LK-Baits

Carp Down Under

Von Dino Macho / April 2009

„Schatz, stell dir vor, wir haben den Jackpot gewonnen!“ Mit diesen Worten überraschte ich meine Frau im November 2004, als ich eines Abends von der Arbeit heimkam. Sie schaute mich ungläubig an und erwiderte, dass wir nie Lotto spielen. Ich meinte einen anderen Jackpot, nämlich das Angebot meines Arbeitgebers, mich für circa drei Jahre nach Melbourne zu entsenden. Australien – Heimat kurioser Tier- und Pflanzenarten, Urlaubstraumreiseland Nummer Eins!

Der Autor mit einem australischen SchuppieNeben beruflichen Chancen geisterten mir auch spontan große Fische im Kopf herum - wir mussten gehen, keine Frage, das hat dann auch meine Frau eingesehen. Als süchtiger Carphunter hatte ich vorab ausgiebig online recherchiert und ernüchtert festgestellt, dass es keinerlei Informationen über das Karpfenangeln gab.

Stattdessen fand ich offizielle Hinweise darauf, dass der Karpfen aufgrund seines massenhaften Auftretens in den beiden südöstlich gelegenen Bundesstaaten Victoria (Hauptstadt Melbourne) und New South Wales (Hauptstadt Sydney) als Schädling eingestuft wird, den man dort gerne dezimieren möchte. Das klang verwirrend und verheißungsvoll zugleich. Im April 2005 war es dann soweit, Aufbruch in das Land der Kängurus und Karpfen.

Kulturschock: Aussie Fishing Culture
Anfangs verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit bei den örtlichen Tacklehändlern, um Gewässerinfos zu erfragen. Die lächelten mich mitleidig an und fragten mich, aus welchem europäischen Land ich komme. Nicht allein der Akzent verrate die europäische Herkunft, sondern die Frage nach Karpfenangeln. Aussies (so nennt man die Australier umgangssprachlich) angeln nämlich nicht auf diesen „Müllfisch“. Müllfisch! Wie kann man nur so geringschätzig über unsere Lieblinge reden?

Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes musste ich einen der großen Kulturunterschiede zwischen Aussies und Europäern kennen lernen, für mich ein Kulturschock! Im Gegensatz zu vielen deutschen Gelegenheitsanglern, die nicht zum Angeln stehen, bezeichnet sich von den Australiern fast jeder stolz als „Fisherman“, selbst wenn er nur einmal im Leben eine Angelrute als Kind in der Hand gehalten hatte. Folglich hätte das Land fast halb so viele Angler wie Einwohner, nämlich ca. 10 Millionen (50 % deshalb, weil Angeln auch in Australien Männersache ist).

Ernstzunehmende Angler stellen selbstverständlich lediglich einen Prozentsatz dar, das beteuert zumindest die Tackle-Industrie. Aber unabhängig von dieser Klassifizierung sind sich alle australischen Petrijünger in Einem einig: „Es lebe das Meeresangeln!“ und „Nur der tote Karpfen ist ein guter Karpfen!“ Einige Arbeitskollegen sind ebenfalls passionierte Angler. Als ich ihnen vom Karpfenangeln vorschwärmte und Bilder zeigte, lachten sie mich aus und meinten, dass ich meine Zeit verschwende, da es dieser „Drecksfisch“ nicht Wert sei, beangelt zu werden.

Als ich ihre abwertenden Bemerkungen regelmäßig mit Stolz und Karpfenfotos quittierte, schenkten sie mir - um sich über mich lustig zu machen - eine kleine Tisch-Trophyfigur, einen knienden Karpfenangler mit Karpfen im Arm, Aufschrift: „Dino–Captain Carp“. Sie steht bis heute auf meinem Schreibtisch, grins.

Captain Carp - Australier halten nur dann etwas von Karpfen...Der Karpfen als Bedrohung für das australische Ökosystem
Bei der Einreise nach Australien merkt man sofort, dass die Quarantäne-Schutzbestimmungen zu den strengsten der Welt gehören. Es dürfen weder Pflanzen, noch Tiere, noch Lebensmittel, nicht einmal Essensreste eingeführt werden. Selbst vor dem Einführen eines unverzehrten Apfels wird gewarnt, da die gefürchtete Fruchtfliege eingeschleppt werden könnte. Verstöße werden teuer mit Bußgeld geahndet. Als unser Möbelcontainer in Deutschland gepackt wurde, wusch ich die Angelstühle in der Badewanne, damit kein Gramm Erde mehr daran klebte.

