Wenn die Fische erwachen - Gedanken zum Karpfenangeln
Hurra, Hurra, der Lenz ist da. Schön für den Lenz. Normalerweise bin ich ja auch voll dafür und stände schon lange in den Startlöchern, um die Ruten ins metertiefe Uferwasser zu schnicken. Am besten auf diese eine freie Stelle unter dem überhängenden Baum an meinem Lieblingssee. Wenn dort ein wenig Weichfutter und ein kleiner Boilie liegen, dauert es normalerweise zu dieser Zeit gar nicht lange, bis das Ticken der Bremse auf meine Fingerspitzen übertragen wird. Ach ja, das gute alte Rollenlied.Ich hab es schon viel zu lange nicht gehört. Dabei ist draußen Bombenwetter. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie die Fische langsam durch das 6°C warme Uferwasser ziehen und nach Nahrung suchen. Nicht nur vor meinem inneren Auge.
Bei einem Spaziergang in der letzten Woche habe ich sie tatsächlich gesehen. Sie standen Flossen wedelnd unter dem Busch und schienen auf mein Futter zu warten. Haben die nicht verstehen können, als ich ohne eine Regung weitergegangen bin. Ich glaube fast, sie machen sich jetzt Sorgen, warum das lustige Spiel, bei dem man ne Menge futtern darf und versuchen muss das Stachelige auszulassen, dieses Frühjahr auszufallen scheint. Kennen sie so ja auch nicht. Ich auch nicht, aber es geht nicht anders. In diesem Jahr finden die ersten warmen Tage keine Beachtung. Der Schreibtisch biegt sich unter Papierkram und mein Gemüt unter dem psychischen Druck alles hin zu bekommen.Es gibt so einige Projekte, die einfach mehr Aufmerksamkeit benötigen.
Zuerst einmal Klausuren. Sie stehen als erstes an. Naja, so richtig stimmt das nicht. Die Hälfte ist schon geschrieben. Stundenlanges, tagelanges Lernen von Dingen, bei denen mir nicht so recht bewusst wird, was sie mit meinem Grundschullehramt zu tun haben. Wenn ich mit den Kiddies irgendwann einmal gemeinsam ein Loch bohren SOLLTE, werden wir das auch mit „Bohren“ betiteln und nicht als „Zerspanen mit axialem Vortrieb“. Fragwürdig spannend finde ich auch immer die Berechnung irgendwelcher Physikalischen Kräfte und die Auswertung von Weg/Zeit Diagramme. Auch ist es wahrscheinlich von immenser Bedeutung Molmassen berechnen zu können. Mal im Ernst- ich werde Grundschullehrer. Naja, dafür macht man weniger Didaktik, Methodik und Pädagogik, sowie Entwicklungspsychologie. Ich muss wirklich noch viel lernen, denn bisher verstehe ich einfach die Kriterien für diese Hochschulausbildung nicht. Ist ja auch egal, so habe ich wenigstens noch Ziele für die Zukunft...
Aber all das klaut mir Zeit um mit den Schuppigen zu schmusen. Und das fällt schwer. Ich habe aber schon im Winter, diesem langen Elend, gewusst, dass es ab Ende Januar ernst wird und konnte mich mental vorbereiten. Da stört es mich dann auch nicht, dass mein Freund Alex im verträumten Belgien schon feiste Spiegelkarpfen und wunderschöne, fette(ja, diese Assoziation gibt es wohl nur bei Karpfenanglern) Zeilkarpfen fängt, während ich ausgelaugt am Schreibtisch sitze. Naja, fast nicht.
Das abschließende Projekt dieser Nicht-Angelsaison ist aber ein angenehmes. Vor einigen Wochen rief mich Christopher Paschmanns an, um mit mir ein wenig zu schnacken. An sich nichts Außergewöhnliches, aber diesmal erzählte er mir von einem Projekt. Er wolle ein Buch schreiben. Ein Karpfenanglerbuch. Ok, wenn ich ehrlich bin, war das für mich nur eine Frage der Zeit, bis dieser Angelverrückte ein Buch schreibt. Chris ist einfach Angler durch und durch, spezialisiert auf eine Angelart, aber mit einem enormen Wissen über fast alle Disziplinen dieses Sportes. Er hat einfach einen Riecher für das Leben unter Wasser und scheint viele Dinge einfach zu spüren, die anderen verborgen bleiben. Zudem analysiert er jede Situation von der er hört, oder von der er liest sehr genau und zieht seine Schlüsse daraus.
Was diese Dinge anbelangt ist er einfach ein wandelndes Lexikon, da er alles anschließend in seinem Hirn abspeichert und beliebig hervorkramen kann. Nicht nur, dass er dieses enorme Wissen immer auf seine Angelei transferieren kann, nein, er hat zudem noch immer irgendeine neue, abgedrehte Idee, die er ausprobieren muss, was zur Folge hat, dass bei mir ständig das Telefon klingelt und beim Abheben ein freudiges „Digger. Ich hab einen xy gefangen!“ erklingt. Und dann auch immer gleich so riesig. Im letzten Jahr hat der Typ neben etlichen großen Karpfen inklusive zweier „Fuffis“ sogar noch eine Scholle gefangen, die die derzeitige Rekordscholle international abgelöst hätte. Hätte deshalb, weil er ihr anstatt sie irgendwo offiziel zu wiegen und damit töten zu müssen, die Freiheit geschenkt hat.
Um es kurz zu machen- er fängt eine Menge großer Fische (obwohl er im hohen Norden wohnt), hat gute Ideen und einen unvergleichlichen Schreibstil. Außerdem, und das ist besonders, wie ich finde, hält er mit nur sehr wenigen seiner Erkenntnisse hinter dem Berg. Ohne große Umschweife und Geheimniskrämerei legt er seine Gedanken und Ideen für jedermann verständlich offen und das in einem Schreibstil der zum Lesen anregt, was seine Artikel für mich immer lesenswert macht, auch wenn ich den Inhalt oftmals schon kenne. Das er nun aber tatsächlich dieses Projekt angeht, freut mich sehr, denn das bedeutet ein gutes Buch mehr auf dem Markt...
Wir verbrachten eine Menge Zeit am Telefon und quatschten über die eine, oder andere Idee und ich gab meinen Senf zu einigen Textpassagen ab, die er mir vorlas. Eigentlich lag auf meinem Schreibtisch ein dickes Skribt zu Biologie, aber das hier war einfach besser. Im Anschluss erzählte mir Chris noch von einem genialen Line-Up an Gastautoren, wie Chris Ackermann, Markus Lechelt, Jan Brauns und vielen mehr. Auch ich soll einen Gastbeitrag schreiben. Mache ich auch. Wenn ich hier fertig bin mit all dem Uni-Zeugs. Und so langsam macht sich in mir die Idee breit, am Wasser zu schreiben. Was kann schöner sein.
Jetzt arbeite ich weiter. Auf die Freiheit zu...
Jan-Simon






