Schmökerstunde - Gedanken zum Karpfenangeln
Mit einem Grinsen auf den Lippen tippe ich auf die Taste am Laptop und das Dokument Karpfenzeit.doc verschwindet. Ich habe das Buch meines besten Freundes Christopher Paschmanns Korrektur gelesen und bin restlos begeistert. Auf das Erscheinen der gebundenen und reich bebilderten Version Anfang November freue ich mich. Andere Karpfenlektüre habe ich dagegen zur Seite gelegt. Ich finde sie derzeit wenig ansprechend...
Tatsache. Während ich „Karpfenzeit" gelesen habe, musste ich immer wieder an die Karpfenmagazine in meinem Krankenhausnachttisch denken. Ich habe lieber dieses unbebilderte Dokument auf dem Laptop gelesen, was aufgrund der Stromversorgung nur auf einem harten Stuhl möglich war, als in einem der bebilderten und hochglanzgedruckten Magazine bequem im Bett. Ich habe sie geschenkt bekommen, kurz durchblättert und weggelegt. Diese Ausgaben wahrscheinlich für immer, da ich keinen Artikel finden konnte, der mich wirklich anspricht. Dabei bin ich eigentlich recht leicht zu begeistern. Es muss nicht zwangsweise auf dem hohen Niveau wie in Christophers „Karpfenzeit" sein. Mir reichen auch weitaus weniger anspruchsvolle Texte. Aber selbst die suche ich in der deutschen Artikellandschaft oftmals vergeblich. Es gibt sie noch die guten und großen Texte, aber verantwortlich dafür ist ein nur kleiner Autorenkreis. In der Szene bleibt das nicht unbemerkt. Es rumort seit Jahren. Wir haben ein Problem. Ein qualitatives.
Augenscheinlich scheint das strukturell bedingt. Fünf Karpfenzeitschriften gibt es inzwischen auf dem deutschen Markt. Eines kommt monatlich, andere in längeren Zeitintervallen. Rechnet man mit durchschnittlich 109 Seiten pro Heft, summiert sich das im Jahr auf insgesamt 3379 Seiten, die mit Inhalt gefüllt werden wollen. Wollen? Müssen! Einiges an Platz geht für Werbeanzeigen ab (vielleicht 1/3), aber für den Rest müssen Artikel geschrieben und Bilder geschossen werden. Nicht irgendwelche, quasi als Lückenfüller, sondern Artikel mit Wert.
Ich wünsche mir dabei Texte, die mich unterhalten. Texte die neue Ideen aufweisen und somit einen theoretischen Wissenszuwachs für mich bedeuten. Schaut man in den Foren nach, werden inzwischen bestimmte Themen als rotes Tuch deklariert. Es stimmt schon. Manche Themen haben wirklich einen Bart. Lese ich zum Beispiel über „[...] mit PVA [...]" muss ich mich schon überwinden, die Zeilen unterhalb des Aufmachers in Angriff zu nehmen. Das Thema ist wie viele andere einfach ziemlich durch. Und trotzdem lese ich einen Artikel dazu sehr gern, wenn er neue Ideen zu bieten hat. Allerdings macht sich aufgrund der Fülle von regelmäßigen Artikeln bei Autoren eine Ideenlosigkeit breit, die verschiedene Artikel zu einem Einheitsbrei zerfließen lässt. Man kennt den Text schon vor dem Lesen.
Gleiche Themen finden gleiche Argumente und gleiche Erkenntnisse, gleiche Probleme identische Lösungen. Wie soll da Interessiertheit des Lesers bestehen? Zumal ja oftmals der Werbeaspekt des Autors eine größere Rolle spielt, als seine beabsichtigte Aussage. Die Werbeabsicht scheint sogar der einzige Motivationsgrund für den Bericht: „Kauft XY, dann wird alles gut". Das bringt mich aber alles in meinem Denken und meiner anglerischen Problemlösung nicht weiter. Ich fühle mich eher provoziert und als Leser nicht ernst genommen, eher vera...t. Denn eines muss ja bewusst sein: Bevor eine Heftausgabe in meinen Besitz übergeht, haben zwischen 4,60 € und 8,50 € den Besitzer gewechselt. Zu meinen Ungunsten versteht sich. Dafür erwarte ich auch etwas. Etwas Ordentliches. Aber was geht besser?
