LK-Baits

Zwischen Genie und Wahnsinn

Rouven Meierjohann / November 2009

Es knistert und blubbert in meiner Pfanne und die kochende Butter lässt das Steak schön kross anbräunen. Über dem, mir neuen, spiegelglatten See tummeln sich Scharen von Mücken und Fliegenarten. Synchron zum melodischen Klang meiner garenden Mahlzeit, auf die ich nun seit mehreren Minuten wie ein ausgehungerter Hund starre, vernehme ich dennoch ein bekanntes Geräusch. Nein, keine rollenden Fische oder grölenden Badegäste. Viele kleine Objekte, die nahezu gleichzeitig ins Wasser eintreffen, entlocken mir einen kurzen Blick in Richtung Geräuschquelle. Hinter dem lang gezogenen Schilfgürtel sehe ich Jemanden mit der Kelle füttern.

Der Autor: Rouven MeierjohannNachdem ich mein "Aas" verschlungen habe, schlendere ich zu meinem Nachbarn, um ihn mir etwas genauer anzuschauen. Eigentlich ein ganz netter Typ. Während wir so plaudern, erkenne ich, dass er da keine Partikel oder Pellets aus seiner Tonne schaufelt, sondern Kies. Zunächst lasse ich mir jedoch nichts anmerken und lausche weiterhin seinen Erzählungen. Er kenne das Gewässer schon derart lange, dass er eigentlich jeden Fisch auf der Matte gehabt hätte. Zudem wüsste er genau, wo, wann und wie sie ziehen würden und auf welche Kniffe sie häufig hereinfielen. Langsam scheint er zu bemerken, dass ich doch ungewollter Weise, des Öfteren in seinen Eimer mit dem etwas ungewöhnlichen Inhalt schielen muss.

Mit einem Grinsen im Gesicht erläutert er mir darauf stolz, dass dies einer seiner "Spezialtricks" sei. Seiner Ansicht nach seien die Karpfen noch auf die Futtergeräusche von auftreffenden Partikeln auf die Wasseroberfläche, bedingt durch die menschliche Aufzucht konditioniert. Es würde also ein Lockeffekt stattfinden, der die ziehenden Fische zu seinem Futterplatz lenke. Im Verlauf des Tages wiederhole er den Vorgang bis zu dreißig Mal, sodass ein konstanter Futtergeräuschepegel um seine ausgelegten Fallen herrsche. Die Kieselsteine seien dabei schön laut und würden den Futterplatz nicht übersättigen.

Ich habe Derartiges bereits in Bezug auf Forellenseen gehört, dennoch bin ich wieder einmal überrascht, was in manchen Gehirnen so vor sich geht. Ich fischte diesen See noch bis zum Ende des Jahres und konnte den Kerl oftmals beobachten. Er zog sein Programm wirklich konsequent durch, aber gefangen hat er, bis auf eine Anzeige wegen Diebstahls von Baumaterial, meistens nichts.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie nah Sinn und Unsinn, bezüglich der Fischerei manchmal bei einander liegen können. Sicherlich machen diverse, spontane Erfindungen in einer bestimmten Zwangslage Sinn, dennoch sollte man sich stets reflektieren und Utopie beziehungsweise Schönrederei vermeiden. Neben dem oben genannten Beispiel existieren zudem noch weitere, zum Teil allgemein verbreitete Methoden und "Reaktionen auf gewisse Umstände", die etwas kritischer hinterfragt werden sollten.

Auch sein Kumpel Matze weiß: Es ist nicht alles Gold was glänzt!Im Moment scheinen leuchtende Wurfrohre, Rigs und Köder ja wirklich beliebt zu sein. Neben einem "Big Brother Effekt" beim Füttern, verhält sich der Rest der ungewöhnlichen Leuchterei, meiner Erfahrung nach, aber eher wirkungslos. An verschiedenen Gewässern testete ich beispielsweise diverse Lightrigs in allen möglichen Tiefen und Jahreszeiten. Ob rote, grüne oder gelbe Knicklichter am Vorfach, das Ergebnis war nicht besser als in üblicher Manier. Auch zu Boiliestoppern umfunktionierte Betas optimierten meine Fangresultate nicht sonderlich.

