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Im Gespräch: Oliver Haselhoff - Teil I

Von Markus Dittgen / Mai 2007

„Haselhoff?“ werden sich vielleicht einige unter euch fragen, „Ja, da war doch was?“. Genau, es ist gerade zwei Ausgaben her, als Oliver in seinem Bericht „Der erfüllte Traum“ über den Fang eines deutschen Sechzigers berichtete. Ein solcher Fisch ist meistens das Ergebnis, bzw. die Krönung einer langen Laufbahn als Karpfenangler. Oliver ist schon lange, sehr lange dabei, auch wenn es in den letzten Jahren, in denen er sich gegenüber dem Karpfenangeln abstinent zeigte, eher ruhig um ihn war. Grund genug für uns, mehr über das Urgestein Haselhoff zu erfahren. Christoph Schulz widmete sich der Aufgabe und führte dieses Interview mit Oliver durch. Viel Spaß beim Lesen!

Ein deutscher 60erOli, du hast schon auf Karpfen geangelt als so mancher der jüngeren Leser der connect noch nicht auf dieser Welt weilte - kannst du dich noch an deinen ersten Run mit Hairrig und Boilie erinnern?
Bevor ich mit dem Beantworten der Fragen beginne, zuerst einmal vielen Dank an carp connect für das Interesse an einem Interview. Trotz jahrelanger Abstinenz von der Karpfenscene gibt es anscheinend doch noch Leute, die sich dafür interessieren, was aus dem Haselhoff geworden ist. Auf jeden Fall freue ich mich, wenn meine Meinung und Ansichten noch gefragt sind. Nun aber los zu den Interviewfragen.

In der Tat, es ist wirklich schon verdammt lang her, als ich meinen ersten Karpfen mit Boilies gefangen habe. An den einzelnen Fisch kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber es war laut meines Fangbuches im Jahr 1985, als ich zum ersten Mal die vermeintlichen Wunderkugeln in die Fluten unseres Vereinsgewässer, dem Bärensee des Württembergischen Angelvereins versenkte. Selbstverständlich wurde jede einzelne Kugel liebevoll mit der Hand gedreht. Flavour kannte ich zur dieser Zeit noch nicht. Als Bissanzeiger diente ein Stück Silberpapier, das man bei geöffnetem Schnurfangbügel auf die Schnur klemmte. Nach den ersten Runs war ich vom Karpfenvirus erfasst. Trotz aller anfänglichen Euphorie waren die Erfolge eher mäßig bis schlecht. Es fehlte aus heutiger Sicht eigentlich an allem Grundsätzlichem, was man für das moderne Karpfenangeln braucht. Ich besaß zwar im zarten Alter von sechzehn Jahren schon mein absolutes Traum Tackle - zwei Hardy Carp 1 mit einer Cardinal 55 bestückt - die mir mein damaliger Chef Thomas Weinmann großzügiger Weise zur Verfügung stellte (Danke Thomas), doch leider fangen Ruten und Rollen keine Fische.

Damals wie heute gilt: Die Zeit, der Angelplatz, Köder und die Futtertaktik sind ausschlaggebend für den Erfolg. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich täglich zwei Stunden im Schweiße meines Angesichts auf meinem Drahtesel verbrachte, um sage und schreibe dreißig Boilies sicher im Bären - See zu versenken. Ich fischte damals nur tagsüber und trotz aller Fehler, die ich machte, konnte ich ein paar riesige Fische über fünf Kilogramm fangen. Mensch war ich heiß. Ja ihr habt richtig gelesen! Damals war ein Fisch über fünf Kilogramm schon ein absoluter Traumfisch. Trotz aller Euphorie für die Boilie - Fischerei angelte ich zu dieser Zeit noch viel mit Schwingspitze und Schwimmbrot bei Nacht auf Karpfen. Eine herrliche Fischerei, die ich jedem empfehlen kann, der einen Parksee vor der Tür hat, an dem ein „Enten – Füttern – Verbots – Schild“ steht. Die Karpfen fressen bei lauen Sommernächten die Brotreste von den Schilfrändern. Man wirft seine Brotkruste einfach dorthin, wo man das Schmatzen der Karpfen hört. Meistens kann man sich kurze Zeit später über eine krumme Rute freuen.

