Der Duft, die Animation zum Biss!
In einem Karton mit alten Angelzeitschriften, Karpfenmagazinen und Schreibunterlagen habe ich diesen alten und längst vergessenen Karpfenangelartikel von mir aus Anfang der 90er Jahre wieder gefunden. Dieser Artikel war damals für mich ein Testschreiben, den ich jetzt als Rückblick erstmals so veröffentliche. Wenn man das heutige fundierte Wissen eben kurz ausblendet, kann man die Entwicklung des Flavour bzw. Aromastoffes als „gedippten“ Vorläufer der Karpfenköder und deren Aromatisierung durch diese alten Zeilen etwas zurück verfolgen.
Einige denken bestimmt, das ist doch ein langweiliger alter Hut! Aber kopieren kann man schnell und ebenso die Aussagen anderer Karpfenangler, ohne die Hintergründe von früher zu kennen. Dieses ist kein Retrolookschreiben der auf alt gemacht ist, sondern ein Original!
Ich Angel schon seit Mitte der 70er Jahre. Erst hauptsächlich nach damaligen Erkenntnissen auf Weissfisch, dann später als Allroundangler. Zwischendurch in den 80er Jahren hörte man etwas über einen Karpfenköder mit dem Namen „Boilie“. In diesen 80er Jahre hatte ich meine Karpfen ausschließlich nur auf Kartoffel, Mais oder Brotteig gefangen.
Bis ich einen Karpfenangler 1990 über die Schulter geschaut habe, der erfolgreich mit diesen Boilies seine Karpfen gefangen hat. Alte Lehrweisheiten über weiche Köder und das Misstrauen gegenüber dem neuen Fischköder als harte Kugel wollen wir dem heutigen Karpfenangler jetzt ersparen.
Das Signal zum Köder
Das Zusammentreffen mit diesem Fangerfolg hatte mich tief beeindruckt. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie ich auch beständig und zuverlässig den Karpfen nachstellen könnte. Besser noch; gierig sollten die Karpfen auf meinen Köder sein! Ich dachte daran, wie das bei uns Menschen ist? In einem Süß- oder Backwarengeschäft ist oft die Animation zum Kauf von etwas Leckeren, der Geruch den wir aufnehmen.
Der Groschen war gefallen! Das Signal, das die Karpfen sich für meinen neuen Fischköder sprich Boilies entschließen sollten, musste ein beständiger Geruch sein! Ich kaufte die ersten 400 Gramm Packungen als 16mm Marzipan- oder Vanilleboilies von Cormoran, sowie Vanillegriesbolies von Top Secret mit den alles entscheidenden Marzipan-Flavour 1:2000 Konzentration von Jürgen Paul.
In den jeweiligen Boiliepaketen gab ich einen Schuss von dem flüssigen Flavour hinein und schüttelte bis alle Boilies darin benetzt waren. Ein paar Tage ließ ich verstreichen, damit der Geruch richtig in die Boilies einziehen konnte. Jeden Tag ging ich zu dem Mitling Marker-Angelsee und fütterte mit ca. 50 Flavourboilies mit meiner umgebauten Madenschleuder an.
Die einfachen Latexkörbe der Madenschleuder rissen immer wieder und ich wurde Stammkäufer dieser Ersatz-Latexkörbe. Später kam erste Cobra-Wurfrohr und leider auch die ersten schmerzlichen Erfahrungen mit einem Tennisarm bzw. einer Sehnenscheidenentzündung. Da der Geruch des konzentrierten Flavours so stark in die Haut bzw. Hände einzog, musste ich Stoffhandschuhe tragen, die noch über Jahre hinweg diesen Geruch behielten. Nach heutigen Erkenntnissen muss der direkte Hautkontakt mit solchen konzentrierten Flavours aus gesundheitlichen Gründen vermieden werden.
Egal wie das Wetter auch war, ich fütterte erstmals konsequent über zwei Wochen um die gleiche Uhrzeit an, ohne zu fischen und die Angelstelle zu beunruhigen. Jahrelang war ich immer nur außerhalb unserer Ortschaft am fischen, weil angeblich dort keine potentiellen Karpfengewässer vorhanden sein sollten. Das änderte sich schlagartig, denn ich fing in den nächsten drei Wochen dort über 30 Karpfen, wobei ich auch viele weitere Fische durch meine Unerfahrenheit verloren hatte.
Selbstverständlich habe ich in diesen Wochen auch weiterhin konsequent mit Flavourboilies durchgefüttert und sogar die Futtermenge etwas erhöht. Es lief so gut, dass ich um eine gewisse Uhrzeit richtig unruhig wurde, wenn pünktlich kein Biss erfolgte. Was ich in diesen drei Wochen an Karpfen gefangen und leider auch verloren hatte, war in den vorherigen Jahren zusammen gerechnet noch nie vorgekommen.
