Wiedersehen im Nebel
2006 – Ein Jahr, das wir als eines der schwierigsten überhaupt in Erinnerung behalten werden. Besonders die ungewöhnlichen Wasserstände an vielen französischen Gewässern machten uns sehr zu schaffen. Dennoch war dieses Jahr auch eines der produktivsten, die wir je erlebten: Nur wenige Fische, aber was für welche! Vor allem unsere letzte Session am legendären Lac de la Foret d’Orient wird uns lange im Gedächtnis bleiben.
Kurz bevor der See über die kalten Monate für uns Karpfenangler gesperrt wurde, fischten wir dort wie so oft in den Jahren zuvor. Den Winter nutzten wir, um unsere Geräte zu reparieren, die nächste Saison vorzubereiten und um uns die Bilder der vielen schönen und großen Orient-Karpfen der letzten Jahre immer und immer wieder anzusehen – ein zusätzlicher Motivationsschub für die kommenden Sessions dort…
Orient – Am Ende der Saison
Die Anfänge unserer Karpfenangelei prägten die vielen lokalen Flüsschen und Seen, der riesige Orient war lange ein erhabenes Mysterium für uns. Seit 1993 fische ich bevorzugt auf Karpfen, 2003 begann meine Faszination für den großen französischen Stausee, der so viele Legenden schrieb. Patrick, mein langjähriger Angelpartner und Freund, ist schon seit über 20 Jahren hinter den Karpfen her. Er wagte sich 2000 das erste Mal an diesen besonders schwierigen See. Bis zur World Carp Classic war die Saison am Orient nicht sonderlich nennenswert.
Mit dem Plan, sich gleich nach der Veranstaltung gute Plätze zu sichern und diese für eine längere Zeit zu befischen, waren uns unsere englischen Freunde Barry Miles, Roman Buczynski und Andy Chambers zuvorgekommen. Andy kennen wir schon lange aus vorhergegangenen Sessions und ihm sind die Großen des Sees nicht unbekannt. Da die Jungs an den von uns anvisierten Plätzen fischten, entschieden wir uns an ein anderes Gewässer, einen Baggersee in Verbindung mit der Yonne, zu fahren.
Leider ließen uns die Fische im Stich. Obwohl an diesem See kaum Angeldruck herrscht und wir eine gut durchdachte Futtertaktik fuhren, fingen wir nur einen Schuppi von 11 Kilo in vier Nächten. Wir verließen den See, wollten aber für kommende Sessions ordentlich weiterfüttern. Zu unseren englischen Freunden am Orient hielten wir Kontakt. Nach nicht weniger als sieben Wochen am Wasser berichtete uns Barry, das sie zu dritt nur 28 Karpfen gefangen hatten und die kamen auch nicht sonderlich gerecht verteilt: Barry fing neun Fische bis 19,5 Kilo, Andy hatte zwölf bis 25 Kilo und Roman fing sieben Fische bis 17 Kilo.
Ein enorm großer Zeitaufwand für nur wenig Fisch, aber das ist der Orient, unberechenbar und oft auch undankbar. Barry fragte uns auch, ob wir ihren Platz noch übernehmen wollten. Was tun? Den Baggersee, an dem wir seit Wochen fütterten und der einige wunderschöne Fische beherbergt aufgeben und stattdessen die letzten zehn Tage vor dem Angelverbot am Orient fischen? Ich war unschlüssig, dachte, wenn schon, dann lieber an den überschaubareren Lac Amance. Patrick aber wollte den Wind des großen Bruders Orient im Gesicht spüren.
Er brauchte nicht lange, um mich auch zu überzeugen. Hatte er doch schon auf ein paar solcher Spontantouren mit unseren Freunden Jocelyn Dupre und Yves Hauk große Erfolge. 46 Fische, davon 19 über 15 Kilo und weitere sechs über 20 Kilo sprechen für sich. Die Entscheidung war gefallen. Auf zur letzten Herausforderung für 2006, auf zu den schlammigen Ufern des Orient: „Barry warte auf uns! Bivvy City, wir kommen!“
Nach unserer Ankunft verstanden wir, dass unsere englischen Freunde nach Hause wollten. Der Wasserstand war extrem niedrig, sogar der Hafen Mesnil St. Pière lag trocken. Die Schlammwüste ging in ein Meer über, denn selbst bei Niedrigwasser ist der See gigantisch. Kein Problem, wir entluden unsere beiden bis zum Rand voll gestopften Autos, beluden die Boote und setzten in anderthalb Stunden über zum Zielplatz. Wenn auch die Konditionen, das Wetter und der Schlamm, zu dieser Jahreszeit miserabel sind, die Chancen auf gute Fänge am Orient sind zu keiner Zeit besser. Unsere Zelte schlugen wir auf festem Boden auf, gut hundert Meter vom Wasser entfernt, um den 30 Zentimeter tiefen Uferschlamm zu meiden.