Die Boiliefischerei veränderte sich für mich erst grundlegend, als ich Kontakt zu den englischen Firmen bekommen habe. Plötzlich erschien alles ganz einfach, man hatte Zugriff zu Wissen und Material. Die meisten Gewässer waren noch jungfräulich, was das Boliefischen betraff. Die Fische reagierten sehr, sehr gut auf Futterkampagnen mit Boilies. Chocolate Malt von Hutchi und Richworth Tutti Frutti waren der Renner. Leider musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass es in unseren Gewässern keine wirklich riesigen Fische gab. Die zehn Kilo Marke wurde zwar immer wieder geknackt, aber die wenigen Fische die da waren kannten wir bald schon beim Namen. Ich kam zu der Überzeugung, dass es in unseren Gewässern keine wirklichen Ausnahmefische gab. Das veranlasste mich, andere Gewässer aufzusuchen, um neue Wege zum gehen

Ein großer Spiegler aus dem Lac du DerDu warst bis vor einigen Jahren als Mitarbeiter bei VAS Angelgeräte auch beruflich mit deinem Hobby verbunden - verliert man da nicht manchmal die Lust, sich nach Feierabend auch noch mit Fischen zu beschäftigen?
Tatsächlich hatte ich damals das Glück und konnte mein Hobby mit dem Beruf vereinen. Ich absolvierte meine Ausbildung bei VAS Angelgeräte und war dann dort mehrere Jahre an vorderster Front tätig. Ich muss zugeben, mir ist es immer gut gelungen, meinen Beruf aus meinem Hobby herauszuhalten.

Leider konnten es viele Kunden nicht unterscheiden, dass es nach meinem Berufsleben auch noch ein Privatleben gibt. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad meiner Person kam es häufig vor, dass einige Kunden einen als öffentliches Allgemeingut ansahen. Man musste sich manchmal beim Angeln stundenlangen Nonsens anhören. Es kam nicht selten vor, dass sich eine ganze Gruppe von Anglern bis spät in der Nacht hinter meinem Zelt versammelten und ihren Smalltalk hielten. Es war eine Kunst für sich, die richtige Balance zu finden, seine Interessen in der Freizeit zu wahren und trotzdem dem Kunden höflich entgegen zu treten, so dass er der Firma als Kunde nicht verloren geht.

Nach mehreren Berufsjahren war der Job halt ein Job, es wäre für mich kein Unterschied gewesen, ob ich Autos, Fernseher oder Angelruten verkaufe. Es stellt sich wie so oft im Leben der sogenannte Alltagstrott ein. Das Angeln an sich habe ich immer streng von meinem Berufsleben getrennt und das war sicherlich der Grund, warum ich nie die Lust daran verloren habe.

Es gibt sicher gerade unter den Jüngeren so manchen, der davon träumt, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen - Tipps und Empfehlungen?
Ich glaube viele Leute haben eine falsche Vorstellung von der Tätigkeit in einem großen Angelgeräte - Fachgeschäft mit Versand und Großhandel. Man freut sich, dass man eine Kombination gefunden hat, sein Hobby mit dem Beruf zu vereinen. Man beschäftigt sich von morgens bis abends mit jenen Dingen, die einem Angler und Tackle Fanatiker so ans Herz gewachsen sind. Man hat Zugriff zu den neuesten Produkten, die auf dem Markt sind und man kann so seinen Eigenbedarf günstig abdecken.
Leider hat der Job nicht nur Vorteile. Die Wahrheit ist, dass jeder Händler nur dein Bestes will - nämlich deine Euros. Wie jeder Arbeiter wirst du daran gemessen, an dem was du leistest. Sind viele Euros in der Kasse = guter Verkäufer, wenig Euros = schlechter Verkäufer.

