Immer diese Ziele... Teil 2
Wieder waren es dieselben Köder wie bereits zwei Monate zuvor, die auf dem Gewässergrund warteten. Ich hatte gerade mein Handy in der Tasche verstaut und kochte Wasser für einen Kaffee. Der Bissanzeiger signalisierte einen einzelnen Piep, dann folgten fünf Minuten Stille, bis diese sich in einen hektischen Dauerton verwandelte. Sofort war ich an der Rute, starker Kontakt und ein brutaler Kampf, der mich zwang, hüfttief ins Wasser zu steigen, um einen besseren Winkel zu erreichen. Die Rute verlief parallel zum eigenen Ufer und der Fisch zog mit aller Gewalt in eine zu meiner rechten Hand liegenden Bucht. Mit knallhart gestellter Bremse und stark belasteter Rute watete ich durchs Wasser am Ufer entlang, unter überhängenden Bäumen hindurch. Die Äste hingen so tief, dass ich die Rute zeitweise komplett unter Wasser halten musste, um sie passieren zu können.
Als ich die Bucht erreicht hatte, konnte ich den Druck etwas lösen und den Fisch im sicheren Wasser ausdrillen. Kurz vor meiner Rute zeigte sich im schwachen Licht der Stirnlampe ein schöner Schuppmann - und dann war er auch schon im Kescher verschwunden. Ein kurzer Blick in das Tief des Netzes ließ mich einen Schrei der Erleichterung hervorbringen, es war definitiv ein Fisch über der 20 kg Marke! Am Ufer bestätigte die Wage meine erste Abschätzung: der Schuppmann brachte ein Kampfgewicht von 22 kg auf die Waage. Nachdem ich den Fisch versorgt hatte, folgte der besagte Anruf bei meinem Kollegen. “Yeaah, ich hab einen!“ Auf seinen Wunsch hin versicherte ich ihm, unabhängig davon wie spät es sei, mich bei erneutem Erfolg wieder zu melden.
War es wirklich eine Vorahnung? Entwickeln wir über die Jahre am Wasser tatsächlich ein Gefühl, welches die Engländer als „Watercraft“ bezeichnen oder George Lucas als „Jedi-Power“? Ich denke es sind viele Erfahrungswerte, die man sammelt. Man erkennt, dass die Bedingungen wie Klima und Jahreszeit zu einem bestimmten Punkt perfekt sind. Man lernt seine Gewässer und ihre Launen kennen, hat nach langer Zeit des Testens ein Vertrauen in sein Material gewonnen und eine Essenz Glück in der Tasche. Wem diese Begriffe wie „Watercraft“ dann doch etwas zu paranormal sind, der kann sich, so wie ich, getreu der alten Floskel “zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ sinnieren.
Die Glücksrute, die mit Hilfe der „Watercraft“-Macht kurz zuvor zur richtigen Zeit am richtigen Spot gelegen hatte, war nun wieder frisch beködert und landete wieder auf derselben Stelle. Ich landete überglücklich auf meiner Liege. Hatte ich tatsächlich im Juli neun Tage an diesem See verweilt, in der Hoffnung einen Fisch dieser Größe zu fangen und jetzt gelingt mir das in gerade mal drei Stunden? Vielleicht kommt heute Nacht das große “Ziel 25 kg“ in greifbare Nähe?
Mittlerweile war es etwa 23.30 Uhr. Ich hatte mit meinem Freund Constantin telefoniert, um ihm die freudige Nachricht mitzuteilen, als mein Bissanzeiger wieder einen einzelnen Ton von sich gab, diesmal war es die andere Rute. Vorsichtshalber zog ich meine Watstiefel an, die einige Stunden vorher voll mit Wasser gelaufen waren. Aber da musste ich jetzt durch!
Ich hockte mich hinter die Rute und beobachtete, wie sich nichts tat. Also verzeichnete ich dies als Schnurschwimmer. Gerade als ich der Rute den Rücken zu drehte, schrie mir der Delkim jedoch einen grellen Dauerton um die Ohren. Schnell stand ich wieder in der nächtlichen Atmosphäre mit meiner Stirnlampe im hüfttiefen Wasser und vollzog einen Paradedrill, der weniger spektakulär war als der erste, aber vom Gefühl her einen doch schon etwas besseren Fisch versprach. Der Fisch kam hoch, glitt über den Kescher und verschwand darin. Ein vorsichtiger Kontrollblick, gefolgt von einem leisen Fluchen (der Wortlaut war wörtlich in etwa “Leck Arsch) und dann gefolgt von einem Freudenschrei. Im Netz lag wieder eine Bombe von Fisch, diesmal ein Spiegelkarpfen, nach grober Schätzung in derselben Gewichtsklasse wie der Erste.