Unseren Rasenmäher mussten wir allerdings für 60 australische Dollar aus der Quarantänestation auslösen, nachdem geringe Mengen Erd- und Grasreste nachgewiesen und entfernt worden waren. Diese strengen Regeln sind nicht unverständlich, bedenkt man, dass das junge Land in der Vergangenheit häufig schlechte Erfahrung mit eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten gemacht hat, die sich aufgrund idealer Wachstums- und Fortpflanzungsbedingungen zum Teil unkontrollierbar ausbreiten konnten. So zählen neben Hasen, Füchsen und Ochsenfröschen (Cane Toads) auch unsere geliebten Karpfen zu den gehassten Spezies, die von den Umweltbehörden als Pest eingestuft wurden und zu bekämpfen sind.

Obwohl die Herkunft des Karpfens aus Asien eindeutig belegt ist, wird er in Australien als „European Carp“ bezeichnet, wodurch auf die Einführung durch die europäischen Siedlern im 19. Jahrhundert hingewiesen wird. Da mit der überproportionalen Vermehrung des Karpfens (laut australischer Fischereibehörde sind 80% der Biomasse in Süßwassersystemen angeblich Karpfen) ein Rückgang der hochgeschätzten endemischen Süßwasser-Fischarten (vor allem Murray Cod und Golden Perch) einhergeht, ist es nicht überraschend, dass unser Zielfisch in Australien dieselbe Geringschätzung erfährt wie eine Ratte. Kurz: Man versucht ihn auszurotten.

Zu diesem Zweck wurden und werden verschiedene Praktiken mehr oder weniger erfolgreich angewandt.

Vergiften war aufgrund der dramatischen Nebenwirkungen für andere Tier- und Pflanzenarten keine nachhaltige Methode, stattdessen werden unsere Zielfische in einigen Gewässern nun großflächig mit Netzen abgefischt. Da man offensichtlich erkannt hat, dass die Europäer den Cyprius Carpio als Sportfisch schätzen, werden Großfische seit Kurzem nach England exportiert.

Über potenzielle Gefahren, die von den (re)importierten Karpfen ausgehen, machen sich die britischen Behörden nun ihrerseits Gedanken. Die australische Regierung forscht derzeit an Gen-Programmen, um Karpfen unfruchtbar zu machen, so dass sie in den nächsten Jahrzehnten aussterben.

...wenn er zu Dünger verarbeitet wurde!Da empfehle ich aber, den Beipackzettel zu lesen: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihre australische Fischereibehörde, oder den Premierminister. Obwohl ich kein Gewässerökologe bin, ist bei mir aufgrund vieler emotionsgeladener Debatten mit australischen Anglern der Eindruck entstanden, dass der Karpfen Down Under als Sündenbock missbraucht wird, da man ihn für sämtliche Umweltprobleme in Flüssen und Seen verantwortlich macht: Er allein soll schuld sein am Rückgang der Wasserqualität, an der Flussufererosion, an der Wassereintrübung sowie am damit einhergehenden Sauerstoff- und Pflanzenrückgang, der wiederum für den Rückzug der einheimischen Fischarten verantwortlich ist und so weiter.

Ich persönlich will diese Kausalität grundsätzlich nicht bezweifeln, aber ich sehe dennoch weitere negative Einflussfaktoren, die die Australier gerne übersehen. Als Beispiel nehme ich den Murray River, der die Grenze zwischen Victoria und New South Wales bildet und der das größte Süßwasserflusssystem Australiens darstellt. An seiner größten Stelle hat er die Größe des schiffbaren Neckars zwischen Stuttgart und Heidelberg. Dieser Fluss leidet an den oben genannten Problemen und darüber hinaus in seinem Mündungsgebiet an Wasserarmut.

Mit Ausnahme des letztgenannten soll der Karpfen für sämtliche Probleme verantwortlich sein, man vergisst aber zu erwähnen, dass der Fluss als Abenteuerspielplatz für tausende PS-wütige Powerbootfahrer genutzt wird, die mit ohrenbetäubenden Lärm in ihren Achtzylindern mit 100 Stundenkilometern nur 30 Meter vom Ufer entfernt vorbeirasen.

