Motorenkunde - Gedanken zum Karpfenangeln
Ich sitze wieder an meinem Schreibtisch. Lernen ist angesagt und Arbeiten für die Uni. Das Szenario hatte ich doch im letzten Jahr zu genau der gleichen Zeit. Damals saß ich auch hier fühlte mich gefangen und wollte nur raus, um Fische zu fangen. In diesem Jahr, jetzt, ist das Szenario dasselbe, nur habe ich nicht so wirklich den Drang nach draußen. Ich genieße nach 10 Stunden Beschäftigung mit Theorien, die andere formuliert haben, den Luxus meiner Couch und die Vorzüge eines trockenen und warmen Raumes. Ich trinke meine Tasse heißen Kakaos tatsächlich gerade lieber hier, anstatt draußen zu sein. Ungewöhnlich für mich- ich habe einfach keine rechte Lust zu angeln. Der Motor der mich sonst ans Wasser treibt, läuft derzeit nur langsam. Ich würde sagen, die Motivation fehlt.
Was ist denn eigentlich die Motivation ans Wasser zu gehen? Vielleicht erst einmal klein anfangen- was ist denn Motivation? J. LeDoux, ein US-amerikanischer Psychologe sagt sinngemäß: Motivation bezeichnet das auf emotionaler und nervlicher Aktivität beruhende Streben des Menschen nach Zielen, oder Zielobjekten. Sie erhöht die Handlungsbereitschaft und ist somit eine Triebkraft für Verhalten. Ja und nu?
Dazu muss man noch wissen, dass Motivation aus einem selbst kommt, oder von außen. Der Spaß beispielsweise, den ich beim Angeln habe, wäre eine von innen kommende Motivation. Intrinsisch ist der Fachbegriff dafür. Es gibt auch eine extrinsische Motivation. Wenn ich zum Beispiel Angeln ginge, um eine Belohnung zu erhalten, oder Geld zu verdienen.
Fakt ist, ich habe derzeit keine Lust ans Wasser zu gehen. Aber woher kommt denn die Motivation dazu überhaupt?
Zum einen aus dem Spaß an der Sache selbst. Das Leben im Zelt, draußen sein, sich anpassen müssen, sich wohlfühlen. Wäre ja nach Dr. Schlau alles von innen kommend. Was aber, wenn der Spaß nicht so richtig greift? Im letzten Herbst hatte ich bei einer Session einen absoluten Tiefpunkt. Ich hatte an einem Gewässer aufgegeben. Nachdem man mir außerordentlich überzeugend mit körperlicher Gewalt bishin zum Tod gedroht hatte, hatte ich das Feld geräumt.
Die innere Kosten-Nutzen Rechnung ging einfach nicht mehr auf. Ich saß anschließend völlig frustriert, wütend über meine Ohnmacht und völlig übermüdet, mit völlig verschlammtem Tackle im Auto und wusste erst einmal gar nicht weiter. Was tun? Allein. Der Plan dahin. Spaß hatte ich in diesem Moment garantiert nicht. Ich musste mich motivieren. Ganz klar. Nach Hause fahren kam gar nicht in Frage. Die freie Zeit wollte ich nutzen, zumal ich inzwischen eine ganze Menge Geld investiert hatte. Jetzt hinzuwerfen? Ich hätte es als Blöße vor mir selber empfunden. Und die wollte ich mir nicht geben.
Außerdem wollte ich ja nicht nur Neues sehen, sondern auch Eines- Fische fangen. Wie häufig habe ich gelesen und gehört, dass wenn man Summe X an Arbeit aufwendet und dabei FischY herauskommt, gleich alles gut ist. Weil man Spaß dran hat? Ja, aber ich kenne auch andere Motive. Zum Beispiel weil man sich zu einer Gruppe dazugehörig fühlen will, oder von ihr angesehen sein möchte. Vielleicht auch weil man denkt, dass andere von einem erwarten zu fangen. Für den Körper ist das gute Gefühl angesehen zu werden wie eine Belohnung und hier der Fisch so etwas wie das Mittel zum Zweck. Fange ich, sehen mich andere vielleicht als guten Angler.Das fällt unter Extrinsische Motivation. Sie spielt also auch eine Rolle.
