LK-Baits

Im Gespräch: Oliver Haselhoff - Teil II

Von Markus Dittgen / Mai 2007

Nun ist es endlich soweit, der zweite Teil des großen Haselhoff-Interviews ist gedruckt und liegt nun hier vor euch. Nach dem ersten Teil bekamen wir sehr gute Resonanzen auf die persönliche Art und Weise des von Christoph Schulz geführten Interviews. Wir sehen dies als Anregung dafür, auch in Zukunft Personen aus der näheren Umgebung des Befragten für die Fragestellung zu gewinnen. Ihr dürft also gespannt sein, was da in den nächsten Ausgaben noch auf euch zukommt. Nun aber machen wir erst einmal mit Oliver weiter. Viel Spaß beim Lesen des zweiten Teils...

Oliver Haselhoff - Ein erfolgreicher AnglerDu bist am Neckar aufgewachsen und hast auch dort auf verschiedenen Flussabschnitten immer wieder auf Karpfen geangelt - wird der Neckar heute noch seinem Ruf als das deutsche Großfischgewässer schlechthin gerecht?
Für mich war der Neckar nie das deutsche Großfischgewässer schlechthin. Es war aber mit Sicherheit eines der besten Gewässer hier im süddeutschen Raum. Es schwimmen heute noch mehrere Fische über 25 kg in den Fluten dieses Stromes. Sie warten lediglich nur darauf, dass ein fähiger Angler sie auf die Matte legt. Trotzdem waren gerade die großen Flüsse in Deutschland der Garant für die absoluten Ausnahmefische. Die Blinker Fisch-Hitparade war gespickt mit großen Fischen aus dem Main, der Weser und dem Rhein. Ich glaube, dass das Potential dieser Gewässer noch lange nicht erschöpft ist. Alleine wenn ich beim Rhein an die Staustufe Iffezheim denke - da schwimmen unter Garantie mehrere Riesenfische über 25 kg. Irgendwie traut sich da aber keiner so richtig hin.

Trotzdem hört man in der letzten Zeit immer mehr von Seen, die Fische über 25 kg produzieren. Oft handelt es sich um einzelne Biggies, die ihr Rekordgewicht dem reichhaltigen Boilieangebot zu verdanken haben. Es gibt aber auch ein paar wenige Gewässer, die auf natürliche Art und Weise riesige Fische produzieren. Diese Gewässer haben meist einen sehr geringen Fischbestand, ein hohes natürliches Nahrungsangebot und liegen in den wärmeren Regionen Deutschlands. Mittlerweile kenne ich eine Menge Seen in Deutschland, die Fische jenseits von 25 kg beherbergen. Das gibt mir Hoffnung, dass der eine oder andere den Weg in meinen Kescher findet.

Nach einem schweren Verkehrsunfall hast du dich jahrelang aus der Szene zurückgezogen und auch deine Zeit am Wasser stark reduziert. Wie hat diese Auszeit deine heutige Einstellung zum Angeln beeinflusst?
Der Verkehrsunfall hat mit Sicherheit mein Leben verändert. Wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, zieht sich in mir noch alles zusammen. Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass in unsere ach so tollen Rechtsstaat nicht alles Gold ist, was glänzt. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, nur so viel: Ich würde die jahrelangen Streitereien mit den Berufsgenossenschaften und Versicherungen nicht meinem ärgsten Feind wünschen. Trotzdem hatte die Zeit auch etwas Gutes. Ich weiß heute auf welche Menschen ich mich verlassen kann, die einem in schwierigsten Situationen beistehen.

Ganz besonders wichtig ist es mir, hier an dieser Stelle meiner Frau besonderen Dank und Dankbarkeit auszudrücken. Ich weiß nicht Steffi, ob ich ohne dich das alles geschafft hätte. Natürlich lässt heute einem das Erlebte die Welt mit etwas anderen Augen anschauen - das ist gut so. Karpfenangeln war und ist mit Sicherheit ein wichtiger Teil in meinem Leben. Doch setze ich mich beim Angeln garantiert keinem Leistungsdruck mehr aus. Ich sehe es heute als Geschenk an, einigermaßen gesund zu sein, einen guten Job zu haben und eine intakte und gesunde Familie mein eigen zu nennen. Angeln ist lediglich mein Hobby - nicht mehr und nicht weniger.

