LK-Baits

Baitboosting Basics

Von Frank Zabel / August 2009

Amino, High-Protein, Betain – diese Begriffe versprechen an Pfund und Zahl große Fänge. Nur was steckt tatsächlich dahinter? Gerade im Bait-Sektor geistern viele Begriffe und Begriffsschnipsel durch die Szene, die von vielen von uns nur als Schlagworte wahrgenommen werden. Ohne die Zusammenhänge zu kennen. Dies habe ich zum Anlass genommen, die folgenden Zeilen zu Papier zu bringen. Ziel ist es dabei, die wesentlichen Begrifflichkeiten zu ordnen und ihre Auswirkungen auf Strategie und Köderdesign grob zu skizzieren. Da die Theorie oftmals der Schlüssel zum praktischen Erfolg ist, werde ich einleitend erst einmal einige Grundbegriffe erläutern. Ich fasse mich dabei so kurz wie möglich.

Ein Versuchs-Fisch im AquariumBasics
Aminosäuren - genauer Aminocarbonsäuren - sind hierbei der Ausgangspunkt meiner Betrachtungen. Aminosäuren liegen entweder einzeln oder gebunden vor. Zu den Aminosäuren zählen unter anderem Aspartat und Glutamin. Letztere zeigt bekannterweise, insbesondere beim Menschen, die von uns beim Karpfen gewünschte Wirkung. Verbindungen aus zwei Aminosäuren nennt man Dipeptide. Verbindungen von mehr als 100 Aminosäuren nennt man Proteine. Proteine werden umgangssprachlich als Eiweiße bezeichnet, was jedoch eher irreführend ist, da insbesondere das Eiweiß des gemeinen Hühnereis sich nicht durch einen extrem hohen Proteingehalt auszeichnet.

Dafür ist das dort enthaltene Protein jedoch besonders hochwertig! Was bedeutet, dass die Verwertbarkeit und der damit verbundene Nutzen für den aufnehmenden Organismus sehr hoch ist. Aminosäurederivate sind Abspaltprodukte von Aminosäuren. Sie sind den Aminos sehr ähnlich. Zu Aminoderivaten zählen unter anderem Betaine – eine Stoffklasse, deren namensgebender Stoff das Betain ist. Hier ist Vorsicht geboten, ist eben ein Betain nicht gleich Betain! Anglerische Bedeutung für uns hat das Glycin-Betain, ein Abspaltprodukt der Aminosäure Glycin.

Was macht Aminosäuren, ihre Verbindungen oder ihre Spaltprodukte nun so bedeutsam für uns? Hierfür gibt es mindestens zwei gute Gründe:

1) Bei den oben beschriebenen Stoffen handelt es sich in aller Regel um sehr leicht wasserlösliche Substanzen, deren Charme darin besteht, dass die Karpfen diese, sobald sie im Wasser gelöst sind, über Geruchs und/oder Geschmackssinn wahrnehmen können. Die Wahrnehmung dieser Stoffe löst beim Karpfen einen Suchreflex aus, welcher jedoch lokal begrenzt ist, ihn zeitgleich jedoch auch unvorsichtig werden lässt! Für den Karpfen ist dies der übliche Weg der Nahrungsortung, nimmt er auf diese Weise und mittels dieser Botenstoffe doch auch seine natürliche Nahrung wahr. Meine These ist es, dass wir nicht versuchen sollten, mit der natürlichen Nahrung zu konkurrieren.

Wir sollten vielmehr versuchen, sie zu ergänzen. Unser Vorteil liegt darin, dass wir den Karpfen über einen bunten Strauß an Amino-Verbindungen locken können. Dies ist bei der natürlichen Nahrung nicht der Fall. Die Wirkung folgender Stimulantien gilt für omnivore Fische, also Allesfresser wie unsere Karpfen, als gesichert:

- Aminosäuren
- Glycin
- Prolin
- Valin
- Taurin (Aminosulfonsäure)
- Dipeptide im Allgemeinen
- Glycin-Betain
- Dimethyl-ß-Propiothetin (eine Stimulantie deren Wirksamkeit speziell bei Karpfen nachgewiesen wurde)
- Kombinationen verschiedener Aminosäuren

