LK-Baits

Boilies vs. Tigernuss - Ein Vergleich mit Chancengleichheit

Von Robert Arlinghaus und Alexander Kobler / Dezember 2010

Die Morgensonne strahlt friedlich auf den See. Rund um unser Boot zelebrieren hunderte Weißfische den neuen Tag. Es ist einer dieser magischen Momente. Tief verneigt sich die Angel. Der Fisch versucht zum wiederholten Male im Kraut Deckung zu finden. Die Bremse tickt und gibt langsam Schnur frei. Die Weißfische zeigen sich unbekümmert, lassen sich von ihren Sprüngen durch die Wasseroberfläche nicht abhalten. Gerade - etwas entfernt vom Krautfeld - versucht der Karpfen mit kraftvollen Fluchten die Freiheit wiederzuerlangen. Nach zahlreichen Beschleunigungen erlahmt der Druck gegen die Rute zunehmend. Sanfter Fingerdruck auf den Spulenrand bremst ihn letztendlich vollkommen aus. Luftblasen steigen auf und kündigen den baldigen Sichtkontakt an. Da! Ein massiver Fischleib wird sichtbar: Ein mächtiger Spiegelkarpfen. Er scheint „bereit“, sich seinem Schicksal zu ergeben und gleitet erschöpft in den Kescher. Wir können unser Angelglück kaum fassen, und der Morgen ist perfekt.

Abb.1: Nährstoffzusammensetzung (auf Trockensubstanz bezogen) von Red-Fish-Mix Boilies (M+M Baits) und frisch gekochten sowie einen und drei Tage im Wassereimer gelagerten TigernüssenEs ist verständlich, dass man sich als Angler solche Momente immer wieder herbeiwünscht. Oft brennen sie sich tief in die Erinnerung, und man versucht mit allen erdenklichen Mitteln die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Ähnliches noch einmal zu erleben. Unvergessen bleiben zumeist Gewässer, Angelstelle, Datum, Wetterbedingungen, aber auch das benutzte Material, einschließlich des verwendeten Futters und Hakenköders. Doch bleibt es dem Angler stets schwierig, die fängigen Umstände objektiv zu werten und z.B. den Faktor zu identifizieren, der für den außergewöhnlichen Fang schlussendlich verantwortlich war. In der Realität existieren leider zu viele auf den Fang einflussnehmende Aspekte, um diese isoliert zu betrachten und werten zu können.

Der Faktor, dem in diesem Artikel Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, ist der Köder, insbesondere der Vergleich von Boilie und Tigernuss. Dies soll hier mehr oder weniger wissenschaftlich und nicht subjektiv beleuchtet werden. Mit Subjektivität ist gemeint, dass der Angler zumeist einen der beiden Köder bevorzugt und jener dann meist auch an der bevorzugten Stelle präsentiert wird. Somit ist es dem nicht zufällig agierenden Angler in der Regel unmöglich, einen besonderen Fang (z.B. viele Fische oder besonders kapitale Exemplare) auf zum Beispiel den Köder (Boilie oder Partikel/Tigernuss) oder den Platz zurückzuführen.

War vielleicht doch das Wetter ausschlaggebend? Oder die Anfütterstrategie? Ist man wissenschaftlich daran interessiert, ob eher der Boilie oder die Tigernuss mehr Karpfen verführt, so muss beiden Ködern auf einem möglichst standardisierten Weg die gleiche Chance gegeben werden, vom Karpfen eingesaugt zu werden. Dies ist wegen der mannigfaltigen köderunabhängigen Einflüsse auf den Karpfenfang nur durch eine über langen Zeitraum zufällige Köderauswahl auf den Fangplätzen möglich. Genau das haben wir zusammen mit einigen befreundeten Karpfenanglern in einem „Karpfenangelexperiment“ in der Saison 2006 durchgeführt: Ein Vergleich mit Chancengleichheit.

Im vorliegenden Artikel sollen einige häufig von Anglern geäußerte Vermutungen, die sichauf die unterschiedliche Fängigkeit von Boilie und Tigernuss beim spezialisierten Karpfenangeln beziehen, einer objektiven Analyse unterzogen werden. Typische Mutmaßungen und Praxiserfahrungen umfassen z.B.: 1) Sind Boilies und Tigernüsse gleichwertige Köder beim Großkarpfenfang oder fängt man z.B. auf Boilies eher die Größeren und auf Tigernüsse mehr, dafür aber Kleinere? 2) Fängt man Spiegler eher auf Boilies, während Schuppis eher Partikel (z.B. Tigernüsse) bevorzugen? 3) Welcher der beiden Köder ist selektiver beim Fang von Karpfen und bringt weniger Beifang? Durch unsere Studie können wir zumindest einen kleinen Einblick in die Beantwortung dieser Fragen liefern. Das wollen wir in diesem Artikel gerne tun.

