Grasergeflüster
„...Mensch Daniel geh doch mal den Brassen abmachen, der hört ja gar nicht mehr auf mit piepen. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, so hat das gestürmt und geregnet hier bei Euch an der Elbe..."
Doch nur wenige Sekunden später stehe ich mit krummer Rute am Ufer. Das Drillverhalten lässt etwas erahnen. Der Fisch wird zunächst ohne große Mühe in Richtung Kescher dirigiert. Mein Kumpel Sebastian will schon die Maschen um den geheimnisvollen Unbekannten schließen, als ich ihm sage, er soll doch lieber zurückziehen, wenn ihm sein Kescher lieb ist. Er grinst und denkt sich wahrscheinlich, dass mir die geistigen Getränke am Vortag nicht richtig bekommen sind. Und da passiert es...
Wie eine Rakete schießt der Silbertorpedo ab. Ich hatte vorsichtshalber die Bremse gelöst und muss nun tatenlos zusehen, wie der Fisch eine lange Flucht in Richtung Strömungskante unternimmt. Doch ich bekomme ihn wieder unter Kontrolle und hindere ihn am Verlassen des Buhnenfeldes. Das Ganze wiederholt sich dann noch fünfmal, bis wir ihn endlich in den Kescher und auf die Matte bugsieren können. Schöner Frühsport im ersten gleißenden Tageslicht denke ich mir und lache in mich hinein. Von wegen Brassen...
Wir haben Männertag. Das heißt für mich und meinen „Westbesuch" ein sehr langes Wochenende Fischen an der Elbe. Dem Brückentag sei es gedankt. Bei diesem Trip wollte ich Sebastian die für mich so lieb gewordenen Grasfische (lat. Ctenopharyngodon idella) näher bringen. Diese Spezies lebt zwar auch in den von Sebastian und Co. befischten Gewässern, galten aber für ihn bis dato als unfangbar, nachdem er mehrere erfolglose Ansitze auf die asiatischen Einwanderer gewagt hatte.
Die Fische wurden bei uns vor ca. 30 Jahren in den Entwässerungsgräben und Altgewässern der Region eingesetzt, um das dort wuchernde Kraut zu bekämpfen. Durch die zahlreichen Hochwasser in unserer Gegend gelangten sie dann auch zwangsläufig in die angrenzenden Flüsse. Dort stießen sie auf für sie hervorragende Lebensbedingungen und wachsen und wachsen. Einen richtigen Schub haben sie noch einmal gemacht, seit die Wasserqualität durch das erwachende Umweltbewusstsein der Abwasser einleitenden Firmen gestiegen ist.
Umweltvorgaben der Regierung wurden konsequent umgesetzt bzw. kontrolliert. Stückgewichte bis 25 kg sind mittlerweile verbürgt und die 20 kg Marke wird sehr oft geknackt. Entgegen der landläufigen Meinung, dass sie sich in unseren Breitengraden nicht vermehren, ist aber festzustellen, dass sie dies sehr wohl tun und es von Jahr zu Jahr mehr werden, ohne das es noch Besatzmaßnahmen gibt. Ursprünglich stammt der Weiße Amur aus dem gleichnamigen Fluss Amur in China und wird bei einer Länge von bis zu 130 cm ca. 40 kg schwer. Oft wird der Graser auch als Graskarpfen bezeichnet, was aber falsch ist, da er zur Gattung der Weißfische gehört und nicht zu den Cyprinus Carpio. Zu seiner natürlichen Nahrung gehört Wasserpflanzenbewuchs jeglicher Art. Am liebsten junge Triebe des Unterwasserdschungels. Diese Erkenntnisse machen es uns natürlich leichter, den Fisch zu lokalisieren und zu beangeln.
Da wir die natürliche Nahrung bereits kennen ist nunmehr nicht sehr schwierig, entsprechendes Anfüttermaterial bereit zu stellen. Ich halte es da ganz einfach und verwende in erster Linie Mais und Taubenfutter aus dem Agrarhandel vor Ort. Bei beiden Futtermitteln muss man um die 15,- Euro für den Zentner ausgeben, was jedoch durchaus kostengünstig erscheint. Gerade bei längeren Futterkampagnen spielt doch der Faktor Geld eine große Rolle.