Bezieht man Stimulantien, deren Wirksamkeit bei herbivoren, also pflanzenfressenden Fischen, nachgewiesen wurde mit ein, so erweitert sich diese Liste um die Aminosäuren:

- Aspartat (Asparaginsäure)
- Glutamin

 2) Essentielle Aminosäuren sind lebenswichtig, können jedoch vom Körper nicht selber hergestellt werden. Das heißt, dass sie über die Nahrung von den Karpfen aufgenommen werden müssen. Bieten wir dem Karpfen also über einen längeren Zeitraum –zum Beispiel bei einer Futterkampagne– unsere Boilies mit essentiellen Aminosäuren an, so wird er nach einiger Zeit einen Nutzen daraus ableiten. Vorausgesetzt natürlich, dass er nicht allzu oft kurz hintereinander von uns zu einem unfreiwilligen Landgang überredet wird. Er lernt unseren Bait zu schätzen. Insbesondere dann, wenn die Zusammensetzung des Boilies ausgewogen ist und wir keine Protein-Bombe abgerollt haben. Die gängige Theorie geht davon aus, dass der maximale Nutzen für den Karpfen bei einem Proteingehalt von ca. 40 % gegeben ist.

Proteingehalte größer als ca. 40 % werden abgebaut, wobei während des Abbaus von Aminosäuren Ammoniak entsteht. Ammoniak ist für die pH-Regulation des Blutes von essentieller Bedeutung, entfaltet jedoch schon in sehr geringer Konzentration toxische, sprich giftige Wirkung. Im harmlosesten Fall führt dies zu einer unnötigen Belastung des Stoffwechsels, es kann jedoch auch zu nachhaltigen Schäden, insbesondere im Gehirn und eventuell auch an den Kiemen kommen. Es ist unnötig zu erklären, dass der Karpfen in diesem Fall keinen nachhaltigen Nutzen verspüren würde. Nach einiger Zeit würde er die negativen Auswirkungen mit unserem Köder verknüpfen und fortan unsere Boilies meiden.

Strategien und Auswirkungen auf die Praxis
Aus den bisher beschriebenen Sachverhalten lassen sich nun zwei unterschiedliche Strategien ableiten.

Die Kurzfriststrategie
Wir besuchen ein Gewässer, das wir nicht regelmäßig befischen und wir wollen oder können zuvor nicht anfüttern. In diesem Fall wäre es - wenn uns der langfristige Nutzen des Fisches nicht interessieren würde, was er natürlich aber stets tut – ausreichend, wenn wir einen Boilie haben, der eine Hülle besitzt, welche möglichst viele verschiedene Aminosäureverbindungen enthält und diese auch ans Wasser abgeben kann. Das bedeutet, dass unser Boilie auf keinen Fall einer Steinkugel gleichen sollte. Wir müssen den Aminosäuren die Chance geben, sich im Wasser zu lösen. Der Kern des Boilies spielt in diesem Fall eine absolut untergeordnete Rolle. Bei dieser Strategie wollen wir ein Maximum an Lockstoffen im Wasser, so wie eine positive sensorische Wahrnehmung im Fischmaul, so dass unser Haken nicht nur eine Chance bekommt in der Unterlippe zu fassen. Ist die Wahrnehmung okay, so wird der Köder wie üblich mehrmals ein- und ausgesaugt, bis dann entweder der Haken fasst, oder aber aus welchen Gründen auch immer unsere Chance vertan ist.

Da macht das boosten Spaß!Die Langfriststrategie
In diesem Fall befischen wir ein Gewässer immer wieder über einen längeren Zeitraum und haben die Möglichkeit vor, unseren Sitzungen längere Futterkampagnen durchzuführen. Zusätzlich zu der bei der Kurzfriststrategie beschriebenen Lockwirkung und der positiven sensorischen Wahrnehmung im Fischmaul liegt unser Fokus nun ebenfalls auf der Ausgewogenheit des gesamten Köders. Der Karpfen ist in der Lage, den Nutzen, den er aus seiner Nahrung zieht, zu realisieren.

Dies klappt insbesondere im negativen Sinn, der Karpfen merkt also ganz besonders zügig, wenn ihm eine Nahrung keinen Nutzen bringt. Diese Nahrung fällt fortan aus dem Raster und wird gemieden. Da unser Ansinnen bei dieser Langfriststrategie darin besteht, den Karpfen einen positiven Nutzen aus unseren Boilies verspüren zu lassen, müssen wir ihm folglich etwas Zeit dafür einräumen.