Man kommt sehr schnell in einen Gewissenkonflikt zwischen seinen Ansichten als Angler und seinen Pflichten als Verkäufer. Leider verlangt der Markt oft andere Produkte, als man sie als versierter Angler empfehlen würde. Des weiteren fallen täglich folgende populäre Tätigkeiten an: Stundenlanges Komissionieren der Aufträge, Auszeichnen, Kassieren, Ware einsortieren, Versandpakete ein- und auspacken, Rechnungen schreiben und vieles, vieles mehr. Leider sind die Verdienstmöglichkeiten und die Arbeitszeiten im Einzelhandel alles andere als attraktiv. Wer sich trotz aller Widrigkeiten nicht abschrecken lassen will und in der Angelgeräte - Branche tätig werden möchte, dem kann ich nur raten, bei einer renommierten Firma einen Arbeitsvertrag abzuschließen. Leider herrscht in der Angelgeräte - Branche ein sehr harter Konkurrenzkampf, was zur Folge hat, dass die Firmen fast schneller wieder schließen als sie geöffnet wurden.

Traum vieler Karpfenangler: Der CassienEin paar Sätze eines Insiders zum deutschen Tacklemarkt?
An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass ich seit einigen Jahren nicht mehr in der Branche tätig bin. Ich habe zwar immer noch sehr guten Kontakt zu einigen Groß- und Einzelhändlern, trotzdem möchte ich die Frage aus meinem Gesichtspunkt eines Endverbrauchers beantworten. Was mir fehlt, sind Angelgeschäfte wie der Mediamarkt für Elektroartikel. Es gibt zwar schon Angelgeschäfte, die ein riesiges Angebot in ihren Verkaufsräumen haben, leider meistens nur für den Allround Angler. Mir fehlen die großen Fachgeschäfte für den Karpfenangler - wo man wirklich alles bekommt und miteinander vergleichen kann. Es gibt zwar momentan jede Menge hochinteressanter Firmen auf dem Markt, doch leider bekommt man die Ware so gut wie nirgendwo zu sehen.

Ich bekomme zwar jedes Jahr von Fox, Nash, Pelzer, Solar, Ehmanns, Shimano, Hutchi, Trakker, usw einen Katalog, kenne aber keine Händler, bei denen ich die Ware in die Hand nehmen kann und miteinander vergleichen kann. Meine Wunschvorstellung sieht folgendermaßen aus: Ich bin bei meinem Fachhändler und wenn ich mir ein neues Zelt kaufen möchte, schlendere ich in die Zeltabteilung schaue mir die Zelte von der Fa. Trakker, dann die von Nash und Fox usw. an und dann entscheide ich mich für das Zelt, was für meine Ansprüche ideal ist. Stellt euch vor, ich habe bis heute noch keine Karpfenrute von der Fa. Fox in der Hand gehabt. Die Fachhändler, die ich besuche, haben sie einfach nicht. Wie sollen so Kaufwünsche entstehen? Man könnte die Rute zwar für mich bestellen, jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand eine Rute kauft, die er noch nie in der Hand hatte. Ich werde also fast gezwungen, auf eine der großen Messen ins Ausland zu fahren, um dort die Produkte vor Ort anzuschauen.

Hat man dazu keine Zeit, angelt man sein Gerät halt noch mal eine Saison. Eigentlich schade! Eine sehr erstaunliche Entwicklung hat allerdings in den letzten Jahren der Ködermarkt vollzogen. Gab es vor einigen Jahren fast nur englische Firmen auf dem deutschen Markt, hat es momentan den Eindruck, dass wir von Köderfirmen nahezu überschwemmt werden. Jeder, der ein Ei aufschlagen kann und ein paar bessere Fische gefangen hat, fühlt sich berufen, den Ködermarkt neu zu revolutionieren. Leider ist die Revolution meistens nur von kurzer Dauer, dann verschwindet die Firma wieder vom Markt. Ich habe manchmal das Gefühl, manche Anbieter halten die Endverbraucher für völlige Idioten. Ein Beispiel dafür war mein letzter Messebesuch. Es waren mehrer Anbieter vor Ort, die ein und denselben Köder verkauften. Es war zwar immer ein unterschiedliches Label und Preisschild auf der Tüte, der Inhalt kam aber immer vom selben Hersteller.