Meinen Freund weckte ich kurz nach Mitternacht und unsere gemeinsame Freude war groß. Das war einfach viel mehr als ich erwartet hatte, ja sogar erwarten durfte. Aber manchmal kommt es vor, dass man einfach eine Sternstunde erlebt. In aller Ruhe und beflügelt von der Freude, machte ich die Rute wieder fertig und brachte sie, garniert mit einem PVA Sack mit ca. 15 Boilies, wieder ins Wasser.
Langsam umhüllte mich die Kälte der Nacht und ich zog die nassen Klamotten aus und legte mich in meinen Schlafsack. Irgendwann schlief ich ein und wachte schnell wieder auf, sprang in die nassen Watstiefel und rannte dem heulenden Bissanzeiger erneut entgegen. Es muss etwa zwei Uhr in der Nacht gewesen sein. Als ich mit der Rute zum dritten Akt im Wasser stand, schüttelte ich nur lachend den Kopf: Was für ein Lauf! Der Drill verlief wie der Zweite und das Fluchen und Freudenschreien ebenfalls, der dritte 20 kg + Karpfen lag in meinem Kescher.
Am Tage kamen Ingo und Max vorbei, um einige Fotos zu machen. Wir stießen mit einer Flasche Sekt auf diese gelungene Nacht an. Beim Einpacken konnte ich noch einen weitern Schuppi von 19 kg fangen. Ich fuhr entspannt und überglücklich nach Hause, lud meinen Wagen aus und setzte mich vor meinen Computer…
Ende Oktober
Es war die letzte Woche im Oktober und die Konditionen waren perfekt – noch einmal investierte ich eine Woche Urlaub. Eine Woche, in der mein Ziel endlich erfüllt werden sollte! Das Resümee dieser Woche kann ich kurz fassen. Ich fing 22 Fische, bei einem Durchschnittsgewicht von 16 kg, offensichtlich waren die Großen des Sees unterwegs, um sich ihre Leiber für den kommenden Winter voll zu schlagen. Auch zwei Fische über 20 kg konnte ich verbuchen, aber nicht meinen Zielfisch. So zog der Winter Einzug und das Jahr neigte sich dem Ende zu, es wurde ruhiger um das Angeln und die Ziele rückten erst einmal in den Hintergrund. Weihnachten verging und der Jahreswechsel vollzog sich und wie jedes Jahr, machte ich zusammen mit Max eine Wintertour an die kalte Mosel.
Januar 2009
Es war bitterkalt im Lande Frankreich und zusammen mit Max erwärmte ich mich an einer Tasse heißem Likör-Kaffee. Die Coleman Zeltheizung brannte nonstop und machte es im Zelt erträglich. Wir befischten einen ruhigen Hafenabschnitt der Mosel, doch die Wassertemperatur fiel so rapide, dass an der Oberfläche 1,8 Grad herrschten – keine guten Voraussetzungen für erfolgreiches Winterangeln. Samstagmorgen, wir blickten aus unserem Zelt und wir sahen Eis.
Okay, Schlittschuhe hatten wir keine dabei, also war hier nichts mehr mit Spaß angesagt. Mit dem Schlauchboot brachen wir die Eisdecke auseinander, um unsere Schnüre frei zu bekommen und packten unser Tackle zusammen. Zum guten Schluss knallte ich mir noch beim Anheben des Schlauchbootes einen Rückenwirbel aus seiner eigentlichen Position und dann war es mit der Mobilität vorbei. Max durfte das ganze Tackle alleine schleppen und ich benötigte, gestützt auf einem Bankstick, ca. 30 Minuten für die 500 Meter Weg bis zum Auto.
Ostern
Langsam wurde es wärmer und der lange Winter schien allmählich zu weichen; in mir wuchs die Motivation und das alte Thema wurde wieder präsent. Über Ostern fuhr ich eine ganze Woche an den in den letzten sieben Monaten so oft besuchten See. Zusammen mit Heike wollte ich eine Woche hier verbringen. Ich lernte Marcel und Sybille kennen, ein Paar aus Frankfurt, beide leidenschaftliche Angler. Menschen von denen man in der heutigen Zeit leider viel zu selten welche trifft. Ohne Vorurteile oder Neid, einfach Angler mit all ihren guten und schönen Facetten. Zwar biss in der gesamten Woche nicht ein einziger Fisch an, trotzdem war es eine sehr schöne Zeit, weil man sie gemeinsam am Wasser mit guten Freunden verbracht hatte.
