LK-Baits

Im Gespräch: Dr. Robert Arlingshaus

Von Markus Dittgen / August 2005

Robert Arlinghaus ist in der Karpfenanglerscene kein Unbekannter, hat er doch durch zahlreiche Publikationen schon des öfteren für Schlagzeilen gesorgt. In diesem Artikel steht er unserem Magazin Rade & Antwort.

Dr. Robert Arlinghaus mit einem SchuppieWorin liegen die Stärken und Schwächen der deutschen Karpfenszene?
Das ist schwer zu beantworten, weil ich die deutsche Szene kaum mit anderen vergleichen kann. Mir fehlen dazu einfach die Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Ländern. Ich glaube aber, dass wir in Deutschland einige der besten Karpfenangler der Welt haben. Wir haben außerdem einige der besten Köderanbieter weltweit, eine intensive Netzgemeinde, einige sehr gute Gewässer, die immer besser werden, und ganz gute Karpfenmagazine. Schwächen sind sicherlich der kaum ausgeprägte Kommunikationsdrang. Es wird zu viel verheimlicht, kaum miteinander an einem Strang gezogen. Das macht nicht nur das Leben der Karpfenangler schwer, sondern auch die Möglichkeit, gemeinsam für die Sache Karpfenangeln zu kämpfen. Wir stehen in Deutschland mit dem Rücken an der Wand. Und viel zu wenig wird diese Gefahr gesehen und versucht, persönliche Dinge außen vorzulassen und gemeinsam für das Karpfenangeln zu arbeiten. Das fängt in den Vereinen an.

Häufig sind 5-6 Karpfenangler in einem kleinen Verein nicht in der Lage, sich zu verbünden, sich zu engagieren und sich für den Erhalt des Karpfenangelns einzusetzen. Ich glaube ferner, dass viele Karpfenangler in Deutschland zu extrem sind. Sie berücksichtigen häufig nicht die Bedürfnisse und Ängste anderer Angler und auch der Gesellschaft (z.B. im Hinblick auf den Tierschutz). Extremes Auftreten nach dem Motto „Wir sind die besten, wir setzen jeden Fisch zurück und alle anderen sind doof“ schädigt alle.

Das wird leider zu selten berücksichtigt und auch zu selten von anderen Karpfenangler sanktioniert. Lieber zieht man sich zurück, angelt vor sich hin und lebt angeblich ruhiger. Doch am Ende werden wir alle die Leidtragenden sein. Die Tendenzen zum Verbot von Boilies und des Karpfenangelns sind sehr stark und sollten eigentlich zum Umdenken auffordern. Ich weiß aber nicht, ob die deutsche Szene das zu leisten im Stande ist.

...und Spiegler sind auch dabei!Was hältst du vom heutigen Ködermarkt?
Ich finde den Ködermarkt an sich sehr gut. Es ist für jeden etwas dabei. Wer mit Fertigboilies fischen will, kann dies zu einem guten Preis tun. Wer lieber „hochwertige“ Zutaten und Baits einsetzt, kann auch das tun. Leider gibt es noch zu wenig Transparenz, viele Anbieter lügen sich einen in die Tasche, um es salopp auszudrücken. Selten werden Angaben aufgedruckt, die Aufschluss darüber geben, welche Inhaltsstoffe in den Ködern sind. Auch finde ich es sehr bedenklich, dass sich namhafte Karpfenangler für Werbezwecke „missbrauchen“ lassen, obwohl bekannt ist, dass dieselben Angler mit anderen Baits fischen oder gar keine Fertigboilies einsetzen.

Aber grundsätzlich kann in Deutschland jeder Angler das bekommen, was er will. Das ist sehr positiv. Negativ ist hingegen, dass durch die Konkurrenz der verschiedenen Baitfirmen ein Preiskampf geführt ist, der eigentlich dem relativ kleinen Segment des Baitmarktes nicht zuträglich ist. Wer von Ködern leben will, kann es eigentlich nicht, weil so viele kleinere Firmen am Markt sind, die einen Teil der Umsätze abgreifen und mit unverschämten Preisdumping operieren. Der Baitmarkt ist eine Dienstleistung. Er lebt davon, dass die Anbieter Zutaten anbieten, die sich zwar fast jeder einzelne Angler irgendwie besorgen könnte, aber aufgrund der Abnahmemengen das meiste vergammeln würde. Diese Dienstleistung kostet Geld und sollte auch bezahlt werden. Gleiches gilt für die Baitherstelllung.

Jeder kann sich zu Hause Baits herstellen. Viele wollen das nicht. Und diese Dienstleistung hat einfach ihren Preis, egal, ob die Zutaten nun teuer sind oder nicht. Die Köderdienstleistung gilt es, angemessen zu bezahlen, um auch hochqualitätive Boilies und Köder am Markt zu erhalten. Der Preiskampf führt nämlich dazu, dass aus meiner Sicht sehr gute Köder immer seltener werden, weil sich die Gewinnmarge beim Einsatz hochwertiger Zutaten nicht mehr lohnt. Der Kunde bewertet die Köder zu häufig nach dem Preis und nicht nach dem qualitativen Inhalt.

