Der Sandmann
Das moderne Karpfenangeln ist geprägt vom Einsatz innovativer und oftmals hochtechnisierter Fangmethoden. Modernes Karpfenangeln zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass es den Angler immer wieder mit einer Vielzahl von kleinen Hürden konfrontiert, die für einen erfolgreichen Ansitz gemeistert werden müssen. Viele Angler fischen leider mit blinder Sturheit weiter, wenn sie sich mit solch einer Hürde konfrontiert sehen, anstatt ihre Vorgehensweise zu überdenken und an die angetroffenen Verhältnisse anzupassen.
Andere wiederum wollen eine „Nullrunde“ am Wasser auf keinen Fall akzeptieren und nehmen große Mühen und Anstrengungen auf sich, um doch noch zum Erfolg zu kommen. Ich selbst zähle mich eher zur zweiten Gruppe. Mein Gehirn lässt es einfach nicht zu, dass ich eine schwierige Situation am Wasser, die mit ein wenig Denkarbeit und Experimentierfreude zu meinen Gunsten gelöst werden könnte, als hoffnungslos abschreibe.
Vor einigen Jahren wollte ich in meiner alten Heimat Yorkshire ein weiteres Mal ein Gewässer namens „Sally Walsh´s Dam“ befischen. Der Grund? Nun, in diesem Gewässer gab es vor allem einen richtig guten Grund: Einen Schuppenkarpfen mit Namen Sally. Leider war das genannte Gewässer ein recht typischer Stausee mit relativ wenig Features und einem recht dünnen Karpfenbestand. Ein weiteres Problem war eine zunehmend schlimmer werdende Weißfischplage, die durch die Besatzpolitik des ansässigen Angelvereins noch verstärkt wurde, denn alljährlich wurde der See erneut mit großen Mengen Brassen besetzt.
Ich begann meine Mission „Sally“ im späten August damit, die Strategien und bisherigen Resultate der anderen Karpfenangler am See zu studieren. Sie alle verfolgten in etwa eine ähnliche Vorgehensweise, ohne jedoch rechte Erfolge vorweisen zu können. Generell wurde mit sinkenden Ködern und ziemlich großen Futtermengen gearbeitet. Natürlich war, wenn mal wieder eine Woche ohne Biss vergangen war, die Qualität der Köder, der enorme Angeldruck oder auch der geringe Karpfenbestand Schuld am Misserfolg.
Nur die eigene Taktik wurde nicht in Frage gestellt... Diese Situation guckte ich mir einige Tage an. Es war für mich schon bald ziemlich offensichtlich, dass die Fische sehr wohl Interesse an den Futterplätzen zeigten und all das Futter fraßen, welches ins Wasser eingebracht wurde (wie man an der bewegten Wasseroberfläche über den Futterplätzen sehr gut sehen konnte). Nur die Hakenköder wurden scheinbar gemieden. Dieser Fakt ging an den anderen Anglern jedoch offenbar völlig vorbei.
Ein ähnlich vorsichtiges Verhalten der Fische war mir schon von anderen Gewässern wohl bekannt, so dass in meinem Hirn sofort ein Plan zu reifen begann, um auch hier zum Erfolg zu kommen. Die von mir bevorzugte Methode in Situationen wie dieser besteht darin, die Tiere eine Weile völlig ohne Angeldruck zuversichtlich meine Köder vertilgen zu lassen – und ihnen dann nur eine einzige Wahl zu geben: Den Hakenköder. Im vorliegenden Falle entschloss ich mich zunächst, mit Hanf zu füttern und mit einem einzelnen kleinen Pop Up über den Körnern zu angeln. Meine Wahl fiel bewusst auf Hanf, da dieser von allen Partikeln am wenigsten von Brassen angenommen wird. Außerdem war Hanf von den anderen Anglern bislang kaum genutzt worden.
