Linke Rute tote Rute
Vorab sei erwähnt, dass ich seit fast 16 Jahren die Möglichkeit habe an diesem wunderschönen Baggersee mit etwa 50 ha Wasserfläche zu fischen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich aber noch nie an diesem gefischt. Ich weiß nicht ob ihr das auch kennt: Es gibt Gewässer die einen nicht anziehen. So war es auch bei mir. In diesem Herbst überredetemich mein Angelkollege aber zu diesem Projekt. Freunde von mir haben den See schon beangelt, die einen erfolgreich, die anderen weniger. Mir sind so immer wieder Gewässerinfos zugeflogen, von denen ich natürlich von profitieren könnte.
Blind auf andere hören sollte man allerdings auch nicht, das geht viel zu oft in die Hose. Wie bei jedem neuen Projekt von mir bereite ich mich natürlich gut vor. Stellen und deren Hot Spots werden akribisch unter die Lupe genommen und erst wenn alles ausgekundschaftet ist und ich in der Lage bin das Wasser zu fühlen, wird ein Futterplatz aufgebaut.
Der Angelplatz
Der von mir ausgewählte Angelplatz ist eine Landzunge die etwa 20 Meter über Wasser in den See hineinläuft und dann noch ein ganzes Stück unter Wasser weiter in den See hinein ragt. Rechts und links von ihr läuft der Grund langsam auf eine gewisse Wassertiefe ab. Man fühlt sich auf dem Spot wie ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel. Wind peitscht hier eigentlich immer die Wellen gegen die Uferkante. Mal von rechts, mal von links und dann kommt er wieder von vorne. Algen findet man auf diesem Spot Zeitpunkt noch bis auf acht Meter Tiefe. Alles in allem eigentlich gute Aussichten auf meiner ganz persönlichen Urlaubsinsel an Fisch zu kommen. Natürlich habe ich den Spot hier vorab genauestens mit der Markerrute unter die Lupe genommen.
Trotzdem wollte ich noch von einem befreundeten Angler, der diesen Spot im letzten Jahr befischt hat, ein paar Infos bekommen. Die bekam ich dann auch. Er war ziemlich redselig und erzählte mir eigentlich von all seinen Erfahrungen hier an diesem Platz. In der Sommerzeit wird das Fischen hier durch Badegäste und Segelboote unmöglich. Er erwähnte Beißzeiten und natürlich auch welche Fische er hier schon auf die Matte legen konnte. Nebenbei gesagt: Infos bekommt er von mir natürlich auch immer wenn er sie benötigt, man ist ja schließlich befreundet. Aber eine Aussage von ihm bleibt bestimmt immer in seinem undmeinem Gedächtnis: „Die linke Rute ist die tote Rute. Die kannst du besser zuhause lassen, die bringt doch keinen Fisch“.
Die Futtertaktik
Neben dem Spot ist die richtige Futterstrategie für mich das Wichtigste. Wie gehabt werden bei jedem neuen Projekt die Karten neu gemischt. Was an einem anderen See oder Gewässer gut funktioniert hat, muss ja nicht zwangsläufig auch am jetzigen funktionieren. Eine falsche Futterstrategie kann nach meiner Meinung nach unter Umständen einen ganzen Spot zerstören. Mitunter kann es sogar passieren, dass man wochenlang keinen Fisch mehr an den Haken bekommt. Also überlegt euch gut, wie und welchen Spot ihr beangeln wollt.
Bevor das erste Futter in den See geht, sollte man ganz bestimmte Faktoren nicht außer Acht lassen. Zum einen ist es die Jahreszeit. Wenn ich im Frühjahr und Sommer gemäßigt füttere, füttere ich im Herbst sehr viel. Im Winter kommen nur eine Hand voll Boilies zum Einsatz. Gewässergröße und Fischbestand berücksichtigen ist wichtig. Wenn wir zum Beispiel einen See von ca. ein Hektar Wasserfläche mit etwa 15 Fischen unter 20 Pfund haben und allezwei Tage jeweils 10 kg Boilies füttern, wären die Fische an meinem Angelwochenende vermutlich völlig überfressen.
