Höhen und Tiefen
Als ich so um 1990 herum mit Boilies auf Karpfen zu angeln begann, war die Welt für mich noch in Ordnung. Jede Nacht fing man so viele Fische, dass die Ruten meistens um 1.00 Uhr Nachts reingeholt wurden, damit man noch ein paar Stunden schlafen konnte. Das ging viele Jahre so. Der erste Dämpfer kam, als die ältere Generation keine Karpfen mehr auf ihre geliebte Kartoffel fing. Schlimmer war noch - sogar auf Mais fingen die älteren Herren keinen Fisch mehr. Höchstens ab und zu mal ein Satzkarpfen war die einzige Beute. Die Verursacher waren natürlich schnell gefunden: Das sind diejenigen, die mit diesen bunten Kugeln angeln. Die vergiften doch den ganzen See! Natürlich wurde uns auch unterstellt, nachts Partys am Wasser zu feiern. Nicht zu vergessen natürlich den Joint, den wir beim Angeln konsumieren würden und vieles mehr... Also muss etwas passieren. So dachten sich jedenfalls einige der meist älteren Herren und es passierte etwas: Uns wurde das Anfüttern untersagt, Zelte und Brollys mit Boden wurden verboten. Noch schlimmer wurde es allerdings, als die Fische nicht mehr zurückgesetzt werden durften. Das Gesetz wurde sofort umgesetzt und jeder, der einen maßigen Karpfen zurücksetzte, wurde mit Angelverbot bestraft oder sogar aus dem Verein geworfen. In den Neunzigern hatten die großen Karpfen auch schon um 15 Kilogramm, also zog man sich zurück, angelte mehr, wenn man alleine am Wasser war und brach natürlich ständig die neuen Gesetze, denn man sollte ja jeden maßigen Fisch dem Wasser entnehmen. Man stelle sich nur vor - ein 15 kg Fisch hat ja schon etwa 25 bis 30 Jahre auf dem Buckel. Ich glaube nicht, dass je ein Mensch ein so altes Schweineschnitzel essen würde... Also angelten wir im Verborgen, so dass wir wenigstens ein bisschen unsere Ruhe hatten.
Der zweite Dämpfer war auch nicht viel besser. Ich angelte wochenlang an unserem Vereinsgewässer und fing natürlich einige schöne Fische, was sich auch herumsprach. Plötzlich stand auf einmal "Mr. Carp" in selbstgestrickten Socken vor mir. Wir kamen ins Gespräch und ich merkte bald, dass er bestimmt in dem See geboren sein musste, so gut wie er sich dort auskannte. Es kam dann, wie es kommen musste. Er fing eine Stunde später einen "gewaltigen" Zwölfpfünder, der nicht zurückgesetzt wurde, sondern erst mal eingesackt wurde. Ich ging sofort zu ihm und warnte ihn vor einem älteren Herren, der auch schon den ganzen Tag vor Ort war und uns ständig beobachtete (er war der Fischereiaufseher des Vereins und kontrollierte mich wenn eben möglich morgens, mittags und wenigstens zur Dämmerung noch einmal...).
Aber "Mr. Carp" ließ sich nicht beirren und behielt den Fisch im Sack. Der Opa kam, kassierte seine Papiere ein und erzählte dem Vorstand, der Fisch hätte in einer Plastiktüte am Baum gehangen. "Mr. Carp" bekam natürlich seine Strafe und musste erst einmal sechs Wochen Pause machen. Er erzählte dann allerdings herum, ich hätte ihn nicht gewarnt, sondern sogar angeschwärzt. Ich bekam davon aber erst einmal nicht so viel mit. Als ich allerdings mal wieder bei meinem Gerätehändler war, erzählte er mir davon und ich konnte die ganze Geschichte dann zum Glück doch aufklären.
Der dritte Dämpfer dann war von ganz besonderer Natur. Auf der Suche nach einen neuen Gewässer fanden wir (mein Kollege Christian und ich) einen wunderschönen, mittelgroßen Baggersee für den es auch noch Tageskarten zu kaufen gab. Diese Tageskarten holten wir uns letztendlich dann auch und fingen einige schöne Fische. Die Tageskarten bekamen wir in einer nahe liegenden Gaststätte. Doch wir hatten die Rechnung ohne einen anderen Karpfenangler gemacht, der auch an dem See fischte. Man konnte meinen, es wäre allein sein Revier. Er duldete keinen anderen Karpfenangler an seinem See... Eines Tages wollte ich wieder einmal Tagesscheine holen und siehe da - wir bekamen keine mehr. Ein Angler hätte uns beobachtet und wir hätten einen Müllberg am See zurückgelassen! Im meinem ganzen Leben haben weder ich noch Christian je auch nur irgendetwas am See zurück gelassen. Ich war so sauer auf den Herren der uns anschwärzte, dass ich sogar einen Bericht in der Karpfenszene geschrieben habe. Der Artikel ist dem netten Kollegen dann so übel aufgestoßen, dass er fast ein Jahrzehnt daran knabbern musste...