Ein weiterer Vorteil: Die Zubereitung von Hanf erlaubt es dem innovativen Angler, kleine Verfeinerungen einzubauen, welche an Gewässern mit großem Angeldruck den entscheidenden Unterschied in der Attraktivität des Beifutters ausmachen können. Ich bereitete meinen Hanf vor, in dem ich ihn für mindestens zwölf Stunden in warmem Wasser quellen lies. Während dieser Zeit setzt Hanf bereits große Mengen attraktives Öl frei. Anschließend wurde der Hanf für mindestens eine halbe Stunde - oder bis ein Großteil des Wassers verdampft war - gekocht. Nun lies ich ihn abkühlen, gab pro Kilogramm Hanf 5 Gramm Betain und 15 ml Nutramino hinzu und mischte anschließend alles gründlich durch.
Der Hakenköder wurde von mir so ausbalanciert, dass er den Haken gerade eben anhob und der Pop Up genau eine Hakenlänge über dem Boden schwebte. Somit war sichergestellt, dass die Hakenspitze frei von Stöckchen oder Blättern blieb. Außerdem hatte ich die Erfahrung gemacht, dass in solch kritischen Situationen ein längeres Vorfach mit ungefähr 30 cm Länge die Chancen auf einen Biss enorm verbessert. Normalerweise würde ich über einem Futterteppich mit Massenködern wie kleinen Partikeln niemals Vorfachlängen über 15 cm nutzen, um einem den Futterteppich abgrasenden Fisch wenig Spiel zu lassen und ihn schnell zu haken. Ein einziger Boilie, der über einem kleinen Bett aus Hanf auf einzelne scheue Fische lauert, ist meiner Meinung nach jedoch kein wirkliches Angeln mit Massenködern.
Die Idee hinter der Verwendung eines einzelnen, aus der Masse heraus stechenden Hakenköders ist es, dem Karpfen die Gelegenheit zu geben, diesen mit dem angebotenen Beifutter zu vergleichen. Ich weiß, dies hört sich zunächst etwas bizarr an, vor allem wenn man sich die Intelligenz eines durchschnittlichen Karpfens vor Augen führt. Meine Erfahrung, die ich vor allem während vieler Stalking-Ausflüge gesammelt habe, besagt aber ganz klar, dass Karpfen in der Tat vergleichen können. Ich bin mir ganz sicher, dass viele Angler überhaupt nicht realisieren, wie oft all ihr Beifutter schon weggeputzt worden ist, ohne dass sie einen einzigen Biss auf den Hakenköder bekommen hätten.
Was noch schwieriger abzuschätzen ist, ist der Umfang, in dem Karpfen untereinander kommunizieren. Ich kann Euch an dieser Stelle förmlich hören: „Das war’s, jetzt ist er völlig übergeschnappt!“. Einen Moment bitte, lasst es mich erklären. Ich konnte schon einige Male Gruppen von Fischen beobachten, die auf einen meiner Futterplätze geschwommen kamen. Einer der Karpfen untersuchte den Hakenköder und wies ihn sofort zurück. Anschließend fraßen er und der Rest der kleinen Gruppe fleißig alle Freebies weg, ohne dass irgendein Fisch nochmals den Hakenköder auch nur angeguckt hätte. Wie kann es bitte sein, dass auch die restlichen Fische begriffen hatten, welcher der Köder der gefährliche war?
Viele meiner Theorien gründen sich auf meine Erlebnisse beim Stalking. Natürlich sind die Fische in diesen Situationen oftmals übervorsichtig, denn sie befinden sich meist nah des Ufers in flachem, sehr klaren Wasser und sind dementsprechend scheu. Ich glaube übrigens, dass die Fische hier oftmals wissen, dass sie beobachtet werden. Es handelt sich also insgesamt um ein „Worst-Case-Szenario“. Es ist ziemlich einleuchtend, dass eine Methode, die unter diesen Umständen Bisse bringt, auch in anderen Situationen selten versagen wird. Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass manche Methoden Fische bringen werden wenn andere versagen, auch wenn diese Methoden nicht unbedingt auf allgemeine Akzeptanz stoßen. Viele Angler empfinden den Einsatz von kleinen Partikeln beispielsweise als nutzlos, da angeblich nur kleine Karpfen auf diese Methode hereinfallen.
Natürlich fangen Futterteppiche aus kleinen Massenködern sehr wohl auch große Karpfen! An einem See in Norfolk konnte ich vor einigen Jahren den damaligen Norfolk-Rekordfisch mit guten 47 englischen Pfund fangen, nachdem ich von meinen normalen Ködern auf Hanf umgestiegen war!
