Der Vransko Jezero
Ich lehne mich in meinen Karpfenstuhl zurück und versuche sämtliche Körperteile im Schatten des Schirmes unterzubringen, denn die Sonne scheint heiß vom wolkenlosen kroatischen Himmel. Hitze flimmert über dem Buschland, welches den See umzieht so weit das Auge reicht. Nur hin und wieder wird das Land unterbrochen durch weißes Karstgestein. Da piept der linke Bissanzeiger einmal kurz auf, um gleich darauf in einen hohen Dauerton überzugehen. Über bizarres Gestein haste ich zur Rute um nach dem Anschlag enttäuscht festzustellen, dass wieder nur ein „Durchschnittskärpfchen“ den Köder genommen hat. Trotzdem reifte an diesem Tag der Entschluss den Lesern von carp connect diesen See im Herzen Dalmatiens vorzustellen, da er meiner Meinung nach das Potential für große Fische hat.
Beim Vransko Jezero – zu gut deutsch Vraner See – handelt es sich mit 30,2 km² Wasserfläche um den größten Süßwassersee Kroatiens. Viele Touristen, welche die alte Küstenstraße entlangfahren, denken bei seinen Anblick an die Adria. Der See ist etwa vier Meter tief und wird durch Niederschlagswasser und Quellen, die sich an seiner Nordseite befinden, gespeist. Der See hat eine interessante Fischereigeschichte. Bis 1948 waren ausschließlich Aal, Meeräsche und Koboltkärpflinge heimisch. Danach setzte man etwa 200 kg Karpfenbrut aus. Der Karpfen hatte keinen natürlichen Feind und fand Nahrung im Überfluss. So gab es nach drei Jahren bereits Fische von über 10 kg.
Nach mehrfachem erfolgreichen Ablaichen kam es dann aber zu einem Überbestand. Die Nahrung wurde knapp und die Karpfen wurden kaum noch schwerer als 500 Gramm. Durch professionelle Befischung (welche heute nicht mehr nötig ist) und durch den Besatz von Hecht und Wels wurde wieder ein Nahrungsgleichgewicht geschaffen. Auch die Karpfen wachsen wieder prächtig ab. Das Hauptproblem, an die besseren Fische zu kommen, stellen die immer noch durch den See streifenden großen Schwärme von zwei- bis Vierpfündern dar. Ich war dabei, als einheimische Angler mit einfachsten Montagen über einem mit Mais und Weisbrot angelegten Futterplatz in drei Stunden über 30 Karpfen fingen, die vielen Giebel da nicht mitgerechnet. Daran kann man die starke Fischdichte ableiten.
Natürlich gehen die Kroaten mit den Fischen nicht immer so um, wie wir das gerne hätten und die meisten landen auch in der Küche. Aber in einen fremden Land müssen wir diese Gewohnheiten halt akzeptieren und dem See schadet die Fischentnahme nicht. Ganz im Gegenteil sogar. Jeder fehlende kleine Fisch ist ein Gewinn für den See. Auf den See bin ich übrigens gestoßen, weil meine Familie endlich einmal Badeurlaub im Süden machen wollte. Es war gewissermaßen eine Fahrt ins Blaue, da ich außer ein paar Infomartionen aus einschlägigen Reiseführern nichts hatte.
Ich wusste nur, dass der See fischreich sein sollte, aber nicht mal, ob überhaupt Karpfen vorhanden sind. Vom aufstrebenden Küstenort Pakostane ist man in wenigen Minuten am See. Unterkünfte sind in Pakostane reichlich vorhanden. Für Camper ist der Zeltplatz zwischen Vrana und Pakostane interessant, liegt er doch direkt am See. Vrana selbst ist nicht zu empfehlen, dort verlief im Bürgerkrieg die Kampflinie und es sieht noch immer gruselig aus. Als erstes Problem vor Ort stellte sich der Kauf einer Angelkarte heraus.
In diversen Touristcentern erntete ich nur bedauerliches Kopfschütteln. Auf dem erwähnten Campingplatz stieß ich dann auf ein Mini-Angelgeschäft von 5 x 5 Metern. Dort wurde mir dann gesagt, ich solle mich ruhig hinsetzen, der Kontrolleur würde rumkommen und ich könnte eine Karte kaufen. Schon eine lustige Sache bei der Wasserfläche. Klar das der Kontrolleur nicht jeden Tag kam. Informiert Euch am besten im Geschäft, ob die Bedingungen noch so sind! Es gibt dort übrigens ein ziemlich umfangreiches Zebcoprogramm. Nur Boilies und Spezialzubehör zum Fang unserer Lieblinge sucht man vergebens. Gut erreichbare Angelstellen findet man im Bereich des Campingplatzes und am anderen Ende des Sees, wenn man die Küstenstraße in Richtung Sibenek fährt.