Das gleiche stellte ich bei der Verwendung von fluoreszierenden Pop-Ups und damit meine ich die richtig leuchtenden, fest. Bekanntermaßen soll dabei mit der natürlichen Neugier der Fische gespielt werden und sie letztendlich zum Anbiss verleiten. Leider kann ich dies nicht bestätigen, denn teilweise schien der Wunderknödel die anwesenden Tiere sogar zu vertreiben, während der Schneemann mit einem normalen, dunkleren Pop-Up in der Nacht Fische fing. Diese Testergebnisse beziehen sich zudem nicht nur auf ein Gewässer, sondern beinhalten außerdem die Erfahrungen in ausländischen Revieren.

Ein weiteres Erlebnis, das ich ebenfalls im Ausland hatte, prägt eine weitere, allseits diskutierte Thematik, das Fischen ‚im’ Schlamm. Ich saß an einem kleinen Kanaleinlauf in Holland, der, so wusste ich, völlig verschlammt war. Jeden Abend gegen 8.00 Uhr zog ein Trupp Fische in den Einlauf, um zu fressen. Ich fischte beide Ruten nach den allgemeingültigen Schlammregeln mit Pop-Up (nicht leuchtend!) und beobachtete die Fressaktivitäten der Schuppis. Da sie nicht einmal vier Meter vor meinen Füßen Massen von Blasenfeldern hochsteigen ließen, konnte ich verfolgen, wie sie beim Gründeln meine Montagen zerknäulten. Nach ca. einer Stunde war der Spuk vorbei und ich hatte immer noch eine trockene Matte.

Da sie die aufgepoppten Pillen nicht akzeptierten, benutzte ich für den darauf folgenden Abend einen Sinker. Diesen beschwerte ich noch zusätzlich mit einer kleinen Bleiolive, die ich auf das Vorfach zog. Der Köder sollte auf jeden Fall in den Schlamm einsinken. Am nächsten Abend fing ich drei Fische, unter Anderem meinen bisher größten Holländer. Dies ist ein Beispiel dafür, dass spontane Modifikationen oder Einfälle auch durchaus positiv enden können, sofern man die Umstände genauestens analysiert und bei den Tatsachen bleibt. In den meisten Fällen sind dies gezielte Reaktionen auf ganz bestimmte Situationen und keine willkürlichen Schnapsideen.

Der Ursprung vieler Theorien...Ein weiterer dieser, in meinen Augen undurchdachten, Geistesblitze hängt vorwiegend im Nirgendwo. Die Rede ist von extrem hoch gestellten Pop-Ups, die teilweise fast an der Wasseroberfläche kratzen. Insbesondere in den warmen Sommermonaten konnte ich des Öfteren einige Leute beobachten, die meinten, mit jener Methode die trägen Fische im Mittelwasser abfangen zu können. Funktioniert hat es in allen Fällen, bei denen ich anwesend war, nicht. Lediglich einen fehl gehakten Marmorkarpfen, der sich die Klinke in die Bauchflosse gehauen hatte, konnte ‚Trick 17’ als Erfolg verzeichnen. An einem großen Baggersee in meiner lippischen Heimat machte ich eine ganz andere Erfahrung mit einer Ködererfindung, die ich bis dahin immer etwas kritisch beäugt hatte.

Nach einer guten Woche Fischen an diesem Gewässer, in der ich wirklich zufriedenstellend gefangen hatte, wollte ich mir für die letzte Nacht noch einen kleinen Gag erlauben. Ich fand in den Weiten meiner Diptasche einen riesigen Bigball, den ich irgendwann mal aus den Resten einer Mixladung geknetet hatte. Er war so groß, wie meine Faust und ich zog ihn spaßeshalber auf das Hair. Ich wusste, dass Karpfen ein viertel ihrer Körpergröße verschlingen können, aber dennoch betrachtete ich das Ganze eher als Spaß. Aber wie sollte es auch anders sein, in den Morgenstunden fing ich einen Spiegelkarpfen mit über einem Meter Länge. Dieser war im Verhältnis zu seiner Körperlänge zwar sehr leicht, aber bis dato nahezu unbekannt. Vielleicht ein Köder für Geisterfische?