Schnell wurde mir bei meinen folgenden Ansitzen klar, dass die Fische in Sally Walsh´s Dam auch dieses Jahr eine eingespielte jahreszeitliche Routine verfolgten. Wie in früheren Jahren waren Anfang März die ersten paar Fische auf den Matten gelandet. Die Fänge nahmen dann bis Ende Mai kontinuierlich zu, wobei einige Fische sogar mehrfach gefangen wurden. Nach dem Laichgeschäft hauten die Fische bis Ende Juli nochmals ordentlich rein, danach aber wurde das Angeln sehr zäh und nur Angler, die einen speziellen Dreh ausgetüftelt hatten, kamen jetzt noch regelmäßig zum Zuge.
Was die Angelei nun zusätzlich erschwerte, war die sich jedes Jahr weiter ausbreitende Brassenpopulation. Während meines ersten Jahres fischte ich den See nur mit großen Boilies und fing in der ersten Jahreshälfte ganz gut, ohne jedoch Sally an den Haken zu bekommen. Als der Spätsommer anbrach, wurden die Bisse leider weniger; die Fische hatten den Braten offenbar gerochen. Normalerweise würde ich an dieser Stelle meine Herangehensweise etwas verfeinern und dünnere Schnüre und Vorfächer sowie kleinere Haken und Köder verwenden. Leider gab es hierbei ein winziges Problem: Sobald man einen kleineren Köder verwendete, gingen nur noch Brassen ans Band, und Fischpellets hatten sich als reine Zeitverschwendung herausgestellt: Die Brassen konnten ohne Übertreibung in wenigen Minuten jede beliebige Menge dieser Köder vertilgen!
Eines war klar, auch wenn ich mit meiner Hanfstrategie nicht mehr weitermachen wollte: Zu dieser Methode würde ich dieses Jahr natürlich nicht wieder zurückkehren, weil sie mich meinem Zielfisch offensichtlich nicht näher bringen würde. Auch der Einsatz von kleinen PVA-Säcken war keine Alternative, da die Brassen auch hier immer noch sehr schnell auf den Hakenköder aufmerksam wurden. Also musste etwas anderes her: Statt Hanf suchte ich nun nach einem Beifutter, welches nur für Karpfen attraktiv sein sollte.
Karpfen sind einfach einzigartig, was das schnelle Auffinden von Nahrungsquellen betrifft. Ich bin mir sicher, dass sie dies allein mit ihrem hoch entwickelten Geruchssinn tun. Der Karpfen ist immer eine der ersten Fischarten, die eine neue Nahrungsquelle erobert. Also kramte ich meine Sammlung wissenschaftlicher Artikel hervor, um in ihr nach einer Lösung zu suchen.
Ich fand sie, als ich etwas über Versuche las, die mit freien Aminosäuren durchgeführt worden waren. Ich hatte Aminosäuren schon vor Jahren versuchsweise eingesetzt, mir damals aber leider nicht klargemacht, wie wahnsinnig empfindlich diese Verbindungen auf Hitze und Säure reagieren. Ich glaubte nun zu erkennen, dass ich sie bislang niemals vernünftig angewendet hatte, da sie bislang immer in den Boiliemix gewandert und somit beim Kochen zerstört worden waren, bevor auch nur einer meiner Köder jemals ins Wasser gelangt war. Ich nahm mir vor: Diesmal würde ich die Aminosäuren in ihrer ursprünglichen, unverfälschten Form anwenden!
Ich wollte die Aminos diesmal nicht nutzlos in meinem Mix verschwenden, sondern sie mittels eines chemisch neutralen Trägermaterials unter Verwendung von PVA-Beuteln direkt ins Wasser einbringen. Das Ziel war, neben dem Hakenköder nichts Essbares am Futterplatz liegen zu haben und dennoch ein heftiges Locksignal auszusenden, welches von den Brassen hoffentlich vollständig ignoriert werden würde. Meine Hoffnung war, dass sich die Karpfen schließlich aus Frustration oder einer Art Überstimulation dazu hinreißen lassen würden, einen einzelnen Köder aufzunehmen, wenn außer diesem Köder nichts Essbares zu finden war.
