Eiskalter Entzug - Gedanken zum Karpfenangeln
Es ist wieder so weit. Das Jahr neigt sich dem Ende, Weihnachten steht vor der Tür. Ausnahmsweise verhält sich auch das Wetter dementsprechend und das ganze Land ist bedeckt von kristallenem Weiß und eingeschlossen in Minustemperaturen. Eigentlich eine Zeit, bei der ich alles ein wenig ruhiger angehen lasse, da die Fische des Jahres ja gefangen sein sollten.
Nicht so in diesem Jahr. Ich hatte mir vom Herbst ein paar schöne Fische aus einem neuen Gewässer erhofft. Viel Zeit verbrachte ich mit Beobachten, Füttern und Angeln. Zwei Mal in der Woche saß ich am Wasser und fing nichts, gar nichts. Gut, ich drillte gefühlte 384 Blässrallen, aber Fische ließen sich keine blicken.Und das, obwohl ich sogar drei Nächte hintereinander im Sturm verbrachte, von dem ich mir erhoffte, dass er die Karpfen noch mal auf Trab bringen würde. Der Wind war warm und brachte das Wasser so richtig in Aufruhr. Und trotzdem- nichts, gar nichts.
Die heiße Phase im September habe ich verpasst. Da war ich mit meiner Freundin Surfen in Südfrankreich. Als ich zurück kam, war es hier schon kalt. Ungewöhnlich kalt. Und die Temperaturen fielen und fielen. Irgendwie hat das den Fischen in meinem See nicht geschmeckt und so bin ich auf Entzug.
Aber es ist nichts zu machen. Für eine Tour fehlt die Zeit, hier sind die Bedingungen alles andere als „carpy“. Das ist schon fast untertrieben, denn auf vielen Seen und Teichen ist Eis, Der Fluss hat seit Wochen Hochwasser und der Kanal kann mich mal. Mal sehen wie lange...
Ich will eigentlich etwas losmachen, aber die Zeit um was richtiges aufzuziehen fehlt und so stürze ich mich mal wieder auf meine Winterfische. Richtig, die mit Zähnen.
Vor Kurzem bin ich daher mit zwei Freunden nach Holland aufgebrochen. Einer hatte noch seine Freundin dabei und somit waren zwei Teams komplett. Zwei Autos bepackt mit ungewöhnlich kurzen Ruten und 1000er Rollen, Thermoskannen, neonfarbenen Mullion Anzügen und einigen Plano-Boxen, am Haken hinter der Karre ein Trailer mit ordentlichem Boot- wir fuhren Pimpeln.
Echt heiß ein paar Zander zu erwischen ging es schon morgens um 5 auf die Bahn. In Holland erste Zweifel. Es herrschte ein eisiger Wind, die Slippe war eingefroren. Und dennoch fuhren wir. Auf dem Fluss neben den Tankern fühlten wir uns winzig und die Wellen der Riesen versorgten uns auf unserer Fahrt mit eisigem Spritzwasser. Alles überfror uns eingeschlossen. Wir waren vollkommen glasiert, bedeckt mit einer Millimeter dicken, festen Eisschicht. Es war egal. Wir verharrten trotz zunehmendem Wind, angelten konzentriert trotz einsetzendem Schneefall und pimpelten Loch für Loch, Kante für Kante, Drift für Drift ab. Aber es passierte auch hier nichts. Den ganzen Tag lang fing ich einen Barsch, die anderen nicht mal das. Und irgendwann konnte auch die malerische Landschaft mit ihren überfrorenen Bäumen, zugeschneiten Wiesen und der winterlichen Stille nicht mehr von den besch... Bedingungen und kalten Gesichtern und Fingern ablenken. Alles gefroren, das Boot zugeschneit, die Kamera von der Kälte zerstört. Es war genug. Also gings zurück und wieder mit Schneider. Das kannte ich ja schon.
Jetzt bin ich wieder zu Hause, arbeite für die Uni, fahre zur Arbeit, arbeite am Rechner. Ich finde nicht mal Zeit für einen Versuch Fische zu fangen.Was gäbe ich darum wieder im eiskalten Wind zu sitzen, mit dem Shad im Wasser...
Und so bin ich weiter auf Entzug. Fischentzug. Das tut nicht weh, ist nicht gesundheitsschädlich (kommt drauf an), macht aber wahnsinnig. Da hilft es auch nicht, dass Martin vom Cassien schreibt, wie bescheiden es dort ist, das auch Chris nicht angeln kann, weil in Hamburg die gleichen Witterungsbedingungen herrschen und das einige auf Facebook ihre Winterkarpfenfotos mit mir teilen wollen. Im Gegenteil. Dabei wird man erst recht irre. Da kommen die Gedanken nur so angeschossen. Was wenn ich jetzt an Martins Stelle wäre, wenn ich in Hamburg wäre, ich wäre schon lange in Richtung Bodden unterwegs und warum fängt der Typ da im Süden Deutschlands noch solche Fische?
Alles wirr und nicht realitätsnah, sondern nur beseelt von der Tatsache, dass es in den Fingern juckt. Und auch wenn Mama immer dagegen war- wenns juckt muss man kratzen. Aber es geht nicht. Wie wenns juckt und die Hände sind gefesselt. Man weiß man kann nichts tun und dadurch wird das Gefühl noch schlimmer. Mein Schreibtisch liegt noch voller Arbeit und auf der Arbeit frei zu bekommen ist unmöglich, da mein Arbeitskollege in Südafrika weilt. So sitze ich hier und es juckt unglaublich stark. So doll, dass ich mich nur schwer konzentrieren kann. Ein bisschen kratzen, nur ein winziges bisschen, könnte helfen. Doch keine Chance. Aber irgendwie komme ich noch raus, irgendwie fange ich noch einen Fisch dieses Jahr. Einen, der den Entzug lindert. Einen, der die ganzen Mühen wert ist... Bestimmt!
Schöne Feiertage und einen guten Jahreswechsel wünsche ich Euch. Danke für das Lesen in diesem Jahr, danke für all das Feedback und ich hoffe wir sehen uns 2011.
Jan-Simon