Zur Zubereitung: Den Mais (Taubenfutter) am Besten zwei Wochen vor dem eigentlichen Angeltrip ansetzen. Das bedeutet zwölf Stunden quellen lassen, Süßstoff dazu, kurz aufkochen und dann einfach in einem großen Fass in der Sonne stehen lassen. Er fängt recht schnell an zu gären und fermentiert. Doch man sollte sich von diesem Geruch nicht abschrecken lassen, denn genau diesen Zustand lieben die Fische. Bitte achtet aber darauf, dass die Partikel immer gut mit Wasser bedeckt sind, da sie sonst unbrauchbar werden könnten. Den Deckel des Futterfasses am besten leicht geöffnet darauf legen, um zu verhindern, dass die entstehenden Gärgase das Behältnis sprengen. Vor dem Anfüttern füge ich den Partikeln noch gern Milchpulver, Haferflocken, Kokosflocken, Tomatensuppe und/oder einen süßen Cyber Dip bei, um eine sehr anziehende Wolke aus Schwebteilen zu erzielen. Grasfische lieben dies über alles. Dazu kommen noch süße oder nussige Boilies. Ich bevorzuge den unschlagbaren Vanille Birdfood Nuss von Thomas Schimmel Baits und schon läuft es rund.
Früher habe ich mit getrockneten und zerkleinerten Algen (Wasserpest) in meinem eigenen Mix (30% Algenmehl, 30% Weizengries, 20% Maismehl, 10% gemahlenes Vogelfutter, 10% Milchpulver) experimentiert, doch der Aufwand stand nicht mehr im Verhältnis zum Nutzen. Man musste sich nämlich die Algen durch mühsames Ausmähen von Gewässern besorgen. Dieses dann ordentlich trocken und immer gut aufpassen, dass es nicht anfängt schlecht zu werden. Die getrocknete Wasserpest musste dann gemahlen und gesiebt werden. Sicherlich war dies ein super Köder, doch mittlerweile gibt es klasse Fertigköder, die genauso gut fangen. Also warum soll ich mir dann noch diese Umstände bereiten? Der Mensch ist halt bequem.
Doch wo bringe ich das Futter ein? Eingangs erwähnte ich, überall dort wo man Unterwasserbewuchs findet. Dies ist zwar richtig, doch nur die halbe Wahrheit. Wenn man die Graser am Fluss sucht, ist man in harten (wenig bis gar nicht verschlammt), flachen, sandigen bzw. kiesigen Buhnen mit Pflanzenbewuchs, die dazu nur sehr seicht abfallen, so ziemlich richtig. Falls dann noch ein, zwei Hindernisse in Form eines abgestorbenen oder angetriebenen Baumes oder anderen Unterwasserhindernissen vorhanden sind, hat man schon fast Fanggarantie.
Bei den Futterkampagnen ist klotzen statt kleckern angesagt. Reichlich Futter und am Besten noch mehr ist die einzige Alternative. Grasfischschulen bewegen sich so um die 20-30 Stück und noch darüber hinaus. Sie besitzen die Eigenschaft, einen Spot erst wieder zu verlassen, wenn der letzte Krümel aufgesogen ist. Logischerweise hält man sie durch mehr Futter auch länger am Platz. Meine Menge bewegt sich so um die 20 Kilo Partikel und 5 Kilo Boilies pro Anfüttertag. Zu viel Futter? Keineswegs, denn die Tatsache, dass ein Weißer Amur pro Tag bis zu 120% seines eigenen Körpergewichtes fressen kann, lässt dies in einem anderen Licht erscheinen. Dazu kommen noch die Flussströmung, vorbei fahrende Schiffe und die gierigen Mäuler seiner Weißfischverwandten, sprich Brassen, Döbel und Konsorten und schon ist von dem Futter nach wenigen Stunden nichts mehr vorhanden.
Beginnen mit dem Anfüttern sollte man zwei bis drei Wochen vor dem eigentlichen Fischen und dann regelmäßig alle drei oder vier Tage. Beim eigentlichen Füttern bediene mich immer meiner Wathose, meiner Abhakmatte und einer Futterkelle mit kurzem Stab. Das ganze Futter wird in Eimern auf die Abhakmatte gestellt und dann wate ich langsam bis zur Strömungskante vor. Seid bitte vorsichtig dabei und nehmt einen längeren Stock (z. B. den langen Stab der Futterkelle oder einen Kescherstab) mit und tastet mit diesem den Boden vor euch ab. Es gibt Buhnen, bei denen kommt man bis auf zwei, drei Meter an die Strömungskante bzw. Fahrrinne heran. Dort bringt man das Futter immer schön parallel zur Kante (zwei Drittel im Flachen, ein Drittel im Tiefen) ein. Punktgenaues Füttern ist somit möglich. Wenn man durch die Buhne watet, wird auch zwangsläufig die strömungsbedingte Erhebung in der Mitte der Buhne auffallen. Diese ist in den meisten Fällen mit Unterwasserbewuchs übersät. Dort gehört ebenfalls eine gehörige Portion der Köder hin. Genauso kann man auch sehr leicht Hindernisse im Wasser feststellen. Logischerweise wird auch hier Futter eingebracht.
