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Tour de Viech - Gedanken zum Karpfenangeln

Von Jan-Simon Saamen / Juli 2011

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Seit der letzten Tour weiß ich jedoch, dass sich diese Redewendung nur auf kleine Dinge ohne Extremitäten bezieht. Ich habe nichts gegen Tiere, auch nicht gegen die kleinen, oder ganz kleinen. Aber spätestens, wenn diese sich in schöner Regelmäßigkeit in meiner Unterhose tummeln und meine Haut als potentielle Zapfsäule nutzen, empfinde ich sie nicht mehr als angenehm.

Acht Tage standen uns zur Verfügung. Keine lange Zeit, aber ausreichend, um die Fische zu finden und zu fangen. Gefunden wurden aber eher wir. Sobald der Regen, der das Bild unserer Ankunft stundenlang beherrschte, sich gelegt hatte, verwandelte sich der kleine Fleck Frankreichs, den wir zu behausen gedachten, in eine Art südamerikanischen Urwald. Die Vögel zwitscherten hier nicht, sondern die Luft wurde beherrscht von dem Schreien tiefer und hoher Vogelstimmen. Zikaden sangen ihr schrilles Lied ohne Unterlass und überall knackten Äste, raschelten Blätter, als bewegten sich größere Tiere oben in den Kronen der Eichen. Umgeben von Wasser und Schilf platschte es mal hier, mal dort. Dazwischen das laute durchdringende Rufen diverser Kuckucke. Dazu die schwülwarme Luft- die Tropenhäuser diverser Zoos haben die gleiche Atmosphäre.

Wir empfanden all das als recht entspannend und saßen einfach den Sonnenuntergang genießend vor unseren Behausungen aus Alu und Nylon und witzelten, dass auch ein aus dem Busch tretender Tiger uns nicht sehr verwundern würde. Aus dem Busch trat kurz darauf tatsächlich etwas. Kleiner als ein Tiger. Wirbellos dazu, aber mit ansehnlicher Behaarung. Ich sah die Raupe und kommentierte sie kurz. „Och nö. Die Dinger mag ich nicht. Die haben Brennhaare“ Martin folgte meinem Blick und seine Augen weiteten sich. „Ach du Scheiße.“ Mehr hatte er nicht übrig für das Tier, sprang aus seinem Stuhl und trat beherzt auf das arme Wanderwesen zu meinen Füßen. Völlig entgeistert über diese Aktion blickte ich fragend in sein Gesicht und erkannte Ekel und so etwas wie Angst. Ich brauchte auch gar nicht fragen, die Erklärung kam in einem Wort.

Eichenprozessionsspinner. Irgendetwas in meinem Gedächtnis rastete ein und es stellte sich Unwohlsein ein. „DIE Eichenprozessionsspinner? Die mit den hochgefährlichen Haaren. Die, die Hautausschlag und schwerere anaphylaktische Reaktionen auslösen können?“ Martin nickte nur. Dankbar schickte ich einen Blick nach oben, denn im letzten Moment vor der Abreise hatte ich mich für meinen Ovalschirm samt Überwurf entschieden.

Das Gymmik, das ich seit einiger Zeit mein Eigen nenne, welches diese Kombi ergänzt, ist ein Fox Mozzy Mesh und genau das spannte sich in diesem Moment zwischen meinem Schirm und Überwurf an diesem See mit Raupenbestand, um Liege und Co vor einem Besuch dieser unliebsamen Gäste zu bewahren. Martin zog eine Mückenfront ein, ich sorgte für einen nahtlosen Abschluss von Schirm und Mesh mit dem Boden. Akribisch untersuchten wir unsere Schlafplätze nun auf Spinnerraupen. Eine Aktion, die wir unzählige Male während dieses Urlaubes durchführen würden. Danach begaben wir uns an den Baumbestand um uns herum. Martin wusste, dass diese Tiere nur an Eichen zu finden seien und Tatsache- in den Eichen um uns herum befanden sich Nester. Was tun? Natürlich- wir blieben.

An den Bäumen direkt um unser Lager waren keine Nester zu finden und die Nester in 20 Metern und mehr Entfernung sahen wir nicht als Gefahr. Zurück von unserer Erkundungstour setzte ich mich erneut in meinen Stuhl. Eine Handlung die ich bereuen sollte. Direkt vor mir erstarrte mein Angelgefährte in seiner Bewegung und mit einer einzigen Bewegung riss er sich die Hose herunter. Ich schaltete zu langsam und so bot sich mir der fragwürdige Ausblick auf Martins Mittelpartie. „Zecken“ sagte Martin angewidert und wirklich: Da liefen sie. Zum Glück liefen sie noch. Und so standen wir zwei Minuten später spärlich bekleidet am Ufer dieses Sees und suchten uns nach Schmarotzern ab. Ein jämmerliches und entwürdigendes Bild, aber bei diesen Tieren auf mir verliere ich jedes Gefühl von Würde und Selbstachtung. Ich hasse diese Spinnenart auf das äußerste und betrachte sie als einen schlechten Scherz vom lieben Gott.

Als Wesen aus der Klasse der Spinnentiere rühren diese Krabbeltiere mit ihren Gliederfüßen ja schon durch ihren bloßen Anblick an einem der letzten Instinkte, die uns Menschen verblieben. Aber das sie nur mit dem Ziel auf mir herumkrabbeln sich eine nette Stelle zu suchen, meine Haut anzuritzen und sich dort mit ihrem Stechapparat festzusetzen, um dann eine ausgedehnte Mahlzeit in Form meines Blutes zu genießen, finde ich nun wirklich Ekel erregend. So wenig empfindlich ich auch bin, was Ekel anbelangt, diese Tiere sind widerlich. Aber sie waren hier überall. Das Gefühl tastender Beinchen auf der Haut wurde zum festen Begleiter. Man wurde paranoid, bildete sich schon ein, dass etwas auf der Haut läuft. Immer wieder kontrollierten wir die heiklen Stellen und reagierten auf das kleinste Jucken auf der Haut. Martin hatte seine Reaktion der ersten Stunde zu einer Marotte ausgebildet. Ständig blieb er irgendwo stehen, sprang aus seinem Stuhl, oder dem Zelt und riss sich die Hose vom Leib.