Man muss wissen, es gibt nur ganz wenig Hersteller, die auch wirklich ihre Köder selbst produzieren. Die meisten Anbieter lassen bei einem großen Hersteller für sich produzieren. Jede Bait Firma wird jetzt sagen, die Köder würden extra für sie produziert, natürlich nach ultra geheimen Rezept, seltsam ist nur, dass die Köder die selben sind, von denen mir schon seit Jahren die Köder- und die Großhandels EK - Preislisten vorliegen. Da ich ein Köderfanatiker bin und ich weiß, dass die Köderherstellung eine Philosophie für sich ist, muss doch aber jedem klar sein, dass ein guter Köder die wichtigste Verbindung zum Fisch ist. Deswegen kann ich nur jedem raten ein Produkt bei einer Firma zu erwerben, die eine Top Qualität anbietet. Das sind meistens die Firmen, die ganz offen über ihre verwendeten Zutaten sprechen. Oft hat man bei diesen Firmen sogar die Möglichkeit, den Köder nach eigenen Wünschen und Vorlieben produzieren zu lassen. Viele englische Firmen geben ihre Zutaten und den Nährwertgehalt direkt auf der Verpackung an.

Einer der vielen großen Fische von OliverDas nenne ich Transparenz für den Kunden. Leider bekommt man diese Köder nicht für ganz kleines Geld. Was soll auch drin sein, wenn ein Kilogramm Boilies keine zwei Euro im EK kostet?
Ein weiteres Thema, was ich sehr erstaunlich finde, ist die Preisentwicklung der Angelgeräte einzelner Hersteller. Man hat bei vielen Produkten das Gefühl, Hans Eichel hat eine Sondersteuer auf einzelne Firmen ausgesetzt. Gab es vor einigen Jahren für 500 DM noch ein absolutes Top - Marken - Zelt, muss man heute froh sein, wenn das überhaupt für die Bodenplane reicht. Leider wird sich an der Hochpreispolitik nichts ändern, solange alles zu jedem Preis gekauft wird. Obwohl, Fox hat dieses Jahr die Preise ja gesenkt - vielleicht ziehen andere Firmen ja nach. Wir leben in Hoffnung.

Kommen wir zu den Gewässern: Du hast dich schon früh nach Frankreich hin orientiert und gerade im Elsass schon Ende der Achtziger Jahre viele schöne Fische gefangen. Kannst du unseren Lesern ein paar Seen aus dieser Zeit nennen?
Eigentlich gebe ich nie Gewässer bekannt, an denen ich momentan angle, vor allem wenn ich von Freunden die Informationen über diese Gewässer erhalten habe. Trotzdem möchte ich hier ein paar Gewässer nennen, die ich in früheren Jahren besucht habe. 1) Lac de Liez: Als ich vor ca. 15 Jahren den See zum ersten Mal beangelte, gab es so gut wie keinen Angeldruck. Das Karpfenangeln wurde mehr oder weniger geduldet. Obwohl wir den See nicht kannten, fingen wir sofort Fische. Leider war unser größter Karpfen, soweit ich mich erinnern kann, lediglich um die 13 kg. Heute ist das Nachtangeln nur noch in Zonen erlaubt. Die Fische sind prächtig abgewachsen. Jedes Jahr wird eine beachtliche Stückzahl an Fischen über 20 kg gefangen. Der Seerekord beträgt mittlerweile über 30 kg. 2) Gondrexange: Ein See in der Nähe von Nancy / Metz auch wieder ein riesiges Gewässer voll mit Karpfen. Ganz ähnlich wie am Lac de Liez waren Karpfenangler so gut wie nicht vorhanden. Die Ranger waren von Anfang an den Karpfenanglern nicht wohl gesonnen. Obwohl wir auch hier ohne großen Aufwand sofort Fische fingen, entschlossen wir uns wegen dem Ärger mit der Polizei das Angeln einzustellen. Die durchschnittliche Fischgröße betrug damals um die 11,5 kg.

