Selektieren über Köder?
Schon vor Jahren versprachen wir Kurt Grabmayer, dem österreichischen Messeveranstalter und Angelgerätehändler, ihm und seinem Privatgewässer nahe der Stadt Wien einen Besuch abzustatten. Wir, das sind Steve Briggs, Rene Hawkins und ich. Kurts See, gelegen mitten in einem Wald, lockte mit einem guten Bestand an Karpfen bis fast 60 lb. Lange schafften wir es nicht, einen gemeinsamen Termin festzulegen. Erst vor kurzem machten wir die Sache endlich fest und nahmen die 18-stündige Reise auf uns. Mit einer so langen Anreise im Nacken, wollten wir gerne auch viel Zeit am Wasser verbringen, doch letztendlich wurden es nur sechs Nächte – zuhause wartete viel Arbeit für unsere Firma Venture. Dennoch, unser Trip wird uns nicht nur wegen der Fänge lange in Erinnerung bleiben. Auch die Reaktion der Karpfen auf unsere Köder war bemerkenswert…
Steve und seine Frau Joan kamen zuerst an. Rene und ich verspäteten uns um einen Tag. Da auch Joan seit Jahren begeistert auf Karpfen fischt, ließen sich die beiden zusammen an einem Platz nieder, der ausreichend Möglichkeiten für zwei Angler bot. Rene und ich hatten somit den restlichen See für uns. Ungefähr eine Woche bevor wir ankamen, waren Bill Cottam und Kev Richardson aus England an diesem See und fingen zahlreiche Fische bis Mitte 40 lb, größtenteils aber im mittleren zwanziger Bereich. Das Wetter war schon äußerst kalt in unserer Angelwoche. Der Herbst neigte sich großen Schrittes dem Ende und wir wussten, das uns diese Bedingungen eine gute Chance geben würden, einen der wirklich Großen hier zu fangen.
Allzu oft konnten wir dieses Big-Fish-typische Verhalten in der Vergangenheit beobachten: Die Großen suchen auch dann noch nach Futter, wenn die Kleinen ihre Nahrungsaufnahme längst deutlich runter gefahren haben. Es ist als würden die kleineren Seebewohner bereits ein, zwei Wochen vor den Großfischen die Nahrungssuche deutlich einstellen. Warum, weiß keiner so genau. Aber ich denke es hat damit zu tun, dass die großen Karpfen einfach mehr Futter brauchen, um über den Winter zu kommen. Vielleicht zeigen die älteren Karpfen kaltem Wasser gegenüber auch einfach nur eine größere Toleranz als die kleinen, jungen Fische.
Zurück zu Kurts See: Nach einem ausgiebigen Rundgang, entschieden wir uns für einen Platz genau gegenüber von Steve und Joan. Die Beiden nahmen mit ihren sechs Ruten eine ordentliche Wasserfläche in Beschlag, aber auf der anderen Seite hatten wir noch reichliche Optionen. Da wir uns nicht einigen konnten, wer auf welcher Seite angeln sollte, überließen wir der Münze die Entscheidung. Letztlich übernahm ich die rechte Flanke unseres Swims. Hier konnte ich ein Ufer anwerfen, von welchem aus nicht gefischt werden darf. Dort befanden sich einige Krautfelder und überhängende Bäume.
Aus Gesprächen mit Kurt wussten wir, dass circa 80 % des Bestandes Schuppenkarpfen waren, aufgelockert durch den einen oder anderen Spiegler. Die größeren Fische waren durchweg die Schuppies: Mindestens fünf von ihnen wogen zwischen 50 und 55 lbs, während es nur einer, vielleicht zwei der Spiegelkarpfen auf über 50 lb brachte. Gleich zu Anfang der Woche merkte Rene an, dass Solar’s Club Mix bei ihm besonders gut auf große Schuppenkarpfen wirkte. Auch wenn Steve mit diesem Mix noch keine Erfahrungen hatte, lies er sich von Rene überzeugen. Ich hingegen entschied mich für den BYT, ein Köder, der mich noch an keinem Wasser im Stich lies, seit ich ihn vor vier Monaten das erste Mal einsetzte.