Schön anzusehen sind außerdem die zahlreichen Köderalternativen, über die in der Vergangenheit auch schon zum Teil geschrieben wurde und welche hoch angepriesen wurden. Erwähnt seien hier zum Beispiel frisch gehäutete Butterkrebse (natürlich die amerikanischen). Ich testete sie zunächst in Verbindung mit einem weichen Vorfachmaterial, um den noch lebenden Krebsen (möglichst realitätsnah) einen natürlichen Bewegungsfreiraum zu gewährleisten. Oftmals vertüddelten sich die Panzerknacker jedoch mit dem Geflecht und machten somit den Präsentationseffekt kaputt. Daraufhin verwendete ich ein steifes Monovorfach in Kombination mit einem Rigring, um den Bewegungsfreiraum weiterhin aufrecht zu erhalten. Resümierend betrachtet, kann ich jedoch sagen, dass mir diese Ködervariante keine großen Erfolge bescherte und den erhofften, vorsichtigen Riesen verführte sie auch nicht.

Ähnlich verlief es mit gefüllten Schneckenhäusern. Ich presste eine aus Fischmehl, Ei, Sahnepulver und Kondensmilch angerührte Paste in die leeren, gesammelten Schneckenhäuser. Der Fangerfolg hielt sich jedoch in Grenzen und so konnte ich damit nicht mehr fangen, als mit herkömmlichen Boilies und Partikeln.

Bezüglich des Themas "Boilies" und deren Herstellung bedarf es wohl kaum noch irgendwelcher Erläuterungen. Es existieren allerdings einige, ich nenne sie mal "Verfeinerungen", die man in die Kategorie „bahnbrechend“ einordnen kann, oder auch nicht.

Vielleicht ein Köder für GeisterfischeZum Einen kursiert oftmals das Wort "Cruncheffekt" in den Mündern der Dreher und Roller. Ob Muschelschalenschrot, Eierschalenstücke oder winzige Kieselsteine, die Hauptsache ist, es knistert und knuspert schön unter Wasser. Die beim Fressen des Köders verursachten Knackgeräusche sollen bekanntlich weitere Fische an den Platz locken und für einen unruhigen Ansitz sorgen. In der Theorie hört sich das Ganze sicherlich gut an, aber meiner Meinung nach fangen derartige Erfindungen eher den Angler als den Fisch.

Neben tausenden von Boostern, Dips und Liquiden stellt die Verwendung von Schimmelsporen eine völlig andere Rolle beim "Boilietuning"’ dar. Wie bei der Herstellung von Käse sprühen manche Kollegen Weißschimmelsporen auf ihre frisch gedrehten Knicker. Es soll jedoch bewiesen sein, dass die Fische positiv darauf reagieren. Ich selbst habe diese Methode noch nicht getestet und kann deshalb keine Erfahrungsberichte dazu erläutern. Aber der Glaube versetzt manchmal Berge und Vertrauen ist ja bekanntlich alles!

In den Anfängen der modernen Karpfenfischerei entstanden viele Ideen und Theorien, aus denen teilweise die wildesten Handlungen resultierten. Eine davon ist mit Sicherheit die nicht so bekannte "Maulsperre". Hierbei sollte der Anti- Eject Effekt, bei dem der Karpfen den eingesaugten Köder nicht mehr so leicht wieder ausblasen kann, die Hauptrolle spielen. Meistens wurde ein Stück Zahnstocher oder ein kleines Stöckchen verwendet und direkt vor dem Köder am Haar befestigt. Somit hindert es den Fisch, den Hakenköder sofort wieder los zu werden und er hakt sich demnach in der Regel. Benutzt habe ich diese Methode auch noch nicht, aber einige Kollegen rieten mir davon ab, da es bei ihnen überhaupt nicht funktionierte. Weitere Literatur dazu auch in Andreas Janitzkis Buch: „Das Kosmos Buch Karpfen“.