Ich tat mich anfangs ziemlich schwer, einen chemisch neutralen Träger für meine Aminosäuren zu finden. Wie immer war die Lösung letztendlich natürlich sehr einfach; sie war nur zu offensichtlich, um sofort von mir erkannt zu werden. Ich kam schließlich auf die Idee, Sand als Trägermaterial zu verwenden, als ich meiner Tochter beim Spielen in der Buddelkiste zusah. Wenn dieser spezielle Sandkastensand dazu geeignet war, kleine Kinder darin spielen zu lassen, ohne deren empfindliche Haut zu reizen oder zu beschädigen, so war dieser Sand höchstwahrscheinlich auch für meine Zwecke ideal! Ich beschloss, im Gartenteich eines Freundes einige Feldversuche durchzuführen. „Gartenteich“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht etwas missverständlich: Der Teich hat eine Fläche von ungefähr 0,2 Hektar und ist sowohl mit Karpfen als auch Weißfischen gut besetzt. Hier wollte ich die Reaktionen der Fische auf verschiedene Sand-Aminosäuremischungen beobachten.
Zunächst setzte ich eine Mischung aus Sand, freien Aminosäuren und flüssigen Lockstoffen an und bereitete einige PVA-Beutel mit diesem Mix vor. Zusätzlich befüllte ich einige weitere Säcke mit reinem Sand. Der erste Versuch diente dazu, die Signalwirkung meiner Mischung zu belegen. Ich beförderte jeweils einen Beutel meiner Mischung und einen Beutel mit purem Sand so in den Randbereich des Teichs, dass ich beide Stellen gut im Auge behalten konnte.
Schon bald nach dem Ausbringen der Proben kamen die Weißfische, welche durch das Einwerfen der Beutel zunächst verscheucht worden waren, zurück ins flache Wasser geschwommen. Sie interessierten sich jedoch nicht für die Sandhäufchen, auch nicht für den Sand mit den Aminosäuren.
Ich musste längere Zeit warten, bis endlich die ersten Karpfen am Ort des Geschehens auftauchten. Die ersten beiden Karpfen, die dem Randbereich einen Besuch abstatteten, waren gut zwei Kilogramm schwer, was für diesen Teich schon recht ordentlich ist. Zunächst schienen beide Fische nur wenig von meinen Gaben beeindruckt, aber nach einigen Runden begannen sie den Sandhaufen mit den Aminosäuren gezielt zu umkreisen. Das Umkreisen setzte sich ungefähr eine Minute fort und endete schließlich damit, dass einer der beiden Fische einen Kopfstand machte und seinen Kopf komplett in meiner Lockmischung vergrub!
Sofort gesellte sich der zweite Karpfen dazu und versuchte ebenfalls, etwas Fressbares in dem Sandgemisch zu finden. Leider war das Wasser schon bald so eingetrübt, dass ich kaum mehr etwas erkennen konnte, aber während der nächsten Monate führte ich viele weitere Experimente durch, die allesamt eines bestätigten: Die Karpfen waren die einzigen Fische im Teich, die von meiner Aminosandmischung angelockt und zur Futtersuche animiert wurden! Die ungestüme Art und Weise, mit der die Tiere meinen Locksand attackierten, lies in mir die Überzeugung reifen, dass jeder Köder, der inmitten des Locksandes versteckt sein würde, zwangsläufig im Maul eines Karpfens landen würde. Nicht ein einziger Fisch interessierte sich übrigens für den normalen Sandhaufen.
Ich habe meinen Locksand bisher sehr zurückhaltend und nur dann benutzt, wenn ich in scheinbar aussichtslosen Situationen (wie oben geschildert) wirklich ein Ass im Ärmel brauchte. Er hat mir jedoch schon so viele Fische eingebracht, dass ich von seiner Wirkung absolut überzeugt bin. Wenn Ihr also selbst einmal Probleme an einem wirklich harten Gewässer haben solltet, so probiert doch auch einmal einen Sandmix aus. Ich bin mir sicher: Die Effektivität dieser Methode könnte Euch ziemlich überraschen!
David Moore






