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Unterwasser Karpfen - Teil 2 - Mythen und Fakten

Von Dr. Tobias Renkawitz und Jérôme Moisand / August 2011

Im ersten Teil unserer Unterwasser-Karpfen-Serie haben der in den USA lebende Franzose Jérôme Moisand und der deutsche Angelautor Dr. Tobias Renkawitz die technischen Vorraussetzungen für erfolgreichen Unterwasser Aufnahmen beim Karpfenfischen beschrieben. Seit 2005 beschäftigt sich Jérôme mit der Unterwasser-Filmerei auf Karpfen und seine Videos über Rigs und Köder haben zu intensiven Diskussionen in der internationalen Karpfenszene geführt. Teil 2 gibt nun einen beeindruckenden Einblick in die Ergebnisse aus verschiedenen Testreihen mit den unterschiedlichsten Rigs.

Hier kann man den Sitz des Hakens genau betrachtenWenn ich Filmaufnahmen plane, füttere ich meinen Spot am Vorabend mit einem Eimer Mais an. Am nächsten Tag werfe ich dann noch einige Hände voll Pellets und Mais ein, bevor ich nach 15 Minuten meine Kamera zum Boden absinken lasse. Nach dieser Zeit sind die Karpfen für gewöhnlich aktiv genug, so dass sie von dem Geräusch der auf dem Gewässerboden auftreffenden Kamerabeschwerung nur unwesentlich verscheucht werden. Während meiner Aufnahmesession füttere ich eher kontinuierlich als übermäßig immer wieder ein paar Hände nach.

Wenn man seinen Rhythmus aus Anfüttern und Zufüttern gefunden hat, gelingt es in der Regel, verwertbare Aufnahmen auf seinem Spot anzufertigen. Das kann allerdings bei den ersten Versuchen durchaus zu frustrierenden Erlebnissen führen. Nun ja, um ganz ehrlich zu sein: Sie sind, ähnlich wie beim Angeln, auch beim Aufnehmen von Unterwasser-Videos nicht vor frustrierende Erlebnisse gefeit, aber es fühlt sich wirklich toll an, wenn sich dann plötzlich der Erfolg einstellt. In Teil 1 haben wir uns schwerpunktmäßig mit den technischen Vorraussetzungen solcher Unterwasser Aufnahmen beschäftigt. Im zweiten Teil der Serie möchte ich Ihnen nun einige Erkenntnisse aus meinem Filmmaterial präsentieren.

Raus mit der Sprache!
Zugegebenermaßen, ich bin bestimmt kein übermäßig erfahrener Karpfenangler. Einige meiner Rigs haben den einen oder anderen Spezialisten eher zum Lachen gebracht. Das waren aber noch die netten Reaktionen. Meine Videos auf YouTube wurden auch mit einigen unanständigen Kommentaren belegt. Ein Zuschauer unterstellte mir einmal, dass ich Karpfen in einem Teich hungern lasse, um sie danach vor die Linse zu bekommen. Ein Engländer beschimpfte mich einmal als „verdammten Cowboy“, wohl in der Annahme, dass ich Amerikaner bin. Ich bin allerdings Franzose…

Nun ja, anfänglich haben mich diese vereinzelten Negativkommentare natürlich getroffen. Ich war der Meinung, dass ich mit meinen Videos einen wertvollen (und kostenlosen) Beitrag für die internationale Karpfenanglergemeinde leisten würde. Darüber bin ich aber lange weg. Mittlerweile lächle ich, wenn ich hin und wieder Kommentare von derartigen “Experten” lese. Einfach deshalb, weil die Jungs (die Damen waren immer nett zu mir) anscheinend schlicht und ergreifend nicht den Hauch einer Ahnung zu haben scheinen, was am Gewässergrund abgeht! Lassen Sie uns doch einmal, nur so zum Spaß, einige der beliebtesten Mythen solcher Schlaumeier postulieren:  

  1. Mein Rig ist unschlagbar! Wenn ein Karpfen meinen Köder richtig nimmt, hängt er!
  2. Nachdem meine Montage am Gewässergrund abgelegt ist, bleibt sie dort so liegen, bis ich einen Run bekomme
  3. Karpfen sind sehr scheu. Nachdem ich einen Run hatte, sind alle Karpfen vom Futterplatz verscheucht und es ist fast ausgeschlossen, innerhalb der nächsten 30 Minuten wieder einen Biss zu bekommen
  4. Karpfen interessieren sich nicht für bewegte Köder. Jede Bewegung und/oder jedes Geräusch hat eine Scheuchwirkung.

