Testfrösche - Gedanken zum Karpfenangeln
„Das Testanglerkarussell dreht sich weiter. XY wechselt zu Firma P, AB angelt jetzt für Firma Z...“ So, oder so ähnlich lautete einst eine Pressemeldung in einer bekannten Karpfenzeitschrift. Der eine Angler wanderte in diesem Jahr zum 3.Mal einer neuen Firma zu, der andere zum 2. Mal. Mir drängt sich da immer eine Frage auf: Warum? Was bewegt einen Angler dazu, ständig von A nach B zu hüpfen? OK, die Produkte der Firma gefallen ihm nicht. Allerdings habe ich vor nicht allzu langer Zeit doch noch einen Artikel gesehen, indem er die Sachen in den Himmel lobte. Das kann es also nicht sein. Vielleicht kann er sich mit der neuen Firma ja besser identifizieren, vielleicht entspricht die neue Firma eher seinem Stil, oder so. Ganz ehrlich?
Der wahre Grund ist in meinen Augen ein ganz anderer. Es gibt mehr zu holen. Ist man werbewirksam, so ist es doch in der heutigen Szene relativ einfach, eine „Testangler-Position“ zu bekommen. Jede Tackle- und Köderschmiede benötigt ihre Gesichter hinter den Werbefischen. Und das ist ja auch alles gut. Ich mag es nur nicht, verarscht zu werden. Und genau das Gefühl bekomme ich, wenn alle naselang die Testangler wechseln. Dahinter stehen immer hochtrabende Gründe. Klar. Sagt ja auch keiner, dass er seine eigentlich minderwertigen Pappknödel noch richtig teuer bezahlen musste. Und es sagt ja auch keiner, dass er von dem Tackle was er getestet hat nix hält, sondern lieber die durchgenudelten Sachen von früher benutzt.
Mal ehrlich – getestet?! Es gibt so viele Hersteller, die überhaupt keinen Einfluss auf die Produktion der Gerätschaften haben, die sie dann mit ihrem Logo versehen lassen. Was soll der Testangler da verbessern? Eben: nichts! Er hilft nur beim Verkauf, indem er zeigt, dass man auch mit diesem Krempel Fische fangen kann. Ich habe eine etwas andere Einstellung zu dieser ganzen Testanglergeschichte. Vielleicht bin ich idealistisch, wenn ich sage, dass ich einen Testangler als jemanden verstehe, der die Produkte seiner Firma ausprobiert, sagt was gut ist, was besser sein muss und dazu Vorschläge macht.
Diese sollten dann in die Weiterentwicklung des Testobjekts fließen und erst DANACH die Sache in Serie gehen. Ich weiß. Ich kollidiere mit der Realität. Normal ist, der Hersteller macht sich einen Plan was man Neues will, wie es finanziell umsetzbar ist und fängt an zu produzieren. Oder und das ist heute noch viel wahrscheinlicher - man schlägt den virtuellen chinesischen Katalog auf und lässt kopierte Waren mit seinem Logo versehen und bestellt ganze Paletten von diesem billigen Zeug, das aber nach was aussieht und sich teuer verkaufen lässt. Der Testangler bekommt dann das fertige Produkt und soll es in der Szene anpreisen. Genau das aber stinkt mir. Wenn mich jemand Testangler nennt, möchte ich auch testen. Ich will nicht der lebendige Aufsteller für beschissene Ware aus der Ramschecke einer chinesischen Fabrik sein.
Es gibt Firmen, da ist das anders. Das muss gesagt werden. Schauen wir uns die Uli Beyer-Ruten an. Uli hält sich dafür wochenlang in Asien auf, sucht Rutenbauer auf und lässt sich da auf wenig Kompromisse ein. Da wird gebastelt, probiert und gerechnet. Zum Schluss kommen Ruten heraus, die genau das verkörpern, was seine Unterschrift verdient. Der Vorteil, wenn man sein eigener „Testangler“ ist. OK. Im Bereich Tackle wird das vielleicht allgemein etwas schwierig. Wer hat schon ausreichend Ahnung von Kohlefaser, Harz, Mandrells usw, so das er konstruktiv zum Entstehen einer Rute beitragen könnte? Ich auch nicht. Aber zumindest könnte einem Testangler eine Reihe an Prototypen zur Verfügung gestellt werden und er fällt nach der Testphase seine Urteile und gibt Anregungen. Ja – es gibt diese Firmen, aber wie viele?