Nachdem diese Woche vorbei war und es mich doch etwas nachdenklich stimmte, keinerlei Aktion verbucht zu haben, wuchs mein Egopegel. Bereits am folgenden Wochenende reiste ich erneut zusammen mit Heike an und gemeinsam konnten wir einige Fische fangen. Der schwerste Fisch an diesem Wochenende war erneut ein 20kg Schuppmann und den schönsten Fisch fing Heike - das passt doch gut zusammen, die Schönen fangen nur die Schönen - soll jetzt bloß keiner behaupten, ich fange nur hässliche Fische.
Jetzt war ich an einem Punkt angelangt, den viele bestimmt kennen. Man macht und arbeitet, denkt und handelt – aber das, was man will, gelingt nicht so richtig. Ich will nicht klagen, der See hat mir mehr gegeben, als ich erwartete – aber ich war zu verbissen in meine Zielsetzung. Privat ging es turbulent her, viel Arbeit und wenig Zeit für das Wasser.
Mai
Anfang Mai war ich einfach nur froh, dass die Arbeit erledigt war und das lange Maiwochenende vor der Tür stand. Ich machte mir keinerlei Gedanken, wohin ich fahren könnte, machte mir keinerlei Gedanken über die Umsetzung meines Ziels. Ich war einfach nur froh, etwas Zeit zu haben und diese am Wasser verbringen zu dürfen.
Blicke ich auf die letzten Jahre zurück, entsinne ich mich daran, dass ich zu dieser Zeit immer am Wasser war und die Festzelte und die in den ersten Mai tanzenden Partyvölker hinter mir ließ und so meinen persönlichen Tanz in den Mai am Wasser verbrachte – so auch dieses Jahr.
Ich folgte der Einladung von Max, an einen relativ unbekannten See zu fahren, um dort einfach ein paar ruhige Tage fern vom Stress der Heimat zu verbringen. So standen wir dann am ersten Mai an diesem kleinen Baggersee zusammen und betrachteten das klare Wasser. Ich machte mir nicht allzu viele Hoffnungen von diesem See, das klare Wasser verriet einen kahlen Grund, ohne starken Krautbewuchs und Nahrungsquellen – eben ganz anders als ich es von meinen Kiesgruben entlang der Mosel kannte. Wir brachten die Ruten aus und es war mir fast schon egal, ob ein Fisch sich zeigen würde oder nicht. Vielmehr freute ich mich auf das gemütliche Beisammensein und eine gute Tasse Spezialkaffee und gute Lektüre auf der Liege.
Die Nacht verlief ruhig, ohne jegliche Aktion, aber sie verhalf mir zu neuen Kräften. In aller Ruhe bereiteten wir ein feudales Frühstück zu mit französischen Leckereien und gutem Kaffee, genossen die ersten Strahlen der Sonne, die ihren Weg über den kleinen Baggersee suchten und es früh warm werden ließen. Irgendwann zur Mittagszeit kam doch der "Hunter" in uns durch und verlangte nach Fischaktion, also beschlossen wir den See zu verlassen, um noch eine Nacht an der geliebten Mosel zu verbringen. Nach einigen Stunden stand das ganze Setup bereits wieder und die Ruten lagen im Fluss. Der Abend verlief wieder gemütlich und der Kaffee schmeckte vorzüglich bis weit in die Nacht hinein...
Das einzige was an den Ruten zerrte, war die Strömung und gelegentliches Treibgut – man kennt ja seinen Fluss!
Sonntagmorgen 6:00 Uhr – Nach einer ruhigen aber viel zu kurzen Nacht bekam Max eine Aktion auf seiner rechten Rute, es war ein Flusslappen, wir hatten einen alten Textillappen gefangen. 6.15 Uhr - Die Lappenrute wurde wieder neu ausgelegt und Max und ich hauten uns noch mal aufs Ohr, um den fehlenden Schlaf nachzuholen, die Geselligkeit am Abend zuvor hatte sich doch etwas zu lange hingezogen.