Aufbau an einem französischen GewässerDu hast heute eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Wie bringst du dein Familienleben mit dem Aufwand des Karpfenangelns unter einen Hut?
Kompromisse über Kompromisse - anders geht das leider nicht mehr. Es ist sicherlich nicht immer einfach, eine gesunde Balance zwischen seiner Familie und seinem Hobby zu finden. Ein Zeit–Management-Kurs hilft da leider auch nicht. Trotzdem versuche ich, meine wenige Angelzeit so gut wie möglich zu planen. Das heißt, ich gehe eigentlich nur noch im Frühjahr oder im Herbst für längere Zeit ans Wasser. Dann auch nur, wenn ich so vom Wetter überzeugt bin, dass eine relativ hohe Chance für den Erfolg besteht. Selten angel ich länger als drei oder vier Tage. Oft verbringe ich auch nur eine Nacht unterhalb der Woche am Gewässer, weil es zeitlich nicht anders zu regeln ist. Es ist mir sehr wichtig, dass meine Kinder wissen, dass ich als Vater für sie da bin und meine Frau den Briefträger nicht besser kennt als mich.

Der Name Oliver Haselhoff war und ist hier im wilden Süden der Republik auch immer ein Garant für überdurchschnittliche Fänge - Dusel, sechster Sinn oder harte Arbeit?
Ich denke, es ist von allem ein bisschen. Es gibt Fische, die hat man sich hart erarbeitet, andere wiederum sind einem fast die Rutenspitze hochgekrabbelt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass alle erfolgreichen Angler eins gemeinsam haben. Sie leisten einen sehr hohen Einsatz für ihr Hobby, um regelmäßig zum Erfolg zu kommen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ein erfolgreicher Karpfenangler mal kurz am See erscheint, seinen Wunderbait auspackt und dann seine Energieströme auf das Wasser übergleiten lässt, um dann Kontakt mit dem fettesten Karpfen herzustellen, der schnellstmöglich in den Kescher schwimmt.

Wer das glaubt, dem kann man leider auch nicht mehr helfen. Der Erfolg ist machbar oder erzwingbar. Man muss versuchen, alle Faktoren möglichst perfekt zusammen spielen zu lassen. Doch was ist perfekt? Vor etwa fünfzehn Jahren lernte ich einen kleinen Belgier im Elsass kennen. Wir diskutierten über Angler und ihre Fänge. Er stellte dabei eine These in den Raum: Wenn ihr am Wochenende zwei Fische gefangen habt und damit zufrieden seid, woher wollt ihr wissen, dass ein besserer Karpfenangler nicht zehn Fische auf eurem Platz gefangen hätte? Diese Frage begleitete mich viele Jahre und veränderte mit Sicherheit meine Angelei. Was meinte der kleine Belgier (Luc de Baets), der später einer der erfolgreichsten Karpfenangler Europas werden sollte?

Meinte er, dass man sein eigenes Können oder Wissen nicht überbewerten sollte? Vielleicht aber auch, dass man immer an sich arbeiten sollte, um möglichst viel über das Verhalten der Fische, ihre Fressgewohnheiten, ihren Lebensraum, usw. kennen zu lernen. Wie können wir uns sicher sein, dass unser Köder, den wir zur Zeit benutzen, für die Fische in diesem Gewässer attraktiv ist? Fragen über Fragen, doch leider gibt es beim Angeln kein richtig oder falsch - nur erfolgreiche und weniger erfolgreiche Angler. Deshalb glaube ich, dass es heute wie damals das wichtigste ist, an seiner Angelei zu arbeiten. Jeden einzelnen Trip genauestens zu planen, flexibel zu sein, jeden Angeltag Revue passieren zu lassen, um sich zu überlegen, was kann ich morgen besser machen. Sich nie zufrieden geben mit dem Erreichten, immer nach vorne schauen, um zu überlegen, wie kann ich mein Angeln beim nächsten Mal noch verbessern.

Ich glaube jeder Angler, der das berücksichtigt, kann sehr, sehr weit kommen. Sicherlich spielt das Gefühl für das jeweilige Gewässer auch eine große Rolle. Die Engländer nennen es Watercraft, ich glaube jedoch, man kann das Gefühl auch schlicht weg Erfahrung nennen - wann, wo und wie setze ich mich ans Wasser. Angeln ist keine Hexerei, meistens wird Fleiß, Kreativität, Hartnäckigkeit und Einsatz belohnt.

