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Im Gespräch: Rod Hutchinson - Teil I

Von Wulf Plickat / Dezember 2006

Er ist ein Mann der ersten Stunden, seine Fänge sind legendär und kaum einer hat das Karpfenangeln in seiner Frühzeit so stark beeinflusst wie er: Rod Hutchinson. Bereits zum Ende der 50er Jahre hat er gezielt auf Karpfen geangelt, fischte den Redmire-Pool und auch an französischen Seen konnte er dicke Fische fangen. Ein Grund mehr ihn in einem Interview nach Details zu fragen. Wulf Plickat stellte sich dieser Herausforderung.

Rod, ich denke, man muss dich nicht vorstellen. Seit fast 50 Jahren fischt Du mittlerweile gezielt auf Karpfen. Eine unglaubliche Zeitspanne, wenn man sich die Entwicklung der Geräte vor Augen führt: Von der freien Leine und gespließten Bambusruten bis hin zu GPS, Echolot und Futterboot...
Ja, wenn wir uns damals man Gespließte hätten leisten können! Die erste Jahre fischten wir mit den Alu-Antennen ausrangierter Panzer – ziemlich kurios, aber es funktionierte.

Eine Legende des Karpfenangelns: Rod HutchinsonSoweit ich weiß entstammt der Blank einer legendäre Welsrute aus der Funkantenne des Leopard II, manche Dinge ändern sich halt nie. Was ist über die Jahrzehnte hinweg gleich geblieben?
Die Spannung, wenn der Pieper plötzlich losklingelt! Davon ist glücklicher Weise nach all den Jahren nichts gewichen. Von Routine keine Spur, im Gegenteil. Vor einigen Jahren fischten wir ziemlich ergebnislos am Raduta, weil alle Hotspots besetzt waren. Tagelang mussten wir den Jungs beim Drillen zuschauen. Als sie endlich am letzten Abend einpackten, zogen wir sofort um. Weil wir dummerweise ebenfalls am nächsten Tag aufbrechen mussten, war alles ein wenig hektisch.

Trotzdem montierte ich noch extra neue Rigs. In letzter Minute habe ich dann tatsächlich einen Run bekommen, blieb allerdings ohne Fischkontakt. Bei der Inspektion stellte sich dann heraus, dass ich vor lauter Nervosität vergessen hatte, einen Haken mit anzuknüpfen!

Hm, ich habe gegentlich versäumt, die Pieper einzuschalten. Oder die Bremse zu öffnen... Aber lassen wir das lieber: Worin siehst Du die größten Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte?
Die größte und wichtigste Entwicklung sehe ich im Carpcare. In den ersten Jahren wurden am Cassien Rekordkarpfen abgeschlachtet, weil die Einheimischen sich dabei nichts dachten. Was die technischen Aspekte betrifft, so haben wir heute natürlich weitaus besseres Gerät, aber das ist vielleicht noch nicht einmal das wirklich Entscheidende. Immerhin haben wir auch damals Fische fangen können. Nein, wir wissen heute einfach so unendlich mehr über Karpfen und ihr Verhalten und darin liegt ist der größte Unterschied zu früher.

Als wir damals anfingen, war es schwierig genug, überhaupt Gewässer mit Karpfen zu finden. Selbst Dick Walker, mein persönliches Idol, hielt Karpfen noch für auschließlich nachtaktiv. Kurz gesagt fehlte jegliches Verständnis für das Verhalten dieses Fisches: Im Grunde wussten wir nur, dass sie Barteln besitzen und selbst das war nicht wirklich sicher... [lacht] Kurz, die Angelei ist sehr viel berechenbarer geworden.

Ging damit nicht auch ein Teil der Magie verloren?
Ja, sicherlich. Aber dann fischt man vielleicht im falschen Gewässer! Gib mir ein Wasser in der Nähe meines Hauses, wo die Fische keinen Namen tragen... Wie gesagt, die Spannung beim Warten auf den ersten Run hat für mich nur wenig verloren.

Was ist für dich heute das Wesentliche beim Karpfenangeln?
Angeln allgemein, nicht nur das Karpfenfischen, ist für mich mehr als ein Hobby, es ist eine Leidenschaft. Aber trotz aller Passion sollte man nie den Spaß aus den Augen verlieren! Die Größe der Fische ist gar nicht so bedeutend, viel wichtiger ist es, die Zeit am Wasser draußen genießen zu können.

