LK-Baits

Stadteinwärts

Von Volker Terhorst / Februar 2012

Sicher, die großen französischen Seen sollen ja ihren Reiz haben. Aber es gibt auch andere Gewässer, die eine Herausforderung sein können und die vor allem auch einen guten Bestand an wirklich großen Karpfen haben. Ich möchte Ihnen in diesem Artikel eine Art Gewässer vorstellen, die von den meisten von uns vernachlässigst werden. Die Rede ist von Stadtteichen und Stadtseen. Ich denke, dass fast jede Stadt irgendwelche Stadtparks hat, die auch in den meisten Fällen einige Seen oder Teiche besitzen. Und sie können sicher sein, dass darin große Karpfen schwimmen.

Schau mir in die Augen, Kleines!Wenn ich an einem solchen See angele, denke ich des Öfteren an einen typisch englischen Pool, die mich immer wieder aufs neue faszinieren. Diese im Allgemeinen kleineren und häufig flachen Gewässer zu befischen hat für den Angler Vor- und Nachteile. Diese möchte ich hier für Sie darstellen und gegebenenfalls Ihr Interesse für diese Art Gewässer wecken. Vorteilhaft an diesen Gewässern mag sein, dass sie meist recht klein und dadurch überschaubar sind. Dies kommt mit Sicherheit den Neueinsteigern oder nicht ganz so Erfahrenen unserer Zunft zugute. Ferner sind solche Teiche durch ihre meist geringe Tiefe schon im zeitigen Frühjahr recht warm. Dadurch ist oft schon gutes Angeln im Februar oder März möglich.

Später, im Frühling und Sommer, besitzen die meisten Gewässer Seerosen und anderen Bewuchs. Dies erleichtert uns dann noch die Location der Fische. Ferner bleibt festzuhalten, dass in den meisten Fällen nur ein kurzer Anfahrtsweg entsteht, da wir ja in der unmittelbaren Umgebung unseres Wohnortes fischen. Die Karpfen in diesen Gewässern sind durch regelmäßiges Füttern der Enten in guter Verfassung, was das Gewicht betrifft. Mein bisher schwerster Fisch aus einem etwa 3 ha großen See wog gute 36 Pfund. Da es sich nun ja um recht kleine Gewässer handelt, gestaltet sich auch das Füttern unserer Plätze recht einfach. Somit kommen auch kleine Partikel gut zur Geltung.

Kurze Nacht, schwerer FischAber wo Licht ist, ist auch Schatten. Und so möchte ich Ihnen die Nachteile eines solchen Gewässers nicht vorenthalten. Sicher können Sie sich vorstellen, das in Parkanlagen oder Ähnlichem recht reger Passantenverkehr herrscht. Vielleicht ist der eine oder andere von Ihnen nicht so empfindlich wie ich. Aber ich empfinde es irgendwie als peinlich, durch all die Kinderwagen schiebenden Elternpaare und andere Wochenendspaziergänger mein Tackle zu schleppen. Rinnt dabei dann auch noch der Schweiß in Strömen, komme ich mir immer so „beobachtet" vor. Und ich meine auch schon Leute gesehen zuhaben, die völlig verständnislos den Kopf über mich geschüttelt haben.

Des weiteren ist es mir auch schon passiert, das ich einen Platz über zwei Tage vorbereitet habe und als ich endlich am dritten Tag fischen gehen konnte, fand an meiner Stelle gerade eine Grillfeier statt. Da ich in einer Großstadt wohne, kommt es auch immer wieder vor, das sich irgendwelche dunkle Gestalten in gerade eben diesen städtischen Anlagen aufhalten. Sei es um ihren „Stoff" zu konsumieren oder einfach nur zu schlafen. Aber ich muss sagen, wirkliche Probleme mit solchen Leuten hatte ich noch nicht. Es ist halt nur unangenehm. Hinzu kommt, das die Gewässer bei uns ausnahmslos nur Nachts befischt werden dürfen. Und zwar in der Zeit von 17.00 – 11.00 Uhr des Folgetages.