In geselliger RundeDu hast sowohl in Frankreich als auch in Deutschland einen absoluten Ausnahmefisch gefangen. Es drängt sich die Frage nach deiner persönlichen Gewichtung von ausländischen zu deutschen Fängen geradezu auf.
Ich gebe zu, in meiner persönlichen Gewichtung habe ich noch nie einen Unterschied gemacht, ob ich einen Fisch in Frankreich oder in Deutschland gefangen habe. Damit wäre mir das Thema aber zu pauschal abgetan. Jedes einzelne Gewässer hat meine eigene Wertschätzung. Ich unterscheide ganz klar die Gewässer nach ihrem jeweiligen Schwierigkeitsgrad, um dort zum Erfolg zu kommen. Man kann es vielleicht am ehesten mit dem Sportkletterern vergleichen. Jede Wand hat einen fest vergebenen Schwierigkeitsgrad, den es zu meistern gilt. Es ist mir völlig unverständlich, warum ein zwanzig Kilo Karpfen aus einem natürlichen französischen Gewässer weniger wert sein soll wie der selbe Fisch aus einem Karpfenpuff in Deutschland, wo der einzige Schwierigkeitsgrad der ist, die Laufzeit des Futterautomaten herauszubekommen. Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Es gibt in Frankreich und in Deutschland extrem einfache, aber auch sehr schwierige Gewässer. Deswegen sollte man sich nicht von Anglern blenden lassen, die einen Biggie nach dem andern präsentieren, wenn man nicht weiss, wo und wie die Fische gefangen wurden. Oft ist es schwieriger, einen mittleren Fisch aus einer unterbesetzten Kiesgrube zu fangen, als den x-ten zwanzig kilo Fisch aus irgendeinem Karpfenpuff.

Gibt es mit einem deutschen Sechziger im Fangbuch überhaupt noch anglerische Ziele?
Ja, da gibt es noch jede Menge. Ich kenne noch das eine oder andere Gewässer, in dem sich noch einige Traumkarpfen aufhalten. Natürlich werde ich jedes einzelne Gewässer überrollen. Nein, im Ernst: Meine Angelei hat sich nicht wirklich durch diesen Fisch verändert. Natürlich angelt man gerne auf absolute Ausnahmefische und noch lieber fängt man sie. Trotzdem besteht Karpfenangeln nicht nur aus Fische fangen. Für mich ist es ganz wichtig, dass das Ambiente drum herum stimmt. Ein schönes Gewässer, mit einem guten Freund zu beangeln, die Natur und den Tag zu genießen sind zwei Hauptfaktoren. Wenn dann noch ein schöner Fisch anbeißt, dann bin ich glücklich und deswegen tu ich’s.

Du hast Anfang der neunziger Jahre mehrere Messen in Deutschland organisiert, unter anderem die erste Carp Society Messe in Deutschland. Wenn du die Messen von heute mit denen von damals vergleichst, was hat sich am meisten verändert?
Hm, wirklich eine interessante Frage. Ich muss gestehen, dass ich viele Jahre keine Messe mehr besucht habe. Immerhin habe ich zuvor jahrelang als Repräsentant für Rod Hutchinson und Richworth Produkte fast jede Messe in Deutschland besucht. Das ganze hatte natürlich auch seine Nachwirkungen. Mir hingen die Messen mehr oder weniger zum Hals heraus.

2002 besuchte ich nach vielen Jahren wieder einmal die legendäre Braunfels Messe. Durch den langjährigen Abstand zu dieser Messe konnte ich die Veränderungen förmlich spüren. Was mir am meisten unter die Haut ging und wo ich auch die größte Veränderung feststellen konnte, war bei den Diavorträgen. Gab es vor Jahren nur wenige Multivision-Shows, so ist es heute mehr oder weniger Standard. Es ist wirklich beeindruckend, wie viel Zeit, Können und Geld die einzelnen Angler auf sich nehmen, um so eine Show auf die Beine zu stellen. Hut ab und meine Hochachtung dafür.

Die Rute zum Halbkreis gebogen...Ich hoffe nur, dass dieser Trend die Karpfenangler nicht davon abhält, eine Diashow auf konventionelle Weise aufzuführen. Das ist vielleicht nicht so spektakulär, aber oft interessanter und für die Wissensdurstigen unter uns ganz bestimmt wertvoller.
Ansonsten ist eigentlich alles mehr oder weniger beim Alten geblieben. Alles ein bisschen größer, was natürlich dazu führt, dass das Event etwas unpersönlicher wird. Kannte man früher fast jeden Besucher persönlich, so muss man heute froh sein, wenn man alle seine Bekannte in dem Messetrubel überhaupt antrifft.