Nun zu meiner Futtertaktik am jetzigen Projekt. Der See hat ca. 50 ha beherbergt ca. 100 Karpfen. Ein Großteil der Fische wiegt um die 30 Pfund. Drei Fische haben die 40 Pfund durchbrochen. Da wir Anfang Herbst haben und die Wassertemperatur um die 10 Grad liegt habe ich mich für 25 kg Boilies in der Woche entschieden (20 mm Fischmehl). Dienstags und Donnerstag werden jeweils 10 kg großflächig verteilt (hinter der Algenkante auf ca. 8-10 Meter Wassertiefe). Ich habe sie dem Wurfrohr schön großflächig verteilt, damit der Fisch auch wirklich zum Suchen des Futters animiert wird. Eine Menge Arbeit, aber ohne Fleiß kein Preis. Freitags bis Sonntag wollte ich Fischen mit 5 kg Boilies. Natürlich habe ich aber Freitag nicht alles auf einmal in den See eingebracht. Bei meiner Ankunft habe ich erst einmal pro Rute eine Handvoll Boilies gefüttert. Sollte man eigentlich bei dieser Futtertaktik immer tun.
Zum einen weil wir den Fisch ja zum suchen der Nahrung animiert haben und zum anderen weil unser Hakenköder somit schneller gefunden wird. Erst nach dem ersten Biss wird dann großflächig beigefüttert. Einige von euch werden sagen der spinnt, wenn hier „so viel Futter“ in den See fliegt. Aber wie ich finde ist dies genau die Menge, um heraus zu finden, ob mein Futter überhaupt angenommen wird. Glaubt mir wenn ich sage, ich könnte das Futter täglich mit einer Schubkarre zum Wasser bringen und doch kommt der PH-Wert hier nicht ins wanken. Das Gewässer kann das vertragen. Allerdings wäre es aber auch schlecht, wenn alle hier so agieren würden. Ein Freund von mir hat mal geschrieben „Wer kopiert verliert“. Er hat recht damit. Stellt euch mal vor alle am See würden es so machen wie ich. Keiner würde mehr Fisch fangen. Macht lieber euer eigenes Ding. Dann bereitet euch die Trophäe, die vielleicht bald in euerem Netz landet, mit Sicherheit mehr Freude.
Das erste Fischen
Bis in die Haarspitzen motiviert bin ich Freitag nach der Arbeit an den See gefahren. Ruck zuck aufgebaut, denn ich war erst um 17.00 Uhr vor Ort. Bekanntlich wird es ja Anfang Oktober schon um kurz nach acht Uhr dunkel. Alle Zeichen standen aber auf Fisch. Die Temperaturen waren noch relativ mild und was mich besonders freute, war der warme Wind, der kräftig in Richtung meines Spot blies. Kurz nach 19.00 Uhr als ich all meine Waffen scharf gemacht hatte, gesellte sich mein Kumpel Nils zu mir. Er wollte das Wochenende mit mir hier zusammen fischen. Er befischte die linke Seite und ich nach vorne heraus. Seine Baits wurden auf 8 bis 10 Meter Wassertiefe platziert.
Natürlich war auch er voll motiviert, denn eigentlich war er derjenige, der mich überredet hatte doch hier fischen zu gehen. Als wir nach dem Abendessen noch bei einem kleinen Bierchen zusammensaßen, erzählte ich ihm die Sache mit der toten linken Rute und das links runter sowieso nichts laufen sollte. Ich wollte ihn nicht demoralisieren, aber so ist das nun mal mit der Ehrlichkeit unter Angelfreunden. Nachdem ich ihm aber dann zu verstehen gegeben hatte, dass ich die linke Seite genauso gut fand, wie nach Vorne heraus zu fischen, stieg seine Laune wieder. Ich sagte ihm, dass ich mir sowieso immer selber ein Bild vom Gewässer machen würde und ich fest davon überzeugt wäre, dass er zu seinem Fisch kommt.