Am Ende der Fünftagessession hatte Rene nur Schuppenkarpfen bis 30 lb auf seine Clubs gefangen. Steve und Joan konnten sechs Fische, 50/50 Schuppies und Spiegler, auf die Matte legen. Zwei ihrer Fische gehörten zu den größten Schuppenkarpfen des Sees: 55 lb, 10 oz und 51 ½ lb! Bei mir landeten insgesamt acht Fische auf der Matte. Sieben davon waren Spiegler bis 50 lb, 10 oz. Nur ein Schuppenkarpfen fand den Weg in meinen Kescher. Mein erster Fisch war ein 37 ½ lb Spiegler und mein zweiter ein 33 lb Spiegler. Als ich den zweiten Fisch kescherte, kam Kurt rüber und sagte: „Du kannst dich glücklich schätzen Simon! Hier zwei Spiegler in Folge zu fangen, ist ein echtes Kunststück. Sicher wird dein nächster Fisch ein Schuppi sein!“
Nun ja, meine nächsten sieben Fische waren alle Spiegler! Der einzige Schuppi kam als letzter Fisch der Session am letzten Abend. Alle Mitglieder der privaten Angelvereinigung an diesem See sprachen ihr Erstaunen über mein Resultat aus. Schließlich stand auch das Areal, das ich befischte, unter hartem Angeldruck und produzierte auch schon immer mehr Schuppies als Spiegelkarpfen. Auch entsprachen die von mir verwendeten Methoden an diesem See der Norm. Alles was ich ausprobierte wurde hier von den Fischen bereits hundertfach gesehen, bis auf meinen Köder, den BYT! Ich verwendete ausschließlich 22 mm BYT’s, keine Pellets, Partikels oder andere Köder an meinem Platz. Am Ende der Woche erzählte mir Rene, dass er erst kürzlich mit Solarboss Martin Locke über den BYT gesprochen hatte und auch dieser erwähnte, dass ihm größtenteils Spiegler auf diesen Köder gemeldet wurden.
Ob da tatsächlich eine Verbindung besteht, zwischen Spiegelkarpfen und BYT, Schuppenkarpfen und Club, wird die Zeit noch zeigen. Doch der Fakt, dass Steve, Joan und Rene fast ausschließlich Schuppies fingen, hinterließ bei mir doch die Impression, dass man schon über die Wahl des Boilies und dessen Zusammensetzung selektieren kann – ob in Bezug auf ein bestimmtes Gewässer oder, um einen bestimmten Fisch gezielt zu fangen.
Die Zusammensetzung
Über die selektive Wirkung verschiedener Köder auf große Fische wurde schon diskutiert, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Man muss sich nur mal einige der frühen Diskussionen im Carp Catchers Club durchlesen: Über die Anziehungskraft von Kartoffeln auf Großkarpfen gegenüber Brot, oder wie sich diese durch Dippen verändert, wurde hier seitenweise debattiert. Und schon damals, vor fünfzig Jahren, herrschte Einigkeit darüber, dass bestimmte Köder besser auf große Fische wirken.
Die Wirkung bestimmter Köder oder Mixe wurde besonders deutlich, als die Carp-Talk die Fang-Reports einführte. Es war nun möglich, jede Woche die Fänge der größten Fische des Landes zu analysieren. Vor neun oder zehn Jahren beispielsweise, waren es Mainline mit dem Grange Mix oder Nash mit dem Squid Liver Mix, die über die „Catch Reports“ dominierten. Im ganzen United Kingdom wurden die größten Fische reihenweise auf diese Köder flachgelegt. Gewisse Köder dominierten so extrem, dass gar keine Fänge auf andere Boilies mehr gemeldet wurden.
Es hatte den Anschein, dass nur noch ein bestimmter Köder fing! Natürlich gab es Zutaten, die auf größere Fische eine besondere Anziehungskraft hatten und haben. Gut erinnere ich mich an die späteren Diskussionen in der Carpworld, in welchen die verschiedenen Teilnehmer versuchten, die besonders wirksamen Schlüsselbestandteile zu identifizieren. Vor nicht allzu langer Zeit waren es der Trigga Mix und Boilie von Nutrabaits oder auch der Club von Solar, die für Schlagzeilen sorgten. Gerade am Cassien schlug der Trigga damals ein wie eine Bombe.