Leider ist die Situation, was das Nachtangeln betrifft, am Gondrexange nicht besser geworden. Man könnte fast meinen, die Ranger haben es sich als Lebensaufgabe gestellt, den schwerkriminellen Karpfenanglern das Leben zur Hölle zu machen. Das einzig Gute an diesem Gewässer ist, dass die Karpfen dadurch noch fetter geworden sind. Es gibt mittlerweile viele Fische über zwanzig Kilogramm im Gondrexange. Des weitern habe ich viele Gewässer im Elsass beangelt, die Verbindung mit dem Rhein hatten. Ich glaubte damals nicht, dass die Gewässer auf der deutschen Seite schlechter waren. Der einzige Grund, warum ich mich für die französische Seite des Rheins entschied, lag am unproblematischen Ablauf, seine Angelkarte zu erhalten und das offiziell mit drei Ruten gefischt werden durfte. In diesen Gewässern wurden damals schon immer wieder Fische bis 25 kg gefangen. Es sind zum Teil recht große Gewässer mit einem sehr geringen Fischbestand.

Na ja, man kann sagen, dass die Fische einem nicht gerade in den Kescher springen. Das ist wohl der Grund, warum die Gewässer heute noch so wenig befischt werden. Obwohl jedes Jahr Fische über 25 kg gefangen werden, haben die deutschen Karpfenangler die Gewässer noch nicht für sich entdeckt. Dem möchte ich auch nicht weiter nachhelfen, trotzdem ein Tipp am Schluss: Kauft euch eine Seenkarte und schaut euch ein paar Gewässer einfach mal an. Fische über 20 kg gibt es da eigentlich in jedem Loch.

Einer der vielen großen Fische von Oliver Über deine Tätigkeit in der Angelbranche hattest du auch immer Kontakt zu Norbert Bleisteiner, der durch seine Fänge am Cassien auch dein Interesse an diesem Kultgewässer weckte. 1991 folgte deine erste von vielen Reisen an diesen See. Erzähl uns doch etwas darüber.
Cassien, der gute alte Cassien! Ein echtes Kultgewässer, ein Mythos, eine Legende, ein See der vielen Anglern ihren Personal Best geschenkt hat. Ich war geschockt als ich 1985 zum ersten Mal von schier unglaublichen Fängen aus diesem Gewässer hörte. Ein Fangbericht von einem 31 kg Fisch erschütterte damals die deutsche Karpfenszene. Damals lässt der Blinker die Bombe platzen, als sie die Fotos mit einem grinsenden Max Cotties und seinem riesigen Karpfen veröffentlichten. Nun kam es endlich heraus, irgendwo im südlichsten Frankreich gab es Karpfen, die weit größer waren als die Fische, die Sagen umworben in unseren Teichen lebten und anscheinend unfangbar waren. Trotz allen Informationen, fühlte ich mich damals noch nicht bereit, so eine Herausforderung anzunehmen.

Vielleicht lag es an mangelndem Selbstvertrauten oder einfach an der Angst vor so einem riesigen, neuen Gewässer. Selbstverständlich förderte auch die brodelnde Gerüchteküche über den Cassien, die damals natürlich auf Hochtouren lief, nicht gerade mein Selbstbewusstsein an dieses Gewässer zu fahren. Mann musste sich nicht nur mit riesigen Karpfen auseinandersetzen, sondern auch mit strengsten Kontrollen (Nachtangelverbot), Schlangen, Skorpionen und Wildschweinen, Mistral Stürmen und wochenlangen Nichtsfangen. Deshalb beschloss ich erst einmal, in unseren heimischen Gewässern erfolgreich zu sein.

1991 war es dann so weit. Gestärkt durch einige schöne Fänge und motiviert durch Gerd Haberle und Norbert Bleisteiner begab sich eine aus heutiger Sicht schon fast legendäre Gruppe (Bernd Mauz, Christoph Schulz, Günter Schiffel ) an den Cassien. Selbstverständlich blankte die komplette Truppe. Aus Angst vor nächtlichen Kontrollen blieben die Ruten selbstverständlich an Land. Trotz unserer damaligen Niederlage sollten noch viele Trips an dieses Gewässer folgen. Wir fingen alle dort unsere Fische und lernten recht schnell die Eigenarten dieses Gewässers kennen. Natürlich hat sich das Gewässer in den Letzten Jahren deutlich verändert. Alleine was den Fischbestand betrifft kann man die damaligen Verhältnisse nicht mit den heutigen vergleichen. Dazu möchte ich ein paar Zahlen nennen.