Schließlich sind wir keine Wildschweine, obwohl unsere Frauen uns das manchmal vorwerfen, wenn wir nach mehreren Wochen am Wasser zurückkehren… Die Nacht senkte sich schnell über die enorme Wasserfläche. Mit der Dunkelheit frischte der Wind zunehmend auf und es begann zu nieseln. Gerne hätten wir schon in der ersten Nacht ein paar Schnüre gespannt, doch nach über 20 Stunden auf den Beinen entschieden wir uns für Schlaf. Bevor wir uns erneut auf die Hölle Orient einließen, tonnenweise Schlamm, Sturm und literweise Regen, wollten wir ausgeruht sein. Wir kennen diese Bedingungen zu genüge, haben sie oft durchgemacht, uns um das Gerät und die Gesundheit gesorgt. Doch die Sorgen verfliegen mit den Gedanken an die Giganten, die mit dem schlechten Wetter und dem auflandigen Wind kommen. Den nächsten Morgen verbrachten wir mit GPS und Echolot auf dem Wasser.
Zwar kannten wir die Stelle und hatten einige interessante Bereiche abgespeichert, aber bei so niedrigem Wasserstand waren die Daten nicht nützlich. Der Bodengrund war sauber, bis auf wenige absterbende Krautfelder. Bei der Suche nach Hot Spots liegt unser Fokus stets auf allen möglichen Auffälligkeiten. Größere Krautbereiche, Bänke, Bodenwellen – alles, was interessant für einen hungrigen Karpfen sein könnte. Im Spätherbst sollte man tiefer als fünf Meter angeln und oft sind die Fische weit draußen zu finden. Die Uferbereiche meiden sie im Herbst. Naturnahrung in unglaublicher Menge findet sich sowieso überall im See zu dieser Zeit.
Das vom Wind ans Ufer gedrückte Kraut zeugte von diesem Reichtum, wie wir schnell sahen: In jedem Krautbüschel fanden wir Schnecken, Muscheln, kleine Würmchen und Krebsgetier jeglicher Art! Im Gegensatz zu den Vorjahren, so schien es, war der Nahrungsreichtum in diesem Jahr noch höher. Vielleicht war das ein Grund für das Desinteresse der Fische am eingebrachten Angelfutter im Verlauf der vergangenen Saison?
Unsere Strategie
Da die vorausgegangenen Wochen nicht gerade produktiv waren, entschieden wir uns, die Sache vorsichtig anzugehen. Das heißt wenig Futter auf den Punkt gebracht. Einige handvoll Saatgut, das wir zuvor in Seewasser quellen ließen, dazu ein paar große Fischpellets, halbierte und ganze Boilies, fertig ist das Orient-Menü. Die Partikel, lange fermentiert in großen Eimern, wirken im Allgemeinen sehr schnell. Wir verteilten sie auf größerer Fläche, während wir Boilies und Pellets nahe am Hakenköder hinabrieseln ließen. Am Orient machen wir keine Experimente was die Ausrüstung angeht.
Dieser See verzeiht nichts und oft bekommt man keine zweite Chance. Nur starkes, vertrauenswürdiges Material kommt mit ans Wasser. Ein D-Rig Set Up an 25 lb Super Mantis oder 45 lb Fluorocarbon verbinden wir mit einem meterlangen Stück Leadcore. 28er Geflochtene als Schlag- und Hauptschnur zerschneiden das Kraut problemlos bei einem Biss (verschanzen Baumstümpfe den Boden, ist von geflochtener Schlagschnur dringend abzuraten, da sie sich in das Holz schneidet – Anm. d. Übs.) und ermöglicht die Bisserkennung auch auf große Distanz. Inline oder Safety Bleie von 250 bis 300 Gramm halten die Montage auch bei starkem Wind und Unterströmung sicher am Platz und setzten den Haken gut in den großen Mäulern der Orient-Giganten.