Tab.1: Angelzeit, Anzahl Karpfen, durchschnittlicher Einheitswert (EF; Idividuen pro Rutenstunde) sowie Hervorhebung der zwei größten gefangenen Karpfen je maßgeblich beteiligten Anglers im ChancengleichheitsversuchMethodik
Durch zehn Angler wurden beiden Ködern über den Zeitraum von einer Angel-Saison (Mai bis November 2006) Chancengleichheiten im Wettstreit um den besonderen Fang geboten. Das bedeutete, dass die Plätze, an denen die Köder ausgelegt wurden, zufällig per Münzwurf einem der beiden Köder zugewiesen wurden. Wichtig ist zu bemerken, dass die Angelplätze zum Teil dicht nebeneinander oder aber weiter enfernt zueinander lagen. Die Verteilung der Ruten war demnach Freiraum des Anglers, der ausloste, ob an einem bestimmten Angelplatz die linke oder die rechte Rute mit Boilies oder Tigernüssen bestückt wurde. Durch das Auslosen erreichten wir, dass über den Versuchszeitraum Boilies und Tigernüsse ähnlich häufig links oder rechts gefischt wurden. Damit wurde ein möglicher “Spot“-effekt kontrolliert.

An jedem Angeltag wurden also Boilies und Tigernüsse gleichzeitig gefischt. Eine weitere Grundlage, um beide Köder zu vergleichen, war Größengleichheit. Dazu wurde der Durchmesser der Boilies auf 14 mm festgelegt und auch die „Standard“-Tigernüsse maßen im Mittel in etwa ca. 14 mm im Durchmesser. Jeder Angler fischte seine Lieblingsmontage, aber die gleiche Köderzahl an Boilies und Tigernüssen am Haar mit der gleichen Montage an einem jeweiligen Angeltag. Wurde am Angeltag flächenmäßig konzentriert auf den Hakenköder gefüttert, wurde ausschließlich der Hakenködertyp gefüttert (entweder Boilie oder Tigernuss). Bei großflächiger Ködereinbringung am Angeltag (Flächen von mehreren hundert Quadratmetern) wurden die Köder zu gleichen Anteilen als Mischfutter verwendet. Bei Vorfütterung wurde ähnlich der Beifütterung am Angeltag bei kleinen Flächen pur und bei größeren Flächen gemischt gefüttert. Verwendete Boilies waren Fischboilies, die Jürgen Meyer von M+M Baits eigens aus seinem Red-Fish Mix rollte. Die Boilies wurden gut getrocknet mit Salz in Eimern aufbewahrt. Tigernüsse wurden zwischen einer halben und einer Stunde gekocht und entweder frisch oder bis zu drei Tage nach dem Kochen (Lagerung kühl und mit Wasser bedeckt im Eimer) verwendet.

Die Nährstoffzusammensetzung der Köder wurde am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin im Labor mit Standardverfahren bestimmt (Abbildung 1). Es zeigt sich, dass die Boilies reich an Proteinen, die Tigernüsse besonders fetthaltig waren. Die Unterschiede in der Nährstoffzusammensetzung der Tigernüsse zwischen den Tagen ergeben sich durch mikrobielle Ab- und Umbauprozesse. An jedem Angeltag wurden präzise Notizen über den Fang, Futter- und Vorfüttermenge sowie weitere Variablen aufgenommen. Zeitraum der Studie war vom 25.05. bis 04.11.2006. In diesem Zeitraum angelten fünf aktive (ganze Saison) und fünf sporadisch aktive Angler, die ihre Angelausflüge in 24 Stunden unterteilten und dokumentierten. Insgesamt resultierten 60 Angelausflüge an 20 Gewässer (Dauer: 7 bis 111 Stunden pro Session), darunter sechs Natur-, sechs Bagger- und zwei Stauseen, vier Kanäle und zwei Flüsse in Deutschland und Frankreich.