  • Fischbestand 1990: ca. 100 Karpfen über 15 kg, 20 Karpfen über 20 kg, 10 Karpfen über 25 kg.
  • Fischbestand 1994: Unzählige Karpfen über 15 kg, 200 Karpfen über 20 kg und 10 Karpfen über 25 kg.

Ihr seht, der Fischbestand hat ernorm zugenommen. Er ist überhaupt nicht mehr vergleichbar mit dem Ursprungsbestand. Das hat natürlich zur Folge, dass der See viel von seinem Mythos verloren hat. Er zählt für mich auf jeden Fall nicht mehr zu einem ultraharten Großfisch Gewässer, an dem man wochenlang auf seinen Biss warten muss. Mit ein paar Gewässerkenntnissen und ausgefeilten Angeltaktiken kann man mit etwas Glück relativ schnell zum Erfolg kommen. Ich glaube das wichtigste an diesem Gewässer ist, dass man nicht stereotyp angelt.

Widrige Umstände - FangwetterWas meine ich damit? Das heißt, etwas anderes zu tun, als das, was die breite Masse macht. Ich möchte dazu in Stichworten ein paar Anregungen geben, die dem einen oder anderen vielleicht weiter helfen. Als eine sehr erfolgreiche Futterstrategie hat sich folgendes System herauskristallisiert: Mehrere Kilogramm Boilies gleichmäßig auf einen recht großen Angelplatz verteilen, z.B. in einer Bucht. Dann die erste Nacht - auch wenn es schwer fällt - den Platz völlig in Ruhe lassen, um dann in der zweiten Nacht seine Ruten großflächig auf seinem Futterplatz zu verteilen.

Die Fische finden sehr schnell Vertrauen in die großflächig verteilten Köder und bringen das Futter nicht direkt mit Gefahr in Verbindung. Was mittlerweile auch immer wieder einen Versuch wert ist, ist eine konzentrierte Futteraktion auf einem Hotspot. Die Fische haben in den letzten Jahren so viele Single Hook Baits, oder Stringer gesehen, dass sie mittlerweile wieder richtig gut auf Futter reagieren. Des weiteren kann ich nur empfehlen, sich an große Tiefen heranzuwagen und möglichst wenige Schnüre auf dem Angelplatz zu haben. Stichwort Bojen. Was außerdem ganz wichtig ist, ist das man beobachtet, was die angelnde Konkurrenz tut. Es bringt meistens nichts, wenn 50 Angler nach „Schema F“ vorgehen und wenig fangen, dann als 51. Angler da noch mit einzusteigen. Fantasie, Kreativität, Hartnäckigkeit und Mut für die eigene Vorgehensweise ist da gefragt. Leider gibt es wenige, die nach neuen Möglichkeiten suchen. Ich kann nur jeden dazu ermutigen.

Eine weitere wichtige Veränderung am Cassien sind die Unmengen an Karpfenanglern, die das Gewässer jährlich besuchen. Hat man sich früher noch freudig begrüßt und Small-Talk gehalten, muss man heute froh sein, wenn man überhaupt noch gegrüßt wird. Eine ehrliche Aussage über Fänge oder Fisch- Aktivitäten kann man oft vergessen. Kein normaler Karpfenangler und wenn seine Säcke noch so prall gefüllt sind, würde dir eine ehrliche Auskunft erteilen. Viel zu groß wäre die Angst darüber, dass du dich in seine Nahe setzen könntest und die Fische von seinem Platz wegfängst. Zusammenhalt untereinander gibt es leider so gut wie gar nicht mehr. Viele sehen sich nur als Konkurrenten und wollen oft um jeden Preis erfolgreicher sein als ihre Kollegen. Eine wirklich traurige Entwicklung. Was mich jedoch mit großer Freude und auch Verwunderung erfüllt, ist dass der Cassien See der Beweiß dafür ist, dass einheimische Angler und Karpfenangler aus ganz Europa sich doch irgendwie unter einander arrangieren können. Jeder findet dort seinen Platz für seine Art des Angelns. Ich hoffe inständig auf die Vernunft aller Mitangler, dass sich jeder an die Bestimmungen hält. Nur so kann dieses Paradies für uns Karpfenangler erhalten bleiben.