Hätte man mir die Frage vor fünfzehn Jahren gestellt, ob gewisse Köder oder Zusätze eine größere Anziehung auf gute Fische haben, wäre ich mir nicht sicher gewesen. Heute aber, bin ich mir ganz sicher, dass bestimmte Fische deutlich auf bestimmte Zutaten reagieren! Welche Zusätze das genau sind, kann ich leider auch nicht genau bestimmen. Doch was ich sicher weiß ist, dass mehr dazu gehört, als eine bestimmte Methode oder ein bestimmter Köderdurchmesser, um gewisse Fische gezielt zu überlisten.
Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Karpfen, je älter er ist, umso mehr eine Vorliebe für bestimmtes Futter (auch Naturnahrung) herausbildet. Sicher ist es eine Frage des Alters der Fische und nicht der Größe, doch Wachstum geht mit Alterung einher. Vorliebe muss nicht gleich Spezialisierung bedeuten. Vergleichen wir doch mal mit dem Menschen, dazu neigen wir Karpfenangler ja gerne: Setzten wir einer Gruppe Kinder ein heißes, gut gewürztes Curry vor, so werden sich die meisten sträuben, es zu essen. Erwachsene hingegen, werden sich freuen – zumindest die meisten.
Es gibt immer Ausnahmen, doch könnte man auch sagen: Je älter man wird, desto größer wird die Akzeptanz für Nahrung. Man erschließt sich also ein breiteres Nahrungsspektrum. Vielleicht verhält es sich ähnlich mit den Geschmacksnerven bei Karpfen. Je mehr Jahre der Fisch auf dem Buckel hat, desto stärker wirken besonders intensive Additive und Zusätze auf ihn. Schließlich weis man auch sicher, dass sich die Schlundzähne entsprechend der Nahrung entwickeln, die Karpfen am meisten finden. Schlundzähne von Fischen aus Gewässern in denen Krebse, Muscheln und Schnecken die Hauptnahrung darstellen, sehen anders aus als solche von Tubifexfressern.
Spiegel- und Schuppenkarpfen
Über dieses faszinierende Thema ließe sich Jahre sprechen. Jeder bringt seine eigenen Beispiele mit, doch keiner hat wirkliche Belege dafür, dass gewisse Zutaten größere Erfolge, also bessere Fische bringen, als andere. Vielleicht hat es auch mehr mit der Genetik der Fische zu tun, als mit den Zutaten der Köder? Vielleicht haben ja die Zuchtformen Spiegel, Zeilen- und Lederkarpfen aufgrund ihrer genetischen Mutationen ganz andere, oft breiter gefächerte Vorlieben als die urtümlichen Schuppenkarpfen? Ganz sicher, wann immer Sie in den Gesprächen anderer Angler vom unfangbaren Monster hören: Es ist meistens ein Schuppenkarpfen, selten aber ein Spiegler! Solche Beispiele wie unsere beschriebene Session in Österreich bewegen bei mir den Denkapparat. Und es gibt reihenweise solcher Beispiele!
Ich erinnere mich an einen Tipp von Paul Bray. Er sagte, durch eine kleine Menge Kokosnussmehl im Boilie könne man die Schleien vom Fressen abhalten, ohne das Fressverhalten der Karpfen negativ zu beeinflussen. Köder und die Möglichkeit über diese zu selektieren, sind ein fesselndes Diskussionsthema. Nach meinen langjährigen Erfahrungen gehört weit mehr dazu einen Karpfen zu fangen, als einfach nur einen Köder aufzuziehen und auszuwerfen.
Die „Location“ spielt immer noch die größte Rolle, keine Frage, doch der Köder kommt meiner Meinung nach gleich danach! Es wird niemals möglich sein über den Köder Schuppen- und Spiegelkarpfen komplett zu selektieren, geschweige denn kleine Karpfen ganz fern zu halten. Dann könnte ja jeder los ziehen und würde nur noch das fangen, was er will. Wie langweilig! Aber: Ziehen Sie los mit irgendeinem Boilie in der Tasche und es gleicht einer Lotterie.
Recherchieren Sie und überdenken Ihre Köderwahl wie Ihre Stellenwahl und die Faktoren zum gezielten Erfolg nähern sich weiter dem gemeinsamen Nenner! Diese Tatsache läst sich einfach zu deutlich nachweisen, als das man sie ignorieren sollte.
Simon Crow