Werbung ist ja Stein des Anstoßes bei vielen Lesern. Das Werbung sein muss, steht außer Frage. Eine Redaktionsmannschaft lebt ja nicht von Luft und Liebe oder betreibt ein solches Magazin nur aus Spaß an der Sache. Potentielle Werbepartner will man nicht verprellen und so findet dann auch mal ein „Werbeartikel" seinen Weg ins Heft. Kein Problem, wie ich finde. Man kann ja auch Texte mit hoher Werbe-Effizienz so gestalten, dass sie dem Leser Spaß, Unterhaltung und Lernzuwachs, vielleicht sogar einen echten AHA-Effekt bringen. Machen das die Jungs in England nicht schon lange vor? Frage: Wer hat noch nie Danny Fairbrass und Konsorten konsumiert? Perfekt, oder?
Viel gelernt habe ich bei den Videos nicht, das stimmt. Auch vertrete ich nicht die Meinungen, die in den Artikeln publiziert werden und bestimmte Probleme gehe ich ganz anders an. Ich habe einfach andere Erfahrungen und Erkenntnisse beim Angeln gesammelt. Aber die Ideen in diesen Werken stammen von den Ufern dieser Welt und sind nicht nur in irgendeiner Stammkneipe entstanden, sondern in der Praxis. Das merkt man. Und es macht einfach Spaß zuzusehen, oder zu lesen. Texte, reich an praxisnahen Ideen und ansprechend geschrieben dürfen für mich auch Werbewert haben. Stört mich nicht.
Streitpunkt sind des häufigeren wir jüngeren Autoren. Wir sollen wenig Erfahrung haben, nicht wissen wovon wir sprechen. Noch grün hinter den Ohren sein. Tatsächlich finde ich Artikel von jungen Anglern nicht zwingend gut. Aber ich denke, dass wir frischen Wind in die von den alten Hasen geprägte Artikelwelt gebracht haben. Und Angler wie Christopher Paschmanns, Mark Dörner, Chris Ackermann oder damals Max Nollert, Bastian Reetz und Matthias Baltin haben doch wirklich anglerisch geniale, ideenreiche und sprachlich wertvolle Artikel verfasst.
Erst gab's Gemurre, inzwischen fehlen die alten Hasen in den Heften fast gänzlich. Warum? Spannender wäre doch, verschiedenste Generationen an Karpfenanglern zu hören und gesagt ist noch längst nicht alles. Auch für diejenigen nicht, die schon seit mehr als 20 Jahren in der Manege des Karpfenzirkus stehen.
Was ist mit Erlebnisberichten? Zu lesen wie jemand seinen Weg gegangen ist, finde ich immer spannend. Vielleicht spannender als Sachartikel zu Technik und Taktik. Aber nicht jeder der etwas erlebt hat, kann dies auch lesenswert schildern. Wer benötigt schon die Info, dass irgendwer ins Zelt gegangen ist, um den Abend über einen Film zu gucken? Viermal auf drei Seiten! Auch Sachfehler sind ein Graus. Ich las schon: „[...]Karpfen sind Herdentiere.[...]" Ja und wenn sie am Abend gen Sonnenuntergang galoppieren, endet die Geschichte mit einem Happy End.