Als dann 2001 mein Sohn geboren wurde, hatte ich so richtig die Schnauze voll. Ich schmiss meine Karpfensachen auf den Dachboden in die letzte Ecke, wo sie bis August 2012 auch blieben. In den dazwischen liegenden elf Jahren ging ich halt Spinnfischen oder auch gerne mal Stippen. Im August 2012 räumte ich ein wenig den Dachboden auf und da waren sie - meine Karpfensachen. Da lagen meine schönen Century-Ruten. Es war das ein geiles Gefühl im Garten zu stehen und eine NG in der Hand zu haben. Ich musste wieder Karpfenangeln gehen! Also Boilies und Tigernüsse bestellt und dann Mitte Oktober erst einmal zum See, schauen wie und wo die anderen meiner Spezies angelten. Alle fischten immer noch auf den alten Spots im flachen bis mitteltiefen Bereich. Also fütterte ich zwei Tage im tieferen Teil des Sees an, in circa sechs bis acht Meter Wassertiefe. An Tag eins und zwei bekam ich nicht einmal einen Zupfer. Am dritten Tag folgte ein langsam anlaufender Run. "Bestimmt ein Brassen oder etwas Ähnliches", dachte ich. Aber auf einmal kam ein gewaltiges Reißen am anderen Ende der Leine. Nach langen Drill kam der Fisch langsam in Richtung Ufer und zog auf einmal wie ein verrückt gewordener Bulle in eine Krautbank direkt vor meiner Nase. Was tun? Am anderen Ende war ein guter Fisch, aber mitten im Kraut. Also erst einmal die Rute auf das Rod Pod gelegt und abwarten. Wie das aber halt so ist, gefiel es ihm ausgesprochen gut im Kraut. Also rief ich zuhause bei meinem Vater an und er brachte mir einen Krautanker. So standen wir dann am Wasser - mein Vater mit meiner NG in der Hand und ich mit einem Krautanker im Wasser. Ich zog fast eine Stunde da und beförderte alles Kraut um den Fisch herum aus dem Wasser. Schließlich war der Fisch so gut wie frei und mit ein wenig Druck auf dem Fisch löste dieser sich langsam aus dem Kraut. Aber der schöne Schuppi hatte sich nun eine Stunde ausgeruht und ich total fertig. Eine Explosion des Fisches direkt vor dem Kescher - und ausgeschlitzt war er... Der Fisch hatte nach Auskunft eines anderen Karpfenanglers, der ihn Anfang des Jahres fing, um die 24 Kilo. Sollte ich meine NG's wieder auf den Dachboden verbannen? Nach ein paar Tagen grübeln wagte ich dann einen neuen Versuch. Früh morgens ging es ab ins Auto und los. Aber wo war meine Kamera nur? Also fuhr ich den ganzen Weg zurück, um die Kamera aus dem Haus zu holen und fuhr direkt wieder zum See. Warum ich allerdings zurückgefahren bin, wusste ich vor Ort nicht mehr. Ich brauche die Kamera doch gar nicht, schoss es mir durch den Kopf, als ich am See auf meine bewegungslosen Swinger schaute. Eine Stunde später ging dann aber doch der Swinger der mittleren Rute einen Zentimeter hoch, dann wieder einen Zentimeter runter und dann tat sich zwei Minuten gar nichts. Kurze Zeit später ging der Swinger wieder den bewussten Zentimeter hoch, aber jetzt begann die Rutenspitze sich ganz langsam immer mehr Richtung Wasser zu neigen. Noch vor dem ersten Pieper kam mein Anhieb und ich merkte bald, dass dies wieder ein guter Fisch sein musste. Nach recht kurzen Drill lag nach langen elf Jahren wieder mein erster Fisch vor mir - ein Spiegler mit 104 cm Länge und 27,5 Kilogramm Gewicht! Das war natürlich Adrenalin pur...
Seitdem bin ich wieder jede frei Minute mit meinem Sohn am Wasser. Er fragte mich, als er die Fotos sah, wie alt ist denn der Fisch wäre. Ich musste unwillkürlich lachen und sagte ihm: "Der ist so alt, dass er, wenn er als Schwein geboren worden wäre, kein Mensch mehr von ihm so ein altes Schnitzel essen würde". Bis dann!
Norbert Henkemeier




