Die Karpfenkamera – Neue Ansichten

Von Christoph Schulz / Oktober 2004

Nach dem Carp - GPS jetzt auch noch die camougefleckte Spiegelreflex mit eingebauter HTBF (high twenty becomes forty) - Funktion? Keine Sorge, hier geht es nicht um Fische auf der Matte, sondern in ihrem angestammten Lebensraum, der Unterwasserwelt.

Christoph Schulz Für alle, die von diesem Gerät noch nix gehört haben (war immerhin schon Anfang 2002 in der Angelwoche, und die lesen wir ja doch hoffentlich alle regelmäßig, schließlich gibt‘s da immer die neuesten Fangmeldungen vom Markus Pelzer, die wir dann anschliessend wieder genüsslich im Internet zerreissen können), in kurzen Worten, worum es geht: ein Kamerakopf wird an einem Kabel nach unten gelassen, im Boot steht ein Bildschirm - alles klar?

Das Ganze kommt mal wieder aus Amerika - woher denn sonst - und soll dem Schwarzbarschangler helfen, seine Zielfische, die sich mal wieder verängstigt unter irgendwelchen Unterwasserhindernissen verstecken, zu orten. Ein weiteres beliebtes Einsatzgebiet nannte mir der stellvertretende Chefredakteur der Schweizer Angelzeitung „Petri Heil“, seines Zeichens der „Kevin Madocks des Quappenangelns“, und auch überm großen Teich in Kanada immer auf der Jagd nach den Süßwasserdorschen: Loch ins Eis, Kamera runter, wenn der erwartete Eisfisch gerade nicht da, neues Loch bohren. Er wusste auch, daß von der „Aqua-VU“ mittlerweile über 100 000 Einheiten verkauft worden seien - also muß schon irgendetwas dran sein. Das dachte sich auch Markus Ruoff, der das auf den Fotos abgebildete schwarze Gerät der amerikanischen Herstellerfirma auf einer italienischen Messe abluchste - und von da war es dann nur noch ein kleiner Weg in meinen eigenen Angelkeller. Schnell war dann auch das Boot auf dem Wasser und die Kamera darunter, und für mich als notorischen Nichttaucher erschloss sich eine neue Welt!

Kurze Zeit später bekam ich dann den Stollenwerk-Katalog „Raubfisch und Meer 03“ins Briefkasterl und siehe da, auf Seite 131 lächelte mir das Ganze in gelb entgegen. Zuerst dachte ich an die vorletzte Bundesregierung, stellte aber schnell fest, dass es sich hier weniger um eine Koalition, sondern doch eher um einen Mitbewerber handelte. Also flugs den Stolli angerufen, und da waren es , zumindest für ein paar Monate ausgeliehenerweise, schon zwei der guten Stücke in Schulzens heiligen Gemächern.

Auf der oben erwähnten italienischen Messe sollen dem Vernehmen auch einige englische Karpfenangler sehr nervös geworden sein ob der Möglichkeiten, die diese Kamera für ihre Fischerei bringen würde. Nach dem ganzen Vorgeplänkel, das vielleicht auch etwas die Fantasie des geneigten Lesers angestachelt hat, kommen wir jetzt mal zur Umsetzung am Gewässer:

Die Kameras Da hat man nun ein paar Tage an der Boje vorgefüttert und wüsste doch zugern, ob Freund Karpfen denn auch schön sein Tellerchen leergegessen hat - kein Problem: Kamera neben der Boje runter, und schon sieht man (hoffentlich) viele kleine Fraßlöcher, aber eben keine bunten Kugeln mehr. Oder, wenn das Futterriff noch in in seiner ganzen Pracht zu sehen ist: Angeln einstellen, Stelle wechseln, gescheites Futter rollen. Aber wir können natürlich auch schon einen Schritt früher einsetzen: Bei der Suche nach einer geeigneten Angelstelle zeigt uns das Echolot die richtige Tiefe, die Kamera liefert den Rest: Bodenbeschaffenheit, natürliche Nahrung, Hindernisse in der Nähe, Höhe und Art des Bodenkrautes - alles taucht blitzschnell auf dem Bildschirm auf.

Wenn ich jedoch größere Bereiche ganz ohne Echolot anschauen will, wird‘s dann allerdings schwieriger, weil beide Kameras eben nur an einem Kabel befestigt sind, bei einem fahrenden Boot dreht sich der Kopf trotz Bleigewicht und Finne ständig hin und her und auch nach oben, sodaß eher das Freiwasser als der uns interessierende Gewässergrund übertragen wird. Das Kabel is zwar schön lang, bei der Aquavu immerhin 30 Meter, bei der Mobitronic 18 Meter, aber eben ein Kabel und keine Stange. Für flachere Gewässer hat Markus Ruoff eine Stange provisorisch an der Kamera befestigt, ab einer gewissen Tiefe muss für die Arbeit vom fahrenden Boot noch was erfunden werden.

