Wir sind... - Gedanken zum Karpfenangeln
Karpfenangler gibt es zunehmend mehr. Karpfenangeln ist eine Faszination, manche nennen es einen Virus, andere empfinden es als solchen. Karpfenangeln fasziniert jung und alt und verbindet Menschen, die so nie zusammengefunden hätten. Karpfenangeln ist ein Phänomen. Und nun?
Was macht Karpfenangeln so interessant? Diese Frage stelle ich mir schon seit einiger Zeit. Als Jugendwart des hiesigen Angelvereins sehe ich, dass die Jungs fast alle irgendwann heiß auf Karpfenangeln werden. Mir ist bewusst, dass dies auch davon ausgeht, dass ihr Jugendwart viel Zeit mit dieser Fischart verbringt, aber auch wenn wir Freundschaftsangeln mit anderen Vereinen durchführen, schwebt der Name von Cyprinus Carpio wie ein nicht fassbarer Geist durch die Gespräche der Kids.
Alle wollen ihn. Alle wollen Karpfenangler sein. Warum? Zunächst einmal denke ich, dass es für die Jugendlichen die reine Kampfkraft dieses Fisches ist. Jeder andere Fisch, außer vielleicht einem Wels kommt da einfach nicht mit. Ich bin noch heute oftmals erstaunt, welche Kraft selbst kleine Karpfen aufbringen können. Wie muss da so ein Stöpsel empfinden, wenn seine kleine Telerute bis ins Handteil gekrümmt und das Wasser zu den Füßen völlig durchgewühlt wird?!
Aber es ist mehr, viel mehr. Karpfenangeln bricht das Bild des althergebrachten Anglers auf. Wir sind nicht die Sorte Angler, die traditionell ist. Wir sind nicht althergebracht. Wir sind stylisch, wir sind modern. Uns kann keiner das Wasser reichen. Unser Angeln entwickelt sich weiter. Wir warten eben nicht darauf, mit dem Wurm am viel zu klobigen Zeug auf einem klapprigen Stuhl sitzend, das irgendwas passiert, das im besten Falle ein Fisch, welcher, sei mal außen vor gelassen, anbeißt. Nein wir haben unsere eigene Angelkultur, sind die Rebellen unter den Anglern. Wir tragen unsere eigene Klamotten-Range. Wir haben eine eigene Sprache. Wir verstehen was unter Wasser abgeht, wir verstehen, was der Fisch denkt und wir entwickeln uns dahingehend, dass wir trotzdem fangen. Und zwar nicht gerade so, sondern immer mehr und vor allem größere Fische!
Wir sind in der Angelpubertät. Wir lümmeln am Wasser herum, scheren uns nicht um die Meinung der anderen und machen unser Ding. Wir haben keine Ahnung mehr was war, wissen nicht um Vorteile und Nachteile althergebrachter Dinge. Scheiß auf den Wurm und die Brotflocke, wir haben Fluo Pop Ups. Wir haben Boilies mit wasserlöslichen Extrakten wie GLM, Krillmehl und Leberextrakt. Was kann da schon mithalten?
Das wir vieles nicht können stört eben nicht, wird nicht gesehen. Wir sind pubertär, Ich-fokussiert und zwar egal wie alt wir sind! Wir können nicht mehr auswerfen, aber Futterboot fahren. Wir können keine Pose mehr führen, aber Bleie tarnen. Wir können nicht mehr beobachten, aber füttern. Wir können auch nicht mehr aushalten im unbequemen Klappstuhl, aber wir können auf 800m Entfernung angeln. Wir fangen mehr und größere Fische, wir liegen bequem und können während wir auf den Biss warten auf unserem Smartphone im Internet surfen und schnell mal auf Facebook posten, was für ein geiles Setup wir auffahren.
Karpfenangeln ist jung und jung ist in unserer Gesellschaft „in".
Technik spielt da eine entscheidende Rolle und die haben wir. Es gibt ja auch genug, was der normale Angler eben nicht besitzt und was gerade die XBox-Generation begeistert. Bissanzeiger zum Beispiel. Die blinken, die machen ein wenig Lärm, die sehen futuristischer aus, als nur ein Rutenhalter für 1,50€ mit gelber V-Auflage. Ganz ruhig beim Angeln sitzen, das Wasser beobachten, sich konzentrieren in einer, für uns Dauerbeschallte, wahnsinnig lauten Stille fällt inzwischen sehr schwer. Da kommt jedes technische Gymmik, jede piepsende Abwechslung gerade recht und es wird selbst der Älteste zum Kind, wenn wir mit GPS, Side-Image Echolot, Funkbissanzeigern, LED- Lampen, E-Motor, dämmerungsaktiven LED Bojen etc. hantieren. So müssen wir uns nicht mehr so dolle konzentrieren, nicht mehr so anstrengen. Dass wir nicht mehr ohne auskommen, merken wir nicht. Die Aneignung motorischer und kognitiver Fähigkeiten fällt weg. Imitation, mitschwimmen reicht. Ist cool.
Passiv angeln ist das Stichwort. Denn technisch sind auch unsere Montagen. Reagieren brauchen wir nicht, den schlauen Karpfen fängt der Materie gewordene Gedanke in Form diverser sinniger und unsinniger Montagen. Hauptsache sieht gut aus, ist oberstes Gebot.
Denn „In" ist, wer cool aussieht. Definitiv. Und das fasziniert. Große Fische auf scharfen Bildern, im Hintergrund das angesagte Tackle. All das umweht den Hauch von Abenteuern echter Männer. Und die wollen wir, das wollen wir sein. Tagelang im Schlamm waten, tagelang Wetterkapriolen ertragen, tagelang Natur ertragen. Fürs Ego. Zeigen -ich kanns! Kann man ja in der Großstadt schlecht. Natur erleben, sich einfügen. Ohne Tackleberge. Können wir das auch?
Wir sind schlauer als ein Fisch. Wir sind Helden. Und wer will nicht ein Held sein?
Jan-Simon Saamen






