Das Muschelmeer
Im Frühjahr des Jahres 2008 wurde ich während eines vierzehntägigen Urlaubs auf ein wunderschönes Gewässer aufmerksam, den Barniner See in Mecklenburg-Vorpommern. Der Barniner See liegt in der Nähe von Crivitz, etwa fünfzehn Kilometer südöstlich von Schwerin, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Zu Zeiten der sozialistischen Produktionsgenossenschaften war der See auf Grund seiner seltenen Struktur ein Intensivgewässer für Karpfen und durfte nicht beangelt werden.
Heute wird der Barniner See von der Fischerei Brietzke bewirtschaftet, jährlich wird der See mit ausreichend Karpfen besetzt. Genügend ältere Fische sind für uns Karpfenangler jedoch auch vorhanden. Es gibt zahlreiche Karpfen der 20-Pfund-Klasse, viele von über 15 Kilogramm und von einigen Fängen über 20 Kilogramm wurde in den letzten Jahren berichtet. Der Barniner See wird von der Warnow durchflossen, einem kleinen Fluss, der im nordöstlichen Teil in den See mündet und ihn nahe der Ortschaft Kobande wieder verlässt. An beiden Stellen befinden sich ausgezeichnete Plätze für Karpfenangler. Die Wasserfläche von 260 Hektar umfasst einen bis 7,5 Meter tiefen, etwa 50 Hektar großen Abschnitt und einen bedeutend flacheren Teil von etwa 200 Hektar.
Dieser große Teil des Sees ist im Durchschnitt 1,5 Meter flach und für uns wesentlich interessanter. Hier befindet sich für unsere Karpfen ein überaus interessantes Angebot an natürlicher Nahrung und es besteht die Möglichkeit auch nachts zu fischen. Bei unserer ersten Session im Spätsommer 2008 erkundeten wir die umliegende Wasserfläche zweier Angelstellen, vorerst vom Boot aus. Selbst im knietiefen, von Wind und Wellen aufgewühlten Wasser, war der Gewässergrund nicht mit dem Auge zu erkennen. Der Einsatz des Tastbleies und des Ruders versprachen selbst in größerer Entfernung vom Angelplatz beim Abklopfen einen zumeist festen, kiesigen Untergrund. Unsere Nummer eins bei der Wahl der Angelstelle fiel auf einen Platz am Ostufer. Dort gab es seit Tagen auflandigen Wind.
Um die vier erlaubten Ruten (wo hat man das schon?) in einem optimalen Winkel flächendeckend auszubringen war es erforderlich, das Rod Pod einige Meter vom Ufer entfernt im Wasser aufzustellen. Mitunter ist es relativ unangenehm, manchmal mehrmals täglich nasse Klamotten zu haben, aber im Sommer geht es. Beim Aufstellen der Rod Pods bekamen wir Aufschluss über die wahre Beschaffenheit des Gewässerbodens. Die Schritte im Wasser wurden begleitet von einem „knirschen und knacken". Weder Steine noch Kies verursachten diese seltsamen Geräusche, nein - es waren Millionen von Muscheln und Muschelschalen. Der Untergrund war übersät von unzähligen Kalkfragmenten. Dieser Hot Spot ist ein etwa 150 Meter breiter Streifen entlang der Uferzone, manchmal ist dieser etwas schmaler und oftmals sogar breiter.
Was sollte hier, bei diesem übermächtigen natürlichen Nahrungsangebot, Fisch bringen? Die Wassertiefe blieb über einige hundert Meter annähernd gleich, ausgenommen von einigen Kanten und Unebenheiten von etwa 20 Zentimetern, wenn man da überhaupt von Kanten sprechen kann. Diese Stellen bekamen trotzdem unsere besondere Aufmerksamkeit, ebenso wie der in etwa 150 Meter entfernte Übergang vom Muschelbett zu etwas weicherem Untergrund. Aus Erfahrung weiß ich, dass bei wechselnder Bodenstruktur auch das Nahrungsangebot verschieden und abwechslungsreich ist. Oftmals interessant für hungrige, verwöhnte Karpfen.
Wir platzierten unsere glorreichen Acht nach sorgfältigem Loten in möglichst verschiedenen Tiefen und Entfernungen auf zuvor per GPS abgespeicherten Plätzen. Die Montagen wurden teilweise mit dem Boot, die ufernahen Ruten jedoch mit der Wathose ausgebracht. Tagsüber, bei sommerlichen Temperaturen, eignen sich dazu auch hervorragend Badeschuhe aus Neopren oder Kunststoff. Diese schützen unsere empfindliche Haut vor scharfkantigen Gegenständen wie Muscheln, Steinen oder sogar Glasscherben.
Anfangs fütterten wir gut durchgekochtes Taubenfutter auf Grund der darin enthaltenen für Karpfen interessanten Partikel wie Mais, Hanf, Erbsen und Getreide. Zusätzlich gab es Selfmades und einige Pellets. Als Lohn kamen Brassen in jeder Gewässertiefe. Erst nach Umstellen der Futtermenge und dem Weglassen der Partikel stellte sich der gewünschte Erfolg ein. Ein guter Hakenköder verbunden mit einer Handvoll nahe platzierter Boilies brachte den ersten Karpfen. Es ist unbedingt erforderlich, ausreichend Schlagschnur vor die Hauptschnur zu schalten, diese nicht abzusenken und die Ruten möglichst hoch zu stellen.
Schwere Elevatorbleie sind bestens geeignet, da sich diese beim Einholen schnell vom Grund abheben. Im flachen Wasser befinden sich außer den besagten Muscheln und Muschelschalen auch größere Steine. Beim Drillen von einigen Fischen und beim Einholen von Montagen hatten wir wiederholt fremde, abgerissene Schnüre in unserer Sehne. Es erwies sich als sinnvoll, den Kescher in der Nähe des Rod Pods auf Bank Sticks abzulegen, ein Net Float ist Pflicht, um eventuellen Überraschungen bei starkem Wind vorzubeugen.
Der Kescherstab wurde zumindest nachts zusätzlich am Bank Stick mit dünner monofiler Schnur als Sollbruchstelle fixiert. Hin und wieder kam es vor, dass sich ein gehakter Fisch, hauptsächlich an der ufernahen Rute, im Kraut oder dichten Schilfgürtel festlief. Um den Fisch letztendlich nicht zu verlieren, war es notwendig mit Kescher und Rute im flachen Wasser zum Ort des Geschehens zu waten. Aus diesem Grund befestigte ich am Keschergriff eine Schlaufe. Diese ließ sich bei einem Biss blitzschnell um das Handgelenk legen.
Den Kescher konnte ich somit auf dem Weg zum Karpfen optimal hinterher ziehen. Dieses Hilfsmittel hat sich als äußerst wichtig erwiesen. Denn selbst wenn man eigentlich multitaskfähig veranlagt ist wie ich, geht es in den seltensten Fällen gut, die Schnur zum Fisch unter Spannung zu halten und gleichzeitig den Kescher, mit einem nassen, schweren Netz unter der Achsel eingeklemmt, mitunter viele viele Meter in Richtung Fisch zu transportieren.
Eine Anreise zum Barniner See, einem Karpfengewässer der besonderen Art ohne vorherige Anmeldung beim Fischer ist nicht empfehlenswert, da nur einige Uferangelstellen zur Verfügung stehen. Diese sind zudem nur vom Wasser aus erreichbar. Beim Buchen einer Angelstelle sind ein Boot und das Bringen und Abholen zum und vom Platz inklusive. Natürlich kann man auch ein eigenes Boot mit Elektromotor mitbringen.
Der Fischer Matthias Brietzke ist sehr freundlich und hilfsbereit. Er gibt gerne Tipps, erledigt den zuvor genannten Hol- und Bringservice und im Notfall auch kleinere Besorgungen von Lebensmitteln. Im vergangenen Sommer konnten wir erneut eine Woche Urlaub an diesem wunderschönen Fleckchen Erde verbringen, diesmal mit der ganzen Familie. Es hat uns, natürlich auch auf Grund der sorgfältigen Vorbereitungen, an nichts gefehlt. Wem neben seinem Hobby Ruhe und Abgeschiedenheit in der Natur wichtig sind, hat mit einem Besuch am Barniner See die richtige Wahl getroffen.
Tight Lines, Paul Pschierer