Am späten Abend ging es dann los. Kurze Pieper und der Swinger bewegte sich zaghaft rauf und runter. Brassen! Das konnte doch nicht sein! Das ging dann bis spät in die Nacht hinein. Nils hatte komischerweise nur einen Brassen am Haken. Meine Brassen habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Nebenbei erwähnt sei noch, dass alle Brassen catch und release erfahren haben. Leider hört man zu oft, dass Brassen in den nächsten Busch oder auf das Feld geflogen sind. Auch Brassen sind nur Kreaturen, die unser Futter schmackhaft finden. Um ca. 2.00 Uhr morgens meinte Nils (ein wenig genervt von der wilden Brassenaktion),„Dann mach doch endlich mal die Methode-Feeder Bleie ab!“. Eigentlich wollte ich sie nicht abbauen, tat es dann aber doch. Plötzlich war Ruhe! Nichts mehr bis morgens um 8.00 Uhr. Dann ein voller Lauf auf der linken Rute und ein schöner Spiegler mit 28 Pfund lag nach einem schönen Drill auf meiner Abhakmatte.
Ein wunderschönes Gefühl! Tool, dass wir nicht als Schneider von diesem wunderschönen See abreisen würden. Aber wir hatten ja erst Samstagmorgen und noch fast zwei ganze Tage Fischen vor uns. Nach einem kurzen Gastspiel vor meiner Kameralinse freuten wir uns, ihm die Freiheit wieder zu geben. Die Rute wurde neu beködert und wir freuten uns beide auf ein deftiges Frühstück. Doch dazu kam es erst gar nicht: Ein voller Lauf auf eine der Ruten von Nils. Doch der Fisch war nicht gehakt, nachdem er die Rute in die Hand genommen hatte. Komisch, denn Nils fischte genau wie ich auch mir einem 8er Haken. Mein Fisch allerdings war sauber in der Unterlippe gehakt. So ist halt das Fischen. Nicht jeder Fisch ist fangbar.
Gegen Mittag bekam ich wieder einen Lauf. Wieder auf der linken Rute. Dieser Fisch stieg aber nach kurzem Drill aus. Erst jetzt machte ich mir Gedanken über unsere Montagen. Ein Fisch im Drill verloren und einen noch nicht einmal gehakt. Dem gegenüber stand ein Fisch, der sauber gehakt war. Obwohl sich unsere Montagen an anderen Gewässern schon sehr gut bewährt hatten, entschied ich mich dafür, jeweils die 8er Haken durch 4er zu ersetzen und den Köder an einem Haar zu präsentieren und nicht mehr als D-Rig. Das Haar habe ich dann nicht mit Schrumpfschlauch am Haken fixiert, sondern nur beim Auswurf mit PVA-Tape gesichert. Dadurch generiere ich eine aggressive Hakenstellung zum Boilie. Ich glaubte, dass die Karpfen hier wilder fressen als es normal der Fall ist und mein Haken somit besser greifen würde.
Trotz auffrischendem Wind blieb es den Rest des Tages und die darauffolgende Nacht ruhig. Zu ruhig für mein Befinden. Kann man aber nichts machen…
Am nächsten Morgen gegen 9.00 Uhr als wir gerade beim Frühstücken waren, hörten wir einen grellen durchgehenden Piepton. Nils hatte einen Lauf. Sein Frühstück verteilte sich in meinem Zelt und er startete durch zu seiner Rute. Erleichtert rief er mir zu: „Gehakt.“ Endlich käme er auch zu seinem verdienten Fisch, dachte ich und eilte zu ihm. Doch dann plötzlich schlitzte er aus. Die Enttäuschung in seinen Augen sprachen Bände. Schon wieder einen verloren! Nach einer kurzen Pause betrachteten wir dann gemeinsam seine Montage. Er fischte ein Rig von etwa 15 cm aus monofiler Schnur mit einem neongelben 14 mm Pop Up in Verbindung mit einem 8er Haken. Für mich festigte sich jetzt meine Vorstellung über das Fressverhalten der Fische immer mehr. Auch Nils sah es jetzt ein. Die 8er-Haken waren hier nun Geschichte.