Zurück nach Frankreich: Ich habe mich dann selbst überzeugt ein neues Gewässer zu befischen. Ein guter Platz war frei und neue Erfahrungen lockten. Ich blieb, machte mir Gedanken, wo und wie die Fische zu fangen sind. Ich legte einen Futterplatz an und Fallen aus. Aber innerlich war das Gefühl für die Sache eher hölzern. Ich wusste was zu tun war, aber so richtig war ich nicht bei der Sache, fragte mich immer wieder, ob ich nicht einfach heimfahren sollte. Das üble Erlebnis am ersten See der Tour saß einfach tief, die Gedanken kreisten darum und der Spaß im Hier und Jetzt wurde dadurch überschattet. Richtig motiviert war ich aber erst wieder, als mein guter Freund Martin spontan für drei Nächte vorbeikam und ich mich freireden konnte. Mit Martin machte es wieder Spaß, wir lachten viel, redeten über Gott und die Welt und genossen die Zeit am Wasser. Nicht das Fische fangen stand mehr im Vordergrund, sondern der Weg dahin. Die Belohnung, das anschließende Fangen war schön, aber nicht ausschlaggebend.
Das bestätigt, was ich über Motivation weiß, nämlich, dass die intrinsische viel angenehmer und wirkungsvoller für die angestrebte Sache ist. Bin ich nur extrinsisch motiviert, zum Beispiel wenn ich das Gefühl habe, das andere von mir den Fang dicker Fische erwarten- warum auch immer- kann das auf lange Zeit nicht gut gehen. Das Gefühl zu müssen ist auf lange Zeit das schlimmste für eine Sache. Man distanziert sich davon, brennt aus. Es entsteht unangenehmer Druck, dem man auszuweichen versucht. Etwas zu wollen ist viel effizienter. Aber der Tritt in den Hintern, die Motivation von außen kann ja auch sinnvoll sein, oder?
Ich habe beispielsweise oftmals keine Lust nachts füttern zu fahren. Die Arbeit ist getan, man hat einen schönen Abend mit der Freundin verbracht und eine angenehme Müdigkeit macht sich innerlich breit. Jetzt die Kerzen auszumachen und die gemütlichen Klamotten gegen Wathose, dicke Jacke und eine Tasche voll stinkender Boilies zu tauschen fällt schwer. Vor allem, wenn das Gewässer auch noch über 100km entfernt liegt. Aber ohne Fleiß kein Preis und nicht immer macht Spaß, was zum Ziel führt. Ohne das Füttern fange ich weniger, habe viel Zeit vertan und verliere vielleicht trotz schöner Umgebung am Angeln die Lust, weil nichts piepst. Sich das zu verdeutlichen ist extrensische Motivation und die muss manchmal anscheinend sein, damit die innere Motivation nicht verloren geht! Und der Gedanke an den dicken Fisch hilft ganz gut den inneren Schweinehund zu überwinden!
Ich weiß, wenn ich mir nach meinen Prüfungen keinen Ruck gebe und verfügbare Zeit nicht für Zander und Co nutze, ärgere ich mich, wenn die Zeit für die Karpfen reif ist, aber ich nichts in puncto Zahnfischen dazugelernt habe, als die Karpfen eh geruht haben. Die Lust kommt eben nicht nur beim Essen, sondern auch beim Angeln. Anfangen und das Ziel vor Augen haben: Spaß und ein dicker Fisch auf dem Arm. Vielleicht war der Winter einfach zu lang und ich hab das gute Gefühl vergessen, dass ich draußen habe. Also los. Ach nee, erst Schreibtisch... Wie demotivierend.
Jan-Simon






