Backwards and Forwards
Ich glaube die 80er Jahre waren wohl die aufregendsten Zeiten in der Geschichte der Karpfenangelei. Es war die Zeit, als in England vieles entstand und es war der Beginn der modernen Karpfenwelt, wie wir sie heute kennen. Es waren englische Angler, die überall in Europa große Fische fingen und dabei auf andere europäische Angler trafen, welche die englischen Methoden übernahmen und mit ihren eigenen Ideen schnell extrem weiterentwickelten.
Persönlich werde ich diese Zeit wohl niemals vergessen können und bin unglaublich dankbar und glücklich, so viele tolle Menschen quer durch ganz Europa kennengelernt zu haben. Sehr erstaunlich eigentlich - alles Freundschaften, die aus Liebe zu einem Fisch - dem Karpfen- begannen...
Wenn wir in England in die 70er Jahre zurückschauen, so waren es circa 500 leidenschaftliche Karpfenangler. Als dann einige Faktoren zusammen kamen blieb kein Stein mehr auf dem anderen. Davor gab es in England nur einige wenige Karpfengewässer. In den 60er Jahren begannen Wasserbehörden mit Besatzprogrammen und bis in die 80er Jahre hatten sich die Gewässer weiterentwickelt und die Karpfen waren zu beachtlichen Größen herangewachsen.
Eigentlich gab es damals kein Karpfen-Tackle. Ende der 70er Jahre startet ich mit der Produktion und dem Verkauf von spezialisiertem Material für Karpfenangler. Um Köder rankten sich damals noch viele Geheimnisse und Mythen. Um ganz ehrlich zu sein - für den Durchschnittsangler gab es gar keine Chance, an Boilierezepturen heranzukommen. So blieb es bei einem exklusiven Club, bis Fred Wilton seinen Artikel über HNV-Köder publizierte und dann Clive Diedrich mit seiner Firma Richworth „Ready-Mades" zu produzieren begann. Die Tage der „faulen" Karpfenangler waren gekommen!
Wir hatten das Tackle, die Köder und genug Gewässer mit Karpfen, die ständig größer wurden. Es waren glückliche Tage! Nach einigen Jahren hatten wir aber das Gefühl, dass irgendwas nicht mehr so recht funktionierte. Die hastigen Bisse wurden weniger. Wir hatten nur mehr zarte Bewegungen an den Bissanzeigern, die dann sogleich mit Anschlag quittiert wurden. Aus zwanzig Versuchen konnten wir vielleicht einen Karpfen haken.
All das veränderte sich wieder mit der Publikation des "Hair-Rigs". Es war unglaublich, damit revolutionierte sich vieles und zwar für alle Zeiten. Karpfen sind von Natur aus sehr neugierig, suchen den ganzen Tag Futter, saugen vieles ein um es auf Essbarkeit zu prüfen und um es bei Nichtgefallen wieder auszuspucken. Dies taten und tun sie seit Millionen von Jahren. Mit dem „Hair-Rig" waren Karpfen plötzlich vom „nackten" Haken gestochen und konnten den Köder nicht mehr ausblasen. Die Zeit der „Vollruns" war wieder da. Allerdings nivellierte das „Haar" auch viel. Nicht so erfahrene Angler konnten plötzlich Fische haken – und das aufgrund der Wirksamkeit des „Haares".
Ich hoffe ich habe Sie mit dem kurzen Exkurs in die Vergangenheit nicht allzu sehr gelangweilt. Ich denke, es ist aber sehr wichtig, die Entwicklung zu verstehen. Noch wichtiger ist es aber zu erkennen, dass Karpfen sich auch mit uns Anglern und unseren Methoden weiterentwickelt haben. Hatten sie bereits Kontakt mit einem Haken, fressen sie danach nicht mehr so sorglos wie früher. Als wir mit Spezialködern begannen, waren die Ergebnisse unglaublich. Sie ließen aber auch wieder rasant nach. HNV-Boilies und Partikel funktionierten zu Beginn wahnsinnig gut, aber die Biss-Rate ging auch wieder schnell nach unten. Karpfen fraßen nach wie vor unsere Köder, vermieden es aber gehakt zu werden. Die Erfindung des „Haars" löste vieles und machte es für die Fische schwerer wieder loszukommen.
Kommen wir aber nun zu den 90er Jahren. Alle wussten wie es funktioniert und waren zufrieden – vieles war ganz selbstverständlich. Wir suchten uns die Fische einfach nur aus und fingen, fingen und fingen. Ich kann mich leicht an mindestens einhundert Autoren erinnern, die behaupteten oder in Artikeln schrieben, dass das Rig nicht wichtig sei, sondern hauptsächlich der Köder für den Erfolg verantwortlich wäre.
Natürlich sind auch hochqualitative Köder sehr wichtig, irgendwie hatte ich bei diesen Ködern aber immer ein ungutes Gefühl. Nachdem ich einen Karpfen im klaren Uferwasser bei der Aufnahme meines Rigs beobachtet hatte, als er den Köder mit dem Haken aufnahm, schaute ich auf meinen Bissanzeiger und auf die Rutenspitze. Unglaublich: Nichts, aber auch rein gar nichts bewegte sich auch nur einen einzigen Millimeter! Nach zwei Minuten atemloser Anspannung blies der Fisch das Rig mit unglaublicher Kraft wieder aus und schwamm davon – ich war sprach- und für einen Moment auch ratlos! „Wie zur Hölle hat er das geschafft?" – war mein erster Gedanke. Die Kraft des „Ausblasens" war enorm. Ich glaubte, dass das geringe Gewicht des kleinen Hakens schuld war. So malte ich mir das zumindest aus. Das Gewicht des Boilies hilft dem Fisch den Haken wieder auszuspucken.