8.00 Uhr - Aktion auf meiner linken Rute, ich war wohl gerade wieder im Tiefschlaf, als es mich aus dem Schlafsack riss. Der Delkim meldete kurze und ruckartige Züge an der Schnur. Ich eilte das steile Ufer herab zu meinen Ruten und nahm meine linke Rute auf. Ich erkannte ein Krautbündel in der Schnur. “Na wunderbar“, dachte ich mir beim Anblick des Krautballens, der ca. 15 Meter am Eintrittspunkt der Schnur hing und war etwas enttäuscht, deswegen geweckt zu werden. Ich drückte die Schnur unter Wasser und das Kraut löste sich… Aber Moment mal, warum zerrt es noch Schnur von der Rolle? Fisch! "Unglaublich, da ist einer dran" murmelte ich und begann den Fisch aus der Fahrrinne an mich heran zu pumpen…
Max Nollert: Es muss etwa 8:20 Uhr gewesen sein, als ich Peter rufen hörte: "Max, Max, Ma-aaaaax, verdammt komm runter, der ist schwer!" Ich schaute aus meinem Zelt und Peter hockte unten am Ufer neben dem Schlauchboot ca.acht Meter entfernt von mir und hielt die Rute und den Kescher in der Hand. Zuerst wollte ich gar nicht glauben, dass er einen Fisch hatte, aber er klang dann doch sehr überzeugend. Ich stieg herunter ans Ufer und nahm Peter die Rute ab. Beim Anheben des Keschernetzes blickte er sehr angestrengt und die Adern an Armen und Hals quollen hervor..."
8.05 Uhr – Ich stand also am Ufer und drillte den Fisch zu mir. Ich rief geschätzte 15 Mal nach Max, doch aus seinem Zelt war kein Lebenszeichen auszumachen. Na ja, dachte ich mir, er ist bestimmt mit der Spinnrute unterwegs, aber er schlief tief und fest wie sich später herausstellte. Also besinne ich mich wieder auf den Fisch und genieße den Moment der Einsamkeit. Ich und der Fisch, nur ich und der Fisch, keine Kamera, na ja schön und schade zugleich!
Der Fisch stand nun tief vor mir und zog in aller Seelenruhe seine Bahnen. 20 Meter nach links, 40 Meter nach rechts – immer wieder, setzte sich mal auf den Grund und schien wie verankert, dort an ein paar Pflanzen angelehnt und mit den Brustflossen verhakt, verweilen zu wollen. Imperial Multirange, du wirst es schon richten, dachte ich und presste meinen Finger auf die Rolle und hob, was das Zeug hielt. Ich erkannte einen Schuppmann von guter Größe, als er das erste Mal kurz nach oben kam, um dann sofort wieder mit brachialer, ungebremster Gewalt abzutauchen. Mosel aufwärts erkannte ich ein Schiff, welches nach wenigen Minuten dicke Wellen werfen würde, also beschloss ich, einen erneuten Versuch zu starten, diesen schönen Drill vorzeitig zu beenden – gesagt getan! Ich zog den Kescher zu mir und wollte mal eben ganz elegant das Tier aus dem Wasser heben. Das sah wahrscheinlich alles andere als elegant aus, es ging nämlich nicht. Erneut rief ich nach “Maxxxxxxxx!“
8.25 Uhr: Die Waage zeigt ein Gewicht von 26 kg an und was danach folgte, kennt bestimmt jeder Angler – Glückwünsche und Freude pur! Wir machten einige sehr schöne Fotos und beim Releasen tauchte ich dem Fisch noch ein Stück nach. Um dem Ende des Buches "Constantin" gerecht zu werden, taufte ich meinen Fisch auf den Namen "Nadine"!
Was ich allen mit auf den Weg geben möchte, ist die Tatsache, dass es oft anders kommt als man denkt. In der Regel habe ich immer einen festen Plan, ein bestehendes Ziel, welches ich umsetzen möchte, wenn ich mich ans Wasser begebe. In diesem Fall war es anders und es kam auch anders!
Entscheidend ist nicht nur das selbst gesetzte Ziel, einen Giganten zu fangen - es ist vielmehr schon der Weg dorthin. Ich freue mich auch über kleinere Exemplare und wenn der Weg richtig ist, führt er früher oder später alleine ans Ziel.
Die Zeit, die man auf diesem Weg verweilt, sollte genossen werden, der Blick nicht stur nach vorne gerichtet. Wer zurückschaut, erfreut sich am Erlebten und profitiert aus gesammelter Erfahrung. Auf der Reise gibt es soviel Schönes am Wegesrand und derjenige, der verkrampft auf diesem Weg nur seinem Ziel entgegen eifert, vergisst und verlernt schnell die Freude an unserem Hobby und übersieht die anderen Dinge. Der Weg ist das Ziel – wer den Weg eines Karpfenanglers wandert, sollte lernen, dass der Weg "Freude an unserer Passion" ist und nicht alleine das Erreichen eines Zieles.
Peter Schuh
Team & Artdirector Imperial Baits






