Sicher durch's Gestrüpp
Der vergangene kalte Winter gab mir für die anstehende Saison die Hoffnung, an einem sehr stark von Kraut befallenem Baggersee meinen Zielfischen nachzustellen. Der Großteil des sehr naturnahen Gewässers und insbesondere die interessanten flachen Bereiche waren über Jahre hinweg durch einen massiven Krautbewuchs, der sich vom Grund bis zur Wasseroberfläche erstreckte, kaum befischbar.
Dieses Jahr hoffte ich, durch die vorangegangenen frostigen Monate einige neue befischbare Stellen zu finden. So machte ich mich, nachdem die letzen semesterabschließenden Klausuren geschrieben waren, gleich auf den Weg zu dem See, an dem es dieses Jahr passieren sollte. Anders als erhofft, stellte ich bei der Ankunft fest, dass das Kraut von der Kälte des Winters scheinbar absolut unbeeindruckt geblieben war. Bis auf einige helle Stellen auf den flachen Sandbänken schien alles von Wasserpflanzen bedeckt zu sein. Nichts desto trotz stand meine Entscheidung fest, diesem Naturparadies einige Schönheiten entlocken zu wollen.
Bereits bei dem ersten Rundgang konnte ich auf einem hellen Fleck einige stattliche Karpfen beim Sonnenbaden beobachten und beschloss, einige Probenächte einzulegen, um mir einen Weg durch das Kraut zu bahnen. Der Plan war: Durch die ersten Nächte einige Anhaltspunkte über die Fressplätze, Ruhezonen und mit etwas Glück die Zugruten der Karpfen in Erfahrung zu bringen, um anschließend gezielt anfüttern und den einen oder anderen seiner Art überlisten zu können.
Die Ankunft im Urwald und die Bestimmung der Spots im Kraut
Kurze Zeit nach meiner Besichtigung fand ich mich mit Sack und Pack am See ein, die erste Runde konnte eingeläutet werden. Aufgrund der Dichte des Krautes, verbrachte ich einige Stunden mit der Suche nach halbwegs befischbaren Stellen. Hier galt es nicht nur einen Punkt zu finden, an dem eine gute Präsentation des Köders möglich war. Die Stelle musste außerdem eine möglichst sichere Landung vom Ufer aus zulassen.
Boote waren an diesem Gewässer nicht erlaubt und die dichten Krautfelder bargen für die Fische viele Fluchtmöglichkeiten. Um die verschiedenen Tiefen eines stark verkrauteten Gewässers zu bestimmen, eignen sich die angebotenen Produkte der bekannten Hersteller meiner Meinung nach nur begrenzt. Schnell setzen sich diese Systeme im Kraut fest, so dass ein Auftauchen der Markerpose und damit die Bestimmung der Tiefe unmöglich sind. Abhilfe kann hier geschaffen werden, indem der Abstand zwischen Blei (also dem Grund) und der Hauptschnur erhöht wird. Dies erreichen wir, indem beispielsweise das Marker Stem System von Korda durch einige Zentimeter Schnur verlängert wird und somit der Abstand zwischen Blei und Hauptschnur der Krauthöhe individuell angepasst werden kann.
Bei der Bestimmung der genauen Wassertiefe ist dann die Gesamtlänge dieses Systems der gemessenen Tiefe hinzuzufügen. Grundsätzlich empfiehlt sich bei starkem Krautbewuchs die Verwendung von leichteren Bleien, die sich nicht so leicht im Kraut verhaken. Um einen guten Kontakt zum Untergrund zu halten, sollte das Blei dennoch schwer genug gewählt werden.
Um hier einen Eindruck der Gewässerstruktur zu gewinnen, kann den Umständen entsprechend einige Zeit vergehen. Aufgrund des Lärms und der Unruhe, die durch das ständige Einwerfen der Lotmontage unter Wasser herrscht, sollte dies bereits im Voraus geschehen. Es macht während einer eintägigen Session wenig Sinn, dutzende Stellen im Umkreis des Angelspots anzuwerfen und die Fische mit einer sicheren Wahrscheinlichkeit für die nächste Zeit zu verschrecken.
Um einen Köder gut präsentieren zu können, sollte das Kraut an der Angelstelle nicht viel höher als 10 cm sein. Um einen solchen Punkt mit der Lotmontage zu bestimmen, empfiehlt es sich, den Abstand zwischen dem Grund und der Hauptschnur wieder auf die besagten 10 cm zu verringern. Werfen wir nun einen Spot an, an dem die Markerpose mit dem verringerten Abstand problemlos zur Wasseroberfläche wandert, können wir sicher sein, dass das Kraut an dieser Stelle nicht viel höher als 10 cm ist und sich dieser Platz für eine Köderpräsentation gut eignet.