Wer hatte den größten Einfluß auf deine Angelei?
Als erstes ist hier ganz klar ein gewisser Holger Maas zu nennen, der mir als 14- oder 15-jähriger das Specimen Hunting auf Fried- und Raubfische nahe gebracht hat. Dann geht ein grosses Lob auf jeden Fall an Jürgen Meyer. Ohne ihn hätte ich den einen oder anderen Fisch nicht gefangen, z.B. meinen ersten 20-Pfünder. Schliesslich gilt der Dank allen englischen Karpfenanglern, die mit ihren Artikeln und Büchern mein Angeln maßgeblich beeinflusst haben. Hier kann ich niemanden herausheben außer vielleicht Kevin Maddocks und Rod Hutchinson, so wie die Anglo German Hunting Group aus Hannover und die Specimen Hunting Group aus Dortmund.

Früh übt sich!Wie wird die Karpfenangelei in etwa 10 Jahren aussehen und hat es in Deutschland Zukunft?
Ich glaube nicht, dass sich grundsätzlich viel am Karpfenangeln ändern wird. Im Grunde genommen ist die Technik ausgereift, einige Details werden sich vielleicht verändern, wie z.B. der Einsatz von Kameras oder spezieller Köderzutaten. Ich glaube eher, dass sich die Erwartungshaltungen der Karpfenangler weiter verändern werden. Neue Gebiete werden weltweit erschlossen, wo heute noch niemand an das Karpfenangeln glaubt. In 10 Jahren wird wahrscheinlich ein 40-Pfünder nicht mehr als sehr kapitaler Fisch in Deutschland gelten.

Die Fische werden immer größer und damit verschieben sich auch die Erwartungshaltungen und Ansprüche, hoffentlich nicht ins Unermessliche. Falls die deutschen Karpfenangler ein wenig mehr -als heute der Fall- ein gemäßigtes Auftreten an den Tag legen, etwas stärker auf örtliche Verbote achten und nicht mit dem Vorsatz ans Wasser fahren, jeden Karpfen zurückzusetzen, wird auch das Karpfenanglen in Deutschland möglich sein. Die Anfütterproblematik scheint sich zu entspannen, unter Umständen auch wegen unserer Studienergebnisse. Das größte Problem scheinen mangelhafte Kommunikation und Akzeptanz, sowie das Catch and Release zu sein. Wenn hier umgedacht wird (ich wiederhole mich), wird auch das Karpfenangeln an Rhein oder Elbe in 10 Jahren möglich sein.

Wird es jemals den ultimativen Köder geben?
Definitiv Nein, da sich die Attraktivität verschiedener Köder von Gewässer zu Gewässer unterscheiden kann und auch im Laufe des Jahres schwankt. Auch eine individuelle Vorliebe bestimmter Karpfen für bestimmte Köder wurde nachgewiesen. Nicht vergessen sollte man den Trainingseffekt durch zu häfiges Einsetzen bestimmter Köder. Deswegen glaube ich, dass wir als Karpfenangler konstant experimentieren müssen.

Dennoch glaube ich auch, dass man Köder basteln kann, die in fast jeden Gewässer hungrige Karpfen fangen können und die effektiver sind als viele andere Köder. Bei der richtigen Wahl der Köderzutaten und der Attraktoren gibt es Köder, die so gut sind, dass ein Misserfolg mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht auf den Köder zurückgeht. Doch soweit sind wir heute schon. Man muss nicht mehr das Rad völlig neu und täglich neu erfinden. Der Artikel „Wieso, Weshalb, Warum“ gibt hier Auskunft und ich habe dem Text auch heute nicht mehr viel Neues beizufügen.

Mitten in Berlin...Hier sind 5 Begriffe für Dich, von denen wir gerne in einem Satz Deine Meinung hätten:
- Karpfen
Der Fisch, der mich am meisten geprägt hat, den ich achte und dem ich verdanke, dass ich Wissenschaftler geworden bin.

- Medien
Sind absolut notwendig, um zu informieren und Spaß zu haben.

- Kommerzialisierung
Solange die Kommerzialisierung des Angelns nicht dazu führt, dass der Fisch zur Nebensache wird oder der Karpfenangler sich für das Non-Plus-Ultra hält, ist dem nichts Schlechtes abzugewinnen.

- Freundschaft
Das allerwichtigste im Leben, auch im Karpfenanglerleben.

- DKAC
Eine einheitliche Vertretung der Karpfenangler in Deutschland wie der DKAC ist wichtig, um sich an entsprechenden Stellen Gehör zu verschaffen, ist aber nicht alleine ausreichend für den Erhalt des Karpfenangelns.