StädtekampfDas heißt eine Session gestaltet sich recht kurz. Für mich ist dies jedoch kein Problem, da ich beruflich oft dazu gezwungen werde, eine Kurzzeitsession zu planen. Wie sieht also eine solche Tour für mich aus, was Planung und Ablauf betrifft? Um dem Problem der vielen Leute aus dem Weg zu gehen, fische ich meistens wenn das Wetter nicht ganz so gut ist. Da wir ja nur eine Nacht dort fischen, reicht ein Nubrolly in der Regel aus. Dies macht sich beim Tackleschleppen natürlich positiv bemerkbar. Auch das andere Gerät kann ich auf ein Minimum beschränken. Mein Rücken wird es mir danken. Den Platz füttere ich grundsätzlich nur im Dunkeln über maximal zwei Tage vor. Sie wissen schon: die Leute.

Mit der Nacht kehrt auch an solchen Gewässern ruhe ein. Außerdem hat die Nachtfütterei den Vorteil, das ich mit dem Minischlauchboot füttern kann. Somit ist eine punktgenaue Ablage von Partikeln möglich. Dazu kommen dann noch 2-3 Hände Boilies. Ferner hören Enten und anderes „Federvieh" den Futtereinschlag nicht. Glauben Sie mir, in Parkanlagen reagieren diese Tiere instinktiv, wenn sie etwas ins Wasser fliegen sehen oder hören. Ist der Platz vernünftig vorbereitet, das Wetter wie gesagt nicht ganz so gut und zudem nicht gerade Sonntag, kann ich meist in Ruhe fischen.

Gewichtiger StadtstreicherAuf die verwendete Rigs möchte ich nur kurz eingehen. Ich verwende fast ausnahmslos Inline oder Boltrigs. An diese wird ein no knot Line Aligner geknüpft. Ich halte meine Rigs bewusst einfach. Bedenkt man, das Stadtgewässer oft verkrautet oder gar verschlammt sind, ist jeder überflüssige Schnickschnack fehl am Platz. Bestücke ich die Haken nun noch mit Pop Ups, ist dies meiner Meinung nach eine mehr als fängige Endmontage. Was die Tube betrifft, ist jedoch darauf zu achten, das diese aus einem weichen Schlauch besteht. Gerade in krautreichen Seen ist dies ungemein wichtig. Da einer meiner bevorzugten Seen in unserer Stadt mit dichtem „Gemüse" bewachsen ist, hatte ich mit steifen Tubes am Anfang so manchen Abriss zu beklagen. Zog der Fisch nach einem Biss damit ins Kraut, so brachen diese Tubes wie Streichhölzer. Aber ich denke, dass sich mittlerweile bei fast allen Karpfenanglern die weichen Tubes wie „no Spooks" durchgesetzt haben. Sofern sie natürlich überhaupt Tubes benutzten.

Teenie-GlückOft befische ich diese Art von Gewässern zu Beginn einer Saison. Aber auch zum Ende des Jahres wird man mich dort des Öfteren antreffen. So wie im letzten Spätherbst. Da ich einen Guiding-Service für Raubfischangler in Irland betreibe, musste ich nach vier Wochen Hechtangeln endlich mal wieder Karpfen fischen. Es war mittlerweile Mitte November als ich mal wieder um Punkt 17.00 Uhr meine Montagen Richtung Futterplatz beförderte. Ich hatte meinen Tee noch nicht ausgetrunken, als Aktion in eine meiner Ruten kam. Nach sage und schreibe 25 Minuten hatte ich den ersten Fisch am Band. Kurz darauf lag ein Fisch von 32 Pfund auf meiner Matte. Ich fing in dieser Nacht insgesamt fünf Fische von 27-34 Pfund. Ich war ehrlich gesagt überwältigt. Wieder einmal hatte sich gezeigt, das auch kleine Gewässer wirklich produktiv sein können.

Nun, ich hoffe ich habe ein wenig Ihr Interesse an großen Karpfen aus kleinen Gewässern wecken können. Für die nächsten Tage ist wirklich „Sauwetter" angesagt und meine Frau kommt auch eine Nacht ohne mich aus. Für mich mal wieder Zeit „Stadteinwärts" zu ziehen.

In diesem Sinne

Volker Terhorst