Wir achten in diesem Falle ganz besonders auf die Ausgewogenheit des gesamten Boilies und nicht mehr nur auf die äußere Schicht. Die Kombination aus Nutzen, leichter Verfügbarkeit und dem Ausbleiben negativer Erfahrungen lassen den Karpfen Vertrauen in unseren Köder fassen und über kurz oder „eher lang“ seine Scheu ablegen.

Wie auch wir Menschen wird er aufgrund solcher positiven Prägungen unvorsichtig und toleriert, so wieder meine These, die mit unserer nun zum Einsatz kommenden Montage einhergehenden Veränderungen eher als sonst. Stimmen all diese Faktoren, so gehe ich fest davon aus, dass der Karpfen unsere Boilies sogar seiner natürlichen Nahrung vorziehen wird.

Da die Gesamtenergiebilanz - also Nutzen minus Aufwand - für den Karpfen bei der Aufnahme unserer Boilies wesentlicher besser ausfallen wird, als bei Nahrung, die er mühsam einsammeln oder, wie im Falle von Muscheln, Krebsen und Krabben, erst unter großem Energieeinsatz aufbrechen muss. Dies gilt natürlich nur solange, wie unsere Haken nicht zum Einsatz kommen.

Auch Grasfische stehen auf geboostete KöderBoilie-Design
Für die Abgabe, die Lösung der Botenstoffe im Wasser, ist eine lockere, nicht zu harte und eventuell leicht poröse und damit größere Oberfläche des Boilies von Vorteil. Der höchste Proteingehalt (maximal 40 %!) nützt nichts, wenn wir den wasserlöslichen Botenstoffen nicht die Möglichkeit geben, sich aus dem Boilie zu befreien und sich im Wasser zu lösen. Bei den Readymades sind deshalb insbesondere Mehrschichtboilies für diese Zwecke prädestiniert. Die bei einigen Produkten aufquellende äußere Schicht vermag ihre Inhaltsstoffe ideal ans Wasser abzugeben. Wobei der innere Kern fest und damit widerstandsfähig gegenüber Weißfisch- und Krebsattacken bleibt. Eine hohe Hürde für die Selbstroller unter uns - aber auch unsere Selfmades können wir entsprechend boosten. Am einfachsten geht dies natürlich durch das mehrstündige Dippen der Boilies in einer Amino- oder Betain-Lösung.

Hierbei soll zunächst ein möglichst großer Anteil des Dips in unseren Boilie eindringen, damit dieser dann später sukzessive wieder ans Wasser abgegeben werden kann. Nicht zu vernachlässigen ist ferner die Schleimhaut, die sich um den Köder herumlegt, hier empfehle ich jedoch, den Köder nach dem Auswerfen nicht mehr allzu weit zu verholen. Die Wirkung soll sich schließlich an unserem Spot und nicht ein paar Meter weiter draußen entfalten. Neben der Anwendung von gekauften oder selbst kreierten Dips (hier gibt es noch viel auszuprobieren), haben wir noch die Möglichkeit, unsere Köder mit einer Hülle aus sehr proteinhaltigen Stoffen zu versehen. Der Köder wird hierzu beispielsweise mehrmals in eine zähe, im wesentlichen aus Acid Casein und Kondensmilch bestehende Lösung getaucht und anschließend getrocknet. Wiederholt man diesen Vorgang mehrmals, so erhält man eine schöne, relativ wasserlösliche Schicht, die sehr schnell beginnt ihre Lockstoffe ans umliegende Wasser abzugeben.