Was tut man, wenn man ein Gewässer befischt, das komplett verkrautet ist und kaum krautfreie Fressstellen aufweist? Richtig, man schafft sich einfach eine! Dass Planen nicht nur zum Abdecken gut sind, sondern auch wunderbar zum Präsentieren von Fischfutter auf dem Gewässergrund fungieren, ist neuerdings einschlägig bekannt. Vor einiger Zeit griffen ein Freund und ich ebenfalls zu dieser Methode. Wir fischten in einem kleinen Krautloch, das dennoch ein paar gute Einzelfische beherbergt. Abgesenkt wurde eine vier Quadratmeter große Bauplane, die wir vorher durchlöcherten. Mit Taucherbrillen gerüstet, zogen wir sie unter Wasser gerade und beschwerten sie an den Enden und dazwischen mit Backsteinen.

Natürlich tarnten wir diese mit Sand und Schlamm. Wir fütterten zunächst nur um die Plane herum im Kraut, damit sich die Fische an deren Anwesenheit gewöhnen konnten. Nach und nach platzierten wir auch Futter auf der künstlichen Anrichte. Fasst man die Fangresultate zusammen, konnten wir im gesamten Jahr zwar Fische darauf fangen, aber gehörten diese allesamt zur kleinen, jüngeren Generation. Von den großen Einzelfischen fingen wir nur einen im dichten Kraut. In meinen Augen zählt dieser Geistesblitz wieder einmal zur Kategorie: „Schön und unbrauchbar!“ An manchen stark frequentierten, ausländischen Gewässern wie dem Cassien wurden bekanntermaßen Ruhe- und Schutzzonen für die Fische eingerichtet.

Schimmelbaits - Jedem das seine...Natürlich gibt es viele Leute, die trotzdem und gerade dort hineinfischen müssen. Ein Hilfsmittel, um die Guarde de Pêche hinters’ Licht zu führen und im Schongebiet zu fischen, waren Umleger und deren verschärfte Form, die "Umlenker". Ich selbst habe die optimierte Version leider noch nicht live gesehen, aber mit Gelenkfüßen ausgestattete, abgesenkte Plastikrohre sollten hierbei die Schnüre in einem steilen Winkel in das verlockende Gebiet führen. Geklappt hat es wohl in einigen Fällen, jedoch kamen die Gesetzeshüter dem Treiben schnell auf die Schliche und es wurde wieder zur Kasse gebeten. Ein weiteres, nicht gerade schönes Vorgehen stellt das Locken mit gesackten Fischen dar. Es gibt wirklich Leute und hier spreche ich aus eigener Erfahrung, die tagelang kleine Fische im Uferbereich sacken und daneben ihre Rigs ablegen. Ob nun erfolgreich oder nicht, für mich ganz klar Tierquälerei!

Wie ihr seht, existiert eine ganze Menge kurioser, schlechter aber manchmal auch bahnbrechender Erfindungen rund um das Hauptziel, einen möglichst großen Karpfen zu fangen. Man sollte jedoch immer abwägen und prüfen, in welche Kategorie die gerade angewandte Methode gehört. Blindes Übernehmen irgendwelcher Hirngespinste schafft nur Ärger und bringt wenig Fische.

Meine dargestellten Erfahrungen sind subjektiv und vielleicht haben Andere von euch gegensätzliche Erkenntnisse gesammelt. Außerdem möchte ich nicht, dass es kein Experimentieren mehr in unserer Leidenschaft gibt, denn davon lebt sie ja auch. Nur sollte man manchmal etwas mehr nachdenken und die Dinge differenzierter sehen.

Viele steigern sich häufig in etwas hinein, das an der Realität vorbeigeht. Trotz alle dem wünsche ich euch noch viele lehrreiche Momente und eine gesunde Fantasie!

Rouven Meierjohann