Seien wir mal ehrlich: wenige. Mein Freund Christopher Paschmanns war Testangler für DD Bait, Okuma und Prologic, bevor er Redakteur bei Rute & Rolle wurde. Bedingt durch diese Tatsache habe ich einen indirekten Zugang zu den Firmen gehabt. Auch diese Jungs haben viel produzieren lassen, aber Chris & Co konnten wenigstens Anregungen geben und nach Machbarkeit wurden diese umgesetzt. Ich habe mir aus der Produktpalette die Dinge herausgesucht, die ich für gut hielt und bin auch heute noch damit zufrieden. Meine alten Okuma Axeon laufen immer noch und in meinem Keller stehen zwei Vierersätze Prologic Classic Carp. Vernünftige Ruten für wenig Geld.
Die Hakenserien der Firma haben mich nie enttäuscht und der C2 ist heute mein Lieblingshaken. Die Kleidung von Prologic und Savagear? Perfekt, ich trage sie, obwohl manche Teile eher hässlich sind. Was will ich damit sagen? Das ich nicht dogmatisch sein will. Für mich ist wichtig, dass die Sachen die verkauft werden, nicht zwingend selbst produziert sein müssen, aber sie sollen nutzbar sein. Und zwar nicht nur eine Woche lang bis zum nächsten Sturm. Dafür kann man guten Gewissens Werbung machen. Das ist bei genannten Dingen von Prologic der Fall. Aber es ist eben nicht die Regel. Edelstahl der rostet, Zelte die reißen, Gestänge die brechen, Bissanzeiger, die einfach ausgehen und nie wieder an. So etwas habe ich oft gesehen. Oft genug um zu wissen, dass die Testangler der Firmen entweder blind sind, oder eben nie gefragt wurden...
Ich bin Supporter bei der Firma Carp Sounder. Klingt ehrlicher. Denn 100 Prozent Testangler bin ich einfach nicht. Aber ja, ich darf auch testen und meine Meinung sagen. Ich sage auch ganz klar, was ich schlecht finde und gebe Anregungen zur Verbesserung. Zustande kam diese Zusammenarbeit, weil ich ganz ausführlich mit Matthias Sommer von CS in Braunfels auf der Messe über die Bissanzeiger diskutiert habe. Ich habe ganz klar gesagt, was ich von einem Bissanzeiger erwarte und gefragt, ob CS mir genau das bieten kann. Konnten sie nicht. Aber und das ist genau der Punkt, sie konnten Bissanzeiger für mich so modifizieren, dass sie passen.
Carp Sounder waren für mich aus einem Grund schon immer perfekt: Sie sind wasserdicht. So richtig wasserdicht! Ich hasse nichts mehr, als mich nicht auf mein Gerät verlassen zu können. Meine Fox Pieper sind abgesoffen, als der Wasserstand vom Fluss stieg und morgens nur noch die Rollen meines „Setups“ zu sehen waren. Ich höre schon meinen Freund Bastian als Verfechter von Fox Bissanzeigern: „Ist doch egal. Leg sie einfach bei 50 Grad in den Backofen, oder für zwölf Stunden in die Sonne.“ So ein Scheiß. Niemals. Die Dinger sollen piepen. Über, oder unter Wasser, immer! Machen meine CS. Außerdem baut Flauger in Braunfels selber und wenn ich einen Verbesserungsvorschlag, oder die Idee für einen neuen Pieper habe, kann man mir direkt sagen, ob das überhaupt realisierbar ist. Und bei Flauger geht viel. Dafür gebe ich einfach gerne meinen Namen und so stelle ich mir Testanglerschaft vor.
Viel ausgeprägter sehe ich das Phänomen jedoch im Futterbereich. Oh Mann, was einem hier so alles geboten wird. Boilies müssen fressbar sein. Ein simpler Ansatz, oder? Na, dann probieren Sie mal. Pfui Teufel, was einem da so alles geboten wird. Bitter kennt ja jeder. Flavour im Boilie ist oftmals bitter. Und das geht schon mal gar nicht. Die natürliche Karpfennahrung ist geschmacklich meist neutral, süß mögen sie auch ganz gern. Aber bitter? Und das durch einen Stoff der den ganzen Boilie meist nur teurer und selten besser macht? Wer selber rollt, kennt aber noch einen weiteren Bitterstoff und den finde ich noch viel häufiger, wenn ich eine Tüte aufreiße.