Action!
Am Mittwoch, dem 01. November konnten wir uns Nachmittags endlich zurücklehnen und die Zufriedenheit genießen, wenn alle Ruten gut am Platz liegen. Die Nacht brach schnell herein und beim Abendessen unterhielten wir uns über die unzähligen Karpfen der 20 Kilo plus Marke, die in diesem See ihre Bahnen ziehen. Die erste Nacht mit ausgelegten Ruten ist hier immer magisch und obwohl wir uns früh in die Zelte verkrochen und in die warmen Schlafsäcke kuschelten, blieben wir lange wach. Wir lauschten auf den See hinaus und uns entging kein noch so leises Murmeln der Natur. Irgendwann schlossen wir die Augen. Um sechs am Morgen riss uns ein Vollrun aus den Träumen. Patrick war am Zug! Keine zwei Minuten später saßen wir im Zodiak auf dem Weg zum unbekannten Kämpfer.
Die Sonne war noch auf ihrem Weg über den Horizont. Es war kalt. Die Leuchtboje strahlte wie ein Stern auf der dunkeln Oberfläche und wir steuerten sie direkt an. Erst als wir ungefähr über dem Fisch sind, nahm Patrick Kontakt auf. Sofort krümmte sich die Rute bis ins Handteil. Dennoch glitt ein großer Schuppi schon wenig später sicher in die Maschen. Den Fisch im Kescher bereits abgehakt an der Bordwand, ließen wir Patricks Montage, bestückt mit einem frischen Snowman und PVA-Sack wieder am Platz runter und ruderten zurück. Der erste Morgen an dem wir vernünftig fischten und Patrick hat einen Schupp mit 21,2 Kilo auf der Matte! Orient hab dank und zu dem Zeitpunkt lagen noch einige Tage vor uns.
Der weitere Tag verlief ruhig. Dann kam der Nebel, trüb und undurchlässig. Ohne GPS wagten wir uns nun nicht mehr aufs Wasser, wir hätten das Camp nie wieder gefunden. Nebel kann auf einem so großen See wirklich gefährlich sein. Wenn man ohne Orientierung auf dem Wasser herumtreibt, hilft auch Rufen wenig. In der grauen Wand erstickt jedes Geräusch und am Orient können die Herbstnebel Tage dauern. Die Ruten, die wir am Mittwoch ablegten, ließen wir drei Tage liegen. Nicht, weil wir uns bei dem Nebel wenig Mühe machen wollten, sie zu kontrollieren. Sondern, weil unsere Boilies so lange überdauern und die Krebsaktivitäten am Orient über die letzten Jahre, mit immer stärker wucherndem Kraut, sehr nachgelassen haben. Ich rolle meine Boilies stets selbst, während Patrick sich auf Nash Formula One und Scopex Squid verlässt, oft in Kombination mit Pellets oder als Snowman. In der Nacht von Freitag auf Samstag hatte ich zwei Runs in zwei Stunden.
Beide Male kehrte ich freudvoll aus dem Nebel zurück mit einem 15 Kilo Schuppi und einem15,5 Kilo Spiegler. Am Samstag war Arbeit angesagt. Nicht nur das erneute Rausrudern der Ruten nach nunmehr drei Tagen strengte an. Auch das ewige hin und her vom Camp zum Ufer, watend durch knietiefen Schlamm zehrte an den Kräften. Der eisige Wind, auflandig also genau ins Gesicht, machte uns vollends fertig. Aber das kannten wir schon und wie lautet die Devise an diesem See: „Wer am Orient Erfolg haben will, muss handeln!“ Die acht Ruten zeigten wieder gespannt gen Horizont. Wohin war nicht auszumachen, der Nebel stand auf dem See wie eine graue Wand. Die meiste Zeit verbrachten wir nun vor der Gaslampe oder wärmten uns die Hände über dem Kocher, da uns nun auch Nachtfröste plagten. Am frühen Abend riss uns ein Bissanzeiger aus unserem Geplauder. Wieder ein Vollrun und ich war dran.