Leider verraten sich die im Graser im Fließgewässer nicht durch Springen und Buckeln am Platz. Man kann sie nicht so leicht lokalisieren bzw. beobachten und muss einfach genug Vertrauen in den Platz und die Köder haben. Glücklichweise habe ich mich bei meinen lang gestreckten Freunden bis dato noch nicht geirrt und sie haben sehr oft den Weg in mein Keschernetz gefunden.
Sind die Fische dann einmal am Platz, geht es Schlag auf Schlag und reichliches Nachfüttern ist mehr als sinnvoll. Sie sind wie Maschinen und nehmen jede Nahrung auf, die ihnen dargeboten wird. Durch diese extrem aggressive Verhaltensweise lassen sich auch unseren „normalen" Carp nicht in der Nähe der Amure sehen und meiden die Fressorgien dieser gierigen Gattung. Sollte man auf Karpfen ansitzen und auf die Grasfische treffen, so kann man sich fast sicher sein, dass man ausschließlich diese Truppenteile fangen wird. Die Karpfen werden einfach verdrängt. Vermeidet in diesem Fall jegliche weitere Fütterung, solange die Grasfische auf dem Spot sind. Die Partikel sollten dann ganz weggelassen werden und nur noch große, harte Boilies (ab 24 mm) zum Einsatz kommen. Bringen diese Hilfen nichts, kommt leider nur noch ein Platzwechsel in Betracht.
Auch bei der Ausrüstung sollte man besonders auf robustes, qualitativ hochwertiges Tackle achten, da dieses gerade in der Endphase eines Graserdrills enormen Belastungen ausgesetzt ist. Eher weichere Ruten mit durchgehender Aktion sind gut geeignet, um die spektakulären Fluchten gut abfedern zu können. Dazu Rollen mit gut funktionierender und weich einzustellender Bremse, bespult mit einer abriebsfesten Schnur nicht unter 0,35 mm. Natürlich werden die Ruten im Fluss auf einem High-Pod abgelegt. Größte Aufmerksamkeit sollte man auf sein Endgame richten. Unabdingbar sind starke Haken. Einige Modelle sind mir schon einmal aufgebogen, oder das Vorfach riss am Öhr und ich verlor gute Fische.
Bei verlässlichen Greifern ist mir dies noch nicht passiert. Der Haken wird ganz einfach mittels No Knot angeknüpft und nichts unnötig verkompliziert. Ich verwende im Fluss ausschließlich steife Vorfachmaterialien wie Fluoro Carbon in 26 lbs, damit ich mir zu 100 Prozent sicher sein kann, dass sich unter Wasser (bei Schiffsverkehr, Weißfischattacken, Wollhandkrabben u.ä.) oder auch beim Einwerfen nichts verheddert. Schwere Bleie ab 150 Gramm sind ein absolutes Muss, da die Graser ein sehr hartes Maul haben und leichtere Bleie keinen ausreichenden Hakeffekt erzielen würden. Je nach Unterwasserbeschaffenheit und Unterwasserhindernissen kommt eine Schlagschnur zum Einsatz. Ob Mono oder Geflecht muss dann einfach von jedem vor Ort selbst entschieden werden.
An den Haken kommen Partikelketten, Einzelboilies, Einzelboilies mit Partikel, Schneemänner oder nur Pop Ups. Ganz nach Belieben und Bauchgefühl gedippt oder mit Flavourspray aufgewertet. Diese werden dann auf den gefundenen Spots platziert. Eine Rute an den Buhnenkopf, eine auf die Unterwassererhebung/Unterwasserhindernis und eine Rute in die Rückströmung. Erfahrungsgemäß bringen die beiden erstgenannten Plätze mehr Fisch. Dafür bringt die Rückströmung die schwereren Graser.