Du bist Autor von zahlreichen Artikeln in diversen Fachzeitschriften. Gibt es Trends in der Medienwelt des Karpfenangelns, die dir missfallen?
Da ich im Internet selbst nicht aktiv bin, möchte ich mich zu dieser Frage nur in Bezug auf das Medium Karpfenzeitschrift beziehen. Ein trauriger Trend ist, dass Artikel in denen Produkte mit Herstellerfirmen in Verbindung gebracht werden, oft als reine Werbekampagne des jeweiligen Autors angesehen werden. Ich bin mir dessen bewusst, dass heute viele Artikel aus rein werbetechnischen Gründen geschrieben werden. Von solchen Artikeln möchte ich mich ganz klar distanzieren. Der Inhalt nervt genauso, wie die Werbung im Fernsehen. Trotzdem gibt es immer noch jede Menge seriöse Autoren, die in ihren Artikeln eine echte Message und den einen oder anderen Tipp an den Leser weiter geben möchten. Dazu gehört nun mal auch das Nennen von den Produkten, die man am Angelwasser zum Einsatz bringt. Das hat doch nun wirklich nichts mit Werbung zu tun, wenn man schreibt, welchen Haken oder welches Vorfach man für den Fang eines Fisches benutzt hat. Ja, ich muss zugeben, es interessiert mich sogar sehr, mit welchen Produkten, Ködern und Montagen der jeweilige Autor am Wasser zum Erfolg kommt.

Vielleicht kann der eine oder andere Tipp meiner Fischerei weiter helfen. Denn wie sagt man so schön: Der Kluge lernt aus Erfahrung, der Intelligente lernt aus allem und jedem und der Dumme weiß im Voraus schon immer alles besser.
Ein weiterer eigenartiger Trend hat sich in der Rubrik “Wer fängt was?“ entwickelt. Man sieht jede Menge Fischbilder, leider fehlt bei den meisten die Gewichtsangabe. Für mich eine wirklich seltsame Entwicklung, die ich auch überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ja, ich muss zugeben, es wirkt auf mich sogar unseriös. Wenn ich ein Foto von einem Angler mit einem riesigen Fisch sehe, aber keine Gewichtsangabe vorhanden ist und seine Klamotten mit Werbeaufdrucken übersät sind, werde ich misstrauisch. Im Zeitalter der digitalen Kameras und der PC-Gurus wird aus klein Hansi der große Hans. Ich möchte hier mit Sicherheit keinem unterstellen, dass seine veröffentlichten Bilder manipuliert worden sind. Um die Gefahr der Unglaubwürdigkeit auszuschließen, gibt man einfach das Gewicht des Fisches an.

Aus Diskussionen mit Karpfenanglern aus meinem Freundeskreis, die in ihren Veröffentlichungen keine Gewichtsangaben machten, bekam ich oft den Einwand zu hören, dass ihr Fisch sonst in der Öffentlichkeit schlecht geredet werden würde, obwohl jeder Fang für den jeweiligen Fänger etwas ganz besonderes war. Getreu dem Motto: “War ja nur ein xx kg Fisch!“. Hier kann ich nur an das Selbstbewusstsein des jeweiligen Fängers appellieren, das Fischgewicht, auch aus Seriositätsgründen anzugeben. Das verändert nichts an dem Erlebten und die Besonderheit seines Fanges.

Ein dicker Spiegler aus dem Lac du DerUnd wie es einfach dazugehört, noch ein tiefsinniges Schlusswort:
Für den künftigen Erhalt des Karpfenangelns wird es sehr wichtig sein, dass wir unsere Repräsentation nach außen für den normalen Angler und Bürger deutlich verbessern. Mit dem DKAC die Öffentlichkeitsarbeit zu gestalten, ist sicherlich der richtige Weg. Ein Verein kann aber nur so gut sein wie seine Mitglieder. Solange wir Karpfenangler uns nicht eingliedern können und immer und immer wieder jede Regel brechen, die von den Verantwortlichen aufgestellt worden sind, können wir nicht erwarten, dass wir als seriöse Verhandlungspartner angesehen werden. Ich appelliere an die Vernunft der Karpfenangler - verhaltet euch fair gegenüber euren Mitanglern, bewegt euch in der Natur mit Ehrfurcht, seid Vorbilder für eure Kollegen und anderen Angelkameraden.

Jedoch für all die Angler, die unverbesserlich sind, die ihr Hobby unter dem Gesichtspunkt betreiben, alles für den Karpfen, alles für den Erfolg, alles für das Foto: Für diese Leute möchte ich schließen mit einem Statement meines Freundes Christoph Schulz, der auch dieses Interview führte. „Angeln ist die schönste Nebensache der Welt. Es geht schließlich um nichts mehr, als um ein jahrhunderte altes Haustier, das zur Fleischproduktion gezüchtet und zur einfachen Zubereitung auf schuppenlos getrimmt wurde, dabei träge unter Wasser umherdümpelt und seine Zeit damit verbringt, faul im Schlamm herumzuhängen und ekliges Zeugs zu fressen!“. Dem kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen.

All the Best! Oliver Haselhoff