Wo fressen sie? Verräterische Spuren
Ausgestattet mit Polbrille und Lotrute war ich mittlerweile an einer kleinen Bucht des Sees angekommen. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt konnte ich einige Fische beobachten. Es schien, als suchten sie direkt in dem wuchernden Kraut nach Futter. Schon häufig konnte ich Fische direkt im Kraut fangen, aber sie dort beim Fressen zu sehen, war eine neue Erfahrung. Verschanzt im Gebüsch und voller Adrenalin konnte ich das Schauspiel einige Minuten lang beobachten. Ihre Köpfe bewegten sich mehrfach mit geöffnetem Maul in Richtung des dicken Krautes.
Nach einigen Minuten verschwand das Karpfentrio schließlich im Dickicht. Nach dieser Beobachtung entnahm ich etwas von dem Kraut aus dem Uferbereich. Bei der genauen Betrachtung zeigte sich die Artenvielfalt, die in diesem Gewächs steckte. Das Grün war übersät von zahlreichen Kleinstlebewesen. Die verschiedensten Muschel-, Schnecken- und Insektenarten reihten sich förmlich aneinander. Auch an diesem See schien das dichte Kraut nicht nur ein Rückzugspunkt der Fische zu sein sondern auch eine Art Schnellimbiss, der direkt von ihnen angeschwommen wurde. Ein Ort, an dem sie sich ohne Argwohn und Scheu die Bäuche vollschlagen konnten. Diese Beobachtung wollte ich mir zunutze machen und verzichtete von nun an tagsüber auf die krautfreien Stellen, um die Köder direkt im Kraut abzulegen.
Das Set-Up für das Kraut
Um sicherzustellen, dass die Montage aufgrund des Bleigewichtes nicht vom dichten Kraut verschlungen wird, habe ich die Länge des Vorfaches in der Vergangenheit je nach Dichte und Höhe des Krautes schon bis auf 70 cm erhöht und damit Fische gefangen. Für eine sichere Präsentation über etwa 10 cm hohem Kraut ist eine Länge von 25 bis 35 cm jedoch völlig ausreichend. Als Vorfachmaterial eignet sich fast ausnahmslos ein weiches Geflecht sehr gut.
Es bettet sich, mit etwas Knetblei bestückt, ideal im Kraut ein und versinkt durch die Flexibilität nahezu unsichtbar im Grün. Um bei weiteren Würfen Hänger zu vermeiden, empfiehlt es sich hier ein Kombi-Rig oder ein ummanteltes Vorfachmaterial zu verwenden. Indem die ersten Zentimeter des Vorfachs steif bleiben, wird die Verwicklungsgefahr bei weiten Würfen erheblich reduziert. Auch das Bleigewicht kann beim Fischen im Kraut den Umständen entsprechend reduziert werden. Als Hakenköder eignen sich hervorragend ausbalancierte und schwebende Köder.
Ob hier ein Pop-Up oder ein Snow-Man zum Einsatz kommt bleibt sicherlich Geschmackssache. Für die letzte Sicherung der Montage sorgt der bewährte Helfer PVA. Ob der Haken dabei nur von einem Stück Pop-Up-Foam geschützt wird, oder diese Funktion von einem aufgezogenem PVA-Stick erfüllt wird, ist dabei zunächst egal. Hauptsache, der Fisch hat eine Chance den freien Köder anzusaugen. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen und einige aussichtsreiche Spots gefunden waren, verschwand auch schon die Sonne und die erste Nacht an dem noch unbekanntem Gewässer konnte beginnen.
Sieben Nächte später
Nach sieben Nächten und einem täglichen Wechsel der Stellen hatte ich alle Plätze an denen ich Karpfen beobachten konnte, jeweils eine Nacht lang befischt. Zwei dieser Spots, die sich an dem Fuße eines Plateaus befinden, brachten mir in der letzten Nacht zwei traumhafte Spiegelkarpfen von 20 und 22 Pfund. Damit war ein kleiner Anfang getan. Den Karpfenbestand in diesem rund zwölf Hektar großen Gewässer schätzte ich jedoch auf 50 bis 60 Fische und dies versprach mir für die kommenden Wochen noch die eine oder andere Überraschung.
Auf Tauchstation
Um einen besseren Eindruck von der Unterwasserwelt zu gewinnen, beschloss ich, in der darauffolgenden Woche die Perspektive zu wechseln. Neben den unzähligen Würfen mit der Markerrute standen jetzt kleine Entdeckungsreisen unter Wasser auf dem Plan. Einmal abgetaucht erkannte ich, dass mir ein Großteil der Struktur in diesem Gewässer bislang absolut verborgen blieb. Die strukturelle Abwechslung in diesem Unterwasserparadies war schlicht und ergreifend unglaublich.