Beim Boiliemix an sich sollten wir von vornherein darauf achten, dass wir möglichst viele aminohaltige Komponenten kombinieren. Die gesteigerte Wirkung einer Kombination von Aminosäuren gilt als gesichert und das sollten wir uns zunutze machen. Generell gilt hier leider „nichts zum Studieren, deshalb probieren“. Aus der Praxis lässt sich jedoch ableiten, dass kohlehydrathaltige Mischungen gut mit Glycin-Betain funktionieren und dass, auch vor dem Hintergrund der längeren Haltbarkeit, eine Mischung aus Sojamehl und Fischmehl gut passt. Nicht wirksam scheint hingegen die Wirkung von Glycin-Betain und Fischmehl zu sein. Mein persönlicher Top-Favorit ist Erbsenproteinisolat. Das Erbsenproteinisolat hat ein hervorragendes Aminosäureprofil und so ziemlich alles an Aminosäuren zu bieten, was man sich nur wünschen kann. So enthält es alle Aminosäuren deren stimulierende Wirkung auf die Futteraufnahme bei omnivoren und herbivoren Fischen nachgewiesen wurde.

Aspartat (ca. 13 %), Glutamin (ca. 19 %), Glycin (ca. 4 %), Prolin (ca. 5 %) und Valin (ca. 4 %). Ferner enthält es essentielle Mineralien wie Natrium, Kalium und Calcium. Schlechthin der ideale Grundstoff für einen ausgewogenen und hoch attraktiven Mix. Ein Boiliemix der die beschriebenen Eigenschaften besitzt ist zum Beispiel der folgende, auf Basis von Hartweizengrieß, Sojamehl und Erbsenproteinisolat kreierte: 30 % Hartweizengrieß, 5 % Acid Casein, 20 % Erbsenproteinisolat, 12,5 % Maismehl, 30 % Sojamehl, 2,5 % Lebermehl. Wie ich finde, eine ausgewogene Mischung zu einem akzeptablen Preis pro Kilo. Da dieser Mix reich an Kohlehydraten ist, bietet es sich an, diesen zusätzlich mit einem Betain-Dip zu boosten.

Beißzeit„The Method“ und Anfüttern im Allgemeinen
Mit einem aminohaltigen Lockteig am Inline Method Feeder haben wir die Möglichkeit, ein Maximum an Aminos ins Wasser zu bringen, ohne den Stoffwechsel des Karpfens zu belasten. Wir haben also die Option, den Suchreflex des Karpfens zu maximieren, ohne die Nachteile einer erhöhten Amino-Konzentration im Boilie in Kauf nehmen zu müssen. Unabhängig davon würde ich immer noch zusätzlich einige aminohaltige Boilies im näheren Umkreis unseres Hakenköders anbieten, damit vergrößern wir unseren Wirkungskreis. Was uns die Möglichkeit gibt, den Karpfen aus einer etwas größeren Distanz abzuholen. Meine Theorie ist es dabei, dass die höchste Aminokonzentration in unmittelbarer Nähe unserer Hakenköder herrschen sollte, da ich davon ausgehe, dass der Karpfen sich an der Intensität der „Witterung“ orientiert.

Gleiches gilt auch für das Anfüttern im Allgemeinen. So empfiehlt es sich auch hier, die Wirkung zum Hakenköder hin zu konzentrieren. Einzelne Boilies im Außenbereich – welche den Wirkungskreis vergrößern – und das Gro der Köder im näheren Umkreis um unsere Montagen herum. Beim Anfüttern müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass nach Wahrnehmung der Botenstoffe der Suchreflex ausgelöst, gleichzeitig aber auch das Suchfeld reduziert wird. Wir sollten den Bereich also nicht zu groß fassen, in dem wir unsere Köder verteilen.

Fazit
Für den kurzfristigen Erfolg reichen Boilies mit einer Hülle aus verschiedenen Aminosäureverbindungen vollkommen aus. Hier zählen nur Lockwirkung und sensorische Wahrnehmung im Fischmaul. Langfristiger Nutzen für den Karpfen und damit auch für uns liegt jedoch nur in ausgewogenen Ködern. Vor diesem Hintergrund sollten wir bei Auswahl bzw. Zusammenstellung unserer Boilies entsprechend verfahren. Überschätzen wir die Wirkung der beschriebenen Effekte jedoch nicht. Auch wenn hierzu bisher kaum Forschungsergebnisse vorliegen, so ist doch davon auszugehen, dass sich die Lockwirkung und die Auslösung des Suchreflexes auf einen begrenzten, recht kleinen Bereich von wahrscheinlich fünf Metern im Radius beschränkt - hoffentlich die entscheidenden fünf Meter!

Petri Heil und Moin Moin

Frank Zabel