Wenn das mal nicht zur Ufererosion beiträgt? Der Fluss leidet unter dem Eintrag von Düngern und wird gleichzeitig als Haupt-Trinkwasser- und Landwirtschaftswasserversorgung angezapft. Deshalb schafft er den Weg nicht bis zur Mündung ins Meer in Südaustralien, er versiegt auf dem Weg dorthin.

Meine Hausgewässer
Wie ihr euch vorstellen könnt habe ich keine Angelpartner zum Karpfenangeln, folglich kann ich meine Heimatgewässer gerne preisgeben. Falls jemand einen Australientrip inklusive Angeln plant, gebe ich gerne detailliert Auskunft.

Da wäre der Yarra River. Er fließt durch Melbourne und mündet in die Port Phillip Bucht, wo er sich mit Meerwasser vermischt. In Bezug auf Größe und Gewässerqualität ist dieser Fluss mit dem oberen Neckar vergleichbar, schiffbar nur für Kleinboote und von mäßiger Wasserqualität.

13 Kilo Schuppenkarpfen. Für australische Verhältnisse schon ein guter FischMeine Angelstelle liegt etwa 15 Kilometer flussaufwärts von der Mündung an einem Straßenwassereinleiter nahe einer Brücke. Der Streckenabschnitt unterliegt noch dem Gezeiteneinfluss, da sich das erste Wehr weitere fünf Kilometer flussaufwärts befindet. Für die erfolgreiche Karpfenangelei sind zwei wesentliche Kriterien ausschlaggebend:

Erstens die Gezeiten - Da bei Hochwasser auch kleine Meeresfische (vor allem Bream und Snapper) den Köder nehmen (ohne sich zu haken), starte ich meine Sessions frühestens 60 Minuten nach Wasserhöchststand. Prime time ist eineinhalb bis vier Stunden nach Hochwasser. Die Karpfen ziehen mit den Gezeiten den Fluss auf und ab, deshalb fängt man sie nur zu bestimmten (Ge-)Zeiten.

Deshalb lohnt hier keine Langzeitsession, sondern der gezielte Kurzansitz. Regen: Melbourne ist regenarm, es regnet selten und wenn, dann in geringen Mengen. Im Sommer gibt es hin und wieder einen Platzregen (meist bei einem Gewitter), wodurch sich die Fangchancen für die nächsten drei Tage extrem erhöhen, da sich die Karpfen direkt am Wassereinleiter sammeln, um eingeschwemmte Nahrung aufzunehmen.

Ich habe schon wahrhafte Sternstunden nach starkem Regen erlebt, so konnte ich in einer Nachmittagsession sechs Fische zwischen 6 und 13 kg in drei Stunden fangen. Einige Monster sind leider abgerissen, oder ausgestiegen, was ich vor allem den Unterwasserhindernissen unter der Brücke zuschreibe, vor denen ich meine Köder auslege. Je weiter man Abstand zu den Hindernissen hält, desto geringer die Hänger- und Aussteigergefahr, andererseits erhält man auch weniger Bisse.

Der Murray River: Von Melbourne aus sind gute Angelstellen in zweieinhalb Stunden Fahrt zu erreichen. In einer dreitägigen Session im Sommer 2005/06 (in Deutschland Winter) fing ich circa 100 Fische. Ich saß an einer langsam fließenden Außenkurve und fütterte 20 kg Mais und 5 kg Boilies über diesen Zeitraum (ich hatte im Umzugscontainer ein paar Kilos Knödel unbemerkt durch die Quarantäne geschleust).

Powerboote sorgen für UfererosionSchon nach einer halben Stunde kam der erste Run, Anhieb, sitzt, leider nur ein Kleiner... Ich kam die ganzen drei Tage und Nächte kaum zum Schlafen, geschweige denn zum Essen, so beschäftigt war ich mit Drillen und Fische versorgen. Allerdings wage ich kaum, die Gewichte der Fische zu nennen.

Die kleinsten Fische wogen um ein Pfund, durchschnittlich brachten sie vier Pfund auf die Waage, ich hatte einen einzigen 20er sowie eine Handvoll 10er... Der Fluss glich einer Karpfenzucht mit Minimonstern, die selbst vor 20er Murmeln nicht zurückschreckten. Beim nächsten Trip würde ich mit 30er Murmeln starten. Da der Fluss extrem viel Nahrung bietet, bin ich überzeugt, dass man sich durch das Kleinvieh durchangeln muss und mit Megamurmeln auch an die ganz Großen rankommt.