Ganz famos wird‘s natürlich, wenn das Rig abgelassen wird, und wir hinterher kontrollieren, ob denn auch alles da unten schön seine Ordnung hat. Oder wir lassen den Kamerakopf beim Angeln auf kurze Distanzen gleich mit draussen und stellen den Monitor neben den Rodpod. Wenn sich der Karpfen am Kabel nicht stört, gibt‘s beim Biss den Extrakick! Bevor ihr jetzt fragt, hab ich noch nicht durchgezogen, ist aber technisch kein Problem.

Noch zu einem besonderen technischen Gimmick: Beide Kameras, die Aquavu und die Mobitronic, haben ein besonderes Hämmerchen, das Infrarotlicht: es ist stockdunkel, du hälst die Kamera in Richtung eines Gegenstandes (funktioniert auch bei Trockenversuchen), der Gegenstand bleibt in Natura unsichtbar - aber taucht auf dem Bildschirm auf! Also, ab jetzt können lange Nächte ausserhalb der Nachtangelzonen mit Unterwasserfernsehen verkürzt werden...

Die Wiedergabegeräte an BordDabei drängt sich dann auch die Frage nach der Sichtweite auf. Naja, es kommt darauf an. Im Klärbecken hilft einem auch die Infrarotfunktion nicht aus der Sch..., in klaren Gewässern ist es dagegen ein ganz anderes Bild, mehrere Meter sind kein Problem, Mobitronic gibt ca 7 Meter an. Das Ganze hat natürlich auch seine Haken, wie alles beim Angeln. Einmal wäre da die Lichtintensität der Monitore: gerade bei der Gelben sieht man bei starkem Sonnenlicht fast nix mehr, bei der Schwarzen geht‘s einigermaßen, aber TV-Qualität wird da auch nicht erreicht. Besser wird‘s da schon mit den jeweils mitgelieferten Schutzkegeln, einmal in Hartplastik bei der Aquavu, die andere hat das mit einem auffaltbaren Viereck aus einer Art Kunstleder gelöst.

Bei starkem Wind wird das Ganze zum Geduldspiel bzw kann völlig vergessen werden: man driftet ständig ab, das Kabel überdreht sich, damit auch der Kamerakopf, und es gibt wieder den Kinohit „Plankton im Freiwasser“.
Bei der Arbeit mit Echolot und Kamera wird‘s dann fast zuviel, wenn die Rute auch noch mit ins Boot soll. Ich muß da wohl mal einen Kurs bei Amerikas Bassanglern belegen, allerdings ist dort der Kamerakopf wohl fast immer fest unterm Boot verankert, zumal die entsprechenden Gewässer eher flach sind.

Noch ein paar Unterschiede bei den beiden Kameras: Die Schwarze in der mir vorliegenden Version hat einen Videoausgang, kann also auch alles auf Film festgehalten werden. Manche professionellen Angelfilmer haben sich diese Möglichkeit schon zunutze gemacht, vor allem im Kunstköderbereich. Beide Geräte sind wegen dem mitgelieferten Akku recht schwer. Die Gelbe wird mit einem durchdachten Täschchen geliefert - das dann zum Glück aber in Schwarz gehalten ist...

Unser aller Arne wird zwar auch diesen Beitrag sicher wieder unter der Kategorie „Jugend forscht“ verbuchen und sich entsetzt abwenden. Ob diese technische Neuerung sinnvoll und auf der anderen Seite „moralisch-ethisch vertretbar“ ist, muß letztendlich jeder für sich selbst entscheiden. Seine Fische muß man jedenfalls immer noch selbst fangen...

Für weitere Infos über die Aquavu empfehl ich euch die Seite „www.aquavu.com“. Da gibt‘s dann auch Beschreibungen weiterer Modelle mit allem möglichen Schnickschnack. Wer sich für diese Kamera entschieden hat, kann auch versuchen, sie direkt über Markus Ruoff „mruoff@tiscalinet.de“ 07371 909913 (ab 20 Uhr) zu beziehen

Die Mobitronic ist erhältlich bei Stollenwerk Esslingen, www.fachversand-stollenwerk.de tel 07153 92920
Beide Geräte liegen je nach Dollarkurs in der 500 - Euro - Klasse.

Christoph Schulz