Dort ist ein Feldweg als Zufahrt zum See mit einen Wegweiser ausgestattet. An den beschriebenen Stellen ist natürlich ganz schöner Angeldruck. Wer es etwas abenteuerlicher mag, sollte von Pakostane aus in Richtung Sibenik hinter der Tankstelle (ca. 300 Meter) links einen Schotterweg ins Buschland abbiegen. Dort gibt es zwischen viel Ödland, kleinen Feldern und Olivenbaumplantagen ein richtiges Wegenetz, wo man an vielen Stellen bis an das Seeufer heranfahren kann. Dort wird man mit einer ganz merkwürdigen Atmosphäre konfrontiert. Die weissen Karststeine, die Berge am Horizont, der Krach der Zikaden und viele Eidechsen (leider auch Schlangen, es gibt dort auch giftige!). Für einen Moment fühlte ich mich in die Welt meiner Kindheitsträume versetzt. Gehörte ich doch zu der Generation, die als Kind Winnetou und Old Shatterhand verehrt haben. Und am Vraner See wurden einige Szenen der Filmreihe gedreht.
Doch zurück zum See. Optische Topplätze gibt es nicht. Es ist empfehlenswert, ein kleines Schlauchboot und ein Echolot mitzuführen. Die in 50 bis 80 Meter Uferentfernung auf drei bis vier Meter Wassertiefe abfallende Kante schien am erfolgversprechensten zu sein. Tiefer scheint der See dann nicht mehr zu werden. Der Untergrund im See ist zumeist sehr fest. Bei der Platzwahl ist auch zu beachten, dass im Naturschutzgebiet bei Vrana (ist ausgeschildert) das Angeln verboten ist. Die Uferkanten sind meist sehr steinig bis felsig, so das man nirgends(!) einen Bankstick, Schirm oder ähnliches in die Erde bekommt.
Also unbedingt ein stabiles Rod Pod mitnehmen. Auch festes Schuhwerk möchte ich Euch ans Herz legen. Da die Felsen sich oft auch unter Wasser noch ein Stück fortsetzen, ist unbedingt abriebfestes Material auf der Rollenspule zu empfehlen. Wenn man den Fisch vom Boden weg im Freiwasser hat, gibt es keine Probleme mehr, da der See frei von Holz oder Krauthindernissen ist. Welche Köder sollte man nehmen?
Wegen der vielen kleinen Karpfen empfiehlt es sich, nicht mit Mais zu füttern. Boilies sind den Fischen dort nahezu unbekannt. Es macht sich gut beim Aufbau des Futterplatzes, erst einmal noch ein paar Pellets mitzufüttern. Die fischige Richtung scheint übrigens gut zu sein. Regelmäßig werden Fische von 8 bis 10 kg gefangen. Im Angelgeschäft sah ich ein Foto von einen Spiegler, den ich auf 12 bis 13 kg geschätzt habe. Meiner Meinung nach müssten hier aber ohne Probleme Fische von über 20 kg möglich sein. Die meisten Karpfen sind übrigens Schuppis in einer sehr schönen Färbung.
Die von den meisten gehassten Brassen gibt es hier nicht, dafür muß man mit Karauschen und Giebeln bis zwei Kilogramm als Beifang rechnen. Da es im See auch sehr viele Welse gibt, kann sich auch ein solcher mal auf unseren Futterplatz verirren.
Nachtangeln ist derzeit nicht gestattet, aber das soll sich ändern. Am besten die aktuellen Regeln vor Ort erfragen. Die besten Beißzeiten waren übrigens Nachmittags. Zur Abenddämmerung hörten die Bisse dann auf. Gegen ein Schirmzelt oder ähnliches scheint dort niemand etwas zu haben. Ein Problem ist wegen des Felsbodens nur das Befestigen des Zeltes. Und am Vraner See weht oft ein frisches Lüftchen, also plant dies bitte mit ein.
Das ich keinen der größeren Fische landen konnte, lag wahrscheinlich an der Ausrüstung (kein Boot), so wie am Futter. Ich hatte hauptsächlich Partikel und Tütenfutter mit, aber kaum Boilies. Wie bereits geschrieben, wusste ich ja nicht, was mich hier erwartet und mit der Familie im Auto war der Stauraum begrenzt. Aber ich bin sicher – ich werde wiederkommen. Ich hoffe Euer Interesse für ein neues Gewässer geweckt zu haben. Falls Ihr dort gute Erfolge hattet, berichtet doch einfach mal davon!
Thomas Rimpl






