahr werden.

Die Freude über solche Fische entschädigt für den Aufwand: Schuppi mit 20,5 kgDie erste Nacht blieb ruhig, doch am nächsten Morgen hatte ich zwei Läufe in nur 30 Minuten. Der eine war ein 17 kg Spiegler, den ich im Vorjahr schon bei Christopher fotografierte und der andere der große Schuppie mit 20,5 kg! Ein Two-Tone-Schuppi, den ich für René schon einmal auf Bild bannte! Leider kam nach diesen beiden Dicken nichts mehr, doch war unsere Futteraktion voll eingeschlagen, die beiden ließen einiges an verdautem BioRed Boilie auf der Matte zurück... Nun machte ich mir keine Gedanken mehr über den Kostenaufwand und drei weitere Futteraktionen folgten nach arbeitsreichen Tagen, um die nächste Nacht einzuleiten. Erneut war es der goldene Morgen, der mir Glück brachte und wieder war es ein 20 kg Schuppi, dieses Mal der absolut geile Frogger, ein Fisch der eher wie ein Dinosaurier aussieht und 21 kg auf die Wage bringt!

 

Heute
Seit diesen Ereignissen sind zwei Wochen vergangen, die Bilder sind gerade entwickelt doch ich war nicht mehr angeln. Ich sitze am Schreibtisch über diesen Zeilen und draußen wehen die ersten Herbstwinde. Es ist Donnerstagabend, die Plätze habe ich gestern gefüttert und morgen werde ich wieder da sein, wer weiß, vielleicht frisst sich ja gerade einer da unten die Wampe voll... Wenn die Jungs wüssten wie viel Zeit und Geld wir in ihre Diät investieren. Ein Dank an Christopher und Felix für ihre Freundschaft und auf ein Neues!

Christian Münz