Ehe wir uns versahen, waren wir schon in der grauen Nebelfront verschwunden. Erst im letzten Moment konnten wir die Leuchtboje orten und ich straffte die Schnur, um Kontakt zum Fisch auf sieben Metern Tiefe aufzunehmen. Doch ein Hänger? Nur mit viel Druck konnte ich eine schwere Masse vom Grund heben. Dann ging alles ganz schnell: Mein Gegenüber stieg zur Oberfläche, flankte das Boot, zeigte kurz seinen gigantischen Rücken, um wieder in der Tiefe zu verschwinden. Wahnsinn! Einer der ganz Großen des Sees! Er kämpfte ruhig, ich sah ihn schon und sein Gewicht fühlte ich über die Rute. 25 Kilo dachte ich sofort, als ich ihn sah. „Der Torpedo!“, ruft Patrick als er ihn keschert, „sicher über 30 Kilo!“ Mir stockte der Atem.
Die Abhakmatte wirkte lächerlich klein angesichts dieser Masse von Fisch. In der Eile hatten wir die Jacken über den Stühlen hängen lassen. Darin die GPS Geräte. Ohne Orientierung drehten wir uns ein paar Mal im Kreis bevor wir zurück fanden. Sicher am Ufer zitterten mir die Beine. Nach dem Wiegen tanzte ich wie Elvis Presley, nur nicht so gewollt. 33,2 Kilo zeigte die Nadel, 1,15 Meter Länge das Maßband! Ein Orient-Monster. Ungebremste Freude. 19.30 Uhr, es war kalt, es war nass, es war dunkel, aber ich sprang durch den Schlamm und schrie lauthals in den Nebel, um meine Freude kund zu tun. Die Freude, die Euphorie begossen wir mit Champagner – und das nicht zu knapp…
Am nächsten Morgen um sechs verlor Patrick einen Fisch. Das Wetter veränderte sich, es wurde sonnig und wärmer. Die nächsten drei Nächte verliefen ruhig, bis auf eine vier Kilo Schleie. Die Fische hatten ihr Verhalten geändert. Wie reagieren? Wir wussten es nicht, kürzten aber alle Vorfächer von 25 auf 15 Zentimeter runter, um vorsichtig beißende Karpfen schneller mit dem Blei zu konfrontieren. Am Mittwoch war das Glück dann wieder auf Patricks Seite. Er fing einen 18 Kilo Spiegler, gefolgt von zwei weiteren am Donnerstag: 12 Kilo und 21,5 Kilo!
Die wenige verbleibende Zeit vor Augen, konzentrierten wir uns nun nur noch auf die bis dahin produktiven Plätze. Unsere Hoffnung, einen weiteren Giganten zu fangen, belebte die Motivation. Am Samstag kam um acht Uhr morgens endlich wieder Wind auf. Die Wellen rollten ans Ufer, die Karpfen weit draußen. In den verbleibenden 22 Stunden fuhren wir noch zweimal aufs Wasser. Ich am Motor, Patrick an der gekrümmten Rute. Der erste Gegner war ein bullenstarker 19 Kilo Schuppi. Um Mitternacht, der Wind war zum Sturm geworden, fuhr ich ihn das zweite Mal über einen starken Fisch. Der Drill dauerte nicht lange, die Wellen halfen einen großen Leib über die Maschen zu ziehen.
Am Ufer dann die Überraschung: Wir erkannten den großen Spiegler sofort. Andy Chambers hatte ihn vor zwei Jahren gefangen, mit 32 Kilo! Wir wogen ihn auf 24 Kilo, stark abgemagert, der alte Recke. Er sollte der letzte für unsere Session sein, der letzte unserer Saison 2006. Am 12. November, dem Ende der Angelsaison am Lac de la Foret d’Orient, packten wir zusamen, kämpften ein letztes Mal gegen Schlamm und Wellen an und freuten uns auf unsere Familien.
Elf Nächte draußen und neun Fische im Fangbuch, mit einem Durchschnittsgewicht von 20 Kilo – Orient, du bist mystisch! Ein See mit einem einzigartigen Bestand an wirklich großen Karpfen, der Karpfenangler von überall fasziniert. Bis zum nächsten Jahr, mit neuer Hoffnung und großen Zielen.
Jean Pierre Becker und Patrick Zambeaux