OK, arbeiten wir das Ganze in umgekehrter Reihenfolge ab. Jeder, der einmal einen Karpfen beim Verspeisen eines Krebses beobachtet hat, wird wissen, dass Mythos Nummer 4 nicht wirklich nachvollziehbar ist. Trotzdem war es für mich anfänglich auch nicht eingängig, dass viele Karpfen gezielt mein Rig anschwammen, wenn ich es am Gewässerboden vor die Kameralinse bewegte. Ebenso konnte ich immer wieder beobachten, dass einige Fische von den Unterwasser-Verwirbelungen, die beim Herablassen der Kamera erzeugt werden, angezogen wurden.

Fotostrecke - 3 Bilder

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Da denkt man doch unweigerlich an die vielen Stunden, die man sein Rig bewegungslos am Gewässergrund abgelegt hat. Haben Sie auch schon einmal die Situation erlebt, dass Sie nach dem Auswerfen innerhalb weniger Minuten einen Run hatten? Ich schon, obgleich nicht sehr oft. Bei der Auswertung meiner Videos wurde mir aber klar, dass die Bewegung und/oder das Geräusch auch eine Lockfunktion auf Karpfen haben können. Insbesondere dann, wenn die Fische bereits Fressen.

Das bringt mich zu Mythos Nummer 3. Ich war wirklich überrascht davon, wie unterschiedlich sich Karpfen verhalten, wenn sie an einem Futterplatz beginnen, Nahrung aufnehmen oder nur umher schwimmen. Im letzteren Fall verschrecken Geräusche und Bewegung die Karpfen nachhaltig. Im ersteren Fall schwimmen die Fische höchstens kurz auseinander und kommen innerhalb von Minuten oder sogar Sekunden gezielt zurück.

Einer der kleinen Karpfen, die ich während der Sessions fi ng.Nun zu Mythos Nummer 2. Warum sollte das nicht der Wahrheit entsprechen? Nun, schauen Sie sich dazu einfach einmal selbst meine Videos auf YouTube genauer an und achten Sie darauf, wie Karpfen ihre Brustflossen benutzen, um das Bodensediment aufwirbeln und wie die Fische dann Sand, Steinchen und Anfüttermaterial einsaugen und anschließend wieder ausspucken. Ich kenne berühmte Karpfenangler, die nach dem Auswerfen die Montage am Gewässergrund noch einige Meter einziehen, um die Montage zu straffen. Nun, das mag die Ausgangposition zwar schön geradlinig gestalten (obwohl ich persönlich Bedenken hätte, mit der Hakenspitze bei einer derartigen Aktion etwas am Gewässergrund aufzugabeln), aber man sollte sich im Klaren darüber sein, dass sich diese Montagenposition trotzdem weiter kontinuierlich verändert, ohne das wir davon irgend etwas mitbekommen.

Ich konnte es Anfangs selbst kaum glauben, aber auf einem meiner Videos sieht man deutlich, wie es ein Karpfen schafft, meine schöne Montage am Gewässergrund nur durch die Fächelbewegungen seiner Brustflossen heillos zu verknoten. Mythos Nummer 1 ist mehr als unterhaltsam. Meine Videos im Internet sind nur ein Bruchteil meiner gesamten Testsreihen. Dabei habe ich verschiedenste eigengebundene und kommerziell vertriebene Rigs getestet. Das D-Rig? Da kann ich wirklich nur laut loslachen. Schauen Sie sich doch bitte einmal an, wie Karpfen Sachen ausspucken, die sie nicht fressen wollen.

Dabei kommen Haken und Köder in einen regelrechten Sog, der so stark und schnell ist, das die Bewegungsbahn des Hakens de facto nicht von der des Köders abgekoppelt werden kann. Wenn also der Haken nicht vor dem Ausblasen schon Halt im Karpfenmaul gefunden hat, gibt es keine weitere Chance für einen Run. D-Rigs funktionieren deshalb wie ganz normale Rigs, wenn sich der Fisch mit dem Köder im Maul fortbewegt. Nicht schlechter, aber sicherlich auch nicht besser.

Das perfekte Rig?!
Was hat es nun aber mit diesen super-geheimen Rigs auf sich, die unter schwierigen Bedingungen doch noch einen tollen Fisch gebracht habe. Nun, wenn Sie die Hakeigenschaften eines Rigs aufgrund eines einzelnen Fangs beurteilen, sollten Sie prinzipiell nochmals darüber nachdenken wie viel Zufall (oder Glück?) zu diesem Fang geführt haben könnte. Oder habe Sie ein vielleicht ein „Zauber-Rig“, das Ihnen einst zu einer wahren Sternstunde mit einem Run alle 15 Minuten verholfen hat? Die Frage ist: Sind Sie sich wirklich sicher, dass Ihr Spot nicht an diesem Tag von einem Großtrupp hungriger Karpfen aufgesucht wurde, die in einen wahren Fressrausch kamen und Ihr Zauber-Rig nicht 5 bis 10 Mal ausgespuckt wurde, bevor schließlich ein Fisch gehakt war?