Erfolgreich wie eh und je!Obwohl Du mit dem Apotheosis einst neue Maßstäbe in Sachen Komfort gesetzt hattest, bevorzugst Du heute short sessions mit leichtem Gepäck, sobald die Bedingungen erfolgsversprechend aussehen: Wann wird Rod Hutchinson unruhig, wann zieht es ihn ans Wasser?
Im Herbst! Ende September bis Ende Oktober ist fast überall die beste Zeit des Jahres. Vor allem um den „Harvest moon“ herum, wie wir in England sagen, wenn die ersten Blätter im Wasser treiben.

Bei Vollmond oder abnehmenden Mond?
Das ist gar nicht so sehr entscheidend. In dunklen Neumondnächten kannst Du jederzeit mit Bissen rechnen, aber gerade die besseren Fische beissen oft in Vollmondnächten...

... sobald der Mond untergegangen ist?
Exakt. Gerade bei diesen sehr hellen Mondnächten, wenn der Mond von dieser fahlen Aura umgeben ist, bestehen in den frühen Morgenstunden sehr gute Chancen.

Du bist bekanntlich ein Pionier in Frankreich und fischt dort auch schon seit mittlerweile fast 25 Jahren, länger als irgendwer sonst. Was ist das Entscheidende?
Die Wahl des Gewässers, Wulf. Wie ich schon im Interview mit Michael Flosdorf sagte, konzentrieren sich zu viele Angler auf zu wenige Gewässer. Das nützt niemanden.
Am Wasser selbst heißt es die Augen zu öffnen, besonders wenn nur wenige Fische zu erwarten sind. Echolote mögen eine große Hilfe sein, aber ich vertraue weit mehr der Suche nach den Fischen selbst. In den ersten Jahren am Cassien bin ich morgens mit dem Wagen die Uferstraße entlang gefahren, um dabei nach Fischaktivitäten Ausschauen zu suchen.

Angenommen, ich finde oder sehe nichts... Gibt es besondere Spots, wo Du gern auf Verdacht fischt?
Manchmal muss man sehr genau hinschauen. Aber über die Jahre hinweg hat sich immer wieder gezeigt, dass Karpfen weitaus häufiger am Ufer fressen als die meisten Angler denken. Der Uferbereich ist oft das attraktivste Feature und zugleich die am wenigisten beangelte Gewässerzone, gerade in der ersten Jahreshälfte.

 Interessant. Vielleicht ein kurzer Blick auf die Lieblingsvorfächer des Meisters?
Meist fische ich recht einfache Montagen, wobei ich längere Vorfächer bevorzuge. In klaren Gewässern verlängere ich das Vorfach sogar auf 60 cm, um das Blei vom Köder fernzuhalten. Hier kann etwas Tarnung nicht schaden. Rigs für Partikels fallen natürlich kürzer aus. Die Hakengröße richtet sich nach der Größe des Köders, wobei ich für heutige Maßstäbe kleinere Haken bevorzuge, etwa Größe 8 für 14 mm Boilies. Aber dies hängt auch von den Umständen ab, am Orient haben wir 2er Haken zusammen mit 24 mm Boilies gefischt.

Die Fische dort haben auch riesige Mäuler...
Genau, wie gesagt muss alles immer etwas angepasst werden. Wichtig ist ein langes Haar, selten wähle ich es kürzer als 2,5 cm Abstand zwischen Boilie und Haar, eher länger (3,75 cm = 1,5 in) . Nur Pop Ups fische ich etwas näher am Haken (ca. 1 cm). Die Fische sind heutzutage größer und besitzen dementsprechend größere Mäuler.

Dein Lieblingshaken?
Der Vice.

Ich denke, dass Vorfächer generell überschätzt werden: Was ist hier der wichtigste Aspekt für Dich?
Das es an der richtigen Stelle liegt...

Der Trend geht zu immer schwereren Bleien. Angenommen, du legst den Köder nicht per Boot aus, sondern wirfst: Was ist für Dich ein wirklich dickes Blei?
Im Stillwasser? Ab 4 Unzen (112 Gramm) und mehr. Allerdings würde ich schwerere Bleie nehmen, wenn ich kürzere Vorfächer fischen würde. In England fische ich generell lieber etwas leichter mit 12 Fuß Ruten in 2,5 Pfund. In Frankreich dagegen eher 3-3,5 Pfund, ebenfalls in 12 Fuß. 13 Fuß finde ich zu unhandlich beim Drill vom Boot.

Danke, Rod. Im nächsten Teil wollen wir näher auf Futter und Köder eingehen.