Nämlich den von verdorbenem Mehl. Fischmehle oder Nussmehle die ranzig sind, Weizen, Mais oder sonstige Getreidemehle. Sie alle bekommen einen ganz typischen, leicht bitteren Geschmack wenn sie alt werden und sind damit für mich nicht mehr nutzbar. Ein Fisch stirbt nicht dran, auch nicht wenn mal ein paar Schimmelsporen enthalten sind. Aber ich will die Fische fangen und dazu gehört, dass sie gerne meine Köder fressen, vielleicht auch weil sie einfach schmecken. Oberstes Gebot ist daher für mich Frische. Sie ist Garant für Verdaulichkeit und Attraktivität meiner Köder. Welcher Testangler weiß, wie alt seine Mixe oder Knödel wirklich sind? Vor allem, wer kennt die genaue Zusammensetzung seiner Köder? Ich! Und das, obwohl ich Team, oder Testangler bin. Ich arbeite mit Michael Stach von CF Baits zusammen.
Und nicht erst seit gestern. Ich kaufe meine Köder dort, seitdem ich sechzehn bin. Damals war noch ein anderer Kopf des ganzen, aber als Michael den Laden übernommen hat, reichte er mir die Hand und ich schlug ein. Ich kenne die genaue Zusammensetzung der Köder, weiß über die Frische Bescheid und bin dabei, wenn meine Mixe oder Knödel gemacht werden. Muss ich nicht, darf ich aber. Auch bin ich hier nicht ein Kunde, der festgehalten wird, indem man ihn zum Tester macht. Ich bekomme die Sachen zum EK der Firma. Ist doch fair. Ich bekomme den Stoff nicht geschenkt, aber zu einem fairen Preis in einem Paket, das mir die Finanzierung meines Angeln erleichtert. Und dafür gebe ich gerne mein Gesicht. Welcher Testangler kann das sagen? Ich behaupte, dass viele gar nicht wissen, mit was sie da angeln, also auch niemals sagen können, was besser ginge.
Ich habe mal eine Zeit mit Ködern von DD Bait geangelt. Speziell auf Touren mit Chris. Gefangen haben die Dinger gut, aber es hat mich wahnsinnig gemacht, was ein Kilo gekostet hätte, wenn Chris das Zeug nicht aus Dänemark so bekommen hätte. Zumal ich nie wusste, was da an meinem Haar hängt. Ich mache seit Jahren meine Köder selber und weiß, dass ein einfacher Boilie mit 20% protein-, oder fetthaltigen Zutaten und 80% Kohlehydraten schon ausreicht, um damit dauerhaft erfolgreich zu sein. So ein einfacher Mix kostet fast nichts. Wenn ich mir die meisten Fertigköder angucke, bezweifle ich, dass sie überhaupt diese einfache Grundlage besitzen. Aber sie kosten mindestens das Fünffache meiner fertigen Boilies. Und sind wieder bitter. Und damit soll ich als Testangler dann fischen, immer noch teures Geld zahlen (und damit einen beträchtlichen Grundstein für die Finanzlage meines „Sponsors“ darstellen), kann nichts am Mix verändern und darf trotzdem sagen, dass der Köder soooooooooo toll ist? Lieber nicht!
Das haben sich auch schon so einige Testangler von wirklich großen Firmen gedacht. Sie haben ihr Futter dann über eBay verkauft und woanders in großer Menge gute Köder bestellt. Auf dem T-Shirt stand aber dann trotzdem... Nee, das sag ich jetzt nicht!
Fazit: Diese ganze Testanglerschiete krankt doch vorne und hinten. Warum halten Leute für Schrott ihren Namen und ihr Gesicht hin, obwohl sie sich eigentlich nicht mit den Sachen identifizieren können. Viele davon sind doch echt nette Kerle und augenscheinlich nicht doof. Ist es cool, Testangler zu sein? Einen Pulli mit Logo zu tragen (den man sogar noch selber kaufen musste)? Bekannt zu sein? Wie glaubwürdig ist dieses ganze Gespringe denn noch und warum machen das Leute, die es nicht mal nötig hätten? Ich stelle mir die Frage schon lange und zweifle immer häufiger an der Verbindung von Fangfoto und angepriesenem Produkt. Ich finde es gut mit Firmen zusammenarbeiten zu können, aber dann auch richtig. Alles andere ist doch Selbstverarschung, um es mal deutlich zu sagen, oder?
Ich geh Angeln…
Jan-Simon