In Boston konnte ich eine ganze Reihe schöner Fische landenIn meinem populärsten Video (Hooked & Hooked) war das beispielsweise der Fall, trotzdem konnte ich in hoher Frequenz Karpfen landen. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass es kein universell perfektes Rig gibt und es ist einfach das Wesen unserer Angeltaktik, dass Karpfen auch mal unsere Köder nehmen und wieder ausspucken. Wenn so etwas passiert, ist es nicht das Ende des Angeltages, denn die Fische kommen immer wieder an einem gut vorbereiteten Futterplatz vorbei. Einen großen Unterscheid macht hingegen die Hakenqualität aus. Besorgen Sie sich die besten und schärfsten Haken, die Sie bekommen können!

Ob Sie hingegen Ihre Swinger in einer emblemverzierten Markentasche oder in einem No-Name-Produkt (das wahrscheinlich aus derselben Fabrik in China stammt) transportieren, wird dem Karpfen ziemlich egal sein. Ich konnte mit guten und scharfen Haken meine Fangfrequenz deutlich steigern. Video Aufnahmen lügen nicht, nur so können Sie das wahre Verhältnis aus nicht und tatsächlich gehakten Fischen objektiv ermitteln und zwar unabhängig vom Aktivitätsgrad und der Fische und den äußeren Umständen.

Tiefe Einblicke
Wie ich ja bereits zu Anfang erwähnt habe, zeigen die Karpfen auf meinen Videos grundsätzliche weniger Scheu, wenn sie einmal in eine Fressphase kommen. Das ist den Meisten von Ihnen sicherlich nicht neu, aber der wahre Ausprägungsgrad dieser Verhaltensänderung hat mich dennoch sehr erstaunt. Einmal habe ich einen fressenden Karpfen vor meiner Kamera unbeabsichtigt mit meinem Blei am Kopf getroffen. Der Fisch hat kurz den Kopf geschüttelt und in aller Ruhe weitergefressen. Verringert man das Zufüttermaterial während einer Fressphase, steigt der Futterneid sogar noch an.

Ich habe beobachtet, wie drei Karpfen auf meinen Köder losgeschossen sind, den ich gerade vor der Linse abgelegt hatte. Alle drei stießen mit ihren Köpfen zusammen, verfehlten den Köder und kamen nach einer kleinen Kampfkurve direkt wieder zum Köder zurück. Mich bestärken diese Beobachtungen seither in meiner An- und Zufüttertaktik. Ich lege einen definierten Futterplatz mit Futterbällen und einigen losen Hakenködern an. Erst wenn es Zeichen dafür gibt, dass Karpfen am Futterplatz sind, lege ich den Köder aus und füttere kontinuierlich aber sparsam nach.

Der Fisch ist dran und nimmt gleich den Köder. Spannung pur!Ich fotografiere und wiege mittlerweile nur noch die Fische, die ich mir mit dieser Methode „erarbeitet“ habe. In manchen Gewässern erhalte ich mir damit manchmal einen halben Tag an Aktivität auf meinem Futterplatz (einmal waren es sogar 15 Stunden am Stück). Die Nacht darauf habe ich wirklich gut geschlafen und bin mit einem knackigen Muskelkater aufgewacht. Die Balance aus aktivem Zufüttern und dem Auslegen der Montagen zu finden ist anfangs gar nicht so leicht. Im Wesentlichen hängt diese Methode natürlich hauptsächlich von der Fischdichte und der Gewässergröße ab. Fischt man aber in Wurfweite und kann den Spot gut beobachten, ist dies auf alle Fälle einen Versuch wert.

Ohne meine Videoaufzeichnungen wäre ich aber wahrscheinlich nie auf so eine Idee gekommen. Eine Sache zum Schluss: Was glauben Sie, macht den Köder für einen Karpfen richtig attraktiv? Geruch, Farbe oder Form? Nun, ich meine, da gibt es keine generelle Antwort. Einige Male konnte ich beobachten, dass Karpfen Partikel oder Pellets erblicken und danach ganz gezielt anschwimmen. Hier war also ganz klar der visuelle Reiz entscheidend. Wenn sich aber keine Karpfen am Futterplatz aufhalten, hatte ich oftmals den Eindruck, dass die ersten Fische am ehesten von einer aromatischen Futterwolke angezogen werden und danach die Kombination aus Geräusch und Aroma die Fische an den Platz bringt. Ich habe dazu oftmals einen stark geflavourten Hakenköder direkt vor meiner Kamera abgelegt.