Ohne Vorwarnung. Schnell gehörte sein nackter Hintern, aber auch die vordere Partie zu dem normalen Anblick, der sich mir in diesem Urlaub bot. In seinem Ekel machte er auch während des Essens keine Ausnahme. Juckte etwas, stand er im Bruchteil einer Sekunde entblößt da. Anfangs legte ich noch mein Essen für eine Zeit zur Seite, später kommentierte ich nur kurz und wendete den Blick ab, zum Schluss aß ich seelenruhig weiter. Man gewöhnt sich ja an alles.

Schnell nach unserer Ankunft straften uns rote Pusteln am ganzen Körper, bezüglich unserer Aussage die Nester der Prozessionsspinner machten sich nicht bemerkbar, Lügen. Vielleicht eher Unwissenheit, aber nichtsdestotrotz juckte es inzwischen immer. Überall. Ständig pflückten wir herumlaufende Zecken von uns herunter, ständig stand Martin ohne Hose da und trotzdem bissen sie sich fest, diese Vampire aus dem Hause der Milben und ständig vernichteten wir irgendwelche Spinnerraupen. Der Anblick irgendeiner haarigen Raupe entlockte uns prompt einen Laut der Abneigung. Und sie waren überall. An den Futtersäcken, in unseren Vorräten, auf den Zelten, den Booten. Schnell wie sie waren musste man immer damit rechnen in eines dieser Tiere hineinzufassen und so begutachtete man mit der Zeit alles, das man im Begriff war anzufassen, von allen Seiten, bevor man zugriff.

Wir hatten bisher keines dieser Tiere berührt und trotzdem reagierte unsere Haut. Angst ist kein falsches Wort, für das, was wir fühlten, wenn man wieder eines dieser Wesen irgendwo herunterpflückte. Horror, wenn man die Situation beschreiben wollte. Jede Bewegung auf dem Boden zu unseren Füßen wurde registriert, die Sinne waren geschärft für krabbelnde und kriechende Wesen und jede noch so schleimige Nacktschnecke am Essenstopf mit Lachen begrüßt. Irgendwann stellten sich auf unserem Futterplatz auch noch Wasserplagegeister ein. Welse. Auch so eine Laune der Natur, aber wenigstens harmlos. Aber eklig und lästig. Und da die Karpfen nun auch fernblieben suchten wir uns eine neue Stelle. Angekommen registrierten wir die fehlenden Eichen und freuten uns im Glauben die Spinnerraupen blieben uns jetzt fern. Falsch gedacht. Auch in den Buchen waren sie und noch etwas neben Zecken und Raupen mit Brennhaaren gab es hier.

Nach unserer Ankunft wollte ich nur kurz im Wald verschwinden. Mit Spaten und Papier bewaffnet sprang ich in den Schatten der Bäume und begab mich alsbald in die jämmerlich wirkende Grundhaltung dieses Vorhabens. Nicht lange. Ein hohes Sirren ließ mich nervös werden und schon stachen sie zu. Keine zwei Minuten hielt ich durch und ohne geschäftlich tätig geworden zu sein, lief ich wutentbrannt zum Lager.

Jetzt war ich es, der die Hose herunterriss, worauf Martin einen nicht endenden Lachanfall bekam. Um die dreißig Stiche auf dem Allerwertesten und einige auf einer unangenehmeren Stelle meiner Mittelpartie, dazu mein entnervtes Gesicht, ließen wohl kaum eine andere Reaktion zu. Mit blankem Hinterteil wühlte ich nach dem Mückenspray und trug es dick an den betroffenen Stellen auf. Zurück ging es bei 30°C in Mütze, Fleecejacke und langer Hose. So blieb den Tieren nur die durch Repellentien geschützte Region meines Körpers und ich konnte dem Ruf der Natur etwas entspannter folgen.

Sie können es zum Höllenvorhof werden lassen. Auf jeder Tour hat man mit ihnen zu kämpfen. Immer gibt es sie diese Tiere aus der Kategorie „lästig“. Besonders schlimm sind sie immer dann, wenn sie in Scharen auftreten. Mal sind es Ameisen, dann wieder Schnecken, Tausendfüßler, Zecken, Raupen. Meist Insekten, aber auch Wirbeltiere wie Siebenschläfer, Mäuse oder Ratten können zur Plage werden. Mit Schaudern denke ich an die Nacht am Fluss, als unzählige Ratten mein Camp beherrschten und wie merkwürdig war die Session, bei der es plötzlich vor Fröschen nur so wimmelte.

Je nach Art verspüre ich mehr oder weniger Abneigung. Tatsächlich kann aber alles unangenehm werden, oder wie empfindet ihr hunderte kleiner, süßer Vögel, die lustig euer im Baum deponiertes Obst und Gemüse zerpflücken und sich auf alles stürzen, dass fressbar erscheint. Aber irgendwie ist jede Tour auch eine Tour de Viech. Mal mehr, mal weniger extrem und überlebt hat man bisher ja schließlich alles. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es dieses Mal knapp war.

Aber das gehört wohl zu unserem Hobby dazu. Oder nicht?

Jan-Simon