Bei dem original „Hair-Rig" kam das Haar direkt unter dem Schenkel heraus, aber diese Bauart verlor nun leider sehr schnell an Wirksamkeit. Wir realisierten - wenn der Fisch am Köder saugte und ihn anschließend wieder ausblies, blies er den Haken mit dem Schenkel voraus auch mit. So konnte der Haken nicht, oder nur schwer greifen. Wir veränderten den „Austrittswinkel" des Haares dann nur ein wenig nach oben gegenüber der Hakenspitze. In dieser Position konnte sich der Haken beim Ausblasen besser drehen und somit den Fisch sicherer haken.
Obwohl der Drehpunkt des Hakens verändert war, schaffte es ein von mir beobachteter Karpfen wiederum, sich des Hakens zu entledigen. Ich realisierte, dass er wieder das Gewicht des Boilies nutzte, um den Haken nach mehrmaligen Saugen und Ausblasen wieder los zu werden. Daraus schloss ich, dass wir den Boilie quasi hinter den Haken bringen mussten und ein fixer Haaraustrittspunkt eher kontraproduktiv wirkt. Diese Veränderung führte dann zu einer viel besseren Hakwirkung, da der Fisch beim Ausblasen den Haken immer tiefer hineintrieb. So machten wir uns das Gewicht des Köders mit der Veränderung des Austrittswinkels zunutze.
Beim originalen „Blow-Out-Rig" verwendeten wir einen kleinen Ring, um das Haar am Haken zu befestigen. Wenn der Karpfen die Montage ausbläst, rutscht der Köder über den Schenkel hinter das Öhr und gibt dem Haken somit den idealen Eindrehwinkel. Dieses Rig funktionierte fantastisch. Und das ist sogar noch eine Untertreibung...
Dennoch, nach einiger Zeit wurde ich wieder ein wenig paranoid. An einem stark befischten Gewässer bekam ich kurze Piepser und die Rutenspitze wackelte. Ich tauschte den Ring gegen ein kleines Stück Silikonschlauch. Dadurch hielt das Haar gut in seiner Position, aber wenn man daran zieht, erlaubt der kleine Schlauch das Zurückrutschen des Haares entlang des Schenkels. Für mich ein wesentlicher Punkt dieses „Schlauch-Rigs", es ist wie das Erzählen eines Märchens. Wenn ein Karpfen das Rig wieder los geworden ist, wissen Sie es immer, da der Schlauch zurückgeschoben wurde. Also von der korrekten, ursprünglichen Position in der Mitte des Hakenbogens bis zum Öhr retour. Dieser Umstand ist für mich überaus wichtig, da ich daran gut erkenne, wie die Karpfen mit dem Rig umgehen. Da hilft oft eine wirklich kleine Änderung, um wieder auf die Siegerstrasse zurückzukehren.
Vielleicht braucht es nur ein wenig Ausbalancierung des Köders, oder aber auch nur eine Veränderung der Vorfachlänge oder des Bleigewichtes. Über die Jahre habe ich die Wirksamkeit des Blow-Out-Rig's verbessert, um sicherzustellen, dass wenn sich das Vorfach strafft, der Haken sich auch sicher ins Maul dreht und darin gut und sicher Halt findet. Das kleine Stück Schlauch, der Austrittspunkt des Haares, so wie die mindestens ein Zentimeter Abstand zwischen Köder und Hakenschenkel sind unglaublich wichtige Elemente für die Hakeigenschaft des Rigs (natürlich auch superscharfe Nash-Haken).
Die Mehrheit der Karpfenangler wird nach einer Blank-Session wohl den Karpfen die Schuld geben – sie waren mal wieder nicht da! Wie oft hörte ich von Anglern, die nach einigen Piepern glaubten, dass es sich wohl um einen Schnurbiss handelt. Vielen kommt es gar nicht in den Sinn, dass gerade wieder ein Karpfen das Rig ausgespuckt hat. Wenn das Gewässer wenig Weißfische oder Krebse beinhaltet, sehe ich eine jede Bewegung sehr misstrauisch. Hatte ich einige Pieper, hole ich die Rute nach einer gewissen Zeit ein und kontrolliere das Rig. Dies mache ich auch bei jedem Einkurbeln der Angel. Ich checke immer die Position des Schlauchs am Hakenschenkel. um zu sehen ob er zurückgeschoben ist.
Ich bitte Sie, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch: Ohne unbescheiden sein zu wollen - mein innovativer und unstehter Geist war für die Erfindung der ersten Tasche für montierte Ruten, der Safety-Bold-Montage und auch für die Erfindung des Titan verantwortlich. Was für großartige Ideen das aber auch immer waren, ich glaube trotzdem, dass diese drei Millimeter sich bewegender Silikonschlauch am Hakenschenkel meine wichtigste und entscheidendste Erfindung ist. Damit verbesserte ich in dramatischer Weise meine Fänge und auch bei Ihnen wird es das bestimmt in Zukunft tun.
Kevin Nash