Dann konnte ich sehen, wie sich Fische unmittelbar und gezielt in Richtung meiner Montage bewegten und den Köder aber immer um gut einige Zentimeter verfehlten während sie kontinuierlich den Boden aufwühlten. War mein Hakenköder also vielleicht zu stark aromatisiert? Nein, im Prinzip war alles in Ordnung und einer der nächsten Karpfen nahm dann auch schließlich den Köder voll. Ich meine, die unsichtbare Aromawolke in der Umgebung meines Hakenköders hat die Fische in einen unkoordinierten Fressrausch versetzt, der dazu führt, das der Gewässerboden in der Umgebung durchwühlt wird. Wohlgemerkt:: Auch unter diesen Umständen fängt man Fische.

Der Haken und der Köder sind im Maul verschunden. Jetzt kommt es darauf an!Aber es kann einfach irre frustrierend sein, Szenen zu betrachten, bei denen Karpfen immer wieder ganz nah am Köder vorbeischwimmen und ihn einfach ignorieren. Es mag sein, das man trotzdem alle zehn Minuten einen Fisch fängt. Nämlich dann, wenn der Fressrausch und/oder der Futterneid so groß werden, dass die Wahrscheinlichkeit einfach steigt, dass ein Fisch letztendlich auch den Köder mit einsaugt. Tja, das ist nun die Kehrseite der Medallie, lieber Angler, der Du glaubst, das Dein Super-Rig oder Dein ultimatives Spezialflavour alleine ausschlaggebend für Deinen Fangerfolg sind. Aber lass Dir Deinen Optimismus bitte von mir nicht nehmen. Du fängst zweifelsohne Deine Fische…

Nur vielleicht spielt die Glücksgöttin Fortuna dabei eine größere Rolle, als Du ihr zugetraut hättest.

Ende gut, alles gut?
Mit einer Unterwasser-Kamera zu experimentieren ist eine wirklich einzigartige Erfahrung. Vielen Mythen in der Karpfenfischerei basieren immer noch auf Vermutungen und Annahmen. Trotzdem muss man ohne Zweifel kritisch bleiben. Angesichts all der technischen Einschränkungen, die man wohl in Kauf nehmen muss, wenn man derartige Unterwasser-Szenen dreht, sind diese Aufnahmen nur immer eine Momentaufnahme von dem jeweiligen Gewässer. Die meisten Karpfen auf meinen Videos sind relativ klein, so zwischen vier und zwölf Pfund schwer und scheinen nicht übermäßig erfahren zu sein.

Ein fehlgehakter Fisch. Deutlich sieht man, dass der Haken nicht im Maul sitztGrößere Karpfen, die bereits einige Male gefangen wurden, mögen recht unterschiedliche Verhaltensmuster an den Tag legen. Ist der ganze Aufwand also letztendlich gerechtfertigt? Ich meine schon. Mit einem dieser Videos im Kasten nähert man sich unweigerlich der „Faszination Unterwasserwelt“. Wenn man aber bedenkt wie eng unser Fenster in diese Welt bleibt, so behält unsere Passion trotzdem auch den Zauber des Unbekannten. Wir wissen doch letztendlich so wenig über das Verhalten der Fische und wie unsere Montagen funktionieren bzw. eben nicht funktionieren.

Oder wie einst ein berühmter Mann gesagt hat: Je mehr wir lernen, desto mehr realisieren wir, wie wenig wir eigentlich wissen. Wenn wir Sie mit unserem Artikel auf den Geschmack gebracht haben, versuchen Sie sich doch einfach einmal selbst an Unterwasser-Aufnahmen von Karpfen. Ich helfe Ihnen gern auch persönlich, wenn es noch Fragen gibt. Schreibe Sie mir eine kurze E-Mail an jmoisand@gmail.com. Aber bitte titulieren Sie mich nicht auch als verdammten Cowboy, suchen Sie sich einen französischen Schimpfnamen aus, wenn es gar nicht anders geht. Ich lade Sie auch herzlich ein, immer wieder auf meiner YouTube-Section reinzuschauen. Ich biete dort auch in Zukunft weiterhin kostenlos meine Videos an und ich habe bereits jetzt schon wieder Einiges an interessantem Filmmaterial gesammelt.

Dr. Tobias Renkawitz

  

Unterwasser Karpfen - Teil 1 - Mythen und Fakten
Im ersten Teil unserer Unterwasser-Karpfen-Serie beschreiben der in den USA lebende Franzose Jérôme Moisand und der deutsche Angelautor Dr. Tobias Renkawitz die technischen Vorraussetzungen für erfolgreichen Unterwasser Aufnahmen beim Karpfenfischen.