Ein Großteil des Sees kann zweifellos als eine einzige Kraterlandschaft mit ständig wechselnden Bodensegmenten beschrieben werden. Die Artenvielfalt unter der Wasseroberfläche war gigantisch. Das alles ließ keinen Zweifel daran, dass die Fische hier in einem Paradies mit einem unglaublichen natürlichen Futteraufkommen hausten. Die unterschiedlichen Tiefen werden von verschiedensten Wasserpflanzen durchzogen, was das Tauchen zu einer echten Herausforderung macht. Von vielen der hier vorkommenden Löcher und kleineren Erhebungen hätte ich allein mit der Markerrute wahrscheinlich erst viel später oder gar nicht gefunden.
So aber ließen sich schnell einige neue Spots finden, die für einen großen Motivationsschub sorgten. Zwischen dem dichten Kraut waren vereinzelt kleine freie Stellen zu finden, auf denen kleine Krater hervor traten. Trotz des schlammigen Untergrundes an diesen Stellen überwog das Argument der Krater. Ich beschloss genau diese verräterischen Plätze mit etwas Futter zu präparieren, um mir zwei Tage später nochmals ein Bild mit der Taucherbrille zu verschaffen. Wie erhofft, war das Futter verschwunden und in den Folgenächten konnte ich auf diesen Plätzen acht Fische mit Gewichten zwischen 22 und 28 Pfund fangen.
Auch der Köder, den ich tagsüber direkt im Kraut anbot, brachte immerhin zwei Fische. Häufig unvermeidlich für einen erfolgreichen Drill des Fisches war dabei der sichere Verlust des Bleies, was durch eine entsprechende Safety-Montage erreicht wird. Jedes feste Blei würde Unmengen von Kraut auf dem Weg zum Ufer einsammeln und ein sicheres Drillen erheblich erschweren. Dieses an der Montage haftende Kraut kann im schlimmsten Fall zum Verlust des Fisches führen.
Um ganz sicher zu gehen, dass sich das Blei direkt nach dem Biss von der Montage löst, befeuchte ich den Safety-Clip bevor ich das Blei mit dem Gummi fixiere. Weiterhin wird eine sichere Landung durch einen Meter Leadcore an 15 Meter monofiler Schlagschnur unterstützt.
Mehr Futter, mehr Fische?
Nach einer Woche Urlaub Angelurlaub im Süden Frankreichs begannen die letzten zwei Wochen meiner Semesterferien. Diese Wochen wollte ich nutzen, um mittels einer großen Futtermenge die Fische innerhalb einer Woche auf zwei Plätze zu locken und danach einige Tage auf diesen zu fischen. Im zweitägigen Rhythmus machte ich mich auf den Weg, um die Spots mit einem gewichtigen Mix aus Boilies, Partikeln und Pellets zu versorgen.
Aufgrund der noch immer bestehenden Dichte des Krautes verzichtete ich weitestgehend auf feine Spod-Mixe und ähnliche Zutaten. Diese feinen Partikel und Mehle versickern schnell in den Tiefen des Krautes und sind von den Fischen dort kaum aufnehmbar. Futter wie Mais, Hanf, größere Boilies und Pellets bleiben hingegen im Kraut hängen und damit leicht auffindbar für die Karpfen. Regelmäßig waren Schnorchel, Flossen und Anzug mit im Gepäck. Bei den Tauchgängen suchte ich akribisch nach Spuren, welche die Rüssler, so hoffte ich, an den Futterplätzen hinterlassen haben könnten.
Bis auf einige Überbleibsel war der gedeckte Tisch völlig abgeräumt, so dass ich die Futtermenge bis auf den Tag unmittelbar vor der Session nicht reduzierte. Guter Dinge konnte ich der Session entgegen sehen und freute mich auf die zunächst letzte Woche an diesem See.
Absenken im Kraut?
Je höher und dichter das Kraut in einem Gewässer ist, desto schwieriger ist es, die Schnüre mittels entsprechender Bleie abzusenken. Wenn das Kraut bereits die Oberfläche bedeckt, ist es meistens sogar unmöglich. Nichts desto trotz versuche ich wenigstens die ersten Meter hinter der Montage in Grundnähe zu bringen.
Der Gedanke an eine gespannte Schnur auf einem Platz, den ich eine Woche lang akribisch vorbereitet hatte, würde mir jegliche Ruhe beim Angeln nehmen.