Abb.2: Die Einheitsfrage (Anzahl pro Rutenstunde) für Fischboilie und Tigernuss als Köder bei insgesamt zehn Anglern aus der Saison 2006Von den insgesamt 60 Ausflügen wurde an 40 (66%) mindestens ein Karpfen gefangen (1 bis 3 Angler mit 2 bis 8 Ruten je Ausflug; diese erbeuteten zwischen 1 und 96 Karpfen pro Ausflug). Es wurden insgesamt 241 Karpfen bis knapp 50 Pfund gefangen, die ein Gewicht von zwischen 2,3 und 24,7 kg aufwiesen (Tabelle 1). Die Angler hatten einen durchschnittlichen Einheitsfang von 0,032 [Standardabweichung (S.A.) ± 0,028] Karpfen pro Rutenstunde, sprich sie benötigten pro Rute ~ 31,7 Stunden, um einen Karpfen zu fangen (Tabelle 1). Das durchschnittliche Gewicht aller gefangenen Karpfen betrug 7,6 kg (S.A. ± 4.0 kg], und die größten Karpfen setzten sich aus sechs Karpfen über 40 Pfund, zehn über 30 Pfund und 36 über 20 Pfund zusammen. Ein absoluter Ausnahmeangelausflug mit 96 Karpfen in 36,5 h in einem 1000 ha Natursee (Einheitsfang = 0,658; pro Rute ~ 1,5 h für einen Karpfen) wurde als klarer Ausreisser aus weiteren Berechnungen zu Unterschieden in der Fangrate zwischen Boilie und Tigernuss ausgeschlossen (ohne diesen Ausreisser umfassten die Analysen 59 Ausflüge mit insgesamt 145 gefangene Karpfen).

Welcher Köder fängt mehr Karpfen?
Der Einheitsfang mit Boilies (0,035 ± 0,058 Karpfen pro Rute und Stunde) und Tigernüssen (0,036 ± 0,065 Karpfen pro Rute und Stunde) unterschied sich nicht, sprich es wurden ähnlich viele Karpfen auf Boilie wie auf Tigernuss gefangen (Abbildung 2). Diese Zahlen bedeuten, dass im Falle des Boilies in 100 gefischten Stunden 3,5 Karpfen pro Rute gefangen wurden. Die Angler benötigten mit anderen Worten im Mittel 28,6 Stunden beim Angeln mit Boilies und 27,8 Stunden mit Tigernüssen am Haken, um einen Karpfen zu fangen. Die Schwankungsbreite zwischen den Angeltrips war hoch: In 52% aller Angeltrips wurde auf Boilie und in 57% auf Tigernuss nichts gefangen.

Was fängt die dicken Dinger?
Was fängt nun die schwereren Karpfen: Boilie oder Tigernuss? Die Rechnung über alle gefangenen Karpfen zeigte, dass sich das durchschnittliche Gewicht der auf Boilie oder Tigernuss gefangenen Karpfen statistisch gesehen nicht unterschied (Abbildung 3). Entgegen häufig geäußerter Vermutungen fangen Fischboilies und Tigernüsse also im Mittel gleich große Karpfen. Was aber schon während des Experiments deutlich auffiel war, dass die absoluten Ausnahmefänge vermehrt auf die Fischboilies gefangen wurden. So wurden von den sechs Karpfen über 20 kg fünf auf Boilie (im Durchschnitt: 21,7 ± 2,1 kg) und nur einer auf Tigernuss gefangen (20,5 kg). Auch bei den Dreissigern zeigt sich ähnliches Bild mit sieben Karpfen auf Boilie (im Durchschnitt: 17,4 ± 1,2 kg) und nur dreien auf Tigernuss (im Durchschnitt: 15,5 ± 0,1 kg). Es scheint also so, dass die besonders grossen Ausnahmefische vornehmlich auf Boilies hereinfallen.

Abb.3: Vergleich des Gewichts der auf Boilie oder Tigernuss gefangenen Karpfen (im Durchschnitt: Boilie 9,8 +/- 5,00kg; Tigernuss 9,0 +/- 3,4kg) N bezeichnet die Anzahl gefangener FischeSchuppis eher auf Tigernuss?
Die landläufige Vorstellung, dass besonders Spiegler eher auf Boilies gefangen werden, könnte theoretisch auf eine stärkere Domestizierung (Haustierwerdung) des Spiegelkarpfen durch Selektion auf „Fressen, bis der Arzt kommt“ zurückgeführt werden. Eine frühere wissenschaftliche Arbeit aus Japan zeigte z.B., dass domestizierte Karpfen Karpfenfutter weit besser akzeptierenund insgesamt leichter zu fangen waren als Wildkarpfen (Abbildung 4).