Gefangen haben wir die Exoten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein eindeutiges Schema war bis zum heutigen Tag nicht erkennbar. Mal kamen die Biss nur nachts, manchmal nur am Tag und ab und zu auch über die gesamten 24 Stunden verteilt. Die Aussagen anderer Angler, dass die Fische nur tagsüber an den Haken gehen, kann ich also nicht teilen.
Wenn sie dann angebissen haben, produzieren die Amure selten einen Vollrun. Wie schon beschrieben, ähnelt der Biss mehr dem Versuch eines verwirrten Brassens, sich den überdimensionalen Köder einzuverleiben. Nicht selten kam es bei mir schon vor, dass sich die Fische durch ein, zwei Huper angekündigt haben und dann war nichts mehr. Erst am nächsten Morgen beim Einholen der Montage stellte ich fest, das dort Leben am anderen Ende der Schnur war. Am besten beobachtet man die Ruten nach den ersten Piepern und setzt den Anhieb wenn die Rutenspitze deutlich nach vorn ausschlägt.
Im Drill bekommt man den Fisch dann relativ schnell bis zu sich herangepumpt. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Ganz unvermittelt und spätestens wenn der Gewässerboden am Bauch der länglichen Weißen kratzt, kommt Bewegung in die Sache. Die Rollenbremse gehört jetzt fast ganz auf und wird nur durch die Finger reguliert. Gigantische Fluchten mit schäumendem Wasser und delfinartigen Sätzen entschädigen für den ersten, lahmen Teil des Drills. Es kann dann mitunter sehr nervtötend werden, den Fisch ins Netz zu bekommen. Mehrere Versuche sind meist nötig. Selbst aus dem Kescher sind mir vermeintlich sicher geglaubte Exemplare noch entwischt. Falls man sich nicht ganz im Klaren ist, ob der Fisch tatsächlich ausgedrillt ist, dann stoßt ihn kurz vor der Landung leicht mit dem Kescher an. Wenn er dann nicht mehr flüchtet, ist er reif zum Anlanden. Jeder Fang ist einfach einzigartig und spektakulär. Genau dafür sind wir ans Wasser gekommen. In diesen Momenten kann und will ich einfach nicht verstehen, warum die Grasfische (von ihrer Fressgier mal abgesehen) von den meisten Karpfenanglern eher stiefmütterlich behandelt werden und nur als störender Beifang gesehen wird.
Habt ihr den Asiaten dann endlich gelandet und auf eine ausreichend dicke und große Matte abgelegt, ist größte Eile geboten. Die Fische sind durch ihr Drillverhalten sehr ausgepowert. Das Wiegen sollte in einer ausreichend dimensionierten Wiegeschlinge, die am besten noch innen mit PVC beschichtet ist, geschehen. Ein schnelles Foto ist meistens ohne Mühe möglich. Den Fisch sollte man nicht einsacken.
Habt ihr alles richtig gemacht, werdet ihr in den meisten Fällen mit makellosen, muskulösen, lang gestreckten und weiß, grünlich schimmernden Fischen belohnt. Ich jedenfalls lege gerne einmal eine Grasersession zwischendurch ein, da sie in meiner Angelei die nötige Abwechslung bietet und mir durch zahlreiche Fänge wieder Mut für die Aufgaben an schwierigen Pools gibt.
Tja und siehe da: Mein „Westgast" staunte nicht schlecht, als wir den Kescher mit dem 18,5 kg „Brassen" auf der Matte ablegten. Er war sichtlich beeindruckt und setzte von da an alles auf eine Karte, um auch noch einen Grasfisch zu überlisten. Aber es nützte leider alles nichts, ich fing noch zwei weitere schöne Exemplare über 15 kg und trotz Rutentausch ging er leer aus. Doch das Glück des Tüchtigen sollte ihm zum Ende unserer Männertagstour zur Seite stehen und so konnte er noch einen wunderschönen 30ger Schuppenkarpfen überlisten. Nicht mehr ganz so enttäuscht, aber mit schönen Eindrücken fuhr er wieder nach Hause, mit dem Vorsatz dieses Jahr noch einen Weißen Amur in seinen Gewässern bändigen zu wollen. Und falls es dort nicht gelingen sollte, dann geht es auf jeden Fall wieder in den „Wilden Osten" an die Elbe. Ich wünsche ihm und euch jedenfalls viel Glück bei der zukünftigen Jagd auf die weißen Riesen.
Daniel Lehmann