Die Angelkonkurrenz schlief nicht, sie überwarfen meine Schnüre, setzten sich direkt neben mich hin und angelten auf meiner angefütterten Angelstelle, aber die Karpfen fing fast ausnahmslos ich! Ich erinnere mich daran, dass einige hartnäckige Angler so lange neben mir stehen blieben, bis ich zwangsläufig auswerfen musste, weil die Beisszeit eingetreten war. Ein dreister Zuschauer klaute mir sogar einige von meinen Flavourboilies.
Danach ließ ich immer rein zufällig andere Hakenköder zur Täuschung auf dem Angelplatz zurück.Nach der Erfolgseuphorie verschwieg ich so gut wie ich noch konnte meine Fangerfolge. Ich habe vorher nie die Sucht und das Zittern verspürt, vorzeitig am Angelplatz zu sein. Aber es war zu spät und sinnlos, denn diese Angelstelle war jetzt durchgehend von anderen Anglern besetzt. Wochenlang war es nicht mehr möglich dort zu fischen, was mich von meinem angepeilten Gesamtgewichtsrekord abhielt. Ich entnahm einige dieser Karpfen und lernte das Catch and Release.
Die Testphasen
Ich perfektionierte die Idee mit den flavourisierten Boilies. Gut schmeckende und verdauliche Boilies von Top Secret mit Gries und später Hot Shot High Protein wurden angeschafft, wobei ich mich jetzt mehr über den Inhalt dieser Boilies informierte. Diese neuen Boiliessorten wurden diesmal im Schatten etwas angetrocknet. Eine 50 ml. Flavourflasche mit der Konzentration von 1:1000 oder 1:2000 wurde in einem großen verschließbaren Eimer mit Inhalt dieser Boilies geleert. Eine weitere solche 50 ml. Flavourflasche wurde in ein kleines verschließbares Glas gekippt, wo immer ca. 15 angetrocknete Boilies ganz eingelegt wurden.
Der große schwere verschlossene Eimer wurde mehrmals am Tag gedreht bzw. geschüttelt und das verschlossene Glas ebenso. Mit den benetzten Boilies aus dem großen Eimer fütterte ich an und mit den anderen eingelegten Boilies wurde geangelt. Die eingelegten Boilies aus dem Glas wurden aber vorher leicht abgewischt und in ein anderes verschließbares Glas gelegt, um die schmierige Anköderung zu erleichtern. Die benetzten Boilies aus dem Eimer waren nach einigen Tagen handtrocken und konnten dann ohne Probleme mit Erfolg so verfüttert werden.
Ich habe viele Karpfen auf ölhaltige, alkoholische und anschließend gemischte Flavours bzw. Geruchstoffe gefangen. Der Geruch des Öl-Flavours bzw. der Öllösung steigt separat im Wasser nach oben und ist meistens Wasserunlöslich. Der Alkohol-Flavour ist aber genau das Gegenteil, geht eine schnelle Verbindung mit dem Wasser ein und breitet sich auf dem Gewässerboden schneller aus. Der Alkohol ermöglicht sogar eine bessere Wasserlöslichkeit des Ölflavours und beide Flavoursorten miteinander vermischt ist oft die ideale Komponente. Es wurden gute Karpfen sogar mit penetranten Raubfischlockstoffen oder Blutproteinen von mir gefangen, was eigentlich doch ein äußerst unangenehmer Friedfischgeruch sein sollte?!
Oft werden die eingelegten Flavourboilies in einem Öl-Flavour nach einiger Zeit steinhart, weil das Ölgemisch die Wasserfeuchtigkeit daraus entzieht und sich der Boilie dadurch stark verdichtet, was bei Krabben, Krebse oder Kleinfischen eigentlich gut ist. Der Einzug dieserÖl-Flüssigkeit ist dabei oft nur wenige Millimeter tief. Bei einem Alkohol-Flavour ist diese Verdichtung des Boilies nicht immer so stark, weil der Einzug zwar tiefer ist, aber die Wasserabsorbierung mit der Wasserlöslichkeit nicht so groß ist. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wobei die Zusammensetzungen der Öl- und Alkoholanteile dafür entscheidend ist.
Viele verschiedene Flavoursorten habe ich für meine Testphasen zur äußerlichen Anwendung der Boilies eingesetzt. Meine persönlichen Favoriten u.a. sind: Chocolate Malt und Scopex von Richworth oder Rod Hutchinson. Marzipan, Vanille, Honig, Cola-Klassik und Frucht von Jürgen Paul. Später auch von Kevin Maddocks (Cream RM 30), Top Secret, Star Baits, Mosella, Pelzer und andere, sowie auch individuelle Flavourmischungen untereinander.
Bei penetranten Außenseiter-Flavours sind meine Highlights: Weirdo von Rod Hutchinson oder verschiedene Raubfischlockstoffe von Jürgen Paul. Meine ersten Massenfänge, mein erster einheimischer Zwanzigpfünder, mein hoher Fangdurchschnitt, direktes und schnelles Fangen bei hohem Angeldruck, bei stark verkrauteten oder fauligem Gewässerboden, sowie bei starken Frostperioden habe ich meiner Idee der eingelegten Boilies zu verdanken.