Kurze Zeit später bekam ich dann auch meinen ersehnten Run. Wieder die linke Rute. Nach einem schönen Drill konnte ich einen langen schlanken Schuppie auf die Matte legen, sauber gehakt in der Unterlippe. Der 4er Haken hatte gut gegriffen.
Das war leider die letzte Aktion und gegen Mittag packten wir unsere Sachen und gingen Heim. Fünf Läufe an diesem Wasser waren wunderschön, aber die Ausbeute war nur ein „Ausreichend“. Letztendlich waren wir aber doch überglücklich, dass wir zwei Fische landen konnten.Eins war sicher: Das Wasser hatte mich, oder besser gesagt uns beide, in seinen Bann gezogen. Diesen See wollten wir nun doch etwas besser kennenlernen.
Füttern für das zweites Wochenende
Unser Futter wurde doch schon recht schnell in der ersten Woche von den Fischen angenommen. Die Menge, die wir eingebracht hatten, war auch in Ordnung. Daran wollten wir auch nichts ändern. Lediglich die Fütterungsinterwalle wollten wir ändern, weil eigentlich jeden Morgen Fischaktivitäten da waren. So gingen wir jetzt jeden Tag, von Montag bis Freitag mit jeweils 4 kg Boilies ans Wasser und brachten es ein. Samstag bis Sonntag wollten wir mit 5 kg fischen.
Das zweite Fischen
Ich war um ca. 14.00 Uhr am Wasser und hatte alles schnell aufgebaut und die Gerten scharf gemacht. Nun war es ungefähr 15.00 Uhr und der Wind blies unerbittlich gegen unser Ufer. Noch bevor Nils am See war, lief die linke Rute wieder ab. Als nach einem heftigen Drill nun endlich der Fisch auf der Matte lag, traute ich meinen Augen nicht: Ein Zeiler mit richtig Gewicht! Mein erster Gedanke war, dass er die 40 Pfund leicht ankratzen würde. Das Wiegen brachte allerdings ein Gewicht von45 Pfund auf die Anzeige der Waage. Einen Zeiler mit diesem Gewicht hatte ich bis dato noch nie gefangen. Ein absoluter Traumfisch!
Ich musste den Fisch kurz einsacken, da Nils noch nicht hier war. Ihm musste ich schließlich auch telefonisch von meinem Fang berichten. Nils kam dann kurz drauf mit einer Flasche Sekt bewaffnet, um diesen Moment oder vielmehr den Traumfisch mit einer Fotosession gebührend zu feiern. Fische sollte man allerdings nur in Notfällen hältern und nicht länger als nötig. So bekam er dann auch seine Freiheit nach den Fotos sofort wieder.
Wir feierten angemessen bis in die Nacht hinein, die Pieper blieben allerdings ruhig. Erst am nächsten Morgen wurde ich durch einen durchgehenden Piepton geweckt. Die linke Rute, wie konnte es auch anders sein... Ein schöner schlanker Schuppenkarpfen zappelte nach spannendem Drill in meinem Netz und um die Mittagszeit fand noch ein schönes schuppiges Exemplar den Weg in meine Fotosammlung. Wieder alles auf die linke Rute! Alles in allem war es für mich ein sehr schönes und erfolgreiches Wochenende, verbunden mit einem absoluten Traumfisch, einfach fantastisch. Nur dass Nils an diesem Wochenende nicht zu seinem Fisch kam, störte ein wenig. Doch dies wird mit Sicherheit nicht mehr lange auf sich warten lassen…
Fazit
Zieht nicht immer voreilige Schlüsse, aus Erfahrungen anderer. Geschichten hört man überall. Es ist zwar oft so, dass das Erfahrungen anderer Angler stimmen, aber jedes Jahr werden die Karten neu gemischt. Viel wichtiger ist es, sich auf sich selbst zu verlassen und ein genaues Bild vom Gewässer zu machen. Wie in meinem Fall: Die linke Rute war für ihn die tote Rute, aber in diesem Herbst ist die linke Seite eindeutig die bessere Wahl.
In diesem Sinne
Heinz-Peter Boskamp