Vielleicht sollte ich doch mal ein paar Boilierezepte ausprobieren und selbst rollen... Zu Ködern, Vorfächern und Taktiken: Ich fische 3 3/4 oz Inliner Bleie mit Safety Clip, 2er Haken mit Line Aligner an 25 cm Soft Braid.

Kein modischer Schnickschnack, sondern bewährte Standardrigs. Mangels Verfügbarkeit von Ready Mades (Boilie und Bolt-Rig sind zwar englischsprachige Begriffe, in Australien kennt sie aber niemand), mangelnder Erfahrung mit Selbstrollen sowie der Tatsache, dass ich hauptsächlich im schnell strömenden Yarra fische, verwende ich hauptsächlich Frolic als Köder.

Angesichts des geringen Befischungsdrucks komme ich mit diesen antiquierten Methoden Down Under gut durch. Nicht auszudenken, wenn einer von den richtigen Profi-Huntern käme.

Simpel: Frolic am Haar und ein Inline-BleiTipps für Reiselustige und Fazit:
Die Angellizenz für den gesamten Bundesstaat Victoria kostet 22 australische Dollar, also umgerechnet 14 Euro und berechtigt zur Fischerei mit zwei Handangeln in sämtlichen Süßwassersystemen sowie mit vier Handangeln im Meer und in den Salzwasserbuchten. Für den Murray ist die New South Wales-Angellizenz erforderlich, für 30 Dollar (19 Euro). Man erhält Angellizenzen in jedem Angelladen, oder an Tankstellen. Da Karpfenfischen unpopulär ist, gibt es weder Carp Tackle noch Bait zu kaufen, das heißt sämtliches Equipment muss aus Deutschland mitgebracht werden.

Aufgrund der strengen Quarantäne-Vorschriften ist an die Einführung von Boilies nicht zu denken, deshalb müssten Selbstroller auf Zutaten vor Ort zurückgreifen. Obwohl Sportfischen inklusive Catch and Release zur Bestandserhaltung in Australien einen sehr hohen Stellenwert für die einheimischen Fischarten genießt, sollte man keine Karpfen zurücksetzen, da es verboten ist und man sehr schnell in Schwierigkeiten kommen kann. Aufgrund vorkommender Giftschlangen und Giftspinnen ist ein Campieren im Bivvy eine Angelegenheit für Unerschrockene. Obwohl die Panikmache in deutschen Medien übertrieben ist, zelte ich nur im Bivvy mit festem Boden und habe meine Bodenplane mit Klettverschluss vollständig versiegelt.

Jungfräuliche 30 Kilo Carps dürfte es in den Gewässern um Melbourne zahlreiche geben, um sie zu beangeln, ist allerdings Pioniergeist erforderlich. Und irgendwie schätzen die Australier unsere Karpfen doch, wenn auch auf eine ganz eigensinnige Weise, nämlich als Gartendünger: „Charly Carp“. Abschließend sollte ich noch anmerken, dass ich neben dem Karpfenangeln seit circa einem Jahr mit zunehmender Begeisterung und Intensität auch Meeresangeln betreibe. Ich habe mir ein 4,2 Meter langes Aluminiumboot mit 30 PS Außenborder gekauft und fahre damit hauptsächlich zum Haiangeln raus. Hai steht auf der Speisekarte ganz oben, selbst in den Fish & Chips-Shops werden die Shark-Fillets als „Flake“ standardmäßig angeboten.

Drill eines australischen Karpfens...Anfang Februar fing ich einen 31 Kilo Makohai, das war Adrenalin pur! Ich wusste während des Drills zeitweise nicht mehr, wer der Jäger und wer Gejagter war. Makos greifen im Drill häufig Boot und Angler an, es wurde von wütenden Fischen berichtet, die ins Boot gesprungen sind und eine Gefahr für Leib und Leben der Angler wurden. Wer von den furchterregenden Zähnen und den enormen Kieferschließkräften weiß, begegnet dem Gegner mit höchstem Respekt - und weichen Knien.

Ich war froh, dass ich nur einen kleinen Mako fing. Der Gefrierschrank quillt übrigens immer noch über. Falls ich mit meinem Bericht bei euch das Fernweh geweckt haben sollte und ihr eine Abenteuerreise oder Angelreise nach Australien plant, stehe ich gerne mit Orts- und Gewässerkenntnis als Ansprechpartner zur Verfügung.

Tight lines wünscht euch
Dino Macho