In solchen Fällen ist nicht nur Lektorarbeit der Redakteure gefragt, sondern auch das Gespür für einen guten Artikel und das Wissen um seine Kriterien. Der Text muss bearbeitet werden. Die überflüssigen Sachen raus, die Formulierungen glätten und Wortwiederholungen bereinigen. Dazu noch ein wenig auf die Erzählstruktur samt Spannungsbogen achten und so entsteht aus einem vielleicht wenig ansprechenden Text, der jedoch eine schöne Geschichte zur Grundlage hat, ein wirklich toller Artikel. Das macht dann Spaß zu lesen, ist jedoch eine anspruchsvolle, aufwendige und schwierige Arbeit.
Allgemeine Angelzeitschriften wie Rute & Rolle gehen ausschließlich nach diesem Prinzip und ich finde, sie fahren gut damit. Texte werden redaktionell an eine bestimmte Linie angepasst. Das empfinde ich aber nicht als Dogma. Ist ein Artikel auch ohne dieses Vorgehen gut, finde ich es nicht notwendig. Ist er das nicht, gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Er wird redigiert 2. Er kommt nicht ins Heft. Beide Möglichkeiten finden bei Karpfenmagazinen immer noch zu wenig Anwendung. Sowohl bei Technikartikeln, als auch bei Erlebnisberichten.
Auch frage ich mich oftmals was die Bebilderung soll. Das Layout ist bunt, aber vielfach wenig ideenreich. Man scheint zu glauben viel hilft viel und überfrachtet die Seiten nur so mit Bildern. Auch das andere Extrem findet statt. Kaum Bilder und viel Text. Der Sinn für das stimmige Verhältnis fehlt, ist aber für einen Profi im Medienbereich durch Faustformeln in seinem Ideal berechenbar. Für mich müssen Bilder qualitativ sein und das Thema des Textes gut aufgreifen. Nicht immer ist das der Fall. Sie sollen den Text unterstützen und dazu braucht man auch sinnvolle Bildunterschriften. Wiederholen sich diese innerhalb eines Heftes, oder Artikels rümpfe ich automatisch die Nase.
Auch das stumpfe aneinanderreihen irgendwelcher Bilder finde ich nicht spannend, da meist eh nur Detailaufnahmen eine Rolle spielen. Ich fühle mich dann immer wie bei einem Fachblatt für Makroaufnahmen, oder wie bei der Betrachtung eines Wimmelbuches für Kinder. „Wo ist der Frosch? Ja such mal den Frosch!" Aus dem Alter bin ich raus. Ein Layout sollte abwechslungsreich und aussagekräftig sein, vielleicht die Stimmung weitergeben, die ein Text nicht vermitteln kann. Ich habe keine Ahnung davon. Das stimmt. Aber ich weiß, was mich anspricht und was nicht. Und ich bin auch kein Redakteur, der genau dafür Geld bekommt. Ehrlich mal. Man merkt viel. Auch, wenn die Redaktion Layoutschablonen nutzt. Es fehlt die Individualität.
Ich lese derzeit daher lieber Bücher wie Christopher Paschmanns „Karpfenzeit", oder englische Hefte. Englische Karpfenmagazine finde ich oftmals eh eindrucksvoller als deutsche. Weniger profilierungssüchtig und mit tollen Geschichten vom Wasser kommen sie daher. Lustig, spannend, oder einfach extrem treffend formuliert, lesen sich die Prints. Fotos sind nicht immer professionell und krachend bunt, dafür aber ausdrucksstark. Die Jungs erleben etwas und irgendwie bringen sie das lesenswert rüber, ohne sofort Dogmen zu schaffen. Jeder geht seinen Weg und über die Hefte scheint man sich darüber auszutauschen. Toll. Bekommen wir das nicht auch mal wieder hin?
Jeder kann schreiben. Jeder der angelt erlebt nämlich auch etwas. Es liegt an uns Anglern die Artikelwelt aufzufrischen. Auch wenn Du nicht schreiben kannst, Aufgabe eines Redakteurs ist unter anderem, aus Deinen Ideen einen guten Text zu machen. Das ist ein Appell. An Alle.
Ich bin gespannt...
Jan-Simon Saamen