Erfolgreich war ich auch auf meine vormontierten Vanilleboiliemontagen, die mit Vorfach in dickflüssigen Bienenhonig eingetaucht und im gefrorenen beschichteten Zustand ausgeworfen wurden. Ebenfalls auch mit eingetauchten, benetzten oder eingelegten Flavourboilies, die im feuchten Zustand mit verschiedene Futtermehle oder Vanillinzucker beschichtet worden sind.
Die Erkenntnis
Ein Angelkollege war schon drei Tage am Wasser und hatte seit zwei Tagen keinen Biss mehr bekommen. Ich kam kurz vor der Dunkelheit hinzu und fing wenige Stunden später auf meine eingelegten Boilies einen guten Zwanzigpfünder. Der Karpfenangler hatte wirklich gute und teure KM-Cream RM 30-Boilies, aber die Verpackungstüte leider immer offen gelassen. Wahrscheinlich ist der Duft als Animation zum anbeissen dadurch etwas verloren gegangen?!
Oft hatte ich keine Möglichkeit durch ein Bootverbot o.a. in weiter Entfernungen ausreichend anzufüttern. Ich riskierte dort dann immer einen eingelegten Boilie und wurde oft dadurch belohnt. Mein Angelfreund Heinrich und ich haben diese benetzte Eimer- und eingelegte Glasflavourboiliemethode schon oft angewendet und unser Erfolg spricht dafür.
An ein Erlebnis im heißen Sommer erinnere ich mich besonders: Drei Angelkollegen hatten seit einigen Tagen leider keinen einzigen Biss mehr am See gehabt und ich kam noch hinzu. Ich nahm einen eingelegten Boilie mit dem penetranten Rod Hutchinson Weirdo-Flavour und sagte: „Wenn ein Biss kommt, dann darauf!“, worauf man mich belächelte. Morgens hörte ich einen nicht endenen Bissanzeigerton, weil mein Schlafsackreissverschluss klemmte und ein guter Karpfen wie eine Dampfwalze ablief. Dieser Drill war die Bestätigung meiner Testversuche und der alleinige Erfolg sprach für sich. Oft habe ich allein „nur dadurch“ die Chance gehabt, einen dieser wenigen und neugierigen Außenseiter bzw. guten Karpfen zu drillen.
Weitere Erlebnisse könnte ich aufführen, doch um auf dem Schwerpunkt dieses Artikels zu kommen, mache ich jetzt eine kurze Zusammenfassung:
Ich angel in einem Gewässer mit „einem“ eingelegten Boilie als Hakenköder. Der Karpfen der anbeisst konnte diesen Köder vorher nicht abschmecken oder im Fressrausch mit anderen bekannten und vertrauten Boilies einsaugen. Nein! Der Karpfen nahm den Boilie ins Maul, um ihn zu probieren und zu fressen, wie seine andere Nahrung auch. Wahrscheinlich saugt der Karpfen diesen Hakenköder bzw. unnatürlichen Nahrungsgegenstand nicht tief ein, so das die Fangmontage mit dem Risiko darauf abgestimmt werden muss. Die Präsentation, das Aus sehen und der alles entscheidende Duft bzw.Geruch als Reizstoff war für ihn unwiderstehlich!
Woher wusste der Karpfen, dass es sich vielleicht um etwas Fressbares handelt? War es nur reine Neugierde, ein vertrauter nahrungsidentischer Geruch oder ist dieser Fisch ein alles fressendes Unterwasserschwein, das seinen Nahrungsbedarf einfach stillen muss? Egal! Der Anreiz zum fressen ist auch der Nahrungsgeruch und damit auch die Animation zum Biss! Uns Menschen läuft auch das Wasser im Munde zusammen, wenn wir vor einer Imbissbude warten müssen und die Gerüche bzw. Düfte mit Sicht auf unserer Mahlzeit wahrnehmen.
Rein theoretisch braucht es noch nicht einmal ein Boilie oder irgendetwas Fressbaren zu sein?! Natürlich ist diese Erkenntnis bzw. Erfahrung nicht auf alles übertragbar und man erreicht manchmal mit einem abstoßenden konzentriertem Geruch sogar das Gegenteil, aber dieses heraus zu finden liegt an jedem selber. Ich für meinen Teil habe immer verschiedene handgetrocknete eingelegte Boilies dabei, um jederzeit variabel und zu meiner persönlichen Orientierung angeln zu können.
Aufklärend muss ich noch sagen, das nur die benetzten Boilies verfüttert werden sollten, aber nicht die eingelegten Glasflavourboilies, die nur als reine Hakenköder so behandelt worden sind! Ich möchte nicht, dass die Fische an dieser starken Flavourkonzentration erkranken!
Einen guten Riecher wünscht Euch
Ingo Schwertmann