Hilfsmittel wie Knetblei, Leadcore oder Flying Back-Leads erleichtern dies in nahezu allen Situationen. Darüber hinaus sollte der Swinger locker durchhängen, um die Hauptschnur nicht zu stark zu spannen. Solche Faktoren entscheiden, denke ich, an einigen Gewässern darüber, ob wir in einer Nacht einen oder viele Fische fangen können.
Aktion auf dem Futterplatz
Trotz einer fast geschlossenen Bremse meldete sich kurz vor zwölf der erste Fisch der gewünschten Art mit einem Dauerton. Die Kraft dieser makellosen Fische ist einfach überwältigend. Bereits Fische um die 20 Pfund zeigten Reserven im Drill, wie ich sie nur selten erleben durfte. Jede erfolgreiche Flucht des Fisches konnte den Verlust in einem der vielen Krautfelder bedeuten.
Dem starken Kämpfer folgten in dieser unruhigen und schlaflosen Nacht noch acht weitere ins Netz. Um die Montagen in der Nacht wieder auf die gewünschten Plätze zu bringen, sind ein funktionierender Line-Clip und eine entsprechende Markierung auf der Hauptschnur unumgängliche Hilfsmittel. Wie sonst soll in der Nacht die kleine, vom Kraut umgebene Stelle gefunden werden? Die Baumspitzen und andere markante Punkte am gegenüberliegenden Ufer sind auch im Mondschein noch gut zu erkennnen, so dass die bevorzugte Angelstelle jederzeit genau angeworfen werden kann.
Die Nacht in der die Großen fraßen
Mit einer kleinen Verspätung meldete sich der erste in der zweiten Nacht um 12.30 Uhr. Wie seine Vorgänger begann dieser Fisch kräftig und legte einige schnelle Meter Richtung Seemitte hin. Nur hörte dieser, als er sie erreicht hatte, im Gegensatz zu seinen Artgenossen nicht auf zu kämpfen. Der sehr beständige Zug des Fisches war nicht zu bändigen. Bei einem Blick auf die Uhr wurde klar, dass ich seit 20 Minuten keinen Meter Schnur mehr gewinnen konnte. Da der Fisch zu dieser Zeit noch in weiter Ferne zu sein schien und bereits einige Krautfelder durchstreift hatte, versuchte ich den Druck nochmals zu erhöhen.
Nur langsam konnte ich die ersten Meter Schnur gewinnen. Zu dem Kraut kam, dass der Fisch sämtliche Löcher und Kanten ausnutzte, um sich hinter ihnen zu verschanzen. Im nächsten Moment schwamm der Fisch einige Meter mit hohem Tempo auf das Ufer zu, so dass ich mit dem Einrollen der Schnur kaum nachkam und spürte, wie ich den Kontakt zum Fisch verlor. Nach einigen weiteren hart umkämpften Minuten sah ich endlich die ersten Meter der Schlagschnur und der Bulle konnte nicht mehr weit sein.
Nach einigen letzen Kopfstößen des Fisches konnte ich dann in absoluter Dunkelheit den ersten richtig großen Bewohner des Sees begrüßen. Der schöne Schuppenkarpfen von ca. 38 Pfund konnte einem Schneemann nicht wiederstehen. In dieser Nacht konnte ich noch vier weitere Fische fangen, wovon ein Spiegelkarpfen mit 35 Pfund der zweitgrößte Fisch in dieser Nacht, in diesem Sommer und wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt auch in diesem See war.
Damit hatte diese zunächst letzte Session an diesem fantastischen Gewässer meine Erwartungen klar übertroffen. Nach den letzten Monaten konnte ich dem Anfangs so gefürchteten Kraut nur Gutes abgewinnen. Die verschiedenen Methoden ermöglichen mittlerweile ein nahezu sicheres Fischen in verkrauteten Gewässern. Auch wenn es in diesen klaren Unterwasserwäldern durch das überdurchschnittliche natürliche Nahrungsaufkommen mit dem Biss mal etwas länger dauern kann, werden wir aufgrund des Potentials, das in ihnen steckt, kaum um sie herumkommen.
Abschließend kann ich sagen, dass die Futteraktion in diesem Gewässer wahrscheinlich wesentlich zu den Fängen beigetragen hat. Trotzdem sollte meiner Meinung nach immer sichergestellt werden, dass die eingeworfenen Köder auch von den Fischen aufgenommen werden und alles in Maßen betrieben wird. Die richtige Stellenwahl entscheidet hierbei häufig über Erfolg oder Misserfolg.
Michael Wilken