Schuppenkarpfen werden allgemein als eine weniger domestizierte Form des Karpfens angesehen, die in der Regel schlanker sind und weniger Gewichtszunahme pro Zeit zeigen. Ein Vergleich des Längen-Massenverhältnisses der gefangenen Fische aus unserem Datensatz belegte dies. Das wird z.B. dadurch angezeigt, dass Spiegelkarpfen bei gleicher Länge schwerer waren als Schuppenkarpfen (im Durchschnitt: Spiegler 76,1 ± 10,9 cm und 10,1 ± 4,5 kg; Schuppis 75,6 ± 9,2 cm aber nur 8,4 ± 3,7 kg; siehe auch Abbildung 5).

Diese Unterschiede im Domestizierungsgrad und die damit eventuell verbundenen Unterschiede in der Futteraufnahme und –vorliebe spiegelten sich in unserem Versuch aber nicht in einer eindeutigen Vorliebe einer der beiden Beschuppungstypen für Boilies oder Tigernüsse wider. Wir fanden lediglich eine leicht erhöhte Tendenz für den vermehrten Fang von Spiegelkarpfen auf Boilies und von Schuppenkarpfen auf Tigernüsse (Abbildung 6).

Beifänge
Trotz der relativ kleinen Größe von nur 14 mm zeigte sich in unserem Versuch die gemeinhin bekannte Selektivität von Boilies und Tigernüssen. Gut zwei Drittel (68%) aller gefangenen Fische umfassten Karpfen. Beifänge waren vor allem Brassen, Güstern, Rotaugen, Graser, Alande und Welse (Tabelle 2) . Ein Vergleich zwischen den Beifängen auf Fischboilie und Tigernuss zeigt, dass auf Tigernuss keine Güstern und Welse gefangen wurden, wohingegen Döbel und Rotaugen ausschließlich auf diese Köder bissen (Tabelle 2) . Insgesamt waren die Beifänge auf Boilies und Tigernüsse ähnlich verteilt, d.h. auf beide Köder fängt man ähnlich viele andere Fischarten als Karpfen (Abbildung 6).

Abb4.: Ausfang verschiedener Karpfen auf verschiedene Futtertypen (Daten aus: Suzuki und Mitarbeiter 1978, Bull. Jap. Soc. Sci. Fish., Band 44, S 715-718).
Abb5.: Längen-Massen-Beziehung von allen gefangenen Spiegel- und Schuppenkarpfen des Karpfenangelexperiments im Jahr 2006

Einschränkungen und Fazit
Als Einschränkung muss angemerkt werden, dass in unserer Studie weder der Gewässereinfluss noch die Vorfüttermenge standardisiert worden ist. Das kann natürlich Einfluss auf die Fängigkeit verschiedener Futterarten haben. Wird nur ein Köder (z.B. Tigernüsse) über einen größeren Zeitraum gefüttert (keine Futtermischung mit Boilies), könnten sich die Fangraten und die Ergebnisse verändern. Unsere Ergebnisse sind eventuell auch vom Angeldruck der beangelten Gewässer (hier gering bis mittel) abhängig.

Abb6.: Relative Häufigkeit des Fangs von Spiegelkarpfen, Schuppenkarpfen und Beifängen auf Fischboilie oder Tigernuss. N bezichnet die Anzahl gefangener TiereAuch könnte eine andere Boiliezusammensetzung ein anderes Ergebnis hervorbringen. Trotz dieser Einschränkungen haben die Ergebnisse gezeigt, dass die Tigernuss ein extrem guter Köder ist und im Mittel ähnlich große und ähnlich viele Karpfen an den Haken bringt wie Fischboilies. Will man jedoch die richtig großen Brocken fangen (in dieser Studie hauptsächlich Spiegler), scheinen Fischboilies besser geeignet zu sein. Die Wahrscheinlichkeit Schuppis zu fangen, ist hingegen tendenziell mit Tigernüssen höher.

Ein riesiges Dankeschön geht vor allem an die Angler, die bei dieser Studie mitgeholfen haben: Mattias Hempel, Hendrik Schuster, Thomas Klefoth, Jan Hallermann, Sebastian Ziegenbalg,Tobias Rapp, Stefan Scharpf und Harry. Herzlichen Dank auch an Jürgen Meyer (M+M Baits) für die Boilies des Versuchs (Red-Fish Mix).

Desweiteren vielen Dank an Wulf Plickat, Bastian Reetz, Jan-Simon Saamen, Meik Pyka und Semone Schneider, Patrick Bethke, Jan Brauns, Christopher Paschmanns, Daniel Hammer, David Sutter und Mike Zöllner für Euer Interesse und die vielen hilfreichen Diskussionen.

Robert Arlinghaus und Alexander Kobler