Robert mit einem weiteren SpieglerWelche drei Bücher und Angelgeräte gehören auf die sprichwörtliche „einsame Insel“?
Ich gehe mal von Angelliteratur und nicht von wissenschaftlicher Literatur aus. Wegen der Tradition Kevin Maddocks „Carp Fever“. Ausserdem „Specimen Hunting“ von Jens Bursell und „Abenteuer Karpfenangeln“ von Kay Synwoldt. Als Angelgeräte auf jeden Fall meine Delkims, drei Armalite 2,5 Pfund Ruten und 4500er Shimano Baitrunner-Rollen, so wie eine leichte Spinnrute mit entsprechendem Zubehör. Mit der Spinnrute fange ich mir mein Essen, mit den Armalites schwelge ich in der Vergangenheit.

Was können wir in der Zukunft noch von Dir erwarten?
Ich hoffe, dass ich noch einige interessante Artikel verfassen werde, z.B. zum Thema Catch & Release und „ökologische Futtermittel“ sowie den einen oder anderen spannenden Vortrag darbiete. Außerdem schreibe ich gerade mit Prof. Steffens an der Neuauflage seines Buches „Der Karpfen“. Das wird eine wissenschaftliche Darstellung der Biologie und Ökologie des Karpfens. Es wird auch um den Fang dieses tolles Fisches gehen.

Ich hoffe weiterhin, dass meine Forschung zum Angeln der Angelfischerei in Deutschland helfen kann, etwas aus der Schusslinie zu kommen und Menschen und Gewässer respektive Tiere zu einem harmonischeren Umgang zu verhelfen. Und wenn ich jemals Professor werden sollte, dann hoffe ich, dass der eine oder andere Karpfenangler mal mein Student sein wird, den ich durch meine Vorlesungen prägen kann.

Ansonsten erwarte ich, dass ich hoffentlich mal meinen Genpool weiterreichen kann, ohne der Nachwelt zu schaden (hi hi). Mal sehen, ob das klappt. Im Moment sieht das eher schlechter aus. Kaum eine Frau lässt sich mit einem bekloppten Karpfenwissenschaftler ein (lacht)...

Appetit kommt beim EssenDu hast an dieser Stelle nun die Möglichkeit, dass zu sagen, was Du schon immer mal sagen wolltest!
Ich möchte alle Karpfenangler eindringlich auffordern, etwas mehr Altruismus an den Tag zu legen. Ihr seit nicht der Mittelpunkt der Welt. Karpfenangeln ist nur ein Hobby, auch wenn es für viele Angler ein wesentliches Element der Lebensführung ist. Das ist unbestritten und vielleicht ist das Hobby für Angelspezialisten auch als wichtiger zu erachten als das Angeln für weniger spezialisierte Angler. Trotzdem müssen wir uns als Minderheit der Mehrheit unterordnen, und der wesentliche Fortschritt zu einem verbesserten Miteinander statt Gegeneinander fängt bei jedem einzelnen Angler an. Das heißt, dass wir die Kritikpunkte anderer Angler und von Tierschützern ernst nehmen müssen, unser Verhalten überdenken sollten und jeder einzelne durch einen harmonischeren Umgang mit anderen Anglern zu einem verbesserten Ansehen des Karpfenangelns beitragen kann.

Es ist an der Zeit, nicht nur auf den DKAC, die Wissenschaft oder andere Karpfenangler („der Peter, der macht das schon, ich gehe lieber angeln“) zu setzen. Jeder einzelne ist gefragt. Banal ausgedrückt: Seit nett und nicht hochnäsig zu anderen Anglern, erzählt ihnen von Eurer Faszination für das Karpfenangeln, bringt ihnen das Karpfenangeln näher, informiert Euch über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse. engagiert Euch als Gewässerwart o.ä. in den Vereinen und toleriert den Angler, der gerne den gefangenen Karpfen aufisst. Das gehört dazu und dann werden auch wir als Karpfenangler weiterhin und dauerhaft dazu gehören. Wir sind nicht die Elite der Welt, auch wenn wir mehr fangen oder besseres Gerät besitzen als viele andere Angler. Begreift das endlich. Und wer nicht einmal in der Lage ist, mit einer Schwingspitze einen handlangen Brassen zu fangen, oder mit einer Kopfrute einen fingerlangen Ukelei zu erbeuten, der sollte sich nicht zu viel auf seine Long-Range Karpfenrute einbilden. Die kann sich fast jeder kaufen, wenn er nur will. Und einen Boilie anknüppern, das kann auch fast jeder. Früher oder später fängt dieser Angler auch einen Karpfen, welch Wunder. Karpfenangeln ist viel, aber nicht alles. Und wer vor den Augen von hungrigen Rumänen oder sonst wem auf dieser Welt einen Karpfen zurücksetzt, der gehört nicht zu denjenigen, vor denen ich meinen Hut ziehe